On Stage – Live-Sex im Rampenlicht
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»Du kommst aus Irland?«, fragte der angetrunkene Mann die brünette Frau, neben der er an einem Bartresen hockte. Die Finger seiner rechten Hand hatten sich um den dicken Henkel eines Bierkruges gelegt, dessen Inhalt munter im Bass der Musik vibrierte. Seine Augen, himmelblau und auffallend hübsch, wirkten trübe und zeugten davon, dass der Alkohol sich deutlich in seinem Körper ausgebreitet hatte.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte sie und versuchte, dem Typen zum bereits zweiten Mal zu erklären, dass sie in Deutschland geboren worden war und nur ihr Vater irische Wurzeln hatte. Der Mann hörte ihr mit schwankendem Oberkörper zu. Und während sie sprach, wusste sie anhand seines Gesichtsausdruckes, dass er es auch dieses Mal nicht verstehen würde. Sie atmete tief durch. Sah sich um und suchte nach bekannten Gesichtern.
Das Licht in der kleinen Kiezbar
war gedimmt. Rauchschwaden hingen in der Luft und der Geruch von Zigaretten und Bier war allgegenwärtig. Sie nippte an ihrem Guinness, das ihr der Mann, passend zu ihrer vermeintlichen Herkunft, gönnerhaft ausgegeben hatte, und stellte es auf den klebrigen Tresen zurück.»Und wie heißt du?«
Plötzlich musste die Frau grinsen. Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, den Schalk in ihr zu unterdrücken. Wie so oft, wenn die Frage nach ihrem Namen ins Spiel kam. Denn dieser war selten und beim ersten Mal schwierig auszusprechen.
»Das sage ich dir nicht.«
Der Mann wirkte enttäuscht und zog eine betrunkene Schnute. »Wieso nicht? Bedankst du dich so dafür, dass ich dir ein Bier …«
»Ich meinte, dass ich meinen Namen nicht sage«, unterbrach sie ihn. »Ich zeige ihn dir. Und du musst ihn dann richtig aussprechen.«
Unter seinem fragenden Blick kramte sie in ihrer Handtasche und zog einen Mitgliedsausweis hervor.
»Eine Karte aus dem Fitnessstudio?«
»Warum denn nicht? Meinen Perso zeige ich dir sicherlich nicht. Wegen der Adresse und so.«
»Schade«, erwiderte der Mann knapp. Er griff nach der Karte, doch sie war schneller und klemmte sie zwischen ihren Handflächen ein.
»Nicht so hastig. Zuerst die Regeln.«
»Regeln?«
»Jupp! Es soll doch spannend werden.«
Er legte die Stirn in Falten und zögerte. Aber dann nickte er. »Erzähl.«
»Okay«, bestätigte sie. »Ich zeige dir den Namen. Wenn du ihn beim ersten Versuch korrekt aussprichst, bekommst du einen Kuss. So richtig auf den Mund. Und mit Zunge.«
Ihr Gegenüber schnappte hörbar nach Luft. Für den Bruchteil einer Sekunde verschwand das Betrunkene aus seinem Gesicht und wich absoluter Klarheit. »Und wo ist der Haken?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Schaffst du es nicht, geht auch die nächste Runde auf dich.«
Er musterte sie argwöhnisch. »Ist dein Name so schwer?«
»Er ist selten. Und das reicht manchmal schon. Also?«
»Klingt nach einer Falle«, überlegte der Mann. Sie konnte deutlich sehen, wie es hinter seiner Stirn ratterte. Ihr Grinsen wuchs.
»Was kannst du schon verlieren?«, motivierte sie ihn. »Allenfalls fünf oder sechs Euro für ein Bier. Gemessen an dem, was du gewinnen könntest, ein kleiner Einsatz, nicht wahr?«
Der Mann nickte langsam. Scheinbar zog dieses Argument, das ihr in ihrem Leben schon so manches Freigetränk beschert hatte. »Okay. Zeig her.«
Sie gab die Karte frei. Er schnappte sie sich direkt.
»Aber denk daran. Du hast nur einen Versuch. Überlege also gründlich.«
Der Mann las das, was auf der Karte geschrieben stand. Sein Gesicht verfinsterte sich. Sie grinste breit, stützte ihren Kopf auf den gefalteten Händen und sah ihn begierig an. »Soll ich dem Barkeeper schon einmal einen Wink geben?«
Der Mann grummelte. Kniff die Augen zusammen. Konzentrierte sich. Seine Lippen bildeten stumme Wörter, die es nie laut in ihr Gehör schafften. Sie nutzte die Zeit und genoss sein süßes Aftershave, das sich wie ein dünnes Tuch über den
Bieratem legte.»Na ja, zumindest dein Nachname ist einfach. Connor.«
»Aber der allein ist nur die halbe Miete. Also?«
Er musterte sie. Für einen flüchtigen Moment huschten seine Augen über ihren Mund, den er wahrscheinlich gerne küssen würde. Dann seufzte er, hob die Hand und winkte den Barkeeper herbei, der gerade klimpernd Eiswürfel in ein Cocktailglas beförderte. »Das brauche ich gar nicht erst versuchen. Ein Guinness?«
Sie nickte und trank eilig aus. »Willst du noch nicht einmal raten?«
Er schüttelte den Kopf und legte den Ausweis auf den Tresen. Neben einem ausgeblichenen Foto und dem Logo des Studios prangte ihr Name. Siobhan Connor.
»Er wird bestimmt nicht so gesprochen, wie er gelesen wird, nicht wahr?«
Sie bejahte. »Ihn deutsch zu lesen, könnte falscher kaum sein.«
»Und wie dann?«
»Na ja. Der Name ist irisch. und heute eher selten. Du sprichst die beiden Silben so: Schiv-on.«
»Schiv-on?«
Siobhan nickte. »Jupp. Schiv-on.«
Plötzlich legte sich von hinten etwas Schweres auf sie und sie wurde mit dem Bauch an die Kante des Tresens gedrückt.
»Sio, da bist du ja«, johlte eine ihr bekannte Männerstimme. »Wir dachten schon, dass wir dich verloren hätten.«
Sie stemmte sich dem Gewicht entgegen, das sich als Max entpuppte, dessen Arme sich überschwänglich und mutig vom Alkohol um sie gelegt hatten. Sie konnte ein Kichern nicht unterdrücken und sah ihrem Wettpartner, der das Geschehen etwas dümmlich dreinschauend verfolgt hatte, amüsiert an. »Selbst Max kann meinen Namen nicht aussprechen und nennt mich einfach Sio«, begann sie dem Mann zu erklären. »Es ist ja nicht so, als würde er mich seit knapp fünf Jahren kennen …«
»Du kannst sie auch Johanna nennen«, johlte Max, dessen dunkles, vor Stunden noch gestyltes Haar etwas wirr zu allen Seiten abstand. »Das ist das deutsche Gegenstück zum irischen Original.«
»Kann ich«, begann der nun sichtlich verwirrte Mann zu stammeln, »nicht vielleicht doch den Kuss …«
»Neee«, unterbrach Siobhan ihn gedehnt. »Regeln sind Regeln.«
In diesem Moment servierte der Barkeeper die Getränke. Sie nahm ein Glas. Zum Trinken kam sie jedoch nicht. Max packte ihre Hand und zog sie mit sich. »Komm, die anderen warten.«
Sie flog beinahe vom Barhocker. »Hey!«, rief der Mann ihnen hinterher. »Ihr, ähm, war’s das jetzt?«
Siobhan warf ihm einen letzten, entschuldigenden Blick zu, dann verschwand er auch schon aus ihrem Sichtfeld. Max hatte Kraft, das musste sie ihm lassen. Sie stolperte und lachte, während sie versuchte, das Glas zu retten. Obwohl der ihres Chefs groß und eher schlaksig war, verbarg sich hinter seinem feinen Hemd und der dunklen Chinohose eine Wucht, die sie so noch nie gespürt hatte. Es fiel ihr schwer, ihm nachzueilen und dabei nichts von dem Bier zu verschütten.
»Siooooo«, brüllte es vielstimmig im Chor, als die beiden schließlich vor vier weiteren Männern zum Stehen kamen, die sich unter einem grün-blinkenden Notausgangsschild gegen die Wand gelehnt hatten. Sie sah in freudestrahlende und zugegeben ziemlich angetrunkene Gesichter. »Wo warst du so lange? Du wolltest doch nur aufs Klo!«
Sie zuckte mit den Schultern. »Na ja, das stimmte auch. Aber mich hat dann so ein Typ angesprochen. Und der hat mir ein paar Bier ausgegeben.«
Nun, das war nur die halbe Wahrheit. Ja, sie hatte Getränke bekommen. Doch angeredet hatte sie den Kerl. Nicht, weil er ihr besonders gut gefallen hatte. Wirklich nicht. Er war einfach nicht ihr Typ gewesen. Aber das hatte in diesem Moment nicht gezählt. Irgendwie … war ihr danach, etwas zu riskieren. Etwas zu starten. Und tief in ihrem Inneren war sie sogar enttäuscht darüber, dass ihr Gönner ihren Namen nicht aussprechen wollte. Wer weiß, vielleicht hätte er einen Glückstreffer gelandet. Ihn richtig formuliert. Einen Kuss bekommen. Und danach hätte sie sich gut gefühlt. Nicht der Romantik wegen. Sondern einfach nur als Bestätigung dafür, dass sie es konnte. Das auch sie, Siobhan Connor, die Macht hatte, einen fremden Menschen Intimität zu schenken. So wie Maik, seines Zeichens ein mieser Küsser, der ihr das Herz …
Sie riss sich zusammen. Verscheuchte den Namen, den sie seit neuestem mit Schmerz und Kummer verband, aus ihren Gedanken. Besann sich auf den Abend und die gute Stimmung, die herrschte. Freute sich darüber, dass sie mit ihren Lieblingskollegen beieinander war. Dem letzten Überbleibsel einer ausgelassenen Firmenfeier, die nach ihrem offiziellen Ende im Altonaer Rathaus auf der Hamburger Reeperbahn in ihre zweite Runde ging.
»Wir dachten schon, dass wir unsere einzige Frau verloren hätten«, meldete sich Marten mit seiner rauen Stimme zu Wort. Er war von Beruf Elektromeister und der Älteste unter den verbliebenen Kollegen. Er hatte Siobhan in puncto Job zu dem geformt, was sie heute darstellte. Dreieinhalb Jahre lang war sie als Auszubildende an seiner Seite gewesen und hatte ihren Gesellenbrief überwiegend ihm und seiner fachlichen Expertise zu verdanken. Niels und Lars, jung und ungeschliffen und wie sie ebenfalls Elektriker, nickten zustimmend. Max, der Junior-Chef des Elektrounternehmens und Henry, ein Mitarbeiter aus der Koordination. Selbst mit seinen verkrampft lässig ausgewählten Klamotten konnte er den »Ich arbeite im Büro«-Vibe nicht ablegen. Sie sagten etwas, das im Wummern der Musik unterging.
Siobhan lächelte ihre männlichen Kollegen an. Fühlte sich behaglich und in Gegenwart dieser Kerle, die sie seit Jahren kannte und liebgewonnen hatte, pudelwohl. Ein Gedanke, der jäh in ihrem Kopf explodierte, ließ ihr Herz verkrampfen.
Nur noch dieser Abend. Nur noch wenige Stunden. Dann werde ich sie nie wieder sehen.
2.
Die Gruppe rund um Siobhan beschloss, die Lokalität zu wechseln. Auch wenn sie die alternative Musik in der Kneipe gern mochte und nicht den Drang verspürte, in die kühle Hamburger Nacht einzutauchen, legte sie kein Veto ein. Stattdessen folgte sie ihren Kollegen, die sich lachend und jauchzend durch einen engen Gang zum Ausgang drängten.
Draußen angekommen, begrüßte die Gruppe eine seltsame Witterung. Einerseits war es mit etwas über zehn Grad relativ warm. Erst recht, wenn man den sterbenden Winter noch in den Knochen hatte. Andererseits war es nicht mild genug, um auf schwere Kleidung zu verzichten. Siobhan trug aus diesem Grund eine schwarze Daunenjacke, die ihr bis zu den Knien reichte.
Da sie nicht vollends als Frostködel durchgehen wollte, verzichtete sie darauf, den Reißverschluss zu schließen. Das hatte zudem einen netten Nebeneffekt: Sie gab einen aufreizenden Blick auf die Glanzstücke ihres Kleiderschrankes preis.
Da war ihr Crop-Top. Pechschwarz und an den kurzen Ärmeln mit eleganter Spitze verziert. Darunter ein schmaler, freier Streifen Haut, der die glatte Kontur ihres Bauches andeutete. Ihr Minirock, der in seinem speziellen Schnitt eher an High-Waist-Shorts erinnerte, zog in seiner ledernen Optik die Blicke auf sich. Aus dem Rock ragten ihre schlanken Beine, gehüllt in seidig-schwarze, leicht transparente Overknee-Strümpfe, die in gleichfarbigen Stiefeln dicht unterhalb ihres Knies verschwanden.
Sie fühlte sich in ihrem Outfit sexy. Sehr sogar. So sehr, dass sie lange mit sich gehadert hatte, ob sie für eine Firmenfeier angemessen gekleidet war. Und tatsächlich hatte sie sich von den Frauen, die an der weiten Tafel im Rathaus gesessen und gespeist hatten, deutlich abgehoben.
Normalerweise mochte sie diese Art der Aufmerksamkeit nicht. War stets damit zufrieden, unauffällig in der zweiten Reihe stehen zu können. Kleidete sich modisch, aber züchtig. Zumindest war es so immer gewesen, bis dieser Mistkerl …
Sie riss sich aus ihren Gedanken. Verbot sich, an Maik zu denken, der an diesem Abend schon zu viele Kapazitäten ihres Denkvermögens verschwendet hatte. Erinnerte sich stattdessen an die Blicke ihrer männlichen und weiblichen Kollegen, die ihr in den letzten Stunden zugeflogen waren. Wenn sie genauer darüber nachdachte, stellte sie fest, dass die meisten wohlwollend gewirkt hatten. Und das schenkte ihr ein erhabenes Gefühl, das sie bis dato nicht gekannt hatte. Und dass ihr, wenn sie ganz, ganz ehrlich zu sich war, zu gefallen begann.
Wie, um die letzte Überlegung zu bestätigen, steckte sie die Hände in die Taschen der Daunenjacke und führte ihre Arme unauffällig auseinander, sodass sich das Kleidungsstück ein paar Zentimeter weiter öffnete und mehr von dem preisgab, was sich dahinter verbarg.
Sie sah sich verstohlen um und bemerkte, wie die Blicke ihrer jungen Kollegen nach und nach zu ihr huschten, um ihren Körper zu scannen. In ihr kribbelte es vor Aufregung und sie hatte das rare Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden. Sie verstand noch nicht, was genau sie empfand. Ob sie es genoss, oder ob es ihr missfiel. Eines war sicher: Etwas machten diese Blicke mit ihr. Als sie jedoch registrierte, wie ihr Mentor Marten, der die fünfzig bei Weitem überschritten hatte und somit ihr Vater hätte sein können, einen Moment zu lange ihre Brust betrachtete, wurde aus dem angenehmen Kribbeln etwas Brennendes. Sie straffte automatisch die Schultern und hob das Kinn. Schamerfüllt wendete sie sich von ihm ab, jedoch ohne ihm zu verstehen zu geben, dass sie seinen Blick bemerkt hatte.
»Was jetzt?«, fragte Henry, der an einer Straßenlaterne lehnte, mit den Händen in den Taschen. Er wankte leicht und Siobhan vermutete, dass er nicht nur der Lässigkeit wegen nach Halt suchte – sondern diesen ernsthaft brauchte. Der Alkohol hatte die Gruppe fest im Griff, auch wenn die kühle Nachtluft zumindest ihre Gedanken etwas klärte.
Max sah auf die Uhr und präsentierte im Anschluss das leuchtende Display seiner Smartwatch. »Wir können um ein Uhr doch nicht ins Bett gehen, oder?«
Zustimmendes Gemurmel erhob sich und Siobhan war froh darüber, dass die Jungs noch weitermachen wollten. Die Gruppe beschloss, nach einer weiteren Bar zu suchen. Oder nach einem Club. Oder nach einem Karaoke-Schuppen, wie Lars es nannte. Die Vorschläge waren vielfältig.
Sie setzten sich in Bewegung. Schwankten und torkelten über den feuchten Gehweg und passierten weitere Nachtschwärmer. Wurden umhüllt von dumpfen Bässen diverser Kneipen und Lokale, lautem Gejohle und Geschrei der feierwütigen Meute, die die Nacht zum Tag machte.
Es roch nach Regen, Alkohol, Zigarettenrauch und fettigem Essen. Neben den Bars kamen sie an Dönerbuden, Burgerläden und Kiosken vorbei. Neonlichter spiegelten sich in schmutzigen Pfützen und an jeder Fläche, sei es Laternenmasten, Stromkästen oder dergleichen, klebten die verrücktesten Aufkleber. Hunderte Leute säumten die Wege. Tranken und schwatzten. Knutschten und stritten. Im Hintergrund heulten Polizeisirenen. Die Hamburger Reeperbahn lebte.
»Ab in die Freiheit?«, fragte Niels und deutete mit ausgestrecktem Finger in eine breite Seitenstraße. Dort befanden sich auf beiden Seiten Dutzende Möglichkeiten, weitere Drinks zu sich zu nehmen. Bunte Leuchtreklamen und flackernde Schriftzüge warben um die Gunst potenzieller Gäste.
»Die Dame entscheidet«, skandierten die Elektrogenossen. Die Blicke fielen auf Siobhan, die aufgrund der unerwarteten Aufmerksamkeit zu Kichern begann.
»In die Freiheit!«, rief sie tiefkehlig, zeigte theatralisch auf ihr Ziel und setzte sich in Bewegung. Die Gruppe tauchte ein in eine bunte Welt. Vermischte sich mit den Gestalten des Kiezes, integrierte sich in einen Fluss aus Menschen, die von der Verheißung einer tollen Nacht vorangezogen wurden. Von beiden Seiten steckten ihnen Männer und Frauen eines jeden Alters Werbeflyer von irgendwelchen Clubs und Kneipen zu. Versuchten, die Gruppe abzufangen und mit Getränkegutscheinen in Pubs zu locken. Sie passierten Striplokale und das eine oder andere Bordell. Leicht gekleidete Damen, die hin und wieder an Hauswänden und Laternen lehnten, schenkten den Kollegen verführerische Blicke. Einige von ihnen sprachen sie sogar an. Versuchten sich im Stil einer Sirene einen Zugang zum Herzen und schlussendlich zum Portemonnaie des Mannes zu verschaffen.
Siobhan und Marten hatten ihre Mühen, die Jünglinge unter Kontrolle zu halten. Doch irgendwie fand sie es witzig. Sie genoss es, die Scham und Lust in den Augen ihrer Kollegen zu beobachten. Amüsierte sich darüber, wie verzweifelt diese manchmal versuchten, den Prostituierten und ihren heißen Angeboten zu widerstehen. Erst, als sie diesen Kampf zu verlieren drohten, schritt Siobhan zur Rettung ein.
Kichernd zogen sie weiter und stoppten erst wieder, als sie von einer jungen Blondine in enger Latexkleidung abgefangen wurden.
»Kostenlose Shots gefällig?«
»Kostenlos ist immer gut«, bestätigte Henry dumpf und richtete sich den Krawattenknoten. Siobhan biss sich auf die Unterlippe und wusste, dass mit dieser Antwort die Saat gesät war. Die Blondine überreichte ihm und im Anschluss allen anderen jeweils ein kleines, glänzendes Kärtchen, das in großen Lettern Tequila zum Nulltarif versprach. Die Männer nickten begeistert, was wahrscheinlich auch daran lag, dass die Frau jeden beim Überreichen der Karten auffällig direkt über die Hände strich.
