Nachtbus

Autor timd
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Die Frau unter der Decke – Teil 1: Die letzten freien Zentimeter

 

Teil 1 – Die letzten freien Zentimeter

 

Es war nach einem Besuch bei meiner Schwester, die damals unten an der Schweizer Grenze wohnte.

 

Seit der Trennung von meiner Frau war ich hin und wieder mit meinen beiden Jungs dort. Die beiden waren längst volljährig, und diesmal hatten wir uns für die Rückfahrt nach Düsseldorf für einen Nachtbus entschieden.

 

Rund 550 Kilometer.

 

Nicht gerade meine Vorstellung von einer erholsamen Nacht, aber praktisch. Abends einsteigen, irgendwie versuchen zu schlafen und am nächsten

Morgen wieder zu Hause sein.

 

So jedenfalls der Plan.

 

Als wir in den Bus stiegen, stellte sich heraus, dass meine Jungs ihre Sitzplätze ein paar Reihen von meinem entfernt hatten. Kein Problem. Wir würden ohnehin die meiste Zeit schlafen.

 

Mein eigener Platz war ganz offensichtlich der letzte freie Sitz im Bus.

 

Ein ganz gewöhnlicher Doppelsitz.

 

Der Platz am Fenster war bereits belegt.

 

Von wem, konnte ich allerdings nicht erkennen.

 

Da war hauptsächlich eine Decke.

 

Jemand hatte sich darunter zusammengerollt und offenbar schon eine Schlafposition gefunden. Die Person lag seitlich, leicht gekrümmt, fast S-förmig. Nur Umrisse waren zu erkennen.

 

Ich blieb einen Moment im Gang stehen.

 

Nicht, weil ich besonders neugierig gewesen wäre. Vielmehr überlegte ich, wie ich mich auf meinen Platz setzen sollte, ohne den schlafenden Menschen neben mir zu wecken.

 

Eine Alternative gab es ohnehin nicht.

 

Also verstaute ich meine Sachen, setzte mich vorsichtig hin und versuchte, möglichst wenig Bewegung in den Doppelsitz zu bringen.

 

Dabei bemerkte ich etwas.

 

Mein unbekannter Sitznachbar beanspruchte nicht ausschließlich den Fensterplatz.

 

Ein Teil der Hüfte und des Oberschenkels ragte auf meine Sitzfläche.

 

Nicht viel.

 

Wirklich nicht.

 

Es war keineswegs so, dass ich keinen Platz mehr gehabt hätte oder mich hätte beschweren wollen.

 

Aber vielleicht war es ein einziges kleines Stück mehr als unbedingt nötig.

 

Dieser Gedanke kam mir tatsächlich.

 

Und gleich danach hielt ich ihn für Unsinn.

 

Die Person schlief schließlich. Vermutlich war sie schon seit Stunden unterwegs und hatte einfach versucht, es sich in einem Fernbus irgendwie bequem zu machen.

 

Also setzte ich mich richtig hin.

 

Dabei

berührten sich unsere Oberschenkel.

 

Nur leicht.

 

Ich rückte nicht weg.

 

Wohin auch?

 

Der Bus war voll, der Sitz nicht gerade großzügig bemessen, und solange die Person neben mir in dieser merkwürdig zusammengerollten Position blieb, gehörte diese Berührung offenbar für die nächsten Stunden zur Reise dazu.

 

Unangenehm fand ich sie nicht.

 

Das fiel mir allerdings sofort auf.

 

Der Bus setzte seine Fahrt fort.

 

Nach und nach wurde es ruhiger. Gespräche verstummten. Displays wurden ausgeschaltet. Irgendwann wurde die Beleuchtung gedimmt, und diese besondere Atmosphäre einer Nachtfahrt entstand: das gleichmäßige Brummen des Motors, das leise Rauschen der Reifen und draußen die Lichter, die für Sekunden über die Scheiben wanderten und wieder verschwanden.

 

Ich versuchte ebenfalls, eine brauchbare Schlafposition zu finden.

 

Gar nicht so einfach.

