Die Frau unter der Decke

Autor timd
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Die Frau unter der Decke

 

Nach einem Besuch bei meiner Schwester an der Schweizer Grenze saß ich mit meinen beiden Jungs im Nachtbus zurück nach Düsseldorf.

 

Seit der Trennung von meiner Frau machten wir solche Besuche gelegentlich zusammen. Meine Jungs waren bereits erwachsen und hatten ihre Plätze ein paar Reihen weiter vorne. Ich dagegen hatte bei der Sitzplatzverteilung offenbar das große Los gezogen: den letzten freien Platz im Bus.

 

Ein ganz gewöhnlicher Doppelsitz.

 

Zumindest auf den ersten Blick.

 

Denn der Fensterplatz war bereits besetzt. Von wem, konnte ich zunächst

kaum erkennen. Jemand hatte sich unter einer Decke verkrochen und schlief offenbar schon eine Weile.

 

Oder versuchte es zumindest.

 

Mir blieb ohnehin keine Wahl. Also verstaute ich meine Sachen und setzte mich vorsichtig auf den freien Platz, ohne meinen unbekannten Nachbarn zu wecken.

 

Dabei bemerkte ich etwas.

 

Die Person neben mir lag in einer merkwürdig zusammengerollten, fast S-förmigen Position. Hüfte und Beine ragten ein wenig auf meine Hälfte des Sitzes.

 

Nicht viel.

 

Nicht genug, um sich darüber zu beschweren.

 

Aber vielleicht ein kleines bisschen mehr als nötig.

 

Ich maß dem zunächst keine Bedeutung bei. Wer schon länger in einem Nachtbus unterwegs ist, nimmt irgendwann jede Position ein, in der Schlaf wenigstens theoretisch möglich erscheint.

 

Also lehnte ich mich zurück.

 

Unsere Oberschenkel berührten sich.

 

Ich hätte mein Bein etwas zur Seite nehmen können. Sie vermutlich auch.

 

Keiner von uns tat es.

 

Kilometer vergingen.

 

Der Bus wurde ruhiger. Gespräche verstummten, irgendwann erlosch das Licht, und draußen glitten nur noch Autobahn, Rastplätze und gelegentlich die Lichter einer Stadt vorbei.

 

Die Berührung blieb.

 

Manchmal verschwand sie für einen Moment, wenn einer von uns seine Position veränderte. Dann war sie wieder da.

 

Später lagen unsere Hände nahe beieinander an der Armlehne.

 

Auch dort gab es irgendwann eine erste flüchtige Berührung.

 

So gering, dass sie vollkommen zufällig gewesen sein konnte.

 

Ich zog meine Hand nicht weg.

 

Sie ihre ebenfalls nicht.

 

Und damit begann für mich der eigentliche Teil dieser Nacht.

 

Denn ich wusste immer noch nicht einmal richtig, wer neben mir lag.

 

Ich wusste auch nicht, ob sie schlief.

 

style="font-weight: 400">Und schon gar nicht, ob sie dasselbe bemerkte wie ich.

 

Bei einem der Stopps bekam ich schließlich etwas mehr von ihr zu sehen. Eine Frau. Mehr wusste ich nicht.

 

Wir wechselten kein Wort.

 

Nicht „Hallo“.

 

Nicht „Entschuldigung“.

 

Nicht einmal die übliche Frage, ob man kurz aufstehen könne.

 

Nichts.

 

Irgendwann später bewegte sie sich unter ihrer Decke.

 

Sie drehte sich um.

 

Vielleicht im Schlaf.

 

Vielleicht auch nicht.

 

Als sie wieder ruhig lag, befand sich ihr Gesicht plötzlich unmittelbar vor meinem.

 

Nur wenige Zentimeter trennten uns.

 

Ich konnte ihren Atem spüren.

 

Und ich lag vollkommen still.

 

Nach all den Stunden, all den zufälligen oder vielleicht doch nicht ganz zufälligen Berührungen, hätte eigentlich irgendeiner von uns etwas sagen müssen.

 

Keiner tat es.

 

Wir sahen uns an.

 

Bis heute weiß ich nicht mehr, wer die letzten Zentimeter überbrückte.

 

Ich weiß nur noch, dass aus der vorsichtigen Berührung unserer Lippen beinahe augenblicklich ein intensiver Kuss wurde.

 

Und plötzlich war die Frage, die mich über Hunderte Kilometer beschäftigt hatte, beantwortet.

 

Sie hatte es auch gespürt.

 

Wir lösten uns irgendwann voneinander.

 

Kein Wort.

 

Einige Zeit später küssten wir uns wieder.

 

Noch immer lautlos, während um uns herum ein ganzer Bus voller Menschen durch die Nacht Richtung Düsseldorf fuhr.

 

Was unter der Decke in dieser Nacht noch geschah, gehört zu den Dingen, bei denen meine Erinnerung inzwischen weniger zuverlässig ist als meine Fantasie.

 

Vielleicht ist das sogar ganz gut so.

 

Denn an eines erinnere ich mich vollkommen klar:

 

Als wir schließlich unser Ziel erreichten, hatten diese Frau und ich ungefähr 550 Kilometer nebeneinander verbracht.

 

Wir hatten uns berührt.

 

Wir hatten uns geküsst.

 

Wir hatten eine ganze Nacht miteinander geteilt.

 

Und wir hatten kein einziges Wort miteinander gesprochen.

 

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