Blind-Date in München – Teil 2
Veröffentlicht amDanke für eure Mühe mit dem Feedback zu Teil 1 von “Blind-Date in München”, sowohl für Lob als auch für eure konstruktive Kritik. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind ausdrücklich nicht gewollt und rein zufällig. Für das Lesen der Fortsetzung wünsche ich euch mit allem, wozu euch die Geschichte inspiriert, viel Freude :-))))) LG Lisa 🙂
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„Wenn die Welt der Sehenden schläft?“, stellte der Feuerwehr-Zugführer der blinden Goth eine Gegenfrage und schlug seine Stirn in Falten. Seine Blicke hatten sich an den silbernen Ringen festgefressen, die ihre Nippel daran hinderten, sich vollständig durch zwei Maschen eines zerrissenen Netzshirts hindurchzudrücken. „Wie dumm von mir, dass ich diese affenscharfe Fotze im Stress so unüberlegt angeschissen habe“, dachte Leon und überlegte krampfhaft, wie er sich ihr gegenüber so zügig wie möglich wieder in ein besseres Licht rücken könnte. „Diese so aufreizend scharf aussehende junge Schnitte verjagen zu wollen“, dachte er, ohne seine Gedanken auszusprechen. „Das war echt keine geniale Idee. Mit dem patzigen Anpfiff, der mir im ersten Moment herausgerutscht ist, um sie vom Unfallort zu verscheuchen, habe ich mir keinen Gefallen getan. Der vermasselte erste Eindruck könnte in dieser Münchner Unglücksnacht auch für mich persönlich sehr unglücklich enden“, brütete Leon weiter. Da er sich selbst gut kannte, wusste er, dass er nach solchen Einsätzen immer sehr aufgekratzt war und sich noch zwei oder drei Runden wichsen musste, bevor er dann endlich einschlafen konnte. „Diese blinde Kuh abzuschleppen …“, fantasierte er mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht schweigend fort, „… das wäre genau der richtige Trost für die versaute Nacht und die Schlampe ordentlich durchzuficken noch viel besser als mich selbst zu entsaften“, dachte er und hatte eine spontane Idee, wie er die verfahrene Situation zu seinem Vorteil nutzen könnte.
„Da sie sich gerade als Zeugin angeboten haben, müssen sie jetzt sogar hierbleiben und mir zuerst inmal in Ruhe erklären, was sie gesehen haben“, säuselte Leon listig, weil er zuerst herausfinden wollte, ob die Schräge wirklich blind war. Schließlich gab es in München genug arbeitscheues und faules Pack. Gesocks, denen alle Mittel recht waren, um fleißigen Leuten wie ihm, dem Feuerwehrmann, ihr hart verdientes Geld aus den Taschen zu ziehen, indem sie mit billigen Tricks Mitleid erregten. Mitleid, von dem sie sich erhofften, es würde sie in Geberlaune versetzen, um sie danach gnadenlos abzuzocken.
„Feuerwehr!“ … „Wir brauchen hier sofort die schweren Hebekissen!“, herrschte ein heranhetzender Kommissar mit dem Namen Weber Leon an. „Der Lokführer schiebt die Schuld auf ein technisches Versagen der Weichensignale. Der Betriebsdirektor hier behauptet, der Lokführer sei betrunken gewesen. Deshalb müssen wir sofort die Stellung der Weiche …“
„Das ist eine unverschämte Verleumdung!“, fiel der Choleriker im feinen Anzug dem Polizisten aufgeregt ins Wort. „… unsere Systeme am Nordring liefen fehlerfrei!“, ergänzte der Betriebsdirektor mit Schweißperlen auf der Stirn.