 

Mal lehnte ich den Kopf zurück, mal etwas zur Seite. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder.

 

Neben mir bewegte sich nichts.

 

Die Berührung unserer Beine blieb.

 

Mit der Zeit nahm ich sie immer deutlicher wahr.

 

Nicht weil sie stärker geworden wäre.

 

Sondern weil irgendwann kaum noch etwas anderes passierte.

 

Wenn man nachts in einem dunklen Bus sitzt und versucht zu schlafen, bekommt eine Kleinigkeit plötzlich erstaunlich viel Aufmerksamkeit.

 

Ein Knie.

 

Ein Oberschenkel.

 

Wärme durch zwei Schichten Kleidung.

 

Eigentlich nichts.

 

Und trotzdem ertappte ich mich irgendwann bei der Frage, warum keiner von uns die Position veränderte.

 

Ich hätte mein Bein ein wenig wegnehmen können.

 

Nicht viel, aber wahrscheinlich genug.

 

Die Person neben mir ebenfalls.

 

Keiner tat es.

 

Dann kam eine Kurve.

 

Unsere Beine drückten für einen Augenblick etwas stärker gegeneinander.

 

Danach hätte sich die Berührung wieder lösen müssen.

 

Tat sie aber nicht.

 

Ich öffnete die Augen und blickte nach vorne in den dunklen Bus.

 

Ein paar Reihen weiter saßen meine Jungs.

 

Von ihnen war nichts zu hören.

 

Fast alle schliefen inzwischen.

 

Ich schaute wieder zu der Gestalt unter der Decke.

 

Noch immer konnte ich kaum erkennen, mit wem ich da eigentlich seit geraumer Zeit Körperkontakt hatte.

 

Mann oder Frau?

 

Jung oder ?

 

Ich wusste es tatsächlich nicht sicher.

 

Und irgendwie begann mich genau das zu interessieren.

 

Nicht auf eine besonders erotische Art. Jedenfalls redete ich mir das ein.

 

Es war einfach eine merkwürdige Situation.

 

Irgendwann bewegte sich die Person.

 

Nur ein wenig.

 

Ich erwartete, dass sie sich jetzt von mir wegdrehen und die zufällige Nähe damit erledigt sein würde.

 

Stattdessen veränderte sich lediglich die Position unter der Decke.

 

Danach lag der Oberschenkel wieder an meinem.

 

Vielleicht sogar etwas deutlicher als vorher.

 

Ich musste lächeln.

 

Unsinn, dachte ich.

 

Ein schlafender Mensch plant schließlich nicht, wo sein Knie landet.

 

Ich schloss wieder die Augen.

 

Kilometer vergingen.

 

Dann verschwanden unsere Beine voneinander.

 

Die Wärme war plötzlich weg.

 

Und zu meiner eigenen Überraschung bemerkte ich ihr Fehlen sofort.

 

Kurz darauf berührten wir uns wieder.

 

Diesmal wusste ich nicht, wer von uns beiden die Bewegung gemacht hatte.

 

Vielleicht der Bus.

 

Vielleicht sie.

 

Vielleicht ich.

 

Genau darin lag inzwischen das Merkwürdige.

 

Jede einzelne Berührung ließ sich vollkommen vernünftig erklären.

 

Nur die Summe all dieser Zufälle begann langsam interessant zu werden.

 

Bei einem der nächsten Stopps wurde es heller im Bus.

 

Menschen bewegten sich. Eine Tür öffnete sich, kalte Nachtluft zog durch den Gang, irgendwo raschelte jemand mit einer Tüte.

 

Und zum ersten Mal bekam ich einen etwas besseren Blick auf die Person neben mir.

 

Eine Frau.

 

Mehr konnte ich zunächst kaum erkennen.

 

Ihr Gesicht blieb teilweise im Halbdunkel und unter der Decke verborgen.

 

Aber plötzlich hatte diese Wärme an meinem Bein ein Geschlecht.

 

Und damit veränderte sich etwas.

 

Zumindest bei mir.