»Die Gutscheine könnt ihr da vorne einlösen«, rief sie kaugummikauend, um die allgegenwärtige Musik zu übertönen, und deutete an Siobhan vorbei. Trotz ihrer hellen Stimme hatte sie den typischen Kiez-Ansager-Ton. »Sie sind nur eine Stunde gültig.«
Eine übliche Lockmasche. Das war sofort klar. Und doch folgte die Gruppe ihrem Finger, an dessen Spitze sich ein langer, knallrot lackierter und mit funkelnden Steinchen verzierter Nagel befand. Dieser wies auf einen Eingang, der unscheinbarer kaum sein konnte. Zwar thronte über diesem ein auffälliger Schriftzug in rot leuchtenden Farben, alles andere jedoch war wenig spektakulär. Geflieste Wände, übersät mit Stickern aller Art. Drei Türsteher. Zwei schwere Topfpflanzen zu beiden Seiten. Ein schmuckloser, roter Teppich, der knapp einen Meter auf den Gehweg reichte und pitschnass war. Nicht gerade sehr einladend.
Siobhan musterte den Schriftzug. Boobs ’n’ Boners St. Pauli. Was für ein dämlicher Name. Erst beim zweiten Betrachten fiel ihr auf, dass die Os des Schriftzuges in ihrer Mitte leuchtende Nippel enthielten.
»Das ist ein Stripclub«, stellte sie überrascht fest. Die Blondine lächelte sie an.
»Mehr als das. Ein Wohlfühlhaus für und jung.«
Als sie Siobhans missbilligenden Blick bemerkte, fügte sie rasch hinzu: »Mit Bühnenshows für Männer und Frauen. Und wenn ihr am Eingang sagt, dass Lolly euch schickt, kommt ihr sogar kostenlos hinein.«
Die Kollegen sahen sich nachdenklich an. Siobhan rutschte das Herz in die Hose.
»Juuuungs«, seufzte sie gedehnt und befürchtete bereits das Schlimmste. »Muss das sein?«
Das Letzte, was sie an diesem besonderen, finalen Abend in Hamburg wollte, war ein Besuch in einem Stripclub. Ihr war eher nach Tanzen zumute. Tanzen und trinken. Wenn es sein musste, sogar Karaoke. Aber ein Stripclub?! Sie wollte sich mit Anstand von ihren langwierigen Wegbegleitern verabschieden. Vielleicht war es an der Zeit, ihnen endlich zu gestehen, dass sie sich bald …
»Ich kann dir garantieren«, zog Lollys Stimme ihre Aufmerksamkeit auf sich, »dass wir beiden Geschlechtern etwas bieten. Wir haben eine Bühne mit geilen Shows. Stripper und Stripperinnen. Es wird getanzt, verzaubert und performt. Wir haben eine tolle Bar, Tischbedienung und so weiter. Ihr dürft bei uns rauchen, wenn ihr es wollt. Wir haben günstige Wasserpfeifen, die ihr euch mieten könnt. Und denkt an die Gutscheine.«
Lolly sah in hin und her gerissene Gesichter. Sie setzte ein breites Lächeln auf. »Okay, ich setze noch einen drauf.«
Sie zog aus einer Bauchtasche einen weiteren Gutschein. »Eine Flasche Sekt. Ebenfalls gratis.«
»Na, wenn das mal keine Argumente sind«, lachte Max und zu Siobhans Entsetzen stimmte Marten zu. Lolly wirkte glücklich und hopste auf den Füßen auf und ab, was ihre Brüste, eingezwängt in strammes Leder, in ekstatische Bewegungen versetzte. Als wäre dies das letzte und ultimative Überzeugungsargument gewesen, leuchteten nun alle Gesichter, Siobhans ausgenommen.
»Das ist doch doof«, meckerte sie, während Lolly sich verabschiedete und bereits die nächste Opfer-, äh, Männergruppe ins Visier nahm. »Ich will da nicht rein.«
Allerdings stieß sie mit ihrer Missgunst auf taube, von Brüsten und Bier verzauberte Männerohren. Ihre Stimmung sank in den Keller. Vielleicht war es angebracht, diese Chance zu nutzen, den anstehenden Schlussstrich zu ziehen. Sollten ihre Kollegen doch in den Club gehen. Sie würde es nicht tun. Sie würde sich verabschieden. In ihr warmes Bett zurückkehren. Für ein allerletztes Mal, bevor es im Umzugswagen verschwand. In ein Bett, das mit seiner Breite für zwei Personen bestimmt gewesen war. Zwei Personen, die es seit Kurzem nicht mehr als Paar gab.
Siobhan schluckte, als ihr bewusst wurde, dass in ihrer Wohnung nur Trauer und Wut warteten, die das Wort Maik als Überschrift trugen. Sie schniefte leise, was im Wummern der Musik unterging.
Nein – sie wollte nicht nach Hause. Auf keinen Fall. Sie brauchte Ablenkung. Ansonsten würde sie wieder stundenlang heulen, bis ihre Augen so rot und verquollen waren, dass sie nichts mehr sehen konnte.
»Sio«, drang Lars Stimme an ihr Ohr. Sie sah ihn aus leicht wässrigen Augen an. »Ein Vorschlag: Wir gucken uns den Schuppen einmal an. Saufen die Shots und den Sekt. Dann ziehen wir weiter, wenn es uns nicht gefällt.«
Die Männer sahen sie an. Lächelten ihr wohlwollend zu. Marten klopfte ihr väterlich auf die Schulter. Der Widerstand in ihr bröckelte. Der Wunsch, nicht allein und in Gegenwart ihrer Lieblingskollegen zu sein, war zu stark. Also gab sie nach.
»Überredet«, murmelte sie, was niemand hören konnte. Doch die Jungs schienen die Bewegungen ihrer Lippen und den Ausdruck in ihrem Gesicht richtig gedeutet zu haben. Max legte seinen langen Arm um ihre Schulter. Schon steuerte die Gruppe, gefangen in einer euphorischen Bierlaune, direkt auf das blinkende Tittenschild zu.
3.
Das Boobs ’n’ Boners hatte von innen zum Glück mehr zu bieten, als es von außen den Anschein gemacht hatte. Hinter der Eingangstür lag ein gepflegter Korridor, an dessen beiden Wandseiten halbhohe und meterlange Spiegel angebracht waren. Die Flächen waren übersät mit Hand- und Fingerabdrücken sowie feinen Kratzern, die von einem langen Leben zeugten. Während Siobhan ihren witzelnden Kollegen über einen roten und auffallend hochflorigen Teppich hinterhertrottete, der jegliche Schrittgeräusche schluckte, prüfte sie ihr Spiegelbild.
Mit geübten Griffen zupfte sie verirrte Haarsträhnen zurecht, die sich aus der brünetten Masse, die ihr bis zu den Schultern reichte, gelöst hatten. Ihr rundes Gesicht wirkte müde, doch das war zu dieser Uhrzeit nichts Ungewöhnliches.
Sie musterte ihre Augen. Die Smokey-Eyes, die sie erst seit kurzer Zeit in diesem Stil schminkte, gefielen ihr von Tag zu Tag besser und verliehen ihrem Auftreten etwas Verruchtes, Erwachsenes.
Die Gruppe näherte sich einer Doppelflügeltür, die vollständig mit rotem Leder bezogen war. Eine Vielzahl polierter, kupferfarbener Nieten, die im Rautenmuster angeordnet waren, sowie dumpf pochende Musik schürten Erwartungen an das, was hinter der Tür auf die Besucher wartete. Ein kleines Schild neben der Tür verriet, dass es sich um einen Raucherclub handelte, was den vorherrschenden, süßlich-kalten Aschegeruch erklärte. Siobhan seufzte.
Je näher die Männer der Tür kamen, desto beherrschter wurden sie. Irgendwie schien sich eine Art der Ehrfurcht wie ein Vorhang über sie zu legen und schaffte es sogar, das betrunkenes Gehabe zu kaschieren. Marten, der sich seinem Alter entsprechend am reifsten verhielt, trat neben Siobhan und warf ihr einen besorgten Blick zu. »Vielleicht können wir die Jungs noch überreden, woanders hinzugehen.«
In seiner Stimme lag absolute Aufrichtigkeit. Genau diese rücksichtsvolle Art war es, die sie an ihm und seiner Lehrmethode immer zu schätzen gewusst hatte. Er hatte sie nie angeschrien, bepöbelt oder schikaniert. Selbst, wenn sie großen Mist verzapft hatte, half er ihr dabei, diesen zu richten, anstatt sie stundenlang zu belehren. Bei dem Gedanken, dass sie Marten in wenigen Stunden nie wieder sehen würde, stach es in ihrem Herzen.
»Ach, ist schon okay«, murmelte sie und sperrte ihren Kummer in eine dunkle Ecke ihres Seins. »Vielleicht wird es sogar ganz nett. Und hey, du bist doch bestimmt auch neugierig, oder?«
Marten grinste flüchtig und legte den Kopf schief. Siobhan wusste, dass er glücklich verheiratet war. Und das schon seit knapp dreißig Jahren. Sie kannte sogar seine Frau, eine , rundliche Person, die voller Sanftmut steckte. Und sie wusste außerdem, dass das Paar dem jeweils anderen eine lange, wirklich sehr lange Leine ließ. »Ich komme nur mit, um die Jungs davor zu schützen, über die Stränge zu schlagen.«
Siobhan lachte und knuffte ihm gegen die Brust. »Ja, ja! Du mich auch!«
»Woll’n wir?«, unterbrach Max, der die Hand bereits auf der Klinke hatte. Die Kerle johlten. Sio und Marten lächelten verhalten. Als der Juniorchef die Tür schließlich öffnete, veränderte sich die Geräuschkulisse sofort und sie betraten eine andere Welt.
Farblich dominierte das Rot. Es nahm den großen, quadratischen Saal vollkommen ein. Kam von der Decke aus gefärbten Lampen. Von den gewellten Vorhängen, die den fensterlosen Raum von oben bis unten abhingen. Vom Boden, dessen hölzerner Belag blankpoliert war. Von den kreisrunden Tischen, von den Stühlen, von der Bühne, die auf der dem Eingang gegenüberliegenden Raumseite lag, von überall. Siobhan stockte der Atem.
Die Luft war dick und es roch nach Rauch. Doch nicht so schlimm, dass es unangenehm war. Sie warf einen Blick zur Decke und stellte fest, dass in gleichmäßigen Abständen zweigeteilte Rohröffnungen platziert waren, die den blauen Dunst absaugten und durch saubere Luft ersetzten. An der rechten Seite befand sich eine Bar, die sich fast über die komplette Wandseite erstreckte. Hunderte – nein, Tausende Flaschen säumten diese in langen Regalreihen, die bis unter die Decke reichten. Eiswürfel klirrten und Shaker schepperten. Etliche Barkeeper, Siobhan zählte insgesamt sieben, wuselten fleißig umher, zapften Bier, mixten Drinks und unterhielten die Wartenden.
Die Tische standen dicht an dicht und um jeden waren mehrere Stühle angeordnet. Die Freiräume dazwischen waren gerade einmal breit genug, um es den Besuchern und Kellnerinnen zu ermöglichen, von A nach B zu kommen.
»Ob wir hier überhaupt einen Platz bekommen?«, übertönte Henry besorgt die Musik und ließ seinen Blick über die Menschenmenge schweifen. Siobhan, die mit absoluter Sicherheit wusste, dass dieser Raum wahrscheinlich mehr Leute enthielt, als brandschutztechnisch zugelassen waren, teilte seine Sorge nur halbherzig. Vielleicht hatte sie ja doch noch Glück und sie waren dazu gezwungen, aufgrund des Platzmangels die Location zu wechseln. Als jedoch eine , sehr knapp bekleidete Angestellte vor die Gruppe trat, verflog ihre Hoffnung rasch.
»Sechs Gäste?«, fragte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten, wies sie den Trupp mit einer energischen Handbewegung an, ihr zu folgen. Sie zwängten sich zwischen Stühlen und Tischen hindurch, immer dem aufreizend wackelnden Po der Dame hinterher. Berührten eine Vielzahl fremder Menschen, stießen gegen Kellner, die vollbepackte Tabletts transportierten, rochen Parfüm, Schweiß und Tabak.
Siobhan fragte sich, wie die Frau es schaffte, sich einen Überblick in diesem Gedränge zu verschaffen. Ihr selbst war es zu voll. Zu viele Körper, schoss es ihr in den Kopf. Da drehte sich die Einweiserin zu ihnen um und lächelte freundlich. »Ein Tisch für sechs.«
Und tatsächlich, als sie einen Schritt zur Seite trat, befand sich da eine Sitzgelegenheit. Ein runder Tisch mit einem Durchmesser von knapp einem Meter, in dessen Mitte eine LED-Lampe stand, die – wie sollte es anders sein – rotes Licht verstrahlte. Die Gruppe bedankte sich. Max zeigte die Gutscheine vor, die die Frau ihm wissend abnahm und sofort verschwand.
»Gibt es hier eine Garderobe?«, fragte Siobhan und sah sich um, doch etwas Derartiges konnte sie nicht entdecken.
»Die anderen haben ihre Jacken über die Stühle gelegt«, beantwortete Lars die Frage und deutete auf den Nachbartisch. Sio zuckte mit den Schultern, zog die Daunenjacke aus und tat es ihnen gleich. Kaum hatten sie sich niedergelassen, war die Platzanweiserin, die scheinbar auch als Kellnerin ihr Geld verdiente, wieder da.
Sie stellte ein Tablett auf dem Tisch ab, das winzige Tequilashots sowie die versprochene Sektflasche und dazu passende Gläser enthielt. Eine Minute später stießen sie an. Der Tequila brannte Siobhans Kehle hinunter. Sie bekam an den Armen eine ordentliche Gänsehaut, verzog angewidert das Gesicht und schüttelte sich. Hitze breitete sich in ihrem Bauch aus. Die Jungs knallten ihre Gläser auf den Tisch und johlten. Marten brauchte zwei Ansätze, um den Shot zu leeren, was ihn sofort die freche Bezeichnung »Müder Opi« einbrachte. Während Niels den Sekt einschenkte, nutzte Siobhan die Chance, sich weiter umzusehen.
Ihr Tisch stand in zweiter Reihe zur Bühne, die sie bis dahin kaum beachtet hatte. Sie glich einem halbrunden Podest, das etwa einen Meter hoch und sechs Meter breit war. Über ihr hingen Dutzende Scheinwerfer, einige rot, andere warmweiß leuchtend. Sie warfen ihr Licht auf ein ausladendes Sofa, das an der von schweren Stoffen verhangenen Rückwand stand. Zu beiden Seiten der Bühne befanden sich zwei unscheinbare Holztüren. Und eine dieser Türen öffnete sich in dem Moment, als sie klirrend die Sektgläser aneinanderschlugen.
Sofort veränderte sich die Musik. Sie wurde direkter. Lauerte nicht mehr im Hintergrund, sondern verführte mit rhythmischen Klängen. Die roten Scheinwerfer erloschen, was den weißen augenblicklich mehr Macht verlieh. Das Licht schwenkte um und lenkte seinen Schein zu der Frau, die sich lasziv in den Türrahmen gelehnt hatte. Als die Gäste sie bemerkten, brach freudiges Jubeln aus.
Auch Siobhans Kollegen stimmten in die Kulisse mit ein, was sie nicht verwunderte, denn sie erkannte in der als Harley Quinn verkleideten Tänzerin die Frau wieder, die ihnen vor einer knappen halben Stunde die Gutscheine angeboten hatte. Eine männliche Stimme erklang per Lautsprecher, laut und leicht übersteuert. »Ihr kennt sie. Ihr liebt sie. Ihr wollt sie.«
Bei den letzten Worten brüllte er fast. »Und sie ist heute besonders wild und ungezähmt. Und wir danken dem Joker von Herzen, dass er sie uns für einen Moment ausgeliehen hat. Hier ist L-L-Lollyyyy!«
Der Jubel explodierte. Es klang, als würde eine gigantische Welle an die Küste schlagen. Siobhan war beeindruckt und vermutete, dass die Tänzerin regelmäßig im Boobs ’n’ Boners auftrat.
Lolly stolzierte im Takt der Musik zur Bühnenmitte. Sio musste zugeben, dass das Kostüm, das die Blondine trug, außerordentlich sexy war. Es bestand aus einem löchrigen, weißen Top, das unglaublich eng anlag und ihre Oberweite gekonnt in Szene setzte. Über die Schultern hatte sie lässig eine geöffnete Jacke in Blau und Rot gelegt. Stachelige Lederbänder zierten die schmalen Handgelenke. Die Hotpants, knalleng und weiß, waren mit bunten Farbsprengseln verziert. Lange Beine, die in zerfetzten Kniestrümpfen steckten, gingen in protzige, stachelbesetzte Punk-Stiefel über. Ihr knallroter Lippenstift war gewollt verschmiert und der Eyeliner scharf wie eine Messerklinge.
»Alter«, hörte Siobhan Niels keuchen, als sich Lolly, aka Harley Quinn, mit dem Rücken zum Publikum aufbaute, sich tief hinab beugte und so ihren strammen Hintern präsentierte. Vielleicht wird das ja doch noch ganz lustig, dachte Sio und musterte die Gesichter ihrer Kollegen, deren Mimiken allesamt zwischen Erregung und Ekstase feststeckten.
Sie musste zugeben, dass sie von dieser Seite ihrer Kameraden nicht viel wusste. Klar, ab und an sprachen sie mal über andere Dinge als nur die Arbeit. Über Romantik, Beziehungen und Sex. Doch dieses Gerede war eben das, was es war: Gerede. Jetzt live Lust und Erregung in den Gesichtern der Menschen zu lesen, mit denen sie sich seit Jahren Firmenwagen, Pausenräume und Baustellen geteilt hatte, war etwas Neues.
Lolly startete ihren Tanz. Stolzierte selbstbewusst und energisch über die Bühne, was Siobhan einen gewissen Respekt ihr gegenüber abforderte. So viel Mut und Selbstvertrauen wünschte sie sich selbst auch. Sie sah sich um und überflog das Publikum. Hundertfünfzig, vielleicht knapp zweihundert Augenpaare klebten an Lolly und ihrer Performance, was die Tänzerin nicht im Geringsten zu beeindrucken oder zu verunsichern schien. Siobhan hingegen hatte schon Probleme, wenn sie in der Berufsschule vor zwanzig Mitschülern ein Referat halten musste – und da war sie angezogen. Nicht so wie Lolly, die sich ihrer Jacke entledigte und diese lässig über ihren Kopf kreisen ließ, bevor sie fliegend ihren Weg aufs Sofa fand.
Max stieß Lars an und deutete zur Bühne. Sio verstand nur: »Nippel.«
Sie folgte dem Finger und suchte – bis ein Spot genau in dem Moment über Lollys Brust strich. Ein winziger, rosiger Halbmond blitzte aus einem fransigen Loch hervor. Die Jungs grölten vor Begeisterung wie pubertäre Teenager.
Der Tanz wurde heißer, die Bewegungen lasziver. Als auch das weiße Oberteil zu Boden fiel, johlte das Publikum. Zwei anständige Brüste, ganz ohne BH und dergleichen, verzauberten die anwesenden Männer. Selbst Siobhan musste zugeben, dass Lollys Vorbauten eine sagenhafte Form hatten. Sie waren etwa Honigmelonen groß, straff und trotzten der Schwerkraft scheinbar mühelos. Sio suchte an der Unterseite nach sichtbaren Operationsnarben, die auf Implantate hindeuteten. Doch als sie diese nicht fand, musste sie anerkennen, dass die Dinger echt waren. Wäre sie ein Mann, nun, dann würde sie Lolly und ihren Körper superhot finden …
Die Tänzerin deutete ins Publikum und winkte jemanden zu sich, den Siobhan nicht sehen konnte. Doch kaum ein paar Sekunden später erschien ein Kerl am Fuße der Bühne, den Lolly zu sich hochkomplimentierte. Der Typ, offenbar ein Gast, was sein leicht schwankender Gang und das dümmliche Grinsen in seinem Gesicht verrieten, nahm die Einladung an. Während er hochkletterte, trug ein Angestellter einen mit rotem Stoff bezogenen Stuhl heran und stellte ihn in der Bühnenmitte ab.