„Ein klarer Interessenskonflikt“, bemerkte der Kommissar süffisant und machte sich Notizen, „und ein weiteres mögliches Motiv für ihre schuldhafte Beteiligung, Herr Direktor! … Offensichtlich geht es Ihnen nur darum, die Millionenhaftung von Ihrem Arbeitgeber fernzuhalten und den Ruf der Bahn zu schützen. Somit geht es Ihnen wohl in erster Linie um Ihren eigenen Stuhl, nicht wahr?“
Elena stieß ein leises, spöttisches Lachen aus. „Sie lügen beide.“
Kommissar Weber funkelte die junge Frau an und sagte: „Wer ist das? Eine Schaulustige vom Dark-Wave-Club da hinten? … Verlassen Sie sofort den Sperrbezirk, das hier ist ein Tatort! Die Polizeiabsperrbänder hier sind schließlich keine Hollywood-Inszenierung, oder sind sie scharf auf ein Bußgeld?“
Leon witterte eine neue Chance, gepaart mit einer tiefen Faszination für Elenas unerschütterliche Aura. Er stellte sich leicht vor sie. „Warten Sie, Herr Kommissar. Die junge Dame war zum Unfallzeitpunkt direkt hier und sie kann die Trassierbänder nicht sehen, weil sie blind ist. Was haben Sie gehört, Elena?“
Elena legte den Kopf schief. „Zwei Minuten vor dem Aufprall gab es kein Bremsgeräusch. Aber ich habe das charakteristische, metallische Klicken der manuellen Weichenstellung gehört. Jemand hat die Weiche per Hand umgelegt. Danach roch es hier nicht nach Alkohol, sondern nach dem billigen Tabak, den die Rangierarbeiter der Spätschicht rauchen. Jemand ist direkt an mir vorbeigerauscht und dann in Richtung der Schrebergärten gerannt, die sich links von uns befinden. Das ereignete sich alles noch, bevor der erste Waggon das Geländer der Brücke durchbrach.“
Der Betriebsdirektor wurde kreidebleich. Wenn jemand die Weiche manuell manipuliert hatte, um den Unfall zu provozieren, lag das Problem tief in den eigenen Reihen der Bahnangestellten. Weber blockte sofort ab: „Das sind Spekulationen einer blinden Passantin! Wir müssen die Blackbox auswerten.“ Der Kommissar drehte sich um und zog den Direktor mit sich. „Reißen Sie sich zusammen, Sie Schwachkopf! Wenn Sie weiter das Ziel verfolgen wollen, den Vorfall unter den Teppich zu kehren, müssen Sie jetzt Ruhe bewahren und sich etwas Cleveres einfallen lassen. … Sie könnten ja die Pressestelle der Bahn aktivieren … Je schneller die das übernommen haben, desto früher sind wir alle wieder in unseren Betten“, steckte der Kommissar dem Verdächtigen, grinste und schlich sich.
Leon nutzte den Moment. Er trat so nah an Elena heran, dass er ihr Parfüm – eine Mischung aus Patchouli und Vanille – riechen konnte. „Die wollen das vertuschen“, flüsterte er. „Wenn ich Ihnen helfe, Ihre Aussage direkt an die Staatsanwaltschaft zu bringen … was bekomme ich dafür?“
Elena lächelte schmal. Sie war sapiosexuell – pure Intelligenz und mentale Stärke machten sie scharf, aber eigentlich stand sie nur auf Frauen. Dieser Feuerwehrmann gehörte definitiv keiner dieser Gruppen von Menschen an. Feinfühlige Frauen, die nicht nur die optischen Reize, die sie aussendete, sondern vor allem ihre messerscharfe Wahrnehmung wertschätzten, waren da ganz anders als dieses Flachhirn, das sie als Machomännchen einstufte.
„Bringen Sie mich zu der Weiche …“, sagte sie pragmatisch, „… ich will sie mir ansehen!“
„Für einen One-Night-Stand könnte diese Blindschleiche ein faszinierendes Experiment werden“, dachte Heitzfeldt und legte eine neue Schlinge für sein Opfer aus.
„Ein Treffen“, sagte er leise und wartete ab. Seine Stimme jagte Elena einen ekligen Schauer über den Rücken.
„Ok, heute Abend. Im ‚Nachtwerk‘-Club. Um elf. „Sei pünktlich, Feuerwehrmann“, presste sie hervor und tastete widerwillig nach Heitzfeldts Arm, um sich von ihm zur Weiche führen zu lassen.