 

Ich lehnte mich wieder zurück.

 

Sie schien weiterzuschlafen.

 

Oder?

 

Zum ersten Mal stellte ich mir diese Frage ernsthaft.

 

Denn inzwischen waren wir lange genug nebeneinander unterwegs, dass auch sie unsere ständige Berührung bemerkt haben musste.

 

Falls sie überhaupt schlief.

 

Der Bus fuhr wieder an.

 

Das Licht erlosch.

 

Dunkelheit.

 

Unsere Beine berührten sich noch immer.

 

Später – ich könnte heute nicht mehr sagen, nach wie vielen Kilometern – lag meine Hand an der gemeinsamen Armlehne.

 

Ihre befand sich ebenfalls dort.

 

Nicht auf meiner.

 

Nur nah daneben.

 

Der Bus bewegte sich leicht.

 

Unsere Finger berührten sich.

 

Ganz kurz.

 

Ich nahm meine Hand nicht weg.

 

Ihre verschwand ebenfalls nicht.

 

Eine Weile geschah überhaupt nichts.

 

Dann wieder diese winzige Berührung.

 

So leicht, dass ich sie mir beinahe eingebildet haben könnte.

 

Diesmal war kein Schlagloch gewesen.

 

Keine Kurve.

 

Ich blieb vollkommen ruhig.

 

Noch immer hätte alles Zufall sein können.

 

Und genau das machte diese Nacht plötzlich aufregend.

 

Denn ich wusste nicht, ob neben mir eine Frau friedlich schlief, während ich einer Reihe völlig bedeutungsloser Berührungen viel zu viel Bedeutung gab.

 

Oder ob unter dieser Decke jemand lag, der genauso wach war wie ich.

 

Und sich genau dieselbe Frage stellte.

 

 

 

Die Frau unter der Decke – Teil 2: Zufall?

 

Von diesem Moment an war an Schlaf kaum noch zu denken.

 

Nicht weil etwas Spektakuläres passiert wäre.

 

Ganz im Gegenteil.

 

Eigentlich passierte fast nichts.

 

Unsere Hände lagen an derselben Armlehne. Manchmal berührten sich unsere Finger, dann wieder nicht. Unsere Oberschenkel lagen noch immer nebeneinander, mal mit etwas Abstand, mal so dicht, dass ich ihre Wärme durch die Kleidung spürte.

 

Jede einzelne dieser Berührungen war vollkommen harmlos.

 

Und jede ließ sich erklären.

 

Ein enger Doppelsitz.

 

Ein voller Nachtbus.

 

Eine schlafende Frau.

 

Kurven, Unebenheiten, Bremsmanöver.

 

Ich hatte für alles eine vernünftige Erklärung.

 

Das Problem war nur: Je länger die Nacht dauerte, desto weniger überzeugten mich meine eigenen Erklärungen.

 

Ich begann darauf zu achten, was geschah, wenn der Kontakt zwischen uns einmal abbrach.

 

Wenn der Bus sich bewegte und unsere Beine auseinanderrutschten, dauerte es irgendwann nicht besonders lange, bis sie sich wieder berührten.

 

War sie das?

 

War ich es?

 

Keine Ahnung.

 

Vielleicht bewegten wir uns beide inzwischen unbewusst aufeinander zu.

 

Und immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage:

 

Schlief sie überhaupt?

 

Ich wagte nicht, sie länger anzusehen.

 

Das wäre mir beinahe übergriffig vorgekommen. Schließlich bestand immer noch die durchaus vernünftige Möglichkeit, dass neben mir einfach eine müde Frau lag, die von alldem überhaupt nichts mitbekam.

 

Also sah ich nach vorne.

 

Aus dem Fenster.

 

Auf mein Handy.

 

Überallhin, nur nicht zu lange zu ihr.

 

Und gleichzeitig nahm ich jede noch so Bewegung neben mir wahr.

 

Ein merkwürdiger Widerspruch.

 

Irgendwann erreichten wir den nächsten Halt.