Der Gast wurde von Lolly zu ebenjenem Sitzmöbel geführt. Er ließ sich nieder und sah zu der Frau auf, die barbusig vor ihm stand und beide Hände auf seine Schultern gelegt hatte. Dann startete der richtige Tanz.
4.
Lolly drehte sich und präsentierte dem Mann ihre Rückseite. Sie beugte sich vor, was ihm einen vollen Blick auf ihren Hintern ermöglichte. Sie wackelte mit den Backen und gab dem Typen zu verstehen, dass er anfassen durfte. Siobhan konnte aufgrund ihrer Nähe zur Bühne deutlich erkennen, dass er vor Aufregung die Luft anhielt. Sein Gesicht lief rot an, doch dann traute er sich und streckte beide Hände aus. Als sie endlich auf Lollys Po landeten, hob sie langsam den Zeigefinger an den Mund und ließ die Zunge in einer trägen und eindeutigen Bewegung darübergleiten.
Sie trat einen Schritt vor und setzte ihren Tanz fort. Ließ die Hüften kreisen und verschmolz mit dem Rhythmus der Musik. Der Mann fraß jede ihrer Drehungen mit den Augen und wäre diese Welt ein Comic, würde er wahrscheinlich sabbern. Siobhan konnte die lüsterne Gier in seinem Blick genau erkennen und musste sich eingestehen, dass sie an seiner Stelle und mit einem Penis ausgestattet ähnlich angestachelt sein würde.
Lolly wandte sich dem Mann zu und trat an ihn heran. Sie beugte sich hinab, führte die Hände zwischen seine Knie und drückte diese auseinander, sodass er breitbeinig vor ihr saß. Er sah voller Erwartung zu ihr auf. Sie kam noch näher. Ihre Brüste berührten seine Stirn, was ihn freudig zucken ließ.
»Der hat bestimmt ne Hammerlatte«, hörte Siobhan Max mit Lars tuscheln und musste grinsen. Automatisch flog ihr Blick in den Schritt des Bühnengastes, doch dort war nichts zu erkennen.
Lolly sagte etwas zu dem Kerl, dieser nickte und legte abermals die Hände auf ihren Po. Er knetete die Backen. Wanderte nach vorn, nestelte an der Schleife ihrer weißen Hotpants und löste diese. Er sah zu der Tänzerin auf, sein Blick war eine stumme Bitte. Lolly nickte und leckte sich langsam über die Lippen. Der Mann schluckte nervös, dann hakten sich seine Finger unter den Saum und zogen den Stoff herab.
Die Hotpants wichen blasser Haut und scharfer Hüftknochen. Glatt und ohne einen erkennbaren Makel. Leichter Glanz verriet, dass es unter dem Bühnenlicht warm sein musste. Stück für Stück kam ein wohlgeformter Po zum Vorschein, der dort, wo der Mann zugepackt hatte, geringfügige Rötungen aufwies.
Das Publikum johlte und klatschte, forderte lautstark, dass die Hotpants endlich ganz verschwinden sollten. Und der Mann auf dem Stuhl spielte mit. Zog den Stoff vollständig herunter, sodass er an den Stiefeln hängen blieb. Lolly stieg aus den Öffnungen und mit einer lässigen Bewegung ihres rechten Beines flog die Hose zur Seite.
Die Tänzerin trug nur noch ihre Strümpfe und einen Tanga, der kaum mehr als ein Hauch Stoff war. Doch auch dieser wich schnell. Der Mann — motiviert und vom Publikum aufgeputscht — hatte die heiße Unterwäsche rasch entfernt. Die Strümpfe und Stiefel jedoch blieben, und das war, gemessen an den Blicken der Kerle ringsherum, offenbar ziemlich sexy.
Lolly gab Vollgas. Tanzte und drehte sich, baute Dehnungen und Posen ein, die wirklich alles zeigten. Besonders gelungen fand Siobhan, dass ihr getrimmtes Schamhaar ebenfalls blau eingefärbt war und somit zur von ihr dargestellten Harley Quinn passte. An einer der Schamlippen glänzte ein silbernes Piercing. Im Scheinwerferlicht blitzte das Metall jedes Mal auf, wenn sie die Hüfte drehte — und Sio spürte das Ziehen allein beim Hinsehen.
»Das muss doch weh getan haben«, murmelte Sio und versuchte sich vorzustellen, wie schmerzempfindlich das Stechen an dieser Stelle wohl sein musste. Instinktiv presste sie ihre Oberschenkel aneinander, als würde sie sich selbst vor einer solchen Erfahrung schützen wollen.
»Was?«, fragte Marten, der sich zu ihr beugte und offenbar dachte, dass sie mit ihm gesprochen hatte.
»Das Piercing«, erklärte Siobhan laut. »Das muss doch unheimlich weh tun, oder?«
Marten grinste nur und zog die Schultern nach oben. Dann wandte er sich wieder der Show zu und Sio kam nicht umher, in seinem Blick eine gewisse Gier festzustellen. Sie trank ihren Sekt aus, der mittlerweile warm geworden war. Als sie die Kellnerin erblickte, die an ihrem Tisch vorbeikam, bestellte sie eine Runde Bier für alle.
Lollys Tanz wurde schneller. Und körperlicher. Sie rieb ihre Attribute an dem Mann, der dummgrinsend auf Wolke sieben schwebte. Sie hielt ihm die Brüste ins Gesicht, zwischen denen er sich fest vergrub. Dann drehte sie sich und gestattete ihm, dasselbe mit ihrem Hintern zu machen. Im Anschluss ließ sie sich mit geschlossenen Beinen nieder und senkte ihren Po auf seine Oberschenkel. Erst verharrte sie in dieser Position, dann lehnte sie sich zurück und schmiegte sich an ihn. Ihre Wangen berührten sich und etwas von Lollys Lippenstift wechselte die Seiten.
Der Gast nutzte die Gelegenheit und ließ beide Hände über ihre Vorderseite gleiten. Spielte mit den Brüsten. Siobhan fragte sich, ob er nicht zu ungestüm vorging, denn zumindest aus ihrer Position wirkte es, als würde er ordentlich zudrücken. Doch die Tänzerin verzog keine Miene, öffnete sogar die Beine und gab abermals die volle Sicht auf ihr Lustzentrum preis. Was dann geschah, überraschte Sio. Lolly führte eine Hand zwischen die Schenkel und ließ sie über die Schamlippen und die Klitoris kreisen.
Hitze schoss ihr in den Hals — nicht aus Lust, sondern aus dem rohen Bewusstsein, einer Fremden so nah bei ihrer Selbstbefriedigung zuzusehen. Sie musterte ihre Kollegen, die das Schauspiel gebannt verfolgten. Beinahe hätte sie dem Impuls nachgegeben, zwischen den Beinen ihrer Männer nach Spuren einer Erektion zu suchen, doch verbat sie sich dies im letzten Moment.
»Ist sowas normal?«, rief sie Marten zu, der abermals mit den Schultern zuckte. »Ziemlich intim, oder nicht?«
Max, der sein Handy gezückt hatte, nickte plötzlich.
»Ich habe mal gegoogelt«, übertönte er brüllend die Musik. »Das hier ist ein Club, in dem es nicht nur Tänze gibt.«
»Nicht nur Tänze?«, wiederholte Siobhan. Ihr Kollege nickte.
»Jo. Die bumsen hier auch.«
»Nicht dein Ernst!«, erwiderte Sio perplex. »Live? So richtig live auf der Bühne?«
»So steht es hier.«
»Krass. Mit Zuschauern?«
Max scrollte und las. Dann setzte er seine Erklärung fort. »Mal mit Gästen aus dem Publikum. Mal mit gebuchten Darstellern. Je nach Programm.«
Siobhan hielt beeindruckt die Luft an. Ihre Gedanken rasten. Sie fragte sich, ob sie an der Stelle des Mannes als Amateur zu einer solch öffentlichen zur Schau gestellten Intimität fähig wäre. Und sie spann die Überlegung weiter. Könnte ich auf dieser Bühne Sex haben?
Sie schüttelte den Kopf. An so etwas hatte sie noch nie gedacht. Mit einem Mal fühlte sie sich unendlich fehl am Platz.
»Handys sind hier verboten!«, erklang die strenge Stimme der Kellnerin, die plötzlich neben ihnen stand. Sie trug ein Tablett mit sechs Bierflaschen. »Weg damit.«
»Sorry!«, murmelte Max fast unhörbar und steckte das Gerät hastig ein. »Ich wusste das nicht.«
Die Kellnerin deutete auf eine Reihe von Schildern, die tatsächlich das Verbot jeglicher Elektronik verkündeten. Diese waren Siobhan selbst aber auch nicht aufgefallen.
»Wir wollen nicht, dass das, was hier passiert, irgendwo im Netz zu finden ist.«
»Sorry«, wiederholte der des Firmenchefs reumütig. »Ich habe nur etwas recherchiert. Wirklich.«
Die Kellnerin funkelte ihn böse an, ließ ihn dann aber vom Haken und kassierte bei Siobhan das Geld für die Getränke. Als auch der Rest der Kollegen bemerkte, dass neuer Alkohol auf dem Tisch stand, jubelten sie, bedankten sich und prosteten ihr eilig zu. Max versuchte, der Bedienung auf eine ziemlich plumpe Art und Weise Trinkgeld anzubieten. Scheinbar wollte er sich von seiner Handysünde freikaufen, doch die Dame verstand das Angebot offenbar falsch und machte sich grummelnd von dannen.
»Mach dir nichts draus«, lachte Siobhan und tätschelte die Schulter ihres Kollegen. »Bei der hast du halt verkackt.«
Unterdessen veränderte sich das Schauspiel auf der Bühne. Lolly hörte auf, sich zu befriedigen. Sie griff stattdessen nach der Hand des Mannes und führte sie zwischen ihre Beine. Es war deutlich zu erkennen, dass er sie zu Beginn äußerst vorsichtig betastete und beflissentlich darauf achtete, nichts falsch zu machen.
Bei Lolly hatte sich unverkennbar eine gewisse Nässe eingestellt, mit der der Mann begeistert spielte. Er ließ seinen Zeigefinger zwischen die Lippen gleiten und massierte dann die Klitoris. Die Tänzerin schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und stöhnte, was aufgrund der Musik unhörbar war. So ging es ein oder zwei Minuten weiter. Die Menge jubelte entflammt.
Siobhan fiel auf, dass sich selbst die weiblichen Gäste im Umkreis königlich amüsierten, und fühlte sich plötzlich kindisch streng. Und diese Tatsache war es, die ihr die Augen öffnete. Ich muss lockerer werden, dachte sie — und zwang sich, den Moment anders zu lesen. Weniger zu kritisieren oder zu verurteilen. Stattdessen versuchte sie fortan, das Geschehen auf der Bühne als das zu sehen, was es war: Unterhaltung. Also ließ sie los, lehnte sich zurück und kicherte leise. Wie, um ihren neuen Entschluss zu untermauern, steckte sie zwei Finger in den Mund und Pfiff.
»Siobhan!«, hörte sie Henry rufen, der sie von der Seite positiv entgeistert ansah. Sio brach in schallendes Gelächter aus und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.
Plötzlich erhob sich Lolly, drehte sich um 180 Grad und ließ sich auf die Knie sinken.
Ob bewusst oder unbewusst: Sio konnte nur raten. Lolly schob ihr Gesäß so in Richtung Publikum, dass ihre Ritze vollkommen blank lag. Die Gäste sahen alles. Feuchte Schamlippen, einen hellen Anus und ein winziges Tweety-Tattoo, das auf der rechten Backe prangte. Die Menge pfiff und applaudierte. Johlte und tobte, während Lolly damit begann, die Jeans des Mannes aufzuknöpfen.
In dessen knallrot anlaufendem Gesicht stand die pure Überraschung geschrieben. Und als die Tänzerin eine Hand unter das Kleidungsstück schob, verkrampfte er sich zunehmend. Sein Blick flog verunsichert und schamerfüllt über das Publikum. Er fühlte sich sichtbar unwohl, erst recht, als sie den Hosenbund in Richtung Knie zu ziehen begann.
Der Mann sagte etwas, das unhörbar in der Musik unterging. Die Stripperin setzte ihre Arbeit fort und hatte die Jeans so weit bewegt, dass eine schwarze Trunks zum Vorschein kam. Unter dieser zeichnete sich eine deutlich sichtbare Beule ab, die nun von der Frau massiert wurde.
Doch der Bühnengast gebot ihr Einhalt. Legte seine Hand auf ihre und verhinderte so, dass er vollständig entblößt wurde. Die Stimmung im Publikum veränderte sich. Das Johlen ebbte ab und machte frustrierten Rufen Platz. Siobhan sah sich um und entdeckte eine vielfältige Stimmungsmischung in den Gesichtern der Gäste. Einige lachten amüsiert, andere wiederum wirkten wütend und enttäuscht. Jeder hat halt eigene Ansprüche, bewertete Sio das Ganze und musste sich eingestehen, dass sie gerne mehr gesehen hätte. Nicht, weil der Kerl ihr gefiel. Auch stand sie nicht auf Frauen und war daher nicht an Lolly interessiert. Dennoch wäre es interessant gewesen zu sehen, wie Sex auf der Bühne aussah. Eine reizvolle, neue Erfahrung. Ein Porno direkt vor ihren Augen. Maik würde sich hier wohlfühlen, drang es in ihren Kopf und augenblicklich verfinsterte sich ihr Blick. Wieder hatte sie nicht verhindern können, dass ihre Gedanken zu diesem Arschloch abgedriftet waren. Sie ballte die Hände zu Fäusten und war froh, dass Marten sie aus ihrem Nachdenken holte.
»Scheinbar hat Mann hier sowas wie ein Vetorecht«, überlegte er lachend und beobachtete, wie der Bühnengast seine Jeans wieder an ihre Ursprungsposition zurückführte. Lolly, die sich unterdessen erhoben hatte, reckte dem Publikum mit trauriger Schnute einen abwärts gerichteten Daumen zu. Unter nur halb ernstgemeinten Buhrufen verließ der Mann die Bühne. Auch die Tänzerin verabschiedete sich winkend.
»Das war Lolly!«, verkündete die Männerstimme, während sich die nackte Frau durch eine der Türen an der Bühnenrückwand entfernte. »Wie immer sehr heiß! Und wenn Sie ihr Trinkgeld und einen netten Spruch dalassen wollen, können Sie dies wie gewohnt per QR-Code machen, den Sie am Ausgang und an der Bar scannen können.«
Das Publikum pfiff und klatschte. Auch Siobhan stimmte ein, während sie mit einem verstohlenen Seitenblick beobachtete, wie der ehemalige Bühnengast mit vor Scham gesenktem Kopf zu seinem Tisch zurückkehrte.
»Als Nächstes gibt es etwas für unsere weiblichen Gäste«, verkündete die Stimme und abermals jubelten Menschen, dieses Mal aber vermehrt die Frauen. »Bleiben Sie dabei. Und bestellen Sie fleißig. Da wir von Luft und Liebe allein nicht leben können, wäre es uns eine Freude, Ihnen einen angenehmen Rausch zu verpassen.«
Die Tanzmusik verklang in dem Moment, als hinter Lolly die Tür zufiel und wich einer ruhigeren Melodie, die sich im Hintergrund versteckte und gemütliche Gespräche zuließ.
»Gleich bekommst du auch mal etwas zu sehen«, fasste Max für Siobhan das Gesagte zusammen. Diese nickte und konnte sich ein erwartungsvolles Grinsen nicht verkneifen. Und so passierte es, dass nach gut fünf Minuten des Wartens und Trinkens abermals Musik einsetzte und sich eine der Bühnentüren öffnete.
Sio beugte sich gespannt vor.
»Liebe Herren, und vor allem: Liebe Damen!«, schrie es aus den Lautsprechern. »Sind Sie bereit, den strengen Arm des Gesetzes zu spüren? Wenn dem so ist, machen Sie ordentlich Lärm für Rico! Und nur als Tipp von mir: Er hat Handschellen mit dabei! Seien Sie also ganz besonders lieb zu ihm …«
Das Getöse des Publikums schwoll zu einem Vulkanausbruch an. Und als sich tatsächlich die Konturen eines Polizisten aus dem Schatten der Bühnentür schälten, erklang ein euphorisches, vielstimmiges Kreischen. Als Siobhan den Mann besser erkennen konnte, zeigte sie lautstark ihre Begeisterung und saugte sich an dessen Optik fest.
Rico, das R hatte der Moderator heftig gerollt, war ein gut gebräunter Mann mit dunklem, fast schwarzem Haar. Es war an der Seite kurz geschnitten und oben länger. Es wirkte, als hätte er es sich mit den Fingern nach hinten gestrichen. Ein paar Strähnen fielen ihm lässig in die Stirn, unter der sich kräftige, aber gepflegte Augenbrauen befanden. Er hatte einen Drei-Tage-Bart, der ordentlich getrimmte Konturen aufwies.
Seine Polizeiuniform, im amerikanischen Stil gehalten, war von einem dunklen Blau. Von seinem Hemd waren lediglich die unteren Knöpfe geschlossen, sodass das Publikum einen Vorgeschmack von seiner kräftigen Brust und den kurzen, schwarzen Haarstoppeln bekommen konnte. Zudem war die Andeutung eines ausgeprägten Sixpacks zu erkennen.
Zu den nachtschwarzen Stiefeln trug er eine dunkle Hose, an deren Gürtel glänzende Handschellen baumelten. Siobhan kniff die Augen zusammen und las das Polizeiwappen, das sich an Brust und Armen wiederfand. Love Officer stand dort in goldenen Lettern geschrieben. Na, wenn das mal kein Versprechen ist, freute sie sich im Stillen.
Sie beobachtete fasziniert, wie der schöne Latino die Bühne betrat und einen strengen Blick ins feiernde Publikum warf. Dann löste er die Handfesseln von seinem Gürtel, hielt diese in die Luft und drohte den Gästen wortlos damit, diese zu benutzen. Wie auch immer er es anstellte, überlegte Siobhan, schaffte es Rico, den Anwesenden durch seine bloße Präsenz einen Heiden Respekt einzuflößen, der von absoluter Attraktivität und Maskulinität unterstrichen wurde.
Rico war hübsch. Sehr hübsch sogar. Dieses Fazit zog Sio schnell. Zwar war er nicht die Art Mann, mit der sie sich wünschte, zusammen zu sein. Dafür war er als Lustobjekt zu gut gestaltet und sie konnte ihn sich nur schwer als Familienvater, sondern eher als Playboy vorstellen, und diesen Typ Kerl mochte sie nicht. Aber an diesem Ort, im Boobs ’n’ Boners, konnte sie eine Ausnahme machen und die bloße Optik und Kraft eines Mannes in den Vordergrund stellen. Hier ging es um Genuss, nicht um Lebensplanung. Um Hitze und Leidenschaft, nicht um das Wechseln von Babywindeln. Also saugte sie weiter. Zog jeden Quadratmillimeter seines Aussehens in sich ein. Klatschte, pfiff, jubelte. Dabei ignorierte sie beflissentlich die Blicke ihrer Kollegen, die sie verwundert musterten, als hätten sie noch nie eine dahin schmelzende Frau gesehen.
Rico schwang die Hüften zu einer heißen, fremdländischen Musik, die soeben eingesetzt hatte. Die Handschellen befestigte er mit geübtem Griff wieder an seinem Gürtel. Wie ein vor Testosteron strotzender Gockel stolzierte er über die Bühne. Verführte mit Blicken und Bewegungen. Schwenkte seinen Po, bei dem Siobhan spontan die Lust bekam, ihre Nägel zu versenken.
Von Rico ging eine enorme Hitze aus. Er glühte fast, oder war es Sio, die so hochfeuerte? Dieser Zustand verstärkte sich, als er damit begann, auch den Rest seines Hemdes aufzuknöpfen. Der erste Eindruck des Sixpacks erhärtete sich, als der Stoff vollständig geöffnet war.
Ricos Blick glitt verführerisch durchs Publikum. Fast wirkte es so, als suchte er sich ein Mädel aus, dem er im Anschluss an die Show seine Nummer zustecken würde. Dabei trug er ein Lächeln, das vor Selbstbewusstsein, Mut und einem Hauch von Arroganz nur so triefte. Er wusste um sein gutes Aussehen, daran bestand für Siobhan kein Zweifel.
