Gefällt dir das Bild nicht? Tinte und Zwischenräume | Kapitel 2-3
Veröffentlicht amIch wache auf, bevor der Wecker klingelt. Das Tropfen vom Dach hat aufgehört, und durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen schiebt sich graues Morgenlicht. Mein Kopf ist schwer, und die Träume von öffnenden Türen und lächelnden Frauen am Fenster hängen noch in meinen Gliedern wie feuchter Nebel.
Ich liege still. Die Decke ist in der Nacht von meinen Schultern gerutscht, mein Strickkleid hat sich hochgeschoben, und die kühle Luft streicht über meine bloßen Oberschenkel. Ich bewege mich nicht. Stattdessen lausche ich auf meinen eigenen Atem und frage mich, ob dieser seltsame Druck in meiner Brust nur ein Nachhall des Traums ist.
Dann erinnere ich mich an das Tablet. Die Nachricht. K.
Ich stehe auf, bevor ich es mir anders überlegen kann. Meine wolligen Socken rutschen über den Holzboden, und jeder meiner Schritte ist von einer drängenden Unruhe angetrieben. Im Wohnzimmer liegt das Tablet auf dem Sofakissen, genau dort, wo ich es letzte Nacht zurückgelassen habe. Der Bildschirm erwacht unter meinem Finger und wirft bläuliches Licht in den noch dunklen Raum.
Die Nachricht ist gelesen.
Mein Herz hämmert. Das Häkchen hat sich verändert – nicht mehr nur zugestellt, sondern gelesen. Vor Stunden, wie ich sehe. Irgendwann in der Nacht, während ich von Türen und Lichtstreifen geträumt habe, hat K meine Worte gesehen. Hat sie gelesen. Und dann?
Nichts. Keine Antwort. Keine Bestätigung. Nur dieses verdammte Häkchen.
Ich lege das Tablet zurück auf das Sofa und gehe in die Küche, um Wasser zu kochen. Meine Hände zittern leicht, als ich den Tee abmesse, und ich verfluche mich dafür. Ich bin siebenundfünfzig Jahre , keine Schülerin, die auf eine Nachricht ihres Schwarmes wartet. Ich bin Archivarin. Ich arbeite jahrzehntelang mit historischen Dokumenten, habe gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen, und Muster zu erkennen, wo andere nur altes Papier sehen. Ich sollte besser sein als das hier.
Aber das Wasser kocht, und ich gieße es auf, und meine Hände zittern immer noch.
Ich trage die Tasse auf den Balkon. Die Luft ist kühl und feucht, riecht nach nassem Beton und dem fahlen Aroma der vertrockneten Geranien in der Ecke. Ich setze mich auf den Klappstuhl und lasse den Dampf über mein Gesicht steigen. Hier draußen kann ich denken. Hier draußen ist genug Platz für die Zwischenräume, die K in ihrem Text beschrieben hat.
Ich trinke den Tee, und die Wärme breitet sich in mir aus, aber sie vertreibt nicht die Unruhe. Stattdessen verwandelt sie sich – von dem stumpfen Pochen in meiner Brust hinab in meinen Bauch, wo sie sich zusammenzieht und dreht. Ich schließe die Augen und erinnere mich an Ks Worte. An die Frau, die beschließt, die Tür einen Spaltbreit zu öffnen. An den Satz, der mich dazu gebracht hat, überhaupt zu schreiben: Manchmal ist der Mut nicht die Tür zu öffnen, sondern stehen zu bleiben und trotzdem hineinzuschauen.
Hineinschauen. Ich habe hineingeschaut. Und jetzt?
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, das Tablet zieht mich wieder an. Meine Finger navigieren zu Ks Blog, und dort – neu, seit gestern Abend – ist ein weiterer Text. Mein Herz setzt einen Schlag aus.
Der Titel lautet Rückantwort.
Ich klicke darauf. Die Worte laden, langsam, als würden sie sich Zeit lassen, und dann fülle ich den Bildschirm aus. Ich lese den ersten Absatz, dann den zweiten, und irgendwo tief in meinem Bauch zieht sich etwas zusammen, das nichts mit Angst zu tun hat.
Sie schrieb mir. In der Nacht, als der Regen aufhörte, schrieb sie mir, und ihre Worte trafen auf meinen Bildschirm wie Tropfen auf trockene Erde. Sie sagte, sie erkenne sich in meinen Zwischenräumen. Und ich dachte: Ja. Genau das. Genau das meine ich mit Verbindung – wenn jemand den Raum sieht, den du offen gelassen hast, und entscheidet, ihn nicht zu füllen, sondern ihn zu teilen.
Meine Hände werden heiß. Das ist – das sind meine Worte. Nicht wörtlich, aber der Sinn, die Essenz meiner Nachricht, eingeflochten in Ks Prosa. Ein privater Wink mit dem Zaunpfahl, aber für die ganze Welt sichtbar. Jeder, der Ks Blog liest, könnte das überfliegen und denken, es sei nur eine weitere poetische Reflexion. Aber ich weiß es besser. K hat mir geantwortet. Nicht in einer privaten Nachricht, nicht in einer Mail, sondern in ihrer Kunst. Auf die einzige Art, die ihr – ihnen? – möglich ist.
Ich lese weiter, schneller jetzt, hungriger.
Ich kenne ihre Hände nicht. Ich kenne nicht den Klang ihrer Stimme oder die Art, wie sie atmet, wenn sie liest. Aber ich kenne die Form ihrer Sehnsucht, weil sie mir in Worte gefasst wurde. Und manchmal – nur manchmal – stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn diese Sehnsucht eine Richtung hätte. Wenn sie nicht nur ins Leere reichte, sondern zu jemandem, der bereit ist, sie aufzufangen.