 

Der Bus wurde langsamer, Straßenlaternen tauchten den Innenraum für Sekunden in wechselndes Licht.

 

Sie bewegte sich unter ihrer Decke.

 

Ich nahm automatisch mein Bein ein wenig zurück.

 

Sie richtete sich nicht wirklich auf. Sie veränderte nur ihre Position, zog die Decke zurecht und lag kurz darauf wieder ruhig da.

 

Unsere Beine hatten sich dabei voneinander gelöst.

 

Gut, dachte ich.

 

Vielleicht war das auch besser so.

 

Die Tür öffnete sich.

 

Ein paar Leute stiegen aus, andere ein. Stimmen im Gang. Schritte. Jemand suchte seinen Platz. Meine Jungs saßen noch immer einige Reihen entfernt. Von der kleinen Welt auf meinem Doppelsitz bekamen sie nichts mit.

 

Dann schloss sich die Tür.

 

Der Bus rollte wieder an.

 

Das Licht wurde gedimmt.

 

Und irgendwann war ihr Bein wieder an meinem.

 

Ich weiß heute nicht mehr, wer sich bewegt hatte.

 

Aber diesmal nahm ich meines nicht weg.

 

Es war inzwischen etwas zwischen uns entstanden, für das ich keinen Namen hatte.

 

Noch nicht.

 

Vielleicht gab es dieses „zwischen uns“ überhaupt nur in meinem Kopf.

 

Genau das war das Verrückte daran.

 

Wir hatten noch immer kein einziges Wort miteinander gesprochen.

 

Ich wusste nicht, wie sie hieß.

 

Ich wusste nicht, woher sie kam.

 

Nicht, wohin sie wollte.

 

Nicht einmal ihre Stimme hatte ich gehört.

 

Trotzdem war mir ihre Anwesenheit inzwischen bewusster als die aller anderen Menschen im Bus zusammen.

 

Ich begann, die Zeit nicht mehr in Kilometern oder Haltestellen wahrzunehmen.

 

Sondern in Berührungen.

 

Da war ihr Bein.

 

Dann wieder etwas Abstand.

 

Ihre Hand.

 

Meine Hand.

 

Ihre Finger dicht neben meinen.

 

Manchmal geschah minutenlang nichts.

 

Vielleicht auch eine halbe Stunde.

 

Ich verlor jedes Gefühl dafür.

 

Dann eine winzige Bewegung.

 

Und meine Aufmerksamkeit war augenblicklich wieder da.

 

Einmal lagen unsere Hände so dicht nebeneinander, dass die Außenseiten unserer kleinen Finger sich berührten.

 

Ich wartete.

 

Sie zog ihre Hand nicht weg.

 

Ich ebenfalls nicht.

 

Mehr geschah nicht.

 

Und gerade deshalb wurde dieser eine Zentimeter Hautkontakt plötzlich unglaublich intensiv.

 

Ich hätte nur meine Hand drehen müssen.

 

Vielleicht hätte ich ihre nehmen können.

 

Aber genau das tat ich nicht.

 

Denn damit hätte ich aus einem Zufall eine Absicht gemacht.

 

Und für diesen Schritt fehlte mir etwas.

 

Ein Zeichen.

 

Irgendetwas Eindeutiges.

 

Das bekam ich nicht.

 

Also blieb meine Hand einfach liegen.

 

Ihre auch.

 

Zwei erwachsene Menschen in einem dunklen Bus, die sich seit Stunden berührten und offenbar unfähig waren, auch nur einen einzigen Satz miteinander zu sprechen.

 

Heute muss ich darüber lachen.

 

In dieser Nacht fand ich es überhaupt nicht lustig.

 

Es machte mich nervös.

 

Und neugierig.

 

Vor allem neugierig.

 

Bei einem weiteren Halt wurde der Innenraum wieder etwas heller.

 

Diesmal sah ich ihr Gesicht besser.

 

Nicht lange.

 

Nur einige Sekunden.

 

Aber lange genug, um zu wissen, dass mir gefiel, wer da neben mir lag.

 

Sehr sogar.