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Der auf die Unglücksnacht folgende Tag war für Leon eine Qual. Die Vorbereitungen für das Date brachten ihn an den Rand des Wahnsinns. Von ideenloser Panik begleitet stand er hilflos vor seinem Kleiderschrank und starrte auf seine Garderobe. Was zog man in der Gothic-Szene an? Die Bluejeans, seine Hemden und seine Uniform – etwas Passendes war auch nach längerem erfolglosem Hin- und Herrutschen nicht zu finden. In seiner Verzweiflung ging er shoppen und kaufte sich ein schlichtes, tiefschwarzes Hemd und eine schwarze Jeans. Während er sich im Spiegel betrachtete, kamen ihm neue Zweifel, die er dann aber sogar entlastend empfand: „Ist das, was ich anhabe, denn überhaupt wichtig? Die Schlampe gibt sich bei Licht betrachtet viel zu selbstbewusst und so autark, wie sie immer tut, kann sie gar nicht sein. Eine, die nichts sehen kann … Da kann ich für solche Oberflächlichkeiten wie meine Kleidung ja durchaus die angebrachte Toleranz für mich von ihr einfordern. Außerdem kann sie mich ja wirklich auch gar nicht sehen … Warum mache ich mir überhaupt so einen Kopf wegen dieser blinden Schlange? Dieser scharfen Krüppelschlampe wird es nämlich gerade recht sein, wenn sie von einem wie mir, der weiß, wo der Hammer hängt, einmal richtig hart rangenommen und ordentlich durchgeknallt wird. Sobald ich sie so weit habe, dass zwischen uns die Post abgeht, wird sie mir, getrieben von ihrer eigenen Geilheit, die Klamotten vom Leib reißen, egal wie die aussehen. Von dem, was ich dann mit ihr veranstalten werde, wird ihr Hören und Sehen vergehen!“, dachte Heitzfeldt mit einem selbstgefälligen Grinsen und murmelte danach noch vor sich hin: „… was für ein Quatsch, blind ist die ja schon …“
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Um Punkt dreiundzwanzig Uhr betrat Leon den Club. Das dumpfe Stampfen der Electronic Body Music vibrierte in seiner Brust. Nebelmaschinen hüllten die Tanzfläche in ein mystisches Grau, das von zuckenden, blauen, gelben und roten Stroboskopblitzen durchschnitten wurde. Dann sah er sie, diesmal ohne ihre schwarze Brille auf der Nase, am Tresen stehen und Leon fror mitten in der Bewegung ein. Von dem, was er sah, war ihm schlichtweg die Luft weggeblieben und seine Kehle fühlte sich von einem Moment auf den anderen wie zugeschnürt an. Im zuckenden Diskolicht des Clubs erkannte er, dass Elena von ihren ehemals grünen Augen nur noch Reste hatte, die ihren blinden Blicken eine gruselige Aura verliehen. Ihr Schielen wirkte provokant und in dem Schneeweiß ihres eingeschrumpften linken Augapfels waberten grünliche Schleier um eine in der Dunkelheit umherzuckende, milchig schimmernde Pupille herum. „Das verfickte Hirn der Erblindeten hat die erfolglose Suche nach Lichtresten, die mit Bildern aus ihrer sehenden Vergangenheit wie auf einer CD in ihre Hirnrinde eingebrannt waren, wohl noch nicht gelernt aufzugeben“, dachte Heitzfeld und schloss daraus auf einen verletzlichen Kern seines Opfers. Das rechte Auge der Goth vibrierte im Gleichklang mit dem linken und sah nicht mal mehr wie ein richtiges Auge aus. Für ihn als Gaffer sah es so aus, als hätte sie dort nur noch vernarbtes Gewebe in einer leeren Höhle drin. Einen Rückschluss auf eine Irisfarbe konnte er dort nicht mehr erkennen und auch keine Pupille mehr. Die blinden Augen der taffen Frau stachen in Leons Gesicht und schienen wie die Wellen eines MRTs durch sein Gehirn hindurchzugehen. Für Leon war es ein schockierender, aber auch intimer und gleichzeitig grotesk anmutender Anblick, der ihm seinen Schwanz so aufrichtete, dass ihm seine Hose schlagartig zu eng wurde. „Sie legt ihre Behinderung nicht nur offen“, dachte er, von der Aura der scharfen Blinden voll angefixt. „Die feiert ihren Makel, wie andere hier mit ihren Piercings, Tattoos und diversen Body-Mods auf sich aufmerksam machen“, sinnierte er weiter und sie blickte ihn – ohne ihn zu sehen – mit einer raubtierhaften Selbstsicherheit an, die Leon augenblicklich völlig wehrlos machte.
„Du bist pünktlich, Feuerwehrmann …“, sagte Elena über den Lärm der Musik hinweg, während ihre unruhigen Augen, die nur optisch tot waren, ihn wie von ihr beabsichtigt irritierten. „Gefällt dir, was du siehst?“, fragte Elena ihren eigentlich ungebetenen Gast und griff zu dem Wodka-Lemon, der halb leer vor ihr stand. Das halbleere Glas mit dem angetrunkenen Caipirinha, das vor dem Barhocker stand, auf den sich der Feuerwehrchef gesetzt hatte, nahm ihr Besuch erst gar nicht zur Kenntnis.