Er setzte seine Show fort. Tanzte, verzauberte, heizte ein. Dann beugte er sich hinab, löste in fließenden Bewegungen die Schleifen der Stiefel, woraufhin diese schnell von seinen nackten Füßen verschwanden. Er stolzierte um den Stuhl herum, auf dem zuvor das Opfer von Lolly verführt worden war. Spielte mit der Lehne, stellte einen Fuß auf die Sitzfläche und strich mit der Hand seitlich über sein Bein, bevor er sich selbst einen lauten Klaps auf den Hintern gab.
Siobhans Herz machte einen freudigen Sprung. Irgendwie schaffte es der Tänzer, mit dem, was er tat, ihren Geschmack zu treffen. Beinahe schämte sie sich dafür, dass sie einst einen Junggesellinnenabschied ihrer Freundin abgesagt hatte, nur weil im Voraus ein Stripper angekündigt worden war. Aus Scham hatte sie diese Entscheidung getroffen und hätte sich, da sie es nun besser wusste, selbst ohrfeigen können.
Rico legte Zeigefinger und Daumen an sein Kinn und tat so, als würde er über irgendetwas scharf nachdenken. Dabei wanderte sein Blick durch sein Publikum und Siobhan verstand, dass er eine Auserwählte für seine Show suchte. Fasziniert folgte sie seinen Augen und prüfte genau, auf welchem Typ Frau dieser länger hängen blieb. Sie stellte Überlegungen an, wie seine Herzensdame aussehen würde. Wahrscheinlich so wie er. Sportlich, gestylt, perfektioniert. Etwas künstlich und überzüchtet vielleicht. Mit langen, aufgeklebten Fingernägeln und übertrieben Wimpern. Viel Lippenstift und Botox in den Lippen.
Sein Blick glitt in Siobhans Richtung. Plötzlich bemerkte sie in ihren Augenwinkeln, wie Lars und Max miteinander tuschelten, woraufhin der des Firmenchefs aufsprang und wild mit den Armen wedelte. Sio lachte zunächst vor Verwunderung, da sie Max bis dato für einen Hetero gehalten hatte. Sich ihn zusammen mit dem Latino auf der Bühne vorzustellen war abstrus, vor allem, da dieser wahrscheinlich nur auf Frauen abfuhr. Erst in dem Moment, als Ricos Blick die Gruppe traf, verstand sie, was vor sich ging. Max warb nicht für sich selbst. Sondern deutete euphorisch auf Siobhan.
»Nein!«, schrie sie und zog an seinem Arm. Hitze schoss ihr ins Gesicht. Sie spürte, wie ihre Wangen aufglühten, als hätte jemand die Bühnenstrahler direkt auf sie gerichtet. Doch der des Chefs ließ sich nicht beirren. Winkte so, dass Rico es nicht übersehen konnte. Auch Henry erhob sich und stand seinem Kollegen bei, genau wie Lars und Niels. Nur Marten blieb sitzen, ein amüsiertes Grinsen im Gesicht.
»Eine Freiwillige!«, rief Rico und schaffte es, die Musik, die etwas heruntergefahren wurde, zu übertönen. Er rollte das R überdeutlich und schenkte Siobhan ein heißes Zwinkern. Diese winkte energisch ab und schüttelte den Kopf, dass ihr schwindelig wurde. Versuchte, die Aufmerksamkeit von sich zu schieben. Machte sich auf ihrem Stuhl so klein, wie sie nur konnte, und senkte den Blick. »Setzt euch gefälligst hin!«, keifte sie ihre Begleiter an, doch diese hörten nicht auf, für sie zu werben. Als sie ihren Kopf wieder hob, bemerkte sie schockiert, dass Rico noch immer zu ihr sah.
»Sie ist sooo schüchtern«, rief er und das Publikum lachte amüsiert. »Macht mal etwas Lärm für die junge Señorita in Reihe zwei.«
Die Menschen taten ihm den Gefallen. Klatschten und schrien laut. Auch Siobhan war nach Schreien zu Mute. Allerdings aus anderen Gründen.
»Wie heißt sie, wenn ich fragen darf?«
»Schiv-on«, schrie Max und wiederholte den Namen noch ein paar Male.
»Nun«, rief Rico, kam zum Rand der Bühne und ließ sich elegant an dieser hinab. »Dann komme ich halt persönlich rum.«
Der Polizist bahnte sich seinen kurzen Weg zu ihrem Tisch. Siobhan wedelte noch immer abwehrend mit den Händen. Das Letzte, was sie wollte, war auf diese Bühne zu steigen.
»Hola!«, begrüßte Rico sie, als er vor ihr stand und musterte sie unverhohlen von Kopf bis Fuß. »Uh, muy bonito.«
Er betrachtete sie gründlich. Das Lächeln hing dabei fest auf seinem Gesicht, als wäre es angenagelt. Dann streckte er ihr die Hand entgegen. Sie sah zu ihm auf. Glühte vor Scham. Max klopfte ihr auf die Schulter.
»Trau dich!«, redete er ihr ein. »Ist doch witzig. Und du kannst jederzeit wieder die Bühne verlassen. So wie der Lollys Kerl vor dir.«
»So ein Quatsch!«, antwortete Siobhan verlegen, konnte sich aber nicht von Ricos braunen Augen lösen. Dann startete er die Initiative, beugte sich vor und griff ihre Hand. Sofort zuckte so etwas wie ein elektrischer Schlag zwischen den beiden Körpern hin und her. Und dieser hatte es in sich. Sio schluckte hilflos. Der Blick des Mannes vor ihr war pure Anziehung.
»Wo hast du gelernt, dich la policía zu widersetzen?«
Sie zuckte mit den Mundwinkeln und sah sich verunsichert um. Leute, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, feuerten sie an und ermutigten sie mit Gesten, Pfiffen und hochgereckten Daumen. Sie spürte, wie hunderte Augenpaare auf ihr lagen. Ihr Magen zog sich zusammen, als hätte jemand an einem unsichtbaren Faden gezogen.
»Sio! Sio! Sio!«
Ihre Kollegen heizten sie an. Selbst Marten stimmte mit ein.
»Gönn dir mal was«, motivierte Max sie. Sie sah erst ihn, dann den Tänzer an, der ein charmantes Lächeln auf den Lippen trug, das mit Sicherheit schon so manche Dame aus ihren Klamotten gerissen hatte.
In Siobhan tobte ein Kampf zwischen Scham und dem Drang, etwas Neues zu versuchen. Und hey, war es nicht das, was sie wollte? Etwas Neues? Nach all den Ereignissen der letzten Wochen?
Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild von Maik, das sie augenblicklich zu ignorieren versuchte. Doch gelang es ihr nur schwer. Erinnerungen an Tränen, Scherben, gepackte Koffer und leere Schubladen klebten hinter ihrer Stirn. In ihrem Herzen stach es schmerzhaft und sein Gesicht verwandelte sich in fremde Damenunterwäsche. Unterwäsche, die Siobhan auf ihrem eigenen Kopfkissen gefunden hatte … Das war der Moment gewesen, der alles zum Einsturz …
Rico zog fordernd an ihrer Hand. Nicht so stark, dass sie sich ihm nicht widersetzen könnte, aber kräftig genug, um sein Anliegen unmissverständlich anzubringen.
Und plötzlich legte sich in ihr ein Schalter um. Machte klick. Unter dem unglaublich lauten und auffordernden Jubel des Publikums tat sie etwas, das sie nicht verstand: Sie griff nach Max’ Bierflasche – ihre eigene war bereits leer – und trank den Rest des Inhalts in einem Zug. Sie sah Rico tief in die Augen, ignorierte die Beklemmung in ihrer Brust – und erhob sich.
5.
Der Saal explodierte. Siobhan war sich sicher, dass bei dem Bühnengast zuvor weniger laut gejubelt worden war. Woran das lag, konnte sie sich nicht erklären. Ohnehin fiel ihr das Denken in diesem Moment schwer. Wer konnte es ihr schon verübeln? Wie oft wurde man schon von einem Stripper auf die Bühne gezogen? Was sie jedoch genau mitbekam, war, dass Rico sie zwischen Stühlen und an einem Tisch vorbei lotste. Ihre Beine waren weich wie Pudding und sie spürte deutlich, wie ihr Herz vor Aufregung raste und ihre Hände zum Zittern brachte.
Sie versuchte, sich zu konzentrieren, sich abzulenken und auf das zu freuen, was ihr bevorstand. Studierte die Bewegungen von Ricos Po, der in der gut geschnittenen Polizeihose einfach fantastisch aussah. Sie biss sich auf die Unterlippe.
Siobhan hatte Männer in Uniform schon immer attraktiv gefunden. Irgendwie mochte sie die Dominanz, die von diesen Outfits ausging, und hatte sich selbst oft genug dabei erwischt, wie sie Polizisten, aber auch Piloten und andere gut angezogene Männer etwas zu lange angestarrt und manchmal sogar angeschmachtet hatte.
Ob es der Alkohol war, der in ihrem Körper flüssiges Selbstbewusstsein und Mut erzeugte – sie wusste es nicht. Gestattete sich aber, den Tänzer unverhohlen anzuglotzen. Sie musterte seine nackten Füße, seine Beine, deren kräftige Oberschenkel durch die enge Kleidung betont wurden. Seinen Bizeps, der die Ärmelöffnungen vollständig ausfüllte und das breite Kreuz, das keine Zweifel daran offenließ, dass der Latino eine Frau beschützen konnte, wenn es darauf ankam.
Sie erreichten die Bühne. Rico ließ Siobhans Hand los und stemmte sich geschickt hinauf, ohne die Stufen zu nutzen. Er drehte sich um und lud sie ein, es ihm gleichzutun. Sio nahm all ihren Mut zusammen und stieg die Treppenstufen empor und spürte sofort die trockene Hitze der Bühnenbeleuchtung.
Sie sah sich um. Erst jetzt, im Licht der Bühne, begriff sie, wie groß der Saal wirklich war — wie viele Gesichter, wie viele Zähne, wie viele Augenpaare auf sie gerichtet waren. Ihr Blick schweifte über hunderte Menschen, einer fremder und unbekannter als der andere. Lediglich ein kleiner Fleck, quasi ein gallisches Dorf, umzingelt von römischen Lagern, hob sich von ihnen ab. Sie winkte ihren Elektrokollegen zu, die sie wild klatschend anfeuerten.
»Wie heißt du?«, fragte Rico gerade laut genug, dass sie es verstehen konnte.
»Ähm. Siobhan«, antwortete sie schüchtern.
»Oh, ein irischer Name.«
Sie hob erstaunt die Augenbrauen. Damit hätte sie nicht gerechnet. Aber gut – dieser Frauenheld hatte bestimmt schon überall seine Eroberungen gemacht. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Playboy wie er vor irgendeiner Nationalität oder Landesgrenze Halt machte. Und dennoch … den Pluspunkt bekam er trotzdem gutgeschrieben.
»Genau«, hauchte sie und lächelte. Rico wies mit einer Hand zu dem Stuhl. Siobhan näherte sich diesem mit wackeligen Schritten. Die Last der Blicke auf ihr wog schwer und sie achtete peinlich bedacht darauf, nicht aus Ungeschicktheit zu stolpern. Seltsam, wie schwer einem das Laufen plötzlich fällt, wenn man beobachtet wird, schoss es ihr in den Kopf.
»Setz dich, por favor.«
Siobhan ließ sich nieder. Das samtene Polster des Stuhles war weich und tief. Nervös legte sie die Hände auf den Schoß. Faltete diese, löste sie wieder und ließ sie seitlich herunterhängen. Sie wusste nicht, wie sie sie am besten verwahren sollte. Verdammt. Sie hatte Lampenfieber. Und was für eins.
Rico beugte sich zu ihr herunter. »Genieß die Show. Hab Spaß. Und keine Sorge – ich beiße nicht. Wenn es zu viel wird, lasse es mich wissen. Du darfst jederzeit gehen.«
Er gab ein Handzeichen und sogleich wurde die Musik lauter. Siobhans Herz raste und klopfte so wild, dass sie befürchtete, der Tänzer sowie die erste Reihe des Publikums würden es hören können. Natürlich passierte nichts dergleichen. Stattdessen begann Rico damit, seine Hüften im Klang der Musik kreisen zu lassen. Dabei sah er Siobhan derart tief in die Augen, dass sie nicht wagte, ihren Blick abzuwenden. Was schwer war, denn sein Sixpack lockte sie wie ein blendender Leuchtturm und sie hätte es am liebsten direkt angestarrt.
Rico wandte ihr den Rücken zu. Ließ seinen Hintern vor ihr kreisen, gab sich selbst abermals einen Klaps. Er sah über die Schulter und gab ihr mit einer raschen Nickbewegung zu verstehen, dass sie es ihm gleichtun sollte. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, aber trotzdem zögerte sie. Aber nur kurz. Sie nahm all ihren Mut zusammen, hob die Hand und ließ diese etwas zu sanft auf seinen Po niederfahren. Das Publikum quittierte ihren Mut mit antreibendem Gelächter.
»Nicht so zaghaft«, hörte sie den Tänzer rufen. »Das war ja nichts.«
Angestachelt von den Gästen und den Geräuschen, die diese machten, langte sie kräftiger zu. Es klatschte leise und Rico, der sich im Anschluss zu ihr umdrehte, gab ihr mit einem Zwinkern zu verstehen, dass sie es gut gemacht hatte.
Er tanzte weiter. Die Handschellen klimperten bei jeder seiner Bewegungen. Als er vor Siobhan in die Hocke ging und an seinem Hemdkragen zupfte, wusste sie, was zu tun war. Sie hob ihre vor Aufregung zitternden Hände und streifte ihm das geöffnete Hemd von den Schultern. Gebräunte Haut und Tattoos zeigten sich, ebenso die Konturen seines Schlüsselbeines, das wie eine scharfe Bleistiftzeichnung wirkte.
Der Stoff glitt an ihm herunter. Eine definierte Brust kam zum Vorschein sowie stoppeliges, schwarzes Haar und raue Brustwarzen. Siobhan wurde bei diesem Anblick ganz heiß. Sie versuchte zu verstehen, warum dieser Muskelprotz auf sie eine solche Wirkung hatte, denn eigentlich hatte sie in ihrer Liebeshistorie stets einen normalen Körperbau vorgezogen. Lag es an der absurden Situation, in der sie sich befand? Lag es am Druck des Publikums, der ihr diese Gefühle vorgaukelte? Hatte der Alkohol seine Finger im Spiel? Sie wusste es nicht. Und irgendwie war es ihr auch egal. Sie schob die Fragen beiseite. Was nun zählte, war der Moment. Wie Max schon sagte, sie sollte sich etwas gönnen. Und das tat sie.
Als ihre Hände sich flach auf seine Brust legten, spürte sie sofort die Kraft, die in dieser wohnte. Sie hoffte, dass sie mit ihrer Berührung nicht zu weit ging, doch der Latino intervenierte nicht. Im Gegenteil. Er wirkte positiv überrascht von ihrem Vorstoß. Ließ sich anfassen. Zumindest für einen Moment. Dann erhob er sich wieder und setzte den Tanz fort. Umrundete den Stuhl, stolzierte wie ein Gockel, der eine Henne umgarnte. Siobhan starrte ihm unverhohlen hinterher, scannte jeden Quadratzentimeter seiner Haut und prägte sich die Konturen des freigelegten Oberkörpers ein.
Sie verlor jedes Gefühl für die Zeit. Wie lange die Show schon ging, sie konnte es nicht abschätzen. Ab und an huschte ihr Blick ins Publikum, als würde sie nach etwas suchen, das sie kritisierte, sie in Frage stellte oder sich über sie lustig machte. Doch die Menschen betrachteten sie und das, was auf der Bühne geschah, mit ehrlichem Interesse. Das Wissen, dass das Hauptaugenmerk der Show auf Rico und nicht auf ihr lag, besänftigte sie und ihr Lampenfieber ein wenig.
Plötzlich tauchte seine Vorderseite vor ihr auf. Er deutete auf den Gürtel und gab ihr zu verstehen, dass sie diesen öffnen sollte. Sie schluckte überrumpelt, ließ es sich aber nicht anmerken. Stattdessen tat sie ihm den Gefallen und öffnete die Schnalle, auf der das Wort Police eingraviert gewesen war. Sie sah fragend zu ihm auf. Ricos Mine war unergründlich. Statt ihr zu sagen, was sie tun sollte, begnügte er sich damit, seinen Oberkörper in rhythmischen Bewegungen zu halten. Scheinbar war sie an der Reihe, die Initiative zu übernehmen.
Siobhan atmete tief durch. Dann packte sie das dicke Ende des Gürtels und zog. Wie, als wäre es geschmiert, glitt das Leder unerwartet leichtgängig um sein Becken und nur zwei Sekunden später hatte sie es in der Hand. Die Menge tobte, als Sio den Riemen wie eine Trophäe mit einer Hand hoch über ihren Kopf hielt. Rico lachte zufrieden, drehte sich und heizte dem Publikum weiter ein.
Siobhan ließ den Gürtel seitlich neben dem Stuhl zu Boden fallen. Noch während das Leder dumpf aufkam, wusste sie, dass es damit nicht getan war. Dass sie bald weiter machen musste. Wie, um ihre Gedanken direkt zu bestätigen, tauchte der Tänzer wieder vor ihr auf. Schwang das Becken, reckte es dabei so dicht an sie heran, dass es einer Aufforderung glich.
Sie sah zu Rico auf und suchte nach einem Zeichen — und fand stattdessen nur diesen heißen, fordernden Blick. Wie automatisiert flogen ihre Finger zu dem obersten Knopf der Hose. Führten diesen durch die Öffnung. Dann zogen sie den Schlitten des Reißverschlusses runter – ganz, ganz langsam.
Der Stoff um Ricos Hüften gab sofort nach. Eine Frau in der vordersten Reihe schrie laut »Ausziehen!«, was erst Gelächter, dann einen Chor hervorrief. »Ausziehen! Ausziehen!«
In Siobhans Kopf explodierte die Hitze. Der Latino lachte zufrieden und motivierte die Zuschauer mit Handbewegungen, noch lauter zu werden. Inzwischen herrschte eine Atmosphäre, die jedes Fußballspiel in den Schatten stellte. Also tat sie es. Packte den Hosenbund und zog ihn hinab. Ausgeprägte Beckenknochen zeigten sich. Sio, die sich fragte, was für Unterwäsche der Hottie trug, verstand rasch, dass die Hose das Letzte war, das noch zwischen ihm und völliger Nacktheit stand. Dort, wo sonst der Stoff einer Shorts oder dergleichen zum Vorschein kam, zeigte sich dunkles, getrimmtes Schamhaar.
Siobhan hielt die Luft an, als die Peniswurzel sichtbar wurde. Sie stoppte für einen Moment und sah abermals auf. Suchte erneut nach der Genehmigung, fortzufahren. Doch der Tänzer erwiderte ihren Blick nicht. Sah sich um, zwinkerte dem Publikum zu und interagierte mit den Anwesenden. Sio hatte offenbar die Entscheidungsgewalt auf ihrer Seite. Und sie nutzte diese. Zog kräftiger. Entblößte einen vollkommen fremden Mann.
Ricos Penis war dunkel und pendelte in puncto Erregungsgrad irgendwo zwischen schlaff und hart. Selbst in diesem Zustand wies er eine solide Größe auf. Siobhan war kurz davor, in kindliches Gelächter auszubrechen. Nicht, weil mit seinem Ding etwas verkehrt war. Nein. Lachen war in dieser Situation ihr Stilmittel, um die eigene Unsicherheit zu überspielen. Aber ihr gelang es, die Kontrolle zu halten. Sie gab die Erwachsene. Warf einen Blick zu ihren Kollegen, die ihr den gereckten Daumen präsentierten.
Rico stolzierte davon. Als er sein Gemächt dem Publikum offenbarte, gab es frenetischen Jubel und Siobhan hörte die weiblichen Rufe lauter als je zuvor. Der Tänzer bewegte sich wie ein junger Gott und als er ihr den Rücken zudrehte, musste sie schlucken.