 

Damit wurde meine Situation nicht gerade einfacher.

 

Bis dahin hatte ich mir noch einreden können, dass mich hauptsächlich das Rätselhafte an der Situation beschäftigte.

 

Jetzt wusste ich, dass es nicht nur das war.

 

Ich fand sie attraktiv.

 

Und plötzlich bekam jede Berührung eine andere Bedeutung.

 

Zumindest für mich.

 

Was sie dachte, wusste ich immer noch nicht.

 

Vielleicht gar nichts.

 

Vielleicht schlief sie tatsächlich immer wieder ein.

 

Vielleicht nahm sie meine Anwesenheit genauso beiläufig wahr wie die Armlehne oder die Decke.

 

Und vielleicht machte ich aus einer völlig banalen Nachtbusfahrt gerade eine Geschichte, die ausschließlich in meinem Kopf stattfand.

 

Also beschloss ich, mich etwas zurückzunehmen.

 

Ich rückte mein Bein ein kleines Stück zur Seite.

 

Nicht demonstrativ.

 

Nur weit genug, dass unsere Oberschenkel sich nicht mehr berührten.

 

Dann lehnte ich mich zurück und schloss die Augen.

 

Das war vernünftig.

 

Sehr vernünftig sogar.

 

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte.

 

Vielleicht fünf Minuten.

 

Vielleicht zwanzig.

 

Dann spürte ich wieder Wärme an meinem Bein.

 

Ganz leicht zunächst.

 

Ich öffnete die Augen nicht.

 

Der Kontakt blieb.

 

Diesmal redete ich mir nichts mehr ein.

 

Ich genoss ihn einfach.

 

Ohne daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen.

 

Ohne etwas zu versuchen.

 

Wenn sie schlief, sollte sie schlafen.

 

Wenn sie wach war, würde sie wissen, dass ich nicht zurückwich.

 

Mehr wollte ich nicht tun.

 

Der Bus fuhr weiter durch die Nacht.

 

Kilometer um Kilometer.

 

Irgendwann berührten sich unsere Hände erneut.

 

Diesmal länger.

 

Noch immer keine Finger, die sich ineinander verschränkten.

 

Kein Streicheln.

 

Keine eindeutige Geste.

 

Nur ihre Hand neben meiner.

 

Haut an Haut.

 

Ich weiß noch, wie absurd aufmerksam ich plötzlich auf diese wenigen Quadratzentimeter meines Körpers war.

 

Ich hätte wahrscheinlich nicht sagen können, durch welche Stadt wir gerade fuhren.

 

Aber ich hätte jede Bewegung ihres kleinen Fingers bemerkt.

 

Und dann bewegte er sich tatsächlich.

 

Nur minimal.

 

Vielleicht hatte sie geträumt.

 

Vielleicht nicht.

 

Ich blieb ruhig.

 

Meine Gedanken dagegen überhaupt nicht.

 

Irgendwann musste ich tatsächlich kurz eingeschlafen sein.

 

Als ich wieder wach wurde, war der Bus vollkommen dunkel.

 

Dieses tiefe Nachtgefühl, bei dem man nach dem Aufwachen zunächst nicht weiß, wo man ist.

 

Motorgeräusch.

 

Straße.

 

Die schwachen Kontrollleuchten vorne beim Fahrer.

 

Dann erinnerte ich mich.

 

Nachtbus.

 

Düsseldorf.

 

Meine Jungs.

 

Und sie.

 

Ihre Hüfte lag noch immer dicht neben meiner.

 

Die Decke hatte sich etwas verändert.

 

Ich konnte jetzt mehr von ihrem Gesicht erkennen.

 

Sie lag noch mit dem Rücken beziehungsweise leicht seitlich zu mir.

 

Ich schloss wieder die Augen.

 

Diesmal war ich mir beinahe sicher, dass auch sie zwischendurch wach gewesen war.

 

Warum?

 

Ich kann es nicht sagen.

 

Es gab noch immer keinen Beweis.

 

Vielleicht war es nur ein Gefühl.