„Klar, du siehst echt rattenscharf aus, nur deine Augen …“, presste er hervor und grabschte auf seine Belohnung geiernd völlig taklos nach dem linken Knie der heißen Goth, das über einer hohen Ringelsocke splitternackt war. „Kann man da gar nix mehr dagegen machen? Ohne Deine schwarze Brille siehst Du nämlich wie ne untote Leiche aus?“
„Oh doch“, sagte sie zuckersüß und tastete nach der Nickelbrille, die Leon schon kannte. Die schwarze Brille, mit der sie ihre abgestorbenen Augen sonst vor Leuten wie ihm verbarg, lag zusammengeklappt direkt neben ihrem Getränk auf dem Bartresen. Ohne Anstalten zu machen, weiter nach ihrer Brille zu greifen, deutete sie nur mit der Nasenspitze in die Richtung, in der diese neben ihrem Cocktail lag. Ohne Worte teilte sie ihm überlegen mit, dass sie nicht die Absicht hegte, ihre Augen erneut vor ihm zu verbergen. Lauernd wartete sie auf den Überraschungsmoment, mit dem sie den Grabscher gleich endgültig schachmatt setzen würde.
„Was für eine Überraschung“, hörte Heitzfeldt eine bekannte Stimme sagen und drehte sich verärgert um.
„Sie hier, Chef?“, fragte die sympathische Stimme von Florian Sonnenschein, der als Feuerwehranwärter erst vor kurzem von der Jugendfeuerwehr zu den aktiven Feuerwehrmännern gewechselt war und dessen einfühlsame Erklärungen Elena an der Weiche zu schätzen gelernt hatte.
„Troll dich, du Weichei, das ist mein Date“, fuhr Heitzfeldt den Jungen an, der eine gute Figur hatte und viel sportlicher als sein Chef war.
„Nein, besser „Sie trollen sich, weil Sie Ihr mir abgepresstes Treffen gerade schon hatten und zum zweiten Mal alles gründlich vermasselt haben“, sagte Elena kühl, griff nach ihrem Glas und schüttete den Rest ihres Getränks auf Ex in sich hinein. „Komm, Florian, wir haben heute noch etwas vor. Etwas, an einem Ort, an dem für deinen schmierigen Chef kein Platz ist …“ Mit ihrem Langstock voran tat sich vor Elena zwischen den Tanzenden eine Schneise auf. Zügig tastete sich die Blinde mit dem jungen Adonis, den sie gerade abschleppte, durch die Menge hindurch zum Ausgang des Clubs vor. Heitzfeldt sah dem beschwingt von dannen ziehenden Paar völlig perplex nach und beobachtete mit ungläubig aufgeklapptem Mund, wie sein Feuerwehrzögling mit seiner Flamme Hand in Hand in eine vielversprechende Nacht verschwand.
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„Bist du dir eigentlich ganz sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte Florian mit leiser Stimme. Eine Mischung aus ehrlicher Faszination und akuter Überforderung schwang darin mit. Die automatischen Türen der Trambahn-Linie 12 an der Haltestelle Leonrodplatz klappen mit einem lauten Zischen hinter ihnen zu. Die Verlegenheit schnürte ihm die Kehle ab. Einerseits stand er neben einer unglaublich attraktiven Frau, deren tätowierter Körper eine ihn verunsichernde Anziehungskraft auf ihn ausübte, die er noch nicht einordnen konnte. Andererseits war sie blind. Er hatte panische Angst davor, sich tollpatschig zu verhalten. Wie sollte er bloß mit ihr reden? Er wollte sie auf keinen Fall mit einer unüberlegten Frage wegen ihrer Behinderung verletzen.
Elena lachte leise auf. Es war ein dunkles, rauchiges Geräusch und zog ihn am Arm mit sich durch die schwankende Bahn. Die Spitze ihres Blindenstocks, die aussah, als sei am Ende des Hilfsmittels ein Golfball angebracht worden, tastete sich, vor ihr herpendelnd, an den Gestellen der Sitze voran. „Du fragst dich gerade wohl, ob du eine Blinde überhaupt fragen darfst, ob sie den Weg weiß, oder?“, erwiderte sie schmunzelnd und steuerte zielsicher auf die Doppelsitze zu, die sich im hinteren Teil der Tram befanden.