Sein Po ist der Hammer, schoss es ihr durch den Kopf, und sie spürte, dass es nun nicht mehr nur auf ihren Wangen, sondern auch in tieferen Körperregionen brannte. Sie beobachtete wie hypnotisiert, wie seine Backen hin und her wirbelten. Nun war sie sich sicher, dass sich die Zeit verlangsamte. Ricos Bewegungen schienen wie in Zeitlupe abzulaufen. Erst recht, als er erneut vor sie trat.
Sein Penis tanzte und glich für einen Moment einem Lasso, das in Wild-West Manier gewirbelt wurde. Wieder konnte sie sich ein Lachen nur mit Mühe verkneifen und besann sich stattdessen darauf, dem Mann in die Augen und nicht auf seinen Penis zu starren.
Rico kam immer dichter. Sein Tanzen versprühte dabei eine enorme Hitze. Ob es an seinen Bewegungen oder allein an der Musik lag, war ihr ein Rätsel, aber sie stellte fest, dass ihre Schultern dem Beat folgten. Doch damit nicht genug. Die Entfernung schrumpfte weiter. Sie legte die Stirn in Falten und tat dann das, was sie eigentlich zu verhindern versucht hatte: Sie sah nach unten und erschrak, als sie seine Erektion bemerkte.
Sein Penis stand wie eine Eins. Von dem vormaligen, halbschlaffen Ding war nichts mehr übrig. Stattdessen prangte vor ihr ein Speer, mit dem man Wände hätte einreißen können. Eine kräftige Ader schmückte die braune Haut.
Sie sah zu Rico auf. Dieser nickte in Richtung seines Stabes. Siobhan zog die Augenbrauen hoch. Wieder verwies er auf sein Glied. Soll ich es berühren? Das geht doch nicht!
Erneut gab der Latino dem Publikum zu verstehen, dass sein Bühnengast Anfeuerung benötigte. Die Stimmung kochte und wurde lauter. Rico drückte sein Becken dichter an sie heran.
Siobhan atmete tief durch. Horchte in sich hinein. Prüfte, ob es ihr zu viel war oder ob sie es tun konnte. Ob sie eine weitere, intime Grenze überhaupt überschreiten wollte.
Sie wusste, dass sie jederzeit hätte aufstehen und verschwinden können. Genau das machte es so viel schwerer, sitzen zu bleiben. Aber sie tat es nicht. Stattdessen sah sie sich um. Scannte das Publikum und konnte abermals keine Negativität feststellen. Also riss sie sich zusammen. Ballte all ihren Erwachsenenmut – und berührte ihn. Ganz zaghaft. Mit der Seite ihres Zeigefingers, dicht unterhalb der Eichel. Sie spürte die Wärme, die von Ricos Säule in ihre Haut wechselte. Bildete sich sogar ein, beim Erstkontakt ein verhaltendes Zucken zu spüren. Sie sah grinsend zu ihm auf und bekam einen Schreck, als in seinem Gesicht die absolute Gier geschrieben stand.
Siobhan war verwirrt. Ihre Gedanken kreisten zwischen neckischer Ekstase und der Frage, was der Mann von ihr erwartete. Ihr Puls raste und irgendetwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Eis floss durch ihre Adern und stand in krassem Gegensatz zur Hitze, die in ihr wohnte.
Rico ließ sein Becken mehrfach in ihre Richtung zucken. Sie verstand, dass sie mehr machen sollte, als ihn bloß zu berühren. Krass, dachte sie und spürte, wie ein Funke in ihr erwachte. Wie er von ihrer Körpermitte aus tiefer in ihren Unterleib strahlte. Der will das wirklich!
Sie umschloss den Schaft vollständig. Das Publikum feierte, während Siobhan das pulsierende Leben zwischen Fingern und der Handfläche spürte. Ricos Penis war kräftig. Heiß. Voller Feuer. Soll ich reiben?, fragte sie sich. Langsam begann sie, die Hand hinabzubewegen. Die Vorhaut spannte sich und die Spitze der glänzenden Eichel drang heraus. Sios Atmung flatterte, in ihrer Brust stockte das Herz.
Als sie Ricos Hand spürte, die sich in ihren Nacken legte, zuckte sie zusammen. Er trat so dicht an sie heran, dass sie seine Beine zwischen die ihren lassen musste. So nah, dass sie sich einbildete, seinen Herzschlag zu hören.
Sein Penis war nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Und plötzlich verstand sie, was er wollte. Nicht ihre Hand. Nein. Er hatte es auf ihren Mund abgezielt.
6.
»Aaalter!«
Siobhan wich zurück, bis die Lehne hart zwischen ihre Schulterblätter drückte. Zwar hatte Rico noch immer seine Hand in ihrem Nacken, doch er gab nach und gewährte ihr den Rückzug. Sie sah ihn fassungslos in die Augen. »Willst du, dass ich dir einen blase?«
Der Tänzer grinste ertappt, doch von einem schlechten Gewissen war in seinem Gesicht nicht die Spur zu finden. Im Gegenteil.
»Bock auf einen Adrenalkick?«, fragte er. Ihr kam sein Akzent in diesem Moment besonders auffällig vor. »La vida es loca.«
Siobhan fehlten die Worte. Peinlich berührt warf sie einen Blick ins Publikum und zu ihren Kollegen. Diese feierten den Moment noch immer und prosteten ihr zu, als wüssten sie nicht, was auf der Bühne vor sich ging.
»Es ist okay, wenn du nicht möchtest«, beschwichtigte Rico, der weiterhin einen gewissen Oberkörperrhythmus beibehielt. Sio, die aufgrund seiner verständnisvollen Reaktion etwas an Anspannung verlor, ließ seinen Penis los.
»Hat sich darauf schon einmal eine Frau eingelassen? Also, hier auf der Bühne?«
»Qué?«
Rico hatte Probleme, sie zu verstehen, und hielt sich demonstrativ eine Hand ans Ohr.
»Hat das mit dem Blowjob schon einmal geklappt?«
Der Tänzer lachte. »Häufiger, als du vermutest. Das hier ist ein Mitmachclub. Sowas ist hier an der Tagesordnung.«
Er schnalzte mit der Zunge, wandte sich ab und tanzte, ließ Siobhan allein mit ihren Gedanken. Dabei behielt sie sein hypnotisierendes Gesäß stets im Blick, dessen Bewegungen sich allmählich in ihr Gedächtnis einbrannten. Sie musterte Rico genauer und musste zugeben, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Ein kleiner Teil in ihr ärgerte sich über diese Tatsache. Das letzte, was sie wollte, war eine weitere, x-beliebige Frau zu sein, die der heiße Latino verführen konnte. Andererseits … Sie war erwachsen. Kein Mauerblümchen. Und der Mythos von der abgrundtiefen Liebe, an die sie bis vor kurzem geglaubt hatte, war für sie ohnehin gestorben. Dank Maik. Warum also nicht etwas wagen? Ein oraler One-Night-Stand? Sie kaute auf der Unterlippe. Das Recht zu einem solchen hatte sie.
Sie seufzte. Diese Gedanken brachten sie nicht weiter. Denn das, was Rico von ihr verlangte, hatte nichts mit einer geilen, befreienden Nummer zu tun. Es ging dabei nicht um Hitze oder Lust. Nein. Es ging um die Unterhaltung des Publikums. Um seinen Kick. Sie, Siobhan, würde leer ausgehen. Wäre sogar die Person, die arbeiten müsste. Auf ihre Kosten würden sich die Leute amüsieren. Der routinierte Stripper dagegen tat das, wofür er bezahlt wurde. Tat das, was er gewohnt war. Ihre Interessen hingegen waren zweitrangig. Obwohl …
Rico drehte sich langsam um die eigene Achse und zeigte dem Publikum und seinem Bühnengast, was ihn auszeichnete. Ihr Blick glitt hin und her zwischen dem Po, seiner Brust, dem Sixpack, dem Bizeps … und dem Penis.
Siobhan musste zugeben, dass sie die Lust verspürte, dem frechen Kerl zu zeigen, was sie konnte. Mal wieder einen anderen Schwanz zu schmecken, als den ihres vermaledeiten Ex. Neue Maße kennen zu lernen, neue Bewegungen, neue Gerüche.
Ja, hätte Rico sie an anderer Stelle gefragt, ob sie ihm einen Blowjob verpassen würde – die Chancen auf ein Ja hätten relativ gut gestanden. Doch hier, vor all diesen Leuten … Nein. Auf keinen Fall. Das wäre nicht richtig. Zu offen. Zu Public. Von Intimität nicht die Spur.
»Hast du es dir überlegt?«, riss der Tänzer sie aus ihren Gedanken. Sie sah zu ihm auf und überflog dabei jeden Fleck seiner Vorderseite.
»Du spinnst doch!«, lachte sie und gab ihm einen etwas härteren Klaps auf die Brust. »Alle würden zugucken.«
Rico sah sie verführerisch an. »Und was ist … Wenn ich da einen Trick kenne?«
Siobhan zögerte zunächst und fragte sich, was für ein Trick sie vor den Blicken der Gäste schützen könnte. »Auch dann nicht.«
»Un segundo por favor.«
Der Tänzer schritt an ihr vorbei und ging zum Sofa, das an der Rückseite zur Bühne stand. Sie sah ihm nach. Dort angekommen nahm er eine rote, glänzende Decke auf, die Siobhan bisher nicht aufgefallen war.
»Niemand wird es sehen«, erklärte er, als er wieder vor sie trat. Er legte das Textil hinter seinen Rücken und nahm es jeweils an den äußeren Zipfeln. Als er diese nach vorne führte, spannte sich der Stoff an seinem Po und um die Hüften, sodass sich ein Sichtschutz bildete, hinter dem Siobhans Oberkörper verschwand. Selbstbewusst grinsend sah Rico zu ihr herunter, während sein Glied gierig nach oben ragte. Sie verstand sofort.
»Wenn es klappt, dann oft so«, erklärte er und ließ seinen Penis zucken.
Das Publikum machte seiner Begeisterung Luft. Laute Pfiffe hallten durch den Saal, den Sio nicht mehr sehen konnte. Vor ihren Augen spannte sich plötzlich nur noch roter Stoff, glänzend im Bühnenlicht wie ein Vorhang. Und ja, da war Rico. Und viel Haut. Nackte Haut.
Siobhans Herz raste. Etwas in ihr verzehrte sich heiß pochend nach dem Kick, der ihr geboten wurde. Wünschte sich, trotz all der vorherrschenden Scham, irgendetwas Krasses zu tun. Sie rang mit sich. Kämpfte einen stummen Kampf. Wog ihren Kopf nachdenklich von links nach rechts.
»Willst du es?«, drang Ricos Stimme an ihr Ohr. Er klang anders. Reifer. Dominanter. Heißer. Es vergingen zwei Sekunden – dann nickte sie. Und es war die Wahrheit. Sie wollte es. Und unter den gegebenen Umständen … mit dem Sichtschutz …
»Wenn du es willst, tu es einfach. Kopf aus. Gier an. Sin miedo.«
Siobhan nahm einen tiefen Atemzug. Und während sie sich fragte, was zum Teufel sie dort überhaupt trieb, packte eine ihrer Hände seinen Penis unten an der Wurzel. Drückte zu. Nicht doll, aber so, dass sich die Haut des Gliedes straffte. Die Eichel kam ein Stück aus ihrem Schutz, wie eine schüchterne Schnecke aus ihrem Haus. Dann beugte Siobhan sich vor. Nahm einen tiefen Atemzug. Roch den Stoff der Decke und herbes Duschgel.
Ihre Nasenspitze berührte den Schaft. Sie zögerte. Horchte in sich hinein. Wollte sich zurückziehen, die Sache abbrechen. Aber etwas in ihr war stärker. Der Funke zwischen ihren Beinen wurde größer.
Sie öffnete den Mund. Nur einen kleinen Spalt breit. Ihre Oberlippe traf auf warme Haut. Sie schloss die Augen. Hörte auf ihr Herz. Ihre Lippen drückten sich weiter auf. Rückten vor. Und nahmen den Penis in sich auf, der vor Wonne nur so bebte.
Siobhan spürte, wie sich der Körper des Tänzers anspannte. Wie sich die Decke um sie straffte, als würde er plötzlich mit doppelter Kraft gezogen werden. Schmeckte den dezenten Hauch von Salz. Dann, als sein Penis weit in ihr war, schloss sie die Lippen. Schmiegte sie an den Schaft und startete die Bewegung. Glitt vor und zurück. Presste die Zunge an den heißen Eindringling. Saugte und schmatzte.
Ihre Hand löste sich vom Penis und schob sich, zusammen mit der anderen, unter den Deckenstoff bis hin zu Ricos Po. Und während sie dem Latino einen Blowjob verpasste, krallten sich ihre Nägel in dessen Sitzfleisch, woraufhin er sich für einen Moment verkrampfte. Die Reaktion des Publikums folgte sofort. Obwohl es nur wenig sehen konnte, schienen die Gäste zu ahnen, was geschah. Als Siobhan an die Gesichter ihrer Kollegen, allen voran ihr Mentor Marten, dachte, lief ihr ein kalter Schauer den Rücken herunter.
Sie versuchte, den Gedanken an die Zuschauer zu verdrängen. Und mit zunehmender Dauer fiel es ihr leichter. Sie kannte keinen dieser Menschen. Was scherten sie schon diese Blicke? Und ihre Kollegen? Nun, diese würde sie ohnehin nie wieder sehen. In ein paar Stunden würde sie in einem gemieteten Transporter sitzen, in dessen Laderaum ihr Hab und Gut verstaut sein würde. Das Navi würde sie gen Süden führen, zurück dorthin, wo sie ihre verbracht hatte. Zurück in die Heimat. Raus aus Hamburg, einer Stadt, in der sie nur der Liebe wegen gelebt hatte. Eine Liebe, die es nicht mehr gab …
Siobhan hatte sich vollends auf den Oralverkehr eingelassen. Und es machte ihr Spaß. Krassen Spaß sogar. Es hatte etwas Geiles und Verruchtes an sich. Sie war ein böses Mädchen. Und ein mutiges noch dazu. Eine Rolle, ein neues Gesamtpaket, das ihr immer fremd gewesen war. Doch zum Teufel damit.
Sie presste die Lippen fester. Lutschte das Ding, das mit jeder Bewegung ihres Kopfes wärmer und weicher zu werden schien. Ihre Zunge spielte mit der Eichel und der Vorhaut. Rico legte die Hände in ihren Nacken. Ein kühler Luftzug kam auf. Sein Griff war kräftig und fordernd. Was das bedeutete, bemerkte Siobhan erst, als es schon zu spät war. Schockiert riss sie die Augen auf. Und da waren Leute. Sie konnte sie sehen. Faszinierte, beeindruckte und lüsterne Gesichter. Die Decke war verschwunden, der Sichtschutz gefallen. Rico hatte ihn losgelassen. Dieser Mistkerl!
Siobhan spuckte sein Glied aus und warf einen finsteren Blick zu ihm hinauf.
»Perdón!«
Etwas Verschmitztes hatte sich in sein Gesicht geschlichen. Sein Grinsen war frech und entschuldigend zugleich. Doch er schien nicht zu bereuen, was er getan hatte. Und Siobhan? Sie sah sich um und vermied es dabei, zu ihren Kollegen zu gucken.
»Das war Weltklasse«, hörte sie den Tänzer feiern. Sie kniff ihn in den Po und er verzog schmerzerfüllt den Mund.
»Du bist ein Arsch!«
Eigentlich hätte sie ihm diese Worte ins Gesicht schleudern müssen. Stattdessen hörte sie sich selbst lachen. Verstand den Witz dahinter. Fühlte sich zwar veräppelt, musste aber zugeben, dass sie ihm schlicht und einfach auf den Leim gegangen war. Er hatte gepunktet. Sie war das naive Bauernopfer gewesen. Jedenfalls – es war passiert. Was brachte es ihr jetzt, ihm eine Szene zu machen? Sie musste dazu stehen. Erwachsen sein. Und sich dann mit erhobenem Haupt von der Bühne schleichen. Siobhan machte Anstalten, sich zu erheben, doch der Tänzer kam ihr zuvor.
Er hatte sie umrundet und stand nun hinter ihr. Legte seine Hände auf ihre Schultern. Knetete diese, was ihr unglaublich guttat. Seine Finger arbeiteten ruhig und sicher, strahlten dabei eine einnehmende Kraft aus. Dann glitt er mit den Handflächen ihre Oberarme hinab. Dort, wo er sie berührte, entstand sofort eine Gänsehaut. Sie sog leise Luft ein und presste die Lippen aneinander. Schmeckte noch immer seinen Penis. Der Drang zu fliehen wurde schwächer.
Ricos Hände hatten die Ellenbogen erreicht. Verharrten dort aber nur kurz, bis sie ihre Richtung änderten. Traten über und legten sich sanft auf ihren Bauch. Fuhren höher, stießen von unten an die Rundungen ihrer Brüste. Sie schloss die Augen und keuchte, während Rico innehielt und offenbar auf ein Zeichen ihres Widerstandes wartete. Doch sie gab es ihm nicht. Blieb stumm. Und obwohl sie es sich nicht eingestehen wollte, war sie gespannt auf das, was er als Nächstes tun würde.
Die Frist des Widerspruches war verstrichen. Rico trat wieder in Aktion. Schob seine Hände über ihre Brüste, nur zwei dünne Lagen Stoff dazwischen.
Etwas in ihrem Oberkörper zog sich zusammen. Doch es war kein unangenehmes Gefühl. Es war so, wie zu Teenagerzeiten, als der eigene Körper zum ersten Mal von einem anderen Mann angefasst worden war. Das Gefühl der Eroberung, das Brechen von Tabus, das überwinden von Ängsten und Vorbehalten. Das Zulassen von Lust. Ein heißer Mix aus Emotionen und Neugier.
Sie spürte seine Lippen an ihrem Hals. Sofort legte sie den Kopf schief. Genoss das Gefühl, als sich jedes Härchen ihres Körpers aufstellte. Das Publikum schien die Luft anzuhalten, denn der Lärm ebbte ab und wich einem spannungsgeladenen Raunen. Es kamen nur noch vereinzelte Pfiffe. Irgendwo von weit hinten erklang ein anfeuernder Ruf. Siobhan spürte das Pochen ihres Herzens, ihr Puls zeugte von einem Marathon.
Rico küsste ihren Hals. Jede Berührung seiner Lippen fühlte sich an wie ein elektrisches Kribbeln. Dann spürte sie, wie eine seiner Hände hinabglitt. Er fand den Saum ihres Tops, packte ihn und zog ihn langsam nach oben. Als der Stoff die Hälfte der Strecke hinter sich hatte, nahm er die zweite Hand dazu. Kühle Luft traf auf verschwitzte Haut. Ihr BH, weiß und mit viel Spitze, kam zum Vorschein. Als es so weit war, hob sie wie ferngesteuert die Arme und ermöglichte es dem Stripper, ihr das Kleidungsstück vollständig zu entfernen. Sie hielt den Atem an. Und alle anderen im Saal schienen es ihr gleich zu tun. Sie spürte eine Bewegung an ihrem Rücken und lehnte sich vor. Erlaubte, dass Ricos Hände zwischen sie und die Stuhllehne kamen.
Mit einem unhörbaren Klick ließ der Druck um ihren Oberkörper nach. Der Verschluss entspannte sich. Die Zeit wurde zäh wie Kaugummi, während Rico die Träger von ihren Schultern streifte. Einen Moment später war der BH verschwunden.
7.
Ihr Herz klopfte so stark, dass sie den Puls bis in Hals, Handgelenke und Schenkel spürte. Es glich einem Bohrhammer, der an diversen Stellen zur gleichen Zeit in ihr wütete. Ihre Atmung ging schnell und hektisch, als hätte man sie kopfüber in eiskaltes Wasser gestoßen. Das harte Bühnenlicht legte sich hell über ihre Haut und modellierte alle Rundungen ihres Busens. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre Brüste sichtbar, während sich die Konturen des BHs deutlich darunter abzeichneten.