 

Dann bewegte sie sich.

 

Langsam.

 

Nicht dieses kurze Zurechtrücken, das ich inzwischen kannte.

 

Sie veränderte ihre Schlafposition vollständig.

 

Ich öffnete die Augen.

 

Unter der Decke drehte sie sich auf die andere Seite.

 

Zu mir.

 

Ich blieb vollkommen still.

 

Vielleicht war es nur die nächste Schlafposition.

 

Mehr nicht.

 

Sie zog die Decke etwas höher und legte den Kopf anders auf.

 

Dann hörte die Bewegung auf.

 

Erst jetzt begriff ich, wie nah sie mir plötzlich war.

 

Ihr Gesicht lag direkt vor meinem.

 

Nicht einen halben Meter entfernt.

 

Nicht einmal zwanzig Zentimeter.

 

Nur wenige Zentimeter trennten uns.

 

So wenig, dass ich ihren Atem spüren konnte.

 

Ich wagte kaum, mich zu bewegen.

 

Zum ersten Mal in dieser ganzen Nacht gab es keine Armlehne, keinen Oberschenkel und keine Bewegung des Busses, hinter der man sich verstecken konnte.

 

Nur ihr Gesicht.

 

Und meines.

 

Ich sah sie an.

 

Ihre Augen waren nicht eindeutig geschlossen.

 

Oder bildete ich mir auch das ein?

 

Ich wusste nicht, ob sie schlief.

 

Ich wusste nicht, ob sie wartete.

 

Ich wusste nur, dass ich jetzt nicht mehr darüber nachdachte, wie viele Kilometer noch vor uns lagen.

 

Zwischen uns lagen nur noch wenige Zentimeter.

 

 

 

Die Frau unter der Decke – Teil 3: Kein einziges Wort

 

Zwischen uns lagen nur noch wenige Zentimeter.

 

Ich sah ihr Gesicht im schwachen Licht des Busses und wusste noch immer nicht, ob ich mir die vergangenen Stunden nur zusammengereimt hatte.

 

Dann öffnete sie die Augen.

 

Nicht erschrocken.

 

Nicht überrascht.

 

Sie sah mich einfach an.

 

Und plötzlich war da zum ersten Mal etwas, das sich nicht mehr mit einer Kurve, einer engen Sitzreihe oder einer zufälligen Bewegung im Schlaf erklären ließ.

 

Sie wich nicht zurück.

 

Ich auch nicht.

 

Wer von uns die letzten Zentimeter überbrückte, weiß ich heute nicht mehr.

 

Vielleicht waren wir es beide.

 

Unsere Lippen berührten sich zunächst vorsichtig.

 

Nur für einen Augenblick.

 

Nach all den Stunden hätte dieser eine Kuss eigentlich genügen müssen, um meine Frage zu beantworten.

 

Tat er auch.

 

Nur war die Antwort offenbar gefährlicher als die Frage.

 

Denn als wir uns noch einmal küssten, war von Vorsicht kaum noch etwas übrig.

 

Ihr Mund öffnete sich meinem, meine Hand fand ihr Gesicht, und innerhalb weniger Sekunden wurde aus all den winzigen, vermeintlich zufälligen Berührungen der vergangenen Stunden etwas vollkommen Eindeutiges.

 

Wir küssten uns lange.

 

Hungrig.

 

Fast gierig.

 

Und vollkommen lautlos.

 

Das war das Absurde daran.

 

Um uns herum schlief ein ganzer Bus voller Menschen.

 

Ein paar Reihen vor mir saßen meine Jungs.

 

Vorne der Fahrer.

 

Überall Menschen.

 

Und hier, auf einem ganz gewöhnlichen Doppelsitz irgendwo auf der Autobahn nach Düsseldorf, küsste ich eine Frau, deren Namen ich nicht einmal kannte.

 

Ich löste mich von ihr.

 

Sie sah mich an.

 

Für einen Moment dachte ich, damit sei es vorbei.

 

Dann zog sie die Decke ein Stück höher über uns.