Ich presse meine Schenkel zusammen. Die Worte sind wie Finger, die mich berühren – nicht physisch, aber die Wirkung ist dieselbe. Ein Kribbeln breitet sich über meinen Rücken aus, und ich merke, dass ich meine Lippe zwischen die Zähne genommen habe.
Stell dir vor, schreibt K, jemand liest deine Worte und entscheidet, dass sie genug sind. Dass du genug bist. Stell dir vor, diese Erkenntnis landet nicht in deinem Verstand, sondern tiefer – dort, wo die Sprache aufhört und der Körper beginnt.
Der Körper beginnt.
Ich lese den Satz dreimal. Bei jedem Mal wird mein Atem flacher, und das Ziehen in meinem Unterleib intensiviert sich. K spricht von Sehnsucht, die eine Richtung findet. Von jemandem, der bereit ist, sie aufzufangen. Und ich – ich sitze hier auf meinem Sofa, in meinem bequemen Strickkleid, und stelle mir vor, dass K mich meint. Dass diese Worte für mich geschrieben wurden. Dass sie eine Einladung sind.
Ich lege das Tablet auf den Couchtisch. Meine Hände zittern nicht mehr vor Angst, sondern vor etwas anderem. Etwas, das ich lange nicht mehr gespürt habe – diese drängende, pulsierende Notwendigkeit, die mich seit Wochen begleitet, aber die ich immer wieder beiseitegeschoben habe. Zu , sage ich mir. Zu unangemessen. Eine Frau in meinem Alter masturbiert nicht zu den Worten einer fremden Autorin.
Aber Ks Worte sind nicht fremd. Sie sind das Gegenteil von fremd.
Ich stehe auf und gehe ins Schlafzimmer. Das Badlicht ist immer noch an, und sein diffuses Licht fällt durch den halboffenen Türspalt auf mein Bett. Ich setze mich auf die Matratze und starre auf meine Hände. Sie sind ruhig jetzt, aber ich spüre das Pochen in meinem Unterleib, gleichmäßig und fordernd.
Ich streiche über meinen Oberschenkel, über die Wolle meines Kleides. Die Berührung ist vertraut und fremd zugleich – ich berühre mich selten so, und wenn, dann schnell und zielgerichtet, eine Notwendigkeit, die ich so schnell wie möglich erledige. Aber heute… heute ist es anders. Heute habe ich Ks Worte in meinem Kopf, und sie fordern mich auf, nicht zu eilen. Den Raum zu teilen. Den Zwischenraum zu erkunden.
Ich lege mich zurück auf die Kissen. Die Decke ist kühl gegen meinen Rücken, und ich lasse meine Hand über meinen Bauch wandern – langsam, tastend, als wäre mein eigener Körper neues Terrain. Das Strickkleid rutscht höher, als ich meine Beine beuge, und die kühle Luft streicht über meine Haut. Ich schließe die Augen.
Ich kenne ihre Hände nicht, hat K geschrieben. Aber ich stelle mir vor, wie sie aussehen könnten. Schmale Hände mit langen Fingern, vielleicht mit Tintenflecken auf den Knöcheln. Hände, die Worte formen, die mich berühren – also müssen diese Hände selbst fähig sein zu berühren. Sanft. Bestimmt.
Meine eigene Hand gleitet höher, unter den Saum meines Kleides. Ich trage keine Strumpfhose, nur die dicken Wollsocken an meinen Füßen und einen schlichten Baumwollslip. Meine Finger berühren den Stoff, und ich halte inne. Mein Atem ist flach, und mein Herz hämmert, als würde ich etwas Verbotenes tun.
Stell dir vor, diese Erkenntnis landet nicht in deinem Verstand, sondern tiefer.
Ich schiebe den Slip zur Seite. Meine Finger berühren meine Schamlippen, und ich bin feucht. Nicht nur ein wenig – ich bin nass, triefend, und die Feuchtigkeit überrascht mich so sehr, dass ich die Luft zwischen den Zähnen einsauge. Wie lange bin ich schon so? Seit ich Ks Text gelesen habe? Seit ich die Nachricht gesendet habe? Seit Wochen, Monaten, und habe es einfach nicht zugelassen?
Ich streiche über meine Schamlippen, langsam, erkundend. Die Haut ist weich und geschwollen, und bei jeder Berührung schickt sie Blitze der Lust durch meinen Unterleib. Ich öffne mich ein wenig, und mein Finger gleitet durch die Nässe, von der Öffnung meiner Vagina hinauf zu meiner Klitoris. Als ich sie berühre, zucke ich zusammen – zu empfindlich, zu lange vernachlässigt.
Ich beginne, mich zu reiben. Langsame, kreisende Bewegungen, wie ich es mag, wie ich es immer gemocht habe, auch wenn ich es mir selten gestattet habe. Mein Atem vertieft sich, und ich öffne meine Beine weiter. Das Strickkleid ist jetzt bis zu meiner Taille hochgeschoben, und die kühle Luft auf meiner nackten Haut kontrastiert mit der Hitze zwischen meinen Beinen.
Stell dir vor, jemand liest deine Worte und entscheidet, dass sie genug sind.
Ich stelle mir K vor. Nicht als konkrete Person – ich kenne ihr Gesicht nicht, ihre Stimme nicht, nicht einmal ihr Geschlecht wirklich. Aber ich stelle mir ihre Hände vor, wie sie meine berühren. Wie sie über meinen Oberschenkel streichen, langsam und bedächtig, so