Sie fühlte die Blicke, die ihren Oberkörper verzehrten, und vermied es, selbst in Richtung Publikum zu sehen. Stattdessen hielt sie die Augen geschlossen und presste die Lider so fest aufeinander, dass niemand sie mit Gewalt hätte öffnen können.
Und obwohl ihre Emotionen ein heilloses Durcheinander waren, fühlte sie sich gut. Gut und beschämt. Daran bestand kein Zweifel. Aber in einem Rahmen, der erträglich war. Sie versuchte zu verstehen, warum das so war. Warum sie sich nicht etwas Schützendes vor die Brust hielt und von der Bühne flüchtete. Zu ihren Füßen lag die Decke, die der Stripper benutzt hatte, um ihr zumindest für einen Moment das Gefühl eines intimen Schutzschirms zu verleihen. Es wäre nur ein Handgriff notwendig …
Ich werde niemanden wiedersehen! Keinen von ihnen.
Diese Erkenntnis saß tief in ihren Gedanken. Morgen schon würde für Siobhan alles kippen, und genau das machte diesen Abend plötzlich verlockend frei: ein Neustart, eine andere Stadt, ein anderes Leben. In Bayern. In ihrer alten Heimat. Weit, weit weg von Hamburg und all dem, was die Hansestadt enthielt. Weit weg von allem Schlechten, das ihr hier passiert war.
Dies war die Erklärung, warum sie es zulassen konnte. Warum sie den Kick – und nur so konnte das Entblößen des eigenen Körpers vor unbekannten Menschen treffend bezeichnet werden – so mir nichts, dir nichts, erlebte, ohne im Boden zu versinken. Die Fremden sehen mich? Egal. Sie geilen sich an mir auf? Okay, das ist seltsam. Aber sollen sie doch.
Sie öffnete die Augen. Betrachtete die Menschen, die sie beobachteten. Die sich an ihr sattsahen. Es kribbelte in ihrem Unterleib und sie spürte zu ihrer Überraschung, dass es sie sogar anmachte. Oh Gott! Liegt das am Alkohol?
Nur eines konnte sie nicht. Zu ihren Kollegen sehen. Das war eine Nummer zu krass. Allein das Wissen, dass die fünf Männer sie halb entkleidet und mit einem Penis im Mund gesehen hatten, war nur schwer zu ertragen. Sie seufzte und sah hinauf zu Rico, der seinen Platz hinter ihr nicht verlassen hatte.
Er lächelte zu ihr herunter. Es wirkte aufrichtig und beeindruckt. Und sie konnte den Anflug von Lust in seinen dunklen Augen aufblitzen sehen. Es würde sie nicht wundern, wenn er ihr seine Nummer zustecken würde, in der Hoffnung, ein zweites Treffen nach dem Ende seiner Schicht zu ergaunern. Warum? Er würde bestimmt gerne sein Werk vollenden …
Plötzlich kam die Frage in ihr auf, was genau seine Mission auf der Bühne überhaupt war. Ja, er hatte abgeliefert. Getanzt, gestrippt – und einen Bühnengast entkleidet. Eine ziemlich gute Show, wenn man sie mit seiner Vorgängerin Lolly und deren Opfer verglich, das relativ früh geflüchtet war. Wie weit wäre die Tänzerin gegangen, wenn er sie gelassen hätte? Und wie weit würde Rico …
Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu denken. Seine Hände waren zurückgekehrt. Sie setzten ihre Arbeit fort. Legten sich auf die Brüste und drückten sanft zu, was Siobhan unglaublich gut gefiel. Eine Handvoll Männer in der ersten Reihe verfolgte diesen Moment genau und als sie in ihre begeisterten Gesichter blickte, schloss sie schnell wieder die Augen. Sie konzentrierte sich auf ihre Empfindungen. Auf die Hitze der Scheinwerfer auf ihrer Haut, die sie an Urlaubssonne erinnerte. Auf die Berührungen des Latinos, auf das Vibrieren der Luft.
Rico küsste abermals ihren Hals. Siobhan stöhnte leise und spürte, wie sich ihre Brustwarzen verhärteten. Er begann zu saugen und für einen Moment hoffte sie, dass ein Knutschfleck zurückbleiben würde. Wer weiß, vielleicht könnte sie diesen fotografieren und Maik zusenden … Zum Teufel mit diesem Wichser!
Sie scheuchte ihren Ex aus den Gedanken. Dieser Moment gehörte nicht ihm – es war ihrer. Und sie würde ihn genießen. So lange, bis Rico sie wieder von der Bühne schickte.
Ihr Herz klopfte schneller, als er mit einer Hand an ihr herunterfuhr und über den Bauch glitt. Er berührte ihren Rock, fuhr über dessen lederähnlichen Stoff bis hin zu ihrem Oberschenkel, den er sanft massierte. Dann zog er die Hand zurück und wählte dabei den Weg, der sie für einen Moment an ihr Lustzentrum führte.
Siobhan keuchte und wunderte sich über die Enttäuschung, die sie spürte, nachdem Rico dort nicht länger geblieben war. Der Zauber des Latinos wirkte. Egal, was er anstellte, er machte es richtig. Rasch kam die Frage in ihr auf, ob es bei ihrem Oberkörper bleiben würde oder ob er ihr mehr abverlangen …
Seine Fingerspitzen schoben sich dicht unterhalb des Bauchnabels unter den Rock. Siobhan verkrampfte vor Überraschung. Der Tänzer hielt inne und wartete auf ihren Einwand. Aber sie harrte aus. Blieb stumm. Würde nicht meckern. Wünschte sich sogar, dass er weitermachte. Das Publikum schien ihren wachsenden Mut zu spüren; es wurde so still, dass sie das Klimpern der Gläser an der Bar hören konnte.
Rico deutete die Zeichen richtig und schob die Hand tiefer. Seine Finger glitten über ihren Unterbauch und stießen auf den Tanga, rutschten über diesen hinweg und erreichten schließlich – nein, endlich – die Schamlippen.
Siobhan bäumte sich auf. Vor Unsicherheit kicherte sie kindisch. Ricos Hand war pure Energie. Er übte sanften Druck aus und hatte die Handfläche vollständig auf ihrer Weiblichkeit platziert.
»Du bist unmöglich«, flüsterte sie in sein Ohr. Er lachte selbstbewusst auf.
»Sag Bescheid, wenn es zu viel wird. Ich höre dann sofort auf.«
»Wirklich? Oder sagst du das nur so, um den Schein zu wahren?«
»Wenn ich weitermachen würde, bekäme ich ganz, ganz schnell Probleme, von denen sich meine Karriere nicht mehr erholen könnte …«
Siobhan öffnete die Beine ein winziges Stück und signalisierte dem Stripper, dass er fortfahren durfte.
»Dir gefällt es also?«, murmelte er, doch es klang eher wie eine Feststellung als wie eine Frage. Er drückte einen seiner Finger so zwischen die Schamlippen, dass er mit dem Stoff des Tangas ein paar Millimeter tief einsank. Sofort spürte Siobhan, dass der Latino dort von ihrer Nässe begrüßt wurde, die sich in den letzten Minuten gebildet hatte. Auch er bemerkte dies und stieß ihr ein langgezogenes »Hmmmmm« entgegen. Sie wünschte sich, dass er weitermachte, doch stattdessen – und zu ihrer Enttäuschung – zog er die Hand wieder hervor.
»Steh mal auf«, hauchte er in ihr Ohr. Sie schwenkte den Kopf, öffnete die Augen und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick. Dann nickte sie folgsam und erhob sich langsam. Sofort begann er damit, ihren Körper zu erforschen. Befühlte ihre Taille, die Hüften und ihren Po. Ihr ganzer Leib schien voll von Gänsehaut zu sein.
Als er sich an ihrem Rock verging und diesen nach unten zog, hielt sie die Luft an. Sie fühlte deutlich, wie sich die kühlere Saalluft auf ihre schwitzige Haut legte. Als das Textil am Boden ankam, stieg sie mit wackeligen Knien aus ihm hinaus. Sah an sich hinunter, trug nur noch ihren Tanga, die halbtransparenten Overknee-Strümpfe und die Stiefel. Doch auch dieser Zustand änderte sich schnell, als Rico den Stuhl beiseiteschob, hinter sie trat und seine Daumen zu beiden Seiten im Tanga einhakte.
Oh Gott! schoss es ihr in den Kopf. Und obwohl in ihr tausende Gedanken aufploppten, ließ sie zu, wie er den letzten Schutz ihrer Intimität hinabzog. Wie der String unten ankam, bemerkte sie nicht. Auch nicht, dass sie ihn automatisch von den Stiefeln streifte. Alles, was sie in diesem Moment wirklich wahrnahm, war Ricos Hand, die er schützend über ihre Vagina gelegt hatte, sodass diese dem Publikum verborgen blieb.
Siobhans Blick sprang zwischen hunderten Gesichtern hin und her. Alle beobachteten sie. Männer und Frauen gleichermaßen. Nur ihre Kollegen ließ sie aus und erklärte den Bereich, in dem sie saßen, zur no-view-Area.
»Hand weg? Oder lassen?«, hörte sie Rico fragen. »Du entscheidest. Si o no!«
Sio atmete tief ein und aus. Sie wollte es. Traute sich aber nicht, das Ja, das ihr schwer auf der Zunge lag, auszusprechen. Ihre Gedanken rasten. Hinter ihrer Stirn pochte es heftig. Und dann sprach eine verruchte Stimme zu ihr, die direkt aus ihrem Herzen kam. Morgen bist du hier weg! Und bis dahin lebe gefälligst!
Also nickte sie. Und kaum hatte sie es getan, war die Hand auch schon verschwunden. Gab den Blick frei auf einen rasierten Intimbereich, einen Leberfleck dicht über der Klitoris und Schamlippen, die wie geschlossene Schmetterlingsflügel leicht hervorstanden.
Sie war nackt. Alles lag offen da. Siobhan hatte eine Herausforderung gemeistert, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass es sie für sie gab, ohne zu zerbrechen. Hätte man ihr vor einer Stunde gesagt, dass sie sich bald unverhüllt einer Heerschar fremden Menschen zeigen würde – ihr Lachen wäre unendlich laut gewesen. La vida es loca!, hörte sie Rico in ihren Gedanken sagen. Und er hatte recht.
Sie sah hinunter auf den Bühnenboden. Da lagen ihre Klamotten. Jetzt, wo sie die Challenge gemeistert hatte, war es an der Zeit, die Bühne zu verlassen. Wie sie vor ihre Kollegen treten konnte, wusste sie noch nicht. Aber das würde ihr auf dem Weg zum Platz bestimmt einfallen. Und wenn nicht – dann könnte sie einfach weglaufen. Wen kümmerte es schon. Sie auf jeden Fall nicht.
Siobhan machte Anstalten, sich nach dem Tanga zu bücken, da packte Rico ihre Hand. Sie sah ihn verwundert an.
»Ich bin mit dir noch nicht fertig, Señorita.«
Sie hob die Augenbrauen und sah ihn fragend an. Er hingegen lächelte breit und leckte sich gierig über die Lippen. Plötzlich kamen Siobhan Ricos Worte in Erinnerung: Das hier ist ein Mitmachclub. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als sie die Tragweite dieses Satzes begriff. Sie schluckte. Ihr Blick flog zu seinem Penis, der noch immer hart nach oben stand. Einem Schwanz, den sie gleich viel besser kennenlernen würde.
8.
Siobhans Kopf glühte. Würde man einen Eiswürfel auf ihrer Stirn platzieren, würde er dort nicht lange überleben. Rico zog an ihrer Hand. Nicht kräftig, sondern sanft – gerade so, dass sie verstand, dass sie jederzeit umkehren konnte. Und trotzdem waren ihre Stiefel wie festgeklebt und wogen urplötzlich mehrere Tonnen.
»Ist alles klar bei dir?«, fragte er zärtlich, während einige Gäste begannen, Siobhan mit Pfiffen und Zurufen anzufeuern. Scheinbar kannten die Besucher des Boobs ’n’ Boners die hiesigen Abläufe genau und wussten, wie man zweifelnden Damen Mut zusprach.
»Ich glaube, ich verliere den Mut«, gab sie ehrlich zu und biss sich auf die Unterlippe. Ihr war bewusst, dass sie in diesem Moment auf ihn wirken musste wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ihre Gedanken kreisten und plötzlich hatte sie eine Idee. »Ich brauche einen Drink. Oder besser zwei.«
Rico grinste wissend und nickte. »Si, claro.«
Er drehte sich in Richtung Bar und pfiff laut. Gleich mehrere Barkeeper wandten sich zu ihm um. Er reckte zwei Finger in die Luft und rief »Dos Tequila!«
Bevor Siobhan beobachten konnte, was hinter dem Tresen geschah, nahm er ihre zweite Hand und zog sie an sich, sodass nur noch wenige Zentimeter zwischen ihnen lagen. Sie sah hinab und bemerkte, dass sein Penis beinahe ihren Unterleib berührte. Unwillkürlich wich sie ein winziges Stück zurück.
»Folg mir«, flüsterte er, was sie aufgrund der Tatsache, dass die Musik fast auf null heruntergedreht worden war, locker verstand. Sie schluckte und nickte. Schaffte es endlich, ihre unendlichen schweren Füße in Bewegung zu versetzen.
Rico zog sie im Rückwärtsgang zum Sofa, das Sio bis dahin ganz vergessen hatte. Es war mit rotem Samt bezogen und etwa zweieinhalb Meter breit. Die Beine und Zierelemente bestanden aus dunklem, geöltem Holz, das das Bühnenlicht reflektierte. In dem Moment, als sie das Möbelstück erreichten, hellte sich das Gesicht des Tänzers auf. »Ahh.«
Siobhan folgte seinem Blick und sah, wie ein Kellner die Bühne betrat. Er trug ein Tablett, auf dem zwei Gläser standen, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Zudem entdeckte sie einen Salzstreuer und Zitronenscheiben, die in einer gläsernen Schüssel lagen.
»Zwei Tequila«, verkündete der Kellner, der gar nicht erst versuchte, Sio höflich in die Augen zu schauen. Er starrte ungeniert auf ihre Brüste, was ihr ein unangenehmes Kribbeln im Oberkörper bescherte. Sie wandte sich Rico zu, der ihr mit einem Wink zu verstehen gab, dass beide Shots für sie bestimmt waren.
»Teilen wir nicht?«, fragte sie und wollte nicht egoistisch wirken. Doch er schüttelte den Kopf. Kurzentschlossen nahm sie das erste Glas. Der Kellner verwies auf Salz und die Zitronen, aber sie verneinte hastig. Für so einen Quatsch habe ich keine Nerven, dachte sie, führte das Gläschen an die Lippen und leerte es in einem Zug.
Ihre Zunge brannte scharf wie Feuer. Sie hasste Tequila. Wirklich. Doch wusste sie genau, dass dieser nicht nur Hitze, sondern auch den Mut des Trunkenboldes mit sich brachte. Und ebendieser Mut war es, den sie brauchte, um ihren Kick durchzuziehen.
Das Feuer bahnte sich seinen Weg hinab durch ihre Speiseröhre. Sie schüttelte sich und verzog angewidert das Gesicht. Und trotzdem wiederholte sie den Prozess mit Gläschen Nummer zwei. Sie wusste genau, dass das Zeug eine Weile brauchen würde, um seine Wirkung zu entfalten. Doch reichte ihr das Trinken allein, um sich eine gewisse Kühnheit zuzusprechen. Kaum hatte sie die Gläser zurückgestellt, war der Kellner mit einem letzten Blick in Richtung ihrer Brüste verschwunden.
»Alles gut soweit?«, forschte der Stripper nach und musterte sie kritisch. Sie lächelte flüchtig und nickte entschlossen.
Rico deutete auf das Sofa. »Mach es dir gemütlich.«
Als würde eine fremde Kraft sie steuern, setzte sie seine Bitte in die Tat um. Ließ sich mittig auf dem Sitzmöbel nieder und sank augenblicklich in das tiefe Polster ein. Staub stieg auf, der deutlich sichtbar im grellen Licht der Deckenlampen tanzte, als handelte es sich dabei um winzige Glühwürmchen.
»Was geschieht jetzt?«, fragte Siobhan und meinte es ernst. Sie konnte sich kaum ausmalen, was auf diesem Sofa möglich war. Eine zweifelnde Stimme in ihrem Hinterkopf verkündete wiederkehrend, dass das Event bald enden würde, dass der Latino ihr ein, zwei körperliche Details entlocken und sie im Anschluss in den wohlverdienten Feierabend schicken würde. Und wenn nicht? Wenn er noch mehr mit mir vor hat?
Rico schwieg, eilte zum Stuhl, hob die Decke auf und kehrte zu Siobhan zurück. Dann gab er ihr mit sanftem Druck an ihrer Schulter zu verstehen, dass sie sich hinlegen sollte. Sie tat es. Ließ sich zur Seite kippen. Ganz langsam. Sie drehte sich auf den Rücken und stellte die Stiefel auf das Polster, sodass ihre Beine leicht angewinkelt waren. Sie spürte den weichen Samt unter sich. Für den Bruchteil einer Sekunde überkam sie ein schlechtes Gewissen. Was, wenn meine Sohlen dreckig sind und das Sofa …
Doch sie wischte den Gedanken beiseite. Was interessierten sie jetzt ihre Stiefel, Schmutz und dergleichen. Die Situation, in der sie sich befand, war ohne diese Dinge bereits absurd genug. Und diese verschärfte sich, als der Tänzer die Decke über sie legte, sodass sie vom Bauchnabel an abwärts verhüllt war.
Siobhan warf die Stirn in Falten und verstand nicht recht, was er damit bezweckte. War es nicht Sinn der Sache, sie zu zeigen?
»Lust auf etwas Spaß?«, fragte er und sah sie erwartungsvoll an. Sie zögerte. Sah ins Publikum und bemerkte erwartungsfrohe Gesichter. Sie atmete tief durch. Und nickte.
Rico schien begeistert und klatschte in die Hände. »Muy bien. Wenn sich daran etwas ändert, sag Bescheid. Dann stoppen wir das Ganze.«
Er ließ sich vor dem Sofa auf dem Boden nieder. Hob die Decke auf Höhe Siobhans Knien an und kroch drunter, sodass sein halber Oberkörper samt Kopf unter dieser verschwand. Augenblicklich spürte sie, wie seine kräftigen Hände ihr Knie, das an der Sofakante lag, nach außen zog. Ihr Fuß rutschte vom weichen Polster hinab auf den harten Bühnenboden, und der Kontrast bewies ihr schlagartig, dass sie nicht träumte.
Keine Sekunde später registrierte sie seinen heißen Atem dort, wo ihre Nässe lauerte. Er küsste sie auf den Venushügel, was ein Kribbeln durch sie jagte und ihre Lust anschwellen ließ. Ein zweiter Kuss. Dann ein Dritter, dieses Mal etwas tiefer und nur ein kleines Stück über der Klitoris. Unter ihrer Haut kribbelte es, als würden tausende Ameisen dort ihr Unwesen treiben.
Siobhan war froh darüber, dass sie sich erst am Morgen rasiert hatte. Und das, obwohl ihr überhaupt nicht danach gewesen war. Doch hatte sie eine trotzige Stimme in ihrem Hinterkopf dazu überredet und ihr in Aussicht gestellt, dass sie im Falle eines Maik-vernichtenden One-Night-Stands gepflegt aussehen wollte.
Ricos Küsse erreichten die Schamlippen. Sio stöhnte leise und spürte, wie sich in ihr eine heftige Hitze einstellte, die sich durch alle Adern zog. Und dann kam die Zunge. Strich langsam über ihre Haut und hinterließ eine feuchte Lavaspur. Wanderte in den Spalt, spielte mit ihrer Nässe. Als endlich die Klitoris an der Reihe war, bog Siobhan vor Ekstase ihren Oberkörper durch und krallte die Nägel in die Decke.
Rico leckte sie. Und er war gut. Sicher, er hatte schon an hunderten, wenn nicht sogar tausenden Frauen geübt. Und trotzdem. Er war ein Profi. Wusste mit seinem Werkzeug umzugehen. Wirbelte und ließ sein Fachwissen wirken. Sein Bühnengast zuckte und wandte sich unter dem Feuerwerk zwischen ihren Beinen.
»Fuck«, hauchte Siobhan und legte ihre Hand auf Ricos Hinterkopf, der sich unter der Decke im Arbeitstakt bewegte. Ihr Atem ging stoßweise. Sie ließ den Kopf zur Seite kippen und sah, dass das Publikum alles verfolgte. Jedes Stöhnen, jedes Aufbäumen, jedes Zucken – einfach alles.
Beinahe hätte sie zu ihren Kollegen geschaut, konnte sich im letzten Moment jedoch davor schützen, indem sie die Lider schloss und sich wieder dem Geschehen widmete. Sie war so erregt, dass ihr allmählich alles egal wurde.
Rico hielt für einen Moment inne. »Kann die Decke weg? Si o no?«
Im Gegensatz zum vorherigen Enthüllungsspiel stand ihre Antwort – nein, ihr Wunsch – bereits fest.
»Si!«, hauchte Siobhan. »Si!«
Kaum hatte sie es ausgesprochen, da verschwand der Überwurf und glitt seitlich hinab zu Boden. Das Publikum applaudierte. Gellende Pfiffe hallten durch den Saal und irgendwo im Hintergrund knallte ein Korken. Das Bühnenlicht brannte auf ihrer empfindlichen Haut. Ihre Brustwarzen ragten steif nach oben.
Siobhan drehte den Kopf zur Rückenlehne. Sie wusste, dass sie alle beobachteten. Jedes einzelne Augenpaar lag auf ihr. Und trotz dieses Wissens war es ihr unangenehm, es selbst zu sehen. Stattdessen ließ sie sich weiter verwöhnen. Genoss Ricos Arbeit, der gekonnt zwischen Klitoris und Schamlippen wechselte. Ab und an stieß er mit der Zunge in ihre Tiefe vor und versenkte sie zwei oder drei Zentimeter in ihrem Spalt. Saugte und küsste. Sie spürte deutlich, wie sich seine Nase an ihren Venushügel presste. Hörte sein leises Schnaufen.
Ab und zu verirrte sich eine seiner Hände an ihre Brüste. Drückte zu, forsch und besitzergreifend, aber nicht so, dass es weh tat. Dann, nach einer Weile, fügte er dem Zungenspiel einen Finger hinzu. Befeuchtete diesen, indem er ihn durch ihre Schamlippen zog, und führte ihn ein.
Siobhan stöhnte laut. Genoss jeden Millimeter, den er in sie eintauchte. Die Kombination aus Fingern und Lecken zündete in ihr einen Turbo, der den Funken zwischen ihren Beinen in ein loderndes Feuer verwandelte. Als er seinen Mittelfinger dazunahm und gekonnt Druck in Richtung Bauchdecke ausübte, konnte sie nicht mehr. Sie bäumte sich auf, krallte ihre Nägel in Ricos Kopfhaut und keuchte laut.
Als wäre das ein Zeichen gewesen, hörte er auf, sie zu lecken, zog sich aus ihr zurück und kroch über sie. Sie sahen sich einen Moment lang tief in die Augen. Dann trafen sich ihre Lippen. Seine waren ganz warm und feucht, was nach all der Arbeit zwischen ihren Beinen kein Wunder war. Siobhan schmeckte ihren eigenen Saft, vermischt mit einem Minzaroma, das womöglich von einem Kaugummi des Tänzers stammte. Es ekelte sie nicht. Im Gegenteil. Es befeuerte sie sogar ein wenig. Machte sie an, sich selbst zu kosten.
Ihre Zungen trafen sich und starteten einen kurzen Tanz, der jäh unterbrochen wurde, als Siobhan eine Hand an ihrer Muschi spürte. Doch die Hand kam nicht allein. Sie hatte einen Freund im Gepäck.
Rico führte seinen Penis an ihre Schamlippen. Befeuchtete diesen, indem er ihn durch die Spalte zog. Dann richtete er ihn aus. Zentrierte die Spitze. Bevor er zustieß, sah er sie an. Eine stille Frage stand im Raum. Jeder im Saal wusste es. Die Atmosphäre war energiegeladen. Der Drang, die ganze Sache abzublasen, ließ sie verkrampfen. Doch plötzlich explodierte in ihrem Kopf ein Gewitter und entlud sich in knallenden Gedankenblitzen.
Maik. Die fremde Frau, nackt auf ihm, in seinem und Siobhans Bett. Das tiefe Gefühl der Demütigung und Enttäuschung. Seine kläglichen Versuche, den Betrug zu erklären. Die unausweichliche Trennung. Sein Auszug. Ihre wachsende Einsamkeit. Die Erkenntnis, dass sie in Hamburg gescheitert war. Eine Stadt, in die sie nur für Maik gezogen war, um mit ihm eine Zukunft aufzubauen. Der wochenlange Krampf, sich trotz des Schmerzes weiterhin zu behaupten. Das überfällige Eingeständnis, dass es nicht klappen würde. Das Gespräch mit ihrem Chef, Max Vater. Ihre Kündigung und die Bitte, es niemandem aus dem Betrieb zu erzählen. Ihre geplante Rückkehr in den Süden. Zurück zu ihren alten Freunden, ihrer Familie, ihrer Heimat.
Sie würde Max, Marten und all die anderen nie wiedersehen. Und das war gut so, denn sie ertrug es so, wie es war, nicht mehr. Warum also nicht mit einem Knall gehen? Warum nicht etwas machen, das sie sonst niemals, ja wirklich niemals machen würde: Sex mit einem Fremden in der Öffentlichkeit. Egal, wie peinlich es war. Egal, wie sehr ihre Intimität offengelegt wurde – ab morgen war das alles vergessen.
Die Sehnsucht, Rico in sich zu spüren, war das Einzige, an das sie denken konnte. Ihn reinzulassen und sich ficken zu lassen. Ja – es war eine heftige Probe. Und wer weiß, vielleicht würde sie, wenn sie diese bestand, sogar an dieser wachsen. Und hey – es würde Spaß machen. Alle würden sie dabei sehen, und krasser konnte ein Kick nicht sein.
Also erwiderte sie seinen Blick. Grinste ihn fordernd an und nickte. Und danach geschah es: Sie schloss die Augen. Vergrub die Finger im Polster. Eine unsichtbare Barriere zerbrach. Sie spannte den Bauch an. Dann drang er in sie ein.
9.
Er fickt mich wirklich!
Siobhan konnte es nicht fassen. Und doch passierte es. Rico schob seinen Penis einfühlsam vor und zurück. Mit jedem Mal stöhnte sie leise und stieß ihm heiße Luft entgegen. Aus dem Publikum kam erregtes Gemurmel und sie meinte, einen Mann rufen zu hören: »Nimm sie härter ran.«
Aber der Tänzer, Callboy, Gigolo, wie auch immer man ihn nennen konnte, zog sein eigenes Programm durch. Schien das, was er tat, zu genießen und nicht nur für die Show zu machen. Er stöhnte ebenfalls und als Siobhan eine Hand auf seine Brust legte, spürte sie, wie sein Herz raste – genau wie das ihre.
Sie öffnete die Augen und betrachtete den Körper über ihr. Ein feiner Schweißfilm lag auf Ricos Haut und glänzte im grellen Schein der Deckenlampen. Er senkte den Kopf und küsste sie. Ihre Zungen rangen miteinander und gaben ein inniges Schmatzen ab. Plötzlich legte er ihr eine Hand auf die Brust und spielte mit dem weichen Gewebe. Nahm den Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger, drückte zu und ließ ihn hart werden.
Stoß um Stoß verrichtete er sein Werk. Wurde intensiver und drang tiefer in sie ein. Siobhan, die die wuchtige Gangart beim Sex schon immer zu schätzen gewusst hatte, versetzte ihren Unterleib in rhythmische Bewegungen, um den Tänzer bei seiner Arbeit zu unterstützen. Sie hatte keine Vorstellung davon, welchen Eindruck sie nach Außen beim Sex machte. Ob sie ästhetisch auf die Zuschauer wirkte oder wie eine Anfängerin bei ihrem ersten Mal.
Ohne dass sie es verhindern konnte, legte sie den Kopf zur Seite und warf einen Blick in die Menge. Sie sah Gesichter, die vor Lust verzogen waren. Andere grinsten oder unterhielten sich mit einer Miene, die einem strengen Juror alle Ehre gemacht hätte. Doch eines hatten sie gemein: absolute Akzeptanz. Niemand verurteilte das, was sich auf der Bühne ereignete. Und noch viel wichtiger: niemand verurteilte sie.
Und dann geschah es. Während Rico härter zustieß, sodass sich ihre Brüste unter seiner Wucht bewegten, traf Siobhans Blick auf ihre Kollegen. Ihr Herz polterte ertappt, doch es war passiert. Sie konnte nicht mehr rückgängig machen, was sie gesehen hatte.
Max, Henry, Niels und Lars sahen jede Sekunde der Show mit an. Keinen Stoß ließen sie aus. Sie verfolgten still und konzentriert Ricos und ihre Darbietung. In ihren Gesichtern stand Lust geschrieben. Ihre Augen zeugten von einer Gier, die ihr bei ihnen fremd war. Und dann war da Marten. Ihr Mentor, fast zwanzig Jahre älter als sie und immer hilfsbereit an ihrer Seite. Auch sein Blick hing an ihr und wog so schwer wie alle anderen zusammen. Er betrachtete ihre intimsten Stellen. Brüste, Muschi und mehr. Als er bemerkte, wie sie ihn ansah, wirkte er ertappt und schien unschlüssig darüber, ob er wegsehen sollte, oder eben nicht.
Siobhan schoss heiße Glut unter die Haut ihres Gesichtes. Sie wandte sich wieder Rico zu, der sie mit einer vor Geilheit verzerrten Fratze und geschlossenen Augen fickte.
Überraschend nahm er ihre Hände, führte sie über ihrem Kopf zusammen und fixierte sie mit festem Griff an den Gelenken. Und obwohl die Handschellen fehlten, war es für sie so, als wäre sie gefesselt. Er gab ihr das Gefühl, nicht mehr ausweichen zu können. Und genau diese Art der Dominanz schien ihn anzumachen. Er rammelte sie heftiger. Ihr Lustfeuer brannte lichterloh und sie hörte ein leises Klatschen, das immer dann aufkam, wenn sein Hoden nach einem besonders harten Stoß gegen sie prallte. Sie liebte es. Genoss die Wucht und das Feuer seiner Lenden.
»Eres genial«, presste Rico zwischen dem Stöhnen hervor. Er schien sie und ihren Körper abgrundtief zu genießen. Doch dann veränderte sich sein Rhythmus. Er ließ ihre Hände los, richtete sich ein Stück auf und zog sich langsam aus ihr zurück. Noch ehe sie begriff, was er vorhatte, lag seine Hand schon an ihrer Hüfte. Ein kurzer, bestimmender Druck — und sie verstand. Sie drehte sich, kam auf die Knie und stützte sich in das weiche Polster.
Rico zog ihren Hintern dicht an sich heran. Seine Finger gruben sich kräftig in ihr Fleisch. Sie presste die Lippen aufeinander und ließ den Kopf entspannt nach unten hängen. Dann drang er zum zweiten Mal an diesem Abend in sie ein. Hart und unnachgiebig. Siobhan, extrem nass und heiß, wehrte sich nicht. Sie stöhnte, während das Blut in ihr rauschte. Ihre Brüste schwangen hin und her, was wilde Schattenspiele auf dem Sofa erzeugte. Der Moment triefte nur so vor animalischer Hingabe.
Der Tänzer legte eine Hand auf ihren Nacken und drückte sie hinunter. Sie kam mit dem Oberkörper auf dem Polster zum Liegen und spürte augenblicklich, wie sie sich durch den Haltungswechsel verengte. Kippte den Kopf in Richtung Rückenlehne und genoss jede Sekunde. Stellte fest, dass er ihre Pobacken auseinanderzog. Ihr Anus spannte sich und zuckte in dem Moment, als er einen angefeuchteten Daumen auf ihm platzierte. Siobhan vergrub die Fingernägel im Stoff. Diesen Aspekt der Hingabe hatte sie schon immer geliebt: vaginale Penetration in Kombination mit sanften Popospielen.
Sie stöhnte lauter. Presste ihren Hintern seinem Becken entgegen. Sie gab das Lustobjekt, das er begehrte. Empfand die Leidenschaft, die sie brauchte, um bei dieser Show nicht leer auszugehen. Allmählich fragte sie sich, ob sie auf der Bühne zu einem Orgasmus kommen könnte. Sie war sich, ohne lange darüber nachzudenken, ziemlich sicher, dass sie das nicht schaffen würde, auch wenn Rico wundervolle Arbeit leistete. Ihre öffentliche Zurschaustellung und ihr emotionaler Zustand wogen am Ende dann doch zu schwer. Aber das machte nichts. Sie war sich sicher, dass die wenigsten Frauen – wie viele mochten es auf diesem Sofa gewesen sein – im Boobs ’n’ Boners zum Höhepunkt kommen würden. Und so beschloss sie, es einfach auf sich zukommen zu lassen. Irgendetwas würde schon passieren.
Der Druck von Ricos Daumen verstärkte sich. Er massierte ihren Ring, der mit jeder Runde weicher wurde. Mit einem Mal war der Penis verschwunden. Siobhan fragte sich, ob er abermals die Stellung wechselte, doch dann spürte sie einen heißen Atem an ihrem Hintern. Nur eine Sekunde später traf seine Zunge ein und umkreiste ihren Anus. Das Kitzeln, das dabei entstand, ließ sie die Pobacken zusammenkneifen. Sie kicherte verlegen und wehrte sich verhalten. Zog den Arsch von ihm weg, aber er war stärker und setzte seinen Kopf durch. Drang mit der Spitze seiner Zunge in sie ein. Nicht tief, das war anatomisch nicht möglich, und doch verpasste er ihr das irrwitzige Gefühl der analen Penetration.
Siobhan spürte, wie er sich wieder aufrichtete, die Zunge verschwand, der Penis kehrte an seine alte Wirkungsstätte zurück. Und während aus dem Publikum erregte Rufe kamen, fickte er sie weiter. Stieß mit seinem Profi-Glied zu und versetzte sie in eine Ekstase, die sie lange nicht mehr erlebt hatte. Maik? Wer war das schon. Jetzt bumste sie ein anderer Mann. Ein besserer Mann. Ein Mann, der das Handwerk Sex ausgezeichnet gut beherrschte. Fast wünschte sie sich, ihr Ex würde im Publikum sitzen. Alles mit ansehen und sich über das ärgern, was er dank seiner Triebhaftigkeit aufs Spiel gesetzt und verloren hatte.
Rico zog seinen Penis heraus und ließ sich nach hinten auf das Gesäß fallen. Er lehnte sich zurück. Siobhan sah über die Schulter und verstand, dass sie an der Reihe war. Dass sie nun arbeiten musste. Und sie tat ihm den Gefallen. Drehte sich, kroch zu ihm, hob ein Bein und schwang sich auf den Sattel. Sie griff seinen Penis, stellte diesen auf und ließ sich auf diesen nieder.
Der Schaft versank mühelos in ihr. Sofort verfiel sie in eine vollblütige Reitbewegung. Warf genussvoll den Kopf in den Nacken und stieß stoßweise Luft zur Saaldecke aus. Ihr Stöhnen war wollüstig und echt. Seines laut und gierig. Rico packte ihren Arsch und versuchte, ihr ein schnelleres Tempo aufzuzwingen. Für einen Moment gerieten sie dadurch aus dem Gleichgewicht. Doch Siobhan fing sich, straffte den Rücken und nahm sich das, was sie brauchte.
Der Machtkampf turnte sie noch mehr an. Ihr Motor kam auf Touren. Sie packte seine Hände und stieß diese von sich weg. Ich bestimme, wie es läuft, dachte sie aufmüpfig. Und er gewährte ihr diesen Moment. Gab das Kommando ab und spielte stattdessen mit ihren Brüsten, die munter auf und ab hüpften.
Irgendwann reichte es ihm aber. Er forderte die Kontrolle zurück, indem er ihr Gesäß fest packte und zum Anhalten zwang. Er hob es ein Stück nach oben, sodass sein Glied aus ihr herausrutschte. Zog dann ihre Backen auseinander und präsentierte dem Publikum einen unzensierten Einblick auf ihre Löcher. Ein merkwürdiger Jubel brandete auf und Siobhan wurde klar, dass diese wildfremden Menschen ihre Muschi samt Anus feierten. Ihr Gesicht brannte wie Feuer.
Rico löste die Hände, was ihr sagte, dass der Fick weiterging. Einen Moment später stieß er zu und trieb sie in die Besinnungslosigkeit. Und obwohl sie jede Sekunde genoss, zwang sie sich dazu, sich auf einen Orgasmus zu konzentrieren. Doch wie erwartet ließ sich dieser nicht greifen und entglitt ihr immer wieder. Zwar wallten in ihr verheißungsvolle Wellen, aber sie schaffte es nicht, diese brechen zu lassen. Sie gestand sich ein, dass es keinen Sinn machte, weiterhin ihre Gedanken an einen Höhepunkt zu verschwenden.
Irgendwie war sie froh darüber, sich selbst von dieser Pflicht befreit zu haben. Ihr wurde leichter ums Herz, was dazu führte, dass sie den Sex intensiver wahrnahm. Auch, als Rico sich aufmachte, sich zu erheben – noch immer mit ihr verbunden.
Er legte seinen Unterarm unter ihren Hintern, während sich der andere um ihren Oberkörper schlang. So gesichert, trat er ein paar Schritte vor und näherte sich dem Publikum. Sie klammerte sich an ihm fest. Es war ein seltsames Gefühl, auf diese Art, mit einem Penis in sich, getragen zu werden.
Siobhan ließ den Blick schweifen und begriff mit einem Schlag, dass Rico mit ihr direkt an der Bühnenkante stehen geblieben war. Zwischen ihr und der ersten Reihe lagen kaum mehr als ein paar Zentimeter. Sie konnte Gesichter unterscheiden. Offene Münder. Aufgerissene Augen. Hände, die sich an Gläser oder Tischkanten klammerten. Ja, ein Mann hatte sie sogar in seiner Hose. In Sio kribbelte es vor Scham.
Er nahm sich Zeit. Hob sie nur ein kleines Stück an, ließ sie wieder sinken, dann noch einmal. Langsam genug, dass sich jede Bewegung unendlich intensiv anfühlte. Nichts an der Vorführung war hektisch. Es war pure Lust und Macht.
Die Blicke der Gäste waren so nah, dass Siobhan meinte, diese an sich spüren zu können. Ihre Haut fühlte sich an, als würden hunderte Feuerameisen über sie spazieren und ihr beißendes Gift verteilen. Sie war vollkommen ausgeliefert und wusste, dass ihre Kollegen nur wenige Schritte hinter ihr saßen und Sachen an ihr sahen, die eigentlich nicht für deren Augen bestimmt waren. Sie fühlte in voller Ohnmacht, wie Max, Marten und Co ihren Hintern, den leicht gedehnten Anus, ihre Taille, die Overknee-Strümpfe, die Stiefel und all das andere begafften, was definitiv in die Kategorie zu explizit, privat oder nackt für einen Arbeitskollegen fallen würde.
Dass Rico trainiert und kräftig war, hatte Siobhan unlängst verstanden. Dass er aber in der Lage war, sie im Stehen zu ficken, überraschte sie dann doch. Das langsame Stoßen erweiterte sich stetig und glich nach kurzer Zeit einer richtigen Rammelei. Sie musste sich eingestehen, dass sie in dieser Stellung kaum etwas empfand, akzeptierte es aber und gönnte dem Darsteller diesen Moment der Macht. Sie wusste, dass auch sie noch auf ihre Kosten kommen würde. Und so kam es, dass er sie wieder zum Sofa zurücktrug.
Er legte sie auf dem Rücken ab, ihr Kopf drückte sich in die Lehne. Dann führte er ihre Beine zusammen, zog sie hoch, sodass sich ihr Arsch herausstreckte. Rico presste ihre Oberschenkel auf ihren Oberkörper. Siobhan schlang ihre Arme um die Schenkel und fixierte sie, während der Latino sein Glied ins Rennen zurückschickte.
Da sie in dieser Haltung besonders eng war, spürte sie die Reibung in ihr derart intensiv, dass es ihr die Sinne raubte. Sie keuchte laut, was einerseits an der Ekstase, andererseits an Ricos Gewicht lag, da er sich mit vollem Einsatz auf sie stützte. Das Atmen fiel ihr in diesem Moment fürchterlich schwer. Sie war ihm vollkommen ausgeliefert. Hatte die Kontrolle verloren, was sich darin zeigte, dass sie noch nicht einmal dazu in der Lage war, sich verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht zu wischen.
Sein Stoßen wurde schneller. Er brüllte fast. Siobhan verstand, dass sein Höhepunkt nicht mehr lange auf sich warten ließ. Sie bereitete sich mental darauf vor, seinen Saft in sich aufzunehmen. Und irgendwie freute sie sich auf den Creampie. Der Gedanke, dass er sie mit dem Sperma markieren würde, machte sie heißer, als sie vermutet hatte. Aber es kam anders. Der Creampie wurde gestrichen. Stattdessen ließ er von ihr ab. In dem Moment, als sein Gewicht von ihr verschwand, kehrte die Luft in ihre Lungen zurück.
Rico zog sie vom Sofa und bedeutete ihr, sich auf die Knie zu begeben. Ihr Herz raste, während sie beobachtete, wie er vor ihr stand und brüllend sein Glied wichste.
»Abre la boca!«, keuchte er. »Öffne deinen Mund!«
Sie zögerte zunächst, kam der Aufforderung aber nach. Streckte die Zunge heraus und sah ihn direkt in die Augen. Dann erklang ein animales Brüllen, tief und laut. Sie fuhr zusammen. Der erste Spritzer flog über sie hinweg. Der Zweite landete in ihren Haaren dicht oberhalb der Stirn. Siobhans Lider zuckten bei jedem Schuss. Der dritte Strahl schlug ihr gegen die Wange und lief sofort heiß an ihr herab. Nummer vier traf ihren Mund. Schwappte über die oberen Schneidezähne, während weiteres Sperma auf ihrer Zunge landete. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um zu verhindern, dass es noch mehr von dem glibberigen Zeugs in sie schaffte.
Rico ejakulierte heftig. Zusätzliche Schüsse trafen das Kinn und als der Druck schließlich nachließ, auch Brust und Bauch. Dann war es überstanden. Der letzte Tropfen blieb an der Eichel hängen und zitterte unter den ermüdenden Wichsbewegungen.
Das Publikum schrie und applaudierte in voller Euphorie. Siobhan atmete heftig durch die Nase, während heiße Fäden an ihr herunterliefen. Sie schmeckte Salz und Muskat und motivierte sich dazu, dass Weiß in ihrem Mund zu schlucken. Das war etwas, das sie nicht mochte. Aber das Letzte, was sie wollte, war auf der Bühne und vor all diesen Leuten zu würgen oder sich zu übergeben. Diese Blöße wollte sie sich nicht geben. Also riss sie sich zusammen. Schloss kurz die Augen, konzentrierte sich und ließ das Sperma den Weg durch die Speiseröhre gehen. Im Anschluss sah sie zu Rico auf, der erschöpft zu ihr herunterblickte.
»No está mal«, murmelte er. Siobhan verstand nicht, was es bedeutete, schloss aber aus dem Kontext, dass es etwas Nettes gewesen war.
Er bot ihr die Hand an. Sie griff zu und er zog sie hoch. Ganz im Stile eines Musicaldarstellers verbeugte er sich, was erneute Jubelstürme zur Folge hatte. Sie stellte fest, dass Männer, wie Frauen, ehrfürchtig zu ihm aufsahen. Ihre Blicke sagten aus, dass sie gerne wären wie er – oder sich zumindest von ihm durchnehmen lassen wollten. Da Sio eine Verbeugung übertrieben vorkam, begnügte sie sich damit, ausdruckslos über die Menschen hinweg zur Rückwand des Saales zu gucken. Und das, obwohl es vor Hitze in ihr kribbelte.
»Lass mich dir helfen«, sagte Rico plötzlich und zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er deutete auf ihre Kleidung, die neben dem Stuhl am Boden lag. Er ging zu diesem hinüber, bückte sich und hob jedes Kleidungsstück für sie auf. Sie folgte ihm. Dann überreichte er ihr die gehäuften Kleider und wies auf die linke Tür der Bühnenwand.
»Komm mit mir. Ich zeige dir die Dusche.«
»Dusche?«
»Klar. Du willst doch nicht so zu deinen Leuten zurück, oder?«
Er deutete auf ihre Wange und das Kinn. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Gesicht noch immer voller Sperma war. Sie nickte ertappt. Wie konnte ich das vergessen?
»Du kannst dir beim Duschen Zeit lassen. Dich hetzt keiner.«
Sie folgte ihm durch die Tür. Aus den Lautsprechern erklang wieder die Stimme des Sprechers. Er warb für den Trinkgeld-QR-Code und verabschiedete den winkenden Rico und seinen Bühnengast. Als die Tür ins Schloss fiel, ebbte die Lautstärke sofort ab. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, legte sich abrupt eine unerwartete Schwere über Siobhan.
Alles fiel von ihr ab. Anspannung, Scham, das grelle Bühnenlicht, die Last der Blicke, die Lust und das Feuer, das in ihr gebrannt hatte. Ein Gefühl jedoch blieb: Stolz. Auch wenn das, was sie getan hatte, ein krasses und Grenzen überschreitendes Erlebnis für sie gewesen war, so bereute sie nichts. Im Gegenteil.
Sie folgte Rico durch einen schmalen, grauen Gang, an dessen Wänden erotische Poster mit tanzenden Frauen und Männern angebracht waren. Es roch nach Beton und Parfüm. Als sie an einer Tür mit der Aufschrift »Deerns« ankamen, stoppte der Tänzer.
»Du warst fantastisch«, sagte er. In seinem Gesicht stand die absolute Aufrichtigkeit geschrieben. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich dazu bekomme. Du hast mich echt überrascht.«
Siobhan wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und machte das Einzige, das ihr übrig blieb: Sie lief rot an. Der Tänzer ließ seinen Blick abwärts gleiten und musterte das, was er soeben exklusiv genießen durfte. Dann fummelte er aus seiner Hose, die er locker über die Schulter trug, eine zerknitterte Karte hervor.
»Falls du …«, begann er und betrachtete sie erneut. »Nachher Lust auf eine zweite Runde hast, kannst du dich gerne bei mir melden.«
Siobhan nahm die Karte und las die Nummer, die darauf stand. Im Anschluss musterte sie Rico. Sein Glied, das erschöpft und schlaff an ihm herabbaumelte, glänzte noch von ihren Säften.
»Ich denke darüber nach«, antwortete sie, obwohl sie sich sicher war, dass sie die Nummer nicht wählen und die Karte wegschmeißen würde.
»Muy bien«, murmelte Rico. »Ach ja: Du kannst an der Bar deine Bankdaten hinterlassen, wenn du möchtest.«
Siobhan hob eine Augenbraue. »Wieso das?«
»In diesem Club werden die Trinkgelder gesammelt und am Ende der Schicht unter allen aufgeteilt, die auf der Bühne oder für die Bar gearbeitet haben. Das gilt auch für die Gäste, die …«
»Sich haben ficken lassen?«
Rico lachte laut und nickte. »Genau so ist es. Da kommen gut und gerne ein paar Euros zusammen. Die Gage hast du dir mehr als verdient.«
Siobhan bedankte sich, bezweifelte aber, dass sie diesen Schritt gehen würde. Der Tänzer, ihr Liebhaber auf Zeit, verwies auf die Tür. »Wenn du fertig bist, kannst du diesem Gang weiter folgen. Du kommst dann zu einer Seitentür, die dich in den Saal zurückführt.«
Sio folgte seinem ausgestreckten Finger, der in die entgegengesetzte Richtung wies, aus der sie gekommen waren.
»Also nicht in die Richtung?«
»No. Es sei denn, du willst noch einmal auf die Bühne.«
Sie lachte laut auf. »Nein, das nun wirklich nicht. Das eine Mal reicht vollkommen.«
10.
Siobhan genoss das heiße Wasser, das aus einem kleinen, angelaufenen Duschkopf kam und auf sie niederregnete. Der Duschraum, den Rico ihr gezeigt hatte, war zwar und konnte eine Auffrischung gebrauchen, aber im Grunde gut ausgestattet. Es gab insgesamt vier Duschkabinen, die nebeneinander an einer Wand aufgereiht waren. Daneben befand sich ein Bereich, in dem sich die Tänzerinnen umkleiden konnten, sowie eine Vielzahl an Spinden und Schminktischen. Ein schmaler Getränkekühlschrank mit Glastür und diversen Energydrinks dahinter rundete den Eindruck eines zweckdienlichen Raumes ab.
Siobhan war allein. Zum Glück. Denn kaum hatten die ersten Tropfen ihren Kopf benetzt, brachen die Gedanken über sie hinein. Das, was sie im Saal und auf der Bühne erlebt hatte, kam nun, da sich der Trubel gelegt hatte, mit voller Wucht zurück und überfuhr sie wie ein Güterzug.
Bereue ich es? War es richtig? Diese Fragen stellte sie sich zum wiederholten Male. Zunächst war sie unsicher, doch allmählich siegte der Trotz.
Nein. Es war kein Fehler gewesen. Wenn Maik fremdficken konnte, kann ich mir auch einen Mann nehmen, wenn sich mir die Chance dazu anbietet.
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Unter ihre Zweifel mischte sich Wut und sie versuchte, diese im Zaume zu halten. Es kostete sie alle Kraft, doch schließlich fasste sie den Gedanken, dass das, was auf der Bühne passiert war, ein würdiger Schlusspunkt ihres bisherigen Lebens war. Warum? Nun …
Es war heiß gewesen. Hoch erotisch, animalisch, erregend. Und sie war an einer grenzüberschreitenden Aufgabe gewachsen. Hatte nicht gekniffen. Die Blicke, Rufe und Kommentare ertragen. War gereift. Und ja: Es hatte sich verdammt gut angefühlt. Und das Beste? Niemand konnte das Ganze noch zum Thema machen. Denn ab morgen wäre alles anders. Alles neu. Das, was im Boobs ’n’ Boners passiert war, würde den Club nicht verlassen und in Hamburg bleiben.
Siobhan betrachtete die Dusche nicht nur aus rein hygienischen Gründen als notwendige Reinigung. Das Wasser wusch ihr altes Leben von ihr ab und ließ es in der Finsternis verschwinden, wo es hingehörte.
Sie quetschte Shampoo aus einem Spender. Es roch intensiv nach Lemongras. Sie seifte sich damit ein, verteilte es großzügig im Haar und nutzte den Schaum, um all das zu reinigen, was der Tänzer berührt hatte. Schrubbte die Brüste, den Bauch, den Hintern. Bei ihrer Vagina war sie besonders gründlich, genau wie bei ihrem Gesicht, auf dessen Haut sie sich noch immer einbildete, Ricos Sperma zu spüren.
Als sie fertig war, warf sie einen schüchternen Blick aus der beschlagenen Kabine und prüfte, ob in der Zwischenzeit jemand den Raum betreten hatte, was aufgrund der Tatsache, dass der ganze Club sie nackt gesehen hatte, ziemlich albern war.
Sie war allein. Schnappte sich ein weiches, weißes Handtuch, das gestapelt auf einer Kommode lag. Rieb sich trocken und zog eilig ihre Unterwäsche an. Es war seltsam, in die getragene, leicht verschwitzte Kleidung zu steigen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Es folgten Rock, Strümpfe und Stiefel. Als sie gerade ihr Top zurechtgezogen hatte, öffnete sich die Tür.
Lolly und eine zweite Frau betraten den Raum. Sie diskutierten erregt miteinander, grüßten Siobhan beiläufig und verhielten sich so, als wäre die Anwesenheit einer Zivilistin nichts Ungewöhnliches, was vermutlich sogar der Wahrheit entsprach. Erst, als sie Anstalten machte, den Raum zu verlassen, wandte sich Lolly an sie.
»Hast du sowas schon einmal gemacht?«
Sio, die etwas auf dem Schlauch stand, zögerte mit einer Antwort.
»Also, ich meine, Sex auf einer Bühne?«
Sofort schoss die Schamesröte in ihr Gesicht. »Ähm. Nein«, stammelte sie. »Das war das erste Mal.«
Lolly wirkte beeindruckt. »Also dafür war es echt gut. Man hat dir nicht angemerkt, dass du eine Newcomerin bist.«
Siobhan lächelte verlegen und zuckte beiläufig mit den Schultern, weil ihr nichts Besseres einfiel. »Ich habe versucht, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen.«
»Das ist dir gut gelungen.«
»Aber innerlich gab es ein paar Momente, in denen ich gerne im Boden versunken wäre …«
Lolly kicherte wissend. »Bei meinem ersten Mal wäre ich beinahe gestorben vor Scham. Mein Herz ratterte so schnell, dass ich schon Angst hatte, es würde stehen bleiben.«
Die Frauen lachten. Und als Lolly und ihre Kollegin damit begannen, sich vor Siobhan ungeniert zu entkleiden, wandte sie ihren Blick ab. Eine gespannte Ruhe kehrte ein. Aus einem Grund, den Sio nicht verstand, ertrug sie die Stille nicht und zwang sich dazu, diese zu durchbrechen. »Du trittst noch einmal auf?«
»Jupp«, antwortete die Stripperin, die mittlerweile splitterfasernackt vor ihr stand und sich in einem beleuchteten Wandspiegel betrachtete. »Wir sind unterbesetzt. Deswegen muss ich öfter raus als sonst. Und ich muss auf der Straße Gäste anlocken.«
»Uns hast du auch geködert. Meine Kollegen waren hin und weg von dir.«
Lolly musterte sie flüchtig, schien sich aber nicht an diesen Moment erinnern zu können. Wer wusste schon, mit wie vielen Menschen sie gesprochen hatte, um sie in den Club zu bringen. Da war es kein Wunder, dass sie sich nicht jedes Gesicht merken konnte.
»Danke. Das freut mich zu hören.«
Siobhan wusste, dass es an der Zeit war, zu gehen. Doch eine Frage brannte ihr noch auf der Zunge. »Hast du oft … Sex auf der Bühne? Oder ist das eher selten?«
Die Stripperin lachte und legte den Kopf schief. »An einigen Abenden geht gar nichts. An anderen passiert es dann schon zwei, drei, manchmal vier Mal.«
»Wow, krass.«
Lolly zuckte mit den Schultern. »Die Mission ist es, möglichst immer Sex zu haben. Aber da das die Freiwilligkeit des Gastes voraussetzt, ist das ein weiches Ziel. Wir zwingen hier keinen.«
»Wie der Typ, der bei deinem letzten Auftritt die Bühne verlassen hat.«
Die Tänzerin nickte. »Genau. Bei dem war ich mir eigentlich sicher, dass er sich darauf einlassen würde. Aber so kann man sich irren, was? Warum fragst du eigentlich?«
»Ach, nur aus Interesse.«
Lolly legte ein verruchtes Grinsen auf. »Wenn es dir gefallen hat … und du offen für Neues bist, kannst du gleich gerne mit mir mitkommen.«
Siobhans Herz stoppte für einen Schlag und etwas in ihrer Brust zog sich zusammen.
»Also, falls du mal Sex mit einer Frau probieren willst, wäre das deine Chance.«
Sie zwinkerte Sio zu und strich ihr sanft über die Schulter.
»Ähm … Danke. Aber eine Grenzerfahrung heute Abend reicht mir dann doch.«
Lolly zog eine Schnute. »Deine Entscheidung.«
Die Frauen verabschiedeten sich und Siobhan verließ den Umkleideraum. Sie wandte sich nach rechts, schritt, wie von Rico erklärt, den Gang entlang und erreichte eine Tür, auf der in großen Lettern »Saal« prangte. Sie öffnete sie eine Handbreit weit und warf einen Blick durch den Spalt. Ihr Blut gefror zu Eis. Vor der Tür, mit dem Rücken zu ihr, standen ihre Kollegen. Oh Gott! Was machen die denn hier?
Eigentlich hatte sich Siobhan vorgenommen, den Club klammheimlich zu verlassen und die Trennung von ihren Kameraden und Hamburg still und ohne Aufsehen zu vollziehen. Doch dieser Plan drohte zu scheitern.
Sie zog die Tür zu, trat einen Schritt zurück und sah in beide Richtungen und prüfte, ob es einen anderen Ausweg gab. Sie seufzte. Ließ die Schultern hängen und schloss für eine Sekunde die Augen.
»Das ist doch Blödsinn«, flüsterte sie. Ich bin erwachsen.
Sie entschied, sich den Männern zu stellen. Sammelte Kraft, indem sie mehrere Male tief ein und aus atmete. Danach öffnete sie die Tür und betrat den Saal. Sofort verstand sie, warum sie dort auf sie warteten: Ihre Handtasche. Max hielt sie in der Hand. Die Tasche hatte sie ganz vergessen.
Lars bemerkte sie zuerst. Dann drehten sich auch die anderen zu ihr um. Es herrschte eine peinliche Stille. Siobhan sah, wie ihre Kollegen krampfhaft versuchten, ihr nur in die Augen und nicht auf den ganzen Rest zu starren, der bis vor kurzem nackt gewesen war. Marten unterbrach als Erster das Schweigen.
»Wir«, begann er leiser, als sie es von ihm gewohnt war. »Wollten weiterziehen. Auf ein oder zwei Bier. Möchtest du … Möchtest du mitkommen?«
Bei seinem letzten Satz huschte sein Blick auf ihre Oberweite. Sein Gesicht nahm eine neue Farbe an, als er bemerkte, dass sie ihn dabei ertappte. Im Vergleich zu den anderen war Niels der Einzige, der sie eher grimmig als verunsichert ansah. Siobhan konnte nur vermuten, woran das lag. Da sie ihn als ultratreuen Partner und Familienmenschen kennengelernt hatte, kam ihr der Verdacht, dass er sie für ihr vermeintliches Fremdgehen verurteilte. Daran traf ihn keine Schuld. Immerhin wusste niemand von ihrer Trennung und all dem, was diese ab morgen verändern würde.
Siobhan öffnete den Mund, um zu antworten. Wollte das Angebot ablehnen und einfach nach Hause fahren. Zögerte jedoch. Folgte einem Bauchgefühl und entschied sich anders. Sie wünschte sich, den Menschen, die ihr so viel bedeuteten, reinen Wein einzuschenken. Denn das war das Einzige, was sie verdienten. Also stimmte sie zu.
»Okay«, flüsterte sie, ohne ihnen dabei in die Augen zu sehen. Dann hob sie den Blick und legte so viel Aufrichtigkeit hinein, wie es ihr unter diesen Umständen möglich war. »Ich komme mit. Und ich muss euch etwas Wichtiges erzählen.«
Nachwort
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Die Idee von Erotik vor Publikum allerdings nicht. Die Mischung aus Bühne, Blicken, Scham, Mut und sexueller Performance existiert bis heute – in Liveshows, auf Events und natürlich auch in Erwachsenenfilmen. Mal echt, mal inszeniert. Mal verruchte Fantasie, mal sehr reale Grenzerfahrung.
Ich selbst habe auf Erotikmessen oft öffentlichen Bühnen-Sex beobachtet. Und genau diese Reibung hat mich schon immer fasziniert: der Moment, in dem aus Zuschauen plötzlich Teilnehmen wird. Der Augenblick, in dem Lust und Überforderung, Scham und Kick ineinanderfließen.
Siobhans Weg ist Fiktion. Aber die Welt, in der sie ihn geht, ist näher an der Realität, als mancher vielleicht glauben mag.
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Außerdem habe ich eine Charakterbibliothek ins Leben gerufen, die meine wichtigsten Protagonisten enthält. So auch Siobhan. In dieser Sammlung findest du Steckbriefe und Fotos. Und ja – es wird auch Haut gezeigt. 😉
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