 

Ich musste lächeln.

 

Sie ebenfalls.

 

Das war wahrscheinlich unsere erste wirkliche Unterhaltung.

 

Und sie kam vollkommen ohne Worte aus.

 

Unter der Decke fanden unsere Hände zueinander.

 

Was zunächst beinahe zaghaft gewesen war, verlor mit jedem weiteren Kuss etwas von seiner Zurückhaltung.

 

Eine Hand auf meiner Brust.

 

Meine an ihrer Taille.

 

Ihre Finger, die mich näher zu ihr zogen.

 

Immer wieder hielten wir inne.

 

Ein Geräusch im Gang.

 

Jemand bewegte sich zwei Reihen hinter uns.

 

Sofort lagen wir wieder da wie zwei vollkommen harmlose Nachtbusreisende.

 

Ich starrte in die Dunkelheit.

 

Sie hatte ihr Gesicht an meiner Schulter verborgen.

 

Nichts geschah.

 

Zumindest für einige Sekunden.

 

Dann spürte ich, wie sie unter der Decke lachen musste.

 

Lautlos.

 

Ich ebenfalls.

 

Und kurz darauf begann alles von vorne.

 

Nur jedes Mal ein wenig weniger vorsichtig.

 

Die Decke wurde zu unserem winzigen Versteck.

 

Darunter wurde die Nähe immer intimer, während oberhalb davon möglichst nichts verraten durfte, was zwischen uns geschah.

 

Genau dieser Gegensatz machte es beinahe unerträglich.

 

Jede Bewegung musste klein bleiben.

 

Jeder Atemzug kontrolliert.

 

Kein Laut.

 

Vor allem kein Laut.

 

Manchmal war ich überzeugt, dass wir aufhören mussten.

 

Jetzt.

 

Sofort.

 

Ich zwang mich, ruhig zu atmen und an irgendetwas völlig Banales zu denken.

 

Autobahn.

 

Düsseldorf.

 

Morgen früh.

 

Meine Jungs.

 

Ausgerechnet meine Jungs.

 

Das half ungefähr drei Sekunden.

 

Dann küsste sie mich wieder.

 

Und sämtliche guten Vorsätze waren dahin.

 

Mein Körper reagierte längst deutlicher, als mir in einem voll besetzten Reisebus lieb sein konnte.

 

Unter der Decke ließ sich einiges verbergen.

 

Aber eben nicht alles.

 

Ich versuchte, meine Position zu verändern.

 

Sie bemerkte natürlich sofort, warum.

 

Ihr Blick traf meinen.

 

Da war dieses kaum sichtbare Lächeln wieder.

 

Ich hätte sie dafür gleichzeitig erwürgen und noch einmal küssen können.

 

Ich entschied mich für Letzteres.

 

Irgendwann gab es zwischen Vernunft und Verlangen keine klare Grenze mehr.

 

Nur noch kurze Phasen, in denen die Vernunft gewann.

 

Und immer längere, in denen sie verlor.

 

Unsere Hände wurden mutiger.

 

Nicht hektisch.

 

Eher so, als hätten die vielen Stunden davor etwas aufgestaut, das jetzt seinen eigenen Willen entwickelt hatte.

 

Wir erkundeten einander unter dieser Decke, hielten inne, sobald irgendwo jemand hustete oder sich bewegte, und machten weiter, sobald wieder nur das monotone Geräusch der Reifen zu hören war.

 

Dieses ständige Bremsen und Loslassen machte alles nur schlimmer.

 

Oder besser.

 

Je nachdem, wen man gefragt hätte.

 

Uns hätte allerdings niemand fragen können.

 

Wir sprachen ja immer noch nicht.

 

Nicht ein Wort.

 

Irgendwann erreichte die Spannung einen Punkt, an dem ich wusste, dass ich die Kontrolle verlieren würde, wenn wir nicht aufhörten.

 

Also hielt ich ihre Hand fest.

 

Sah sie an.

 

Schüttelte kaum merklich den Kopf.

 

Sie verstand.