„Ehrlich gesagt … ja … ein bisschen zumindest“, gab Florian leise zu und presste sich verlegen neben sie an den Rand des Sitzpolsters, weil er sie nicht bedrängen wollte. Seine breiten Schultern wirkten in der engen Bahn fast ein wenig deplatziert. Die Tram rumpelte weiter in Richtung Romanplatz und Florian blickte verlegen auf seine Hände. „Ich will einfach nicht unhöflich oder gar taktlos sein … So eine Situation hatte ich noch nie und ich fühle mich irgendwie hilflos.“
Elena drehte den Kopf exakt in seine Richtung. Obwohl ihre Augen ihn nicht fixieren konnten, spürte Florian ihre intensive Aufmerksamkeit. „Du musst keine Eierschalen-Taktik bei mir anwenden, Florian“, raunte sie. Das Licht der vorbeiziehenden Straßenlaternen ließ ihre silbernen Piercings aufblitzen. „Ich beiße nicht. Es sei denn, ich will es. Was genau beschäftigt dich denn gerade?“
Florian schluckte schwer und suchte nach den richtigen Worten. „Es ist einfach alles so neu für mich …“, gestand er leise. „Normalerweise mag ich es ganz anders. Eigentlich stehe ich auf sensible, eher zierliche Typen. In der Jugendfeuerwehr habe ich mich um einen Kameraden gekümmert, der klein und zierlich war. Er war ständig das Gespött von Machos wie Heitzfeldt. Wir sind enge Freunde geworden und haben uns einander Halt gegeben. Ich mag es einfach, einfühlsam zu sein und behutsam die Führung zu übernehmen, wenn mein Partner das braucht. Aber bei dir … du bist so unheimlich stark und autark.“
Elena lächelte weich, denn sie schätzte Florians Offenheit und sagte sanft: „Keine Sorge, ich überlasse ganz sicher keinem Mann das Ruder, Florian. Ich brauche keinen Beschützer. Meine Stärke hat aber nicht zwangsläufig zur Folge, dass ich keine Zärtlichkeiten mögen könnte. Als Frau, die Frauen liebt, weiß ich ganz genau, wie es ist, sich fallen zu lassen, sich sanft zu streicheln und die Haut des anderen ganz behutsam zu erkunden. Man muss keine Rollenspiele spielen, um sich nah zu sein.“
Florian spürte, wie ihm beim Lauschen ihrer Worte ein schwerer Stein vom Herzen fiel. Die Trambahn bremste ab und die elektronische Durchsage kündigte den Romanplatz an.
„Komm, Florian! … Schnell raus, hier müssen wir nach Laim umsteigen“, sagte Elena, stand geschmeidig auf und reichte ihm die Hand. „Lass uns einfach schauen, wohin uns der Abend führt.“
„Der Nachtbus in Richtung Laim steht schon da, Elena“, sagte Florian.
„Ach, nee“, sagte Elena, die Florian schon wieder im Schlepptau hatte, mit einer schnippischen Sprachmelodie und grinste frech. „Der steht wie immer auf drei Uhr, noch 35 Schritte und wir sind da.“ Im Bus suchte sie direkt die hintere Sitzreihe auf und platzierte Florian ganz eng neben sich. Beiläufig legte sie ihre beringte Hand auf seinen durchtrainierten Oberschenkel und spürte sofort die Hitze seiner Muskeln. „Und was fühlst du jetzt?“, fragte sie leise.
Florian hielt den Atem an. „Deine Hand ist unglaublich warm“, flüsterte er mit rauer Stimme. „Und mein Herz rast wie verrückt. Deine Worte vorhin … die haben mir die Angst genommen … Bevor ich mit dir gesprochen hatte, dachte ich bis jetzt, ich sei absolut schwul, aber … Wenn du es auch willst, würde ich das andere gerne mit dir erleben. Dich, die bezauberndste Frau, die mir jemals begegnet ist, ganz nah bei mir zu fühlen …“
„Wer sagt denn, dass man sich immer in Schubladen stecken muss?“, konterte Elena, während ihr Atem zart wie eine Feder über Florians Hals fächelte. „Lass uns heute Nacht einfach mal alle unsere in uns noch unentdeckten schlummernden Neigungen suchen und uns so erfinden, wie wir uns in dieser besonderen Nacht fühlen. Ganz ohne Druck. Nur spüren, fühlen und genießen und …“ Elena schluckte kurz: „Für mich ist das auch das erste Mal mit einem Mann und ich fühle, dass du genau der Richtige bist für diese Nacht, die uns viel Neues offenbaren könnte.“
Florian spürte, wie seine restliche Verklemmtheit dahinschmolz wie Eis in der gleißenden Sonne und legte seine Hand fest und warm über Elenas Finger. „Ich glaube … genau das will ich auch, Elena.“
„Dann sind wir uns ja einig“, lächelte die Blinde, als der Bus bremste. „Wir sind da. Die nächste Haltestelle ist unsere.“
„Hier wohnst du?“, staunte Florian, der das Nobelviertel, in dem Elena zu wohnen schien, bisher nur von einer Feuerwehrübung kannte, und folgte Elena. Sie schien sich in der elitären Umgebung wie in ihrer Westentasche auszukennen und steuerte auf eines der repräsentativen Anwesen zu, das sich neben anderen exklusiven Liegenschaften in der Straße befand. Hand in Hand stapften sie nur kurz durch die Dunkelheit der Neuburger Straße. Vor einem schmiedeeisernen Tor stoppte Elena und tastete nach dem Nummernfeld eines Codeschlosses, mit dem sie die Türflügel aufschwingen ließ. Nur wenige Schritte trennten sie noch von der verlassenen, an ein Dornröschenschloss erinnernden Villa eines verstorbenen Klavierbauers, die romantisch von Efeu überwuchert war. „Das ist doch nicht dein Ernst, Elena – wie um alles in der Welt kannst du dir so einen unglaublichen Luxus leisten?“, fragte Florian mit stockendem Atem, als er fassungslos auf das dicht bewachsene Grundstück starrte, in dessen Mitte ein hinter alten Bäumen versteckter Pool das Mondlicht in türkisfarbenen Schleiern reflektierte.
Elena lachte leise und schob das rostige Eisentor mit einer fließenden Bewegung weiter auf. „Glaubst du etwa, ich würde nachts heimlich Millionärsvillen knacken? Nein, dass ich hier wohnen darf, verdanke ich einem mir sehr wohlgesonnenen Förderer, dem ich einen kleinen Gefallen tat.“
„Ein Förderer?“, hakte Florian beunruhigt nach und folgte ihr, während seine Augen ungläubig den Kontrast zwischen dem wilden Garten und der schick illuminierten Anlage aufsogen. „Wer schenkt einer wildfremden Frau einfach so den Schlüssel zu einem solchen Palast mitten in Pasing?“
„Mein Nachbar von nebenan, Thomas Rivas“, erklärte Elena, während die Spitze ihres Blindenstocks, begleitet von einem leisen Tackern, an dessen Echo sie sich gut orientieren konnte, über den glatten Natursteinboden glitt. „Er ist ein ziemlich hohes Tier in der Münchner Politik. Seine Familie kommt zwar aus altem Geldadel, aber er engagiert sich stark im sozialen Bereich. Thomas hat eine Nichte namens Mia, die jetzt achtzehn ist und aktuell in Berlin lebt. Mia erlitt als Teenager bei einem schlimmen Mopedunfall in einem Stacheldrahtzaun das gleiche Schicksal wie ich. Mit sechzehn Jahren verlor sie in der Unglücksnacht, in der sie mit ihrer 125er von einem Unbekannten von der Straße abgedrängt wurde, beide Augäpfel und fand sich am nächsten Morgen auf der Intensivstation als Vollblinde im Leben zurück.“
Florian zuckte sichtlich zusammen. „Oh Gott, das ist ja furchtbar.“
„Ja, es war die Hölle für sie“, nickte Elena ernst. „Und das ist noch nicht alles. Mia fühlte sich damals schon, genau so wie ich, nur zu Frauen hingezogen. Als Thomas mich vor vielen Monaten zufällig mitten in München traf und merkte, wie taff, autark und selbstbewusst ich mein Leben als blinde Lesbe hier meistern kann, sprach er mich spontan an und lud mich auf einen Kaffee ein. Er erzählte mir von seinen Sorgen mit seiner Nichte und ich munterte ihn damit auf, dass ich so, wie ich bin, auch das Nachtleben hier auf meine Art in vollen Zügen genieße. Da sah er unverhofft eine Chance für seine Nichte. Fast zehn Jahre älter als Mia stehe ich fest im Leben und habe meine Blindheit längst als einen Teil von mir akzeptiert. Auch, dass ich im Umgang mit Sehenden schon lange keine Berührungsängste mehr habe, war Rivas, bevor wir die ersten Worte gewechselt hatten, gleich aufgefallen. Der eigentliche Eye-Catcher, also der erste Eindruck, den er von mir bekam, war, wie ich schnell raffte, nur die Oberfläche, also das, was er zuerst von mir sah. Aber mir war auch sofort klar, dass er ein Gentleman alter Schule und nicht so ein Widerling wie dein Chef Heitzfeldt ist. Thomas wollte, dass ich Mias Mentorin werde. Diese alte Villa hat er eigentlich speziell für seine Nichte hochmodern und absolut barrierefrei umbauen lassen. Weil Mia aber erst einmal weiter in Berlin bleiben will, darf ich das Haus als Gegenleistung kostenlos nutzen. Mindestens so lange, bis Mia vielleicht doch irgendwann nach München umziehen will, darf ich bleiben, und wenn sie zu Besuch da ist, haben wir auch jetzt schon viel Spaß zusammen.“
„Warte mal … Thomas Rivas?“, unterbrach Florian sie erstaunt, während sie dem dampfenden Wasser immer näher kamen. „Der Name sagt mir was … Von dem habe ich bei meinen Einsätzen und Schulungen bei der Feuerwehr schon gehört. Der Typ ist im Stadtrat unter anderem für die Feuerwehr zuständig und gilt als verdammt einflussreich. Mein Chef Heitzfeldt kriecht vor dem regelrecht im Staub, wenn der zur Inspektion kommt.“
„Siehst du, die Welt ist klein“, schmunzelte Elena und blieb direkt am Beckenrand stehen, wo das türkisfarbene Licht ihre Tätowierungen und die silbernen Piercings geheimnisvoll funkeln ließ. Ihr Gesicht Florian zugewendet, tastete sie nach seinen Händen, die sich schweißnass anfühlten und auch etwas zitterten, und obwohl sie ihn nicht sehen konnte, lag eine intensive, erotische Spannung in der Luft. „Aber lass uns jetzt nicht über alte Stadträte oder die Feuerwehr reden, Florian. Wir haben im Bus eine Abmachung getroffen. Du wolltest wissen, wie es sich anfühlt, mich zu berühren, und ich bin auch ganz scharf drauf, mir den ersten Mann in meinem Leben ganz genau anzusehen.“
Florian schluckte schwer. Das warme Prickeln des feuchtwarmen Wasserdampfs legte sich auf sein Gesicht, doch sein Herz raste aus einem ganz anderen Grund. „Ich will es, Elena. Mehr als alles andere. Aber um ehrlich zu sein … ich habe immer noch Angst vor dem, was vor uns liegt. Bisher war ich mir mein ganzes Leben lang so sicher, dass ich absolut schwul bin. Ich kenne nur die Körper von Männern und wie sie reagieren … Jetzt vor dir zu stehen, vor einer so … unbeschreiblich sexy aussehenden Frau, das bringt mein ganzes System durcheinander. Ich weiß überhaupt nicht, wie man eine Frau richtig berührt.“
Elena trat einen Schritt näher, sodass Florian die intensive Wärme ihres Körpers spüren konnte. „Glaubst du vielleicht, mir geht es anders?“, raunte sie, und ein Hauch von Verletzlichkeit mischte sich in ihre taffe Stimme. „Ich liebe Frauen. Ich stehe auf zärtliches Streicheln, auf das langsame, behutsame Erkunden unter Mädchen. Ich habe noch nie einen Mann an mich herangelassen, geschweige denn einen so gut trainierten, jungen Feuerwehrmann wie dich. Hinzukommt, dass ich meine Rolle heute Nacht genauso wie du deine hinterfrage. Alles ist neu und ich weiß noch gar nicht, wie das gehen soll, weil ich dich im Gegensatz zu dir nur dort sehen kann, wo meine Fingerkuppen deinen Körper berühren. Und ja, ich spüre diesen kleinen Funken Angst vor dem Unbekannten vielleicht sogar ähnlich wie du. Aber ist nicht genau das auch etwas, das uns die Nacht, die vor uns liegt, besonders prickelnd und aufregend macht? Lass uns einfach die alten Schubladen vergessen. Keine Regeln. Keine Erwartungen. Nur wir beide.“
Florian sah sie an, und jede verbliebene Verklemmtheit, jede Angst vor einem tollpatschigen Fehler schmolz unter ihren direkten Worten dahin. Ihr gegenseitiges Geständnis der Unsicherheit hatte die Luft zwischen ihnen nur noch elektrisierender aufgeladen. Er wollte spüren, wie es sich anfühlt, wenn Elena sich seinen Körper ansieht, und er wollte auch spüren, wie sich ihre weiche Haut unter seinen Händen anfühlte. Dezent lud der Infinity-Pool die beiden mit einem leisen Plätschern durch die nächtliche Stille dazu ein, sich für einen Sprung ins kühle Nass zu entkleiden. Der sanfte Wasserdampf stieg wie feiner Nebel in das fahl scheinende Mondlicht auf. Der Dunst tanzte vor den verwitterten, majestätischen Rundbogenfenstern der alten Gründerzeit-Villa. Florian spürte, wie die kühle Nachtluft auf seiner erhitzten Haut ein intensives Prickeln hinterließ, während er den Reißverschluss seiner Jacke von einem metallischen Zirpen begleitet so öffnete, dass auch Elena wahrnehmen konnte, was er tat.
„Lass uns die Kleidung hier am Beckenrand zurücklassen“, raunte Elena, deren Atem dabei als warmer Hauch über Florians nackte Schulter wehte. Mit fließender und vollkommen selbstverständlicher Eleganz schälte sich Elena vor Florians Augen aus ihrer Lederjacke und befreite ihre kleinen Titten von dem dunklen Top, das ihre Piercings vor ungewollten Blicken verborgen hatte. Im sanften, türkisfarbenen Schimmer, der aus der Tiefe des Pools nach oben strahlte, zeichneten sich die Konturen ihrer gewagten Tätowierungen messerscharf auf ihrer Haut ab. Auch die anderen silbernen Piercings an ihrem Körper fingen das Licht ein und glitzerten über ihren Körper verteilt wie Sterne in der Dunkelheit.
„Du bist … unglaublich schön, Elena“, brachte Florian nur mühsam heraus. Seine Stimme klang rau vor Verlangen. Seine Augen saugten den Anblick ihres sexy Körpers regelrecht auf. Jede verbliebene Hemmung, jede Verklemmtheit, die ihn im Bus noch gequält hatte, war wie weggewischt. Zurück blieb nur eine faszinierende, magnetische Anziehungskraft, die er in dieser Form noch nie für eine Frau empfunden hatte.
„Ich weiß, wie ich mich anfühle, Florian“, erwiderte sie mit einem leisen, zutiefst verlockenden Lächeln und trat einen Schritt näher an den Rand des Pools. „Aber jetzt will ich spüren, wie das warme Wasser uns einhüllt. „Komm“, sagte sie und glitt als Erste in die lauwarme Sole des Salzwasserpools hinein. Das türkisfarbene Nass umschloss ihren Körper mit sanftem Plätschern und brachte die Ringe an ihren kleinen Schamlippen zum Schweben. Florian folgte ihr ohne Zögern. Als das aufgeheizte Wasser seine Muskeln berührte, stieß er einen tiefen Atemzug aus. Der Kontrast zwischen der kühlen Münchner Nachtluft und der wohligen Wärme des Pools war berauschend. „Hier drüben“, flüsterte Elena und streckte ihre Arme nach ihm aus.
Florian bewegte sich auf sie zu, bis seine breite, durchtrainierte Brust die ihre berührte. Behutsam, genau so, wie sie ihm ihr Sehen beschrieben hatte, legte er seine Hände wie Federn an ihre klatschnassen Wangen. Seine Daumen strichen ganz zärtlich über ihre Jochbeine, spürten die feinen Konturen ihres Gesichts. Elena seufzte leise auf, während ihre Fingerkuppen jedem Detail von Florians feingeschnittenem Gesicht folgten. Sie genoss die ehrliche, fast ehrfürchtige Behutsamkeit, mit der dieser große, starke Mann sie berührte.
„Deine Hände sind so sanft, Florian“, flüsterte sie und tastete mit ihrer Zunge nach seinen Lippen. „Ganz anders als die grobe Art, die man von Typen wie Heitzfeldt befürchten muss.“
Unter Wasser suchten Florians Beine instinktiv den Kontakt zu den ihren und als seine Eier über Elenas Oberschenkel strichen, sprang sein Schwanz wie von einem Stromstoß elektrisiert genau in Elenas Handflächen, die noch vorsichtig nach Unbekanntem tastend über Florians Intimbereich im Wasser schwebten.
„Ich will dir nicht wehtun, aber ich will dich auch spüren“, gestand er mit klopfendem Herzen. Seine Hände wanderten langsam an ihrem Hals hinab, strichen über ihre nassen Schlüsselbeine und folgten den Linien ihrer Tätowierungen auf den Schultern. Die Feuchtigkeit des Wassers ließ seine Finger mühelos über ihre weiche Haut gleiten, und jeder Millimeter Berührung, mit der er sich ihren Schamlippen näherte, die wie Schmetterlingsflügel im Wasser schwebten, sandte eine Welle elektrisierender Erregung durch ihre Körper.
Elena war zurückgezuckt und legte ihre Hände auf Florians muskulösen Oberarmen ab. „Sorry, das wollte ich nicht“, murmelte Elena, die Florians Glied nicht so derb begegnen wollte. Den Fehler für das Missgeschick suchte sie bei sich und zog ihn aber im gleichen Moment noch ein Stück enger an sich heran. „Du machst das perfekt. Vergiss den Kopf, Elena. Lass dich einfach von dem treiben, was du fühlst“, antwortete Florian und gab ihr sein bestes Stück vorsichtig in ihre Hände.
Ihre Lippen fanden sich in einem ersten, vorsichtigen und unendlich zärtlichen Kuss. Es war kein stürmisches Drängen, sondern ein behutsames Erkunden, ein tiefes Einlassen auf das Unbekannte. Florians Herz raste, als sich ihre Zungen trafen und das Prickeln zwischen ihnen zu einem lodernden Feuer heranwuchs. Das warme Wasser des Infinity-Pools schien sie von der restlichen Welt abzukapseln, während sie sich im Schutz der verlassenen Klavierbauer-Villa ganz ihrem neuen, leidenschaftlichen Begehren hingaben.