 

Für vielleicht eine Minute lagen wir einfach nebeneinander.

 

Ich konzentrierte mich auf meinen Atem.

 

Langsam.

 

Ruhig.

 

Bloß nicht auffallen.

 

Dann strich ihr Daumen einmal über meine Hand.

 

Eine vollkommen unschuldige Bewegung.

 

Eigentlich.

 

Ich sah sie an.

 

Sie sah mich an.

 

Und damit war es um meine Selbstbeherrschung geschehen.

 

In diesem Moment war mir für einige Sekunden tatsächlich egal, dass um uns herum Menschen lagen.

 

Egal, dass nur wenige Reihen entfernt meine saßen.

 

Egal, dass wir uns an einem öffentlichen Ort befanden, an dem wir uns verdammt noch mal benehmen sollten.

 

Da war nur noch sie.

 

Diese Frau ohne Namen.

 

Ihr Mund.

 

Ihre Hände.

 

Die Wärme unter der Decke.

 

Und dieses beinahe unerträgliche Bedürfnis, sich einfach fallen zu lassen.

 

Was in den nächsten Minuten genau geschah, werde ich hier der Fantasie überlassen.

 

Nur so viel:

 

Es wurde verdammt schwierig, weiterhin den Eindruck zweier schlafender Fahrgäste aufrechtzuerhalten.

 

Vor allem für mich.

 

Es gibt körperliche Reaktionen, über die sich der Wille irgendwann nur noch sehr eingeschränkt mit dem Körper verständigen kann.

 

Und ausgerechnet in diesem Augenblick schien der gesamte Bus besonders still zu werden.

 

Kein Gespräch.

 

Kein Rascheln.

 

Nicht einmal ein Husten.

 

Nur der Motor.

 

Ich biss die Zähne zusammen.

 

Sie presste ihr Gesicht gegen meine Schulter.

 

Und ich wusste nicht, ob sie damit ein Geräusch unterdrücken oder ihr Lachen verstecken wollte.

 

Wahrscheinlich beides.

 

Danach lagen wir lange vollkommen still.

 

Nicht weil die Spannung verschwunden war.

 

Sondern weil wir beide wussten, dass wir unser Glück ausreichend strapaziert hatten.

 

Irgendwann wurde der Himmel draußen heller.

 

Die ersten Vororte tauchten auf.

 

Menschen wachten auf, reckten sich, schauten auf ihre Handys.

 

Aus unserer geheimen kleinen Welt wurde wieder ein gewöhnlicher Doppelsitz in einem Fernbus.

 

Ich richtete meine Kleidung.

 

Sie zog ihre Decke zusammen.

 

Wir sahen uns an.

 

Und lächelten.

 

Meine Jungs waren inzwischen ebenfalls wach.

 

Sie hatten nichts bemerkt.

 

Zumindest hoffe ich das bis heute.

 

Als der Bus schließlich Düsseldorf erreichte, standen Menschen auf und holten ihr Gepäck.

 

Auch wir erhoben uns.

 

Nach ungefähr 550 Kilometern nebeneinander.

 

Nach einer ganzen Nacht.

 

Ich wusste noch immer nicht ihren Namen.

 

Sie kannte meinen nicht.

 

Wir hatten uns berührt.

 

Wir hatten uns geküsst.

 

Wir hatten Dinge miteinander geteilt, die man normalerweise erst teilt, nachdem wenigstens ein „Hallo“ gefallen ist.

 

Dann gingen wir auseinander.

 

Ohne Telefonnummer.

 

Ohne Verabredung.

 

Ohne Versprechen.

 

Und ohne ein einziges Wort miteinander gesprochen zu haben.

 

Bis heute weiß ich nicht, ob sie am Anfang tatsächlich geschlafen hatte.

 

Manchmal hoffe ich fast, dass sie es mir niemals verraten könnte.

 

Denn vielleicht war genau das das Geheimnis dieser Nacht:

 

550 Kilometer.

 

Zwei Fremde.

 

Eine Decke.

 

Und kein einziges Wort.

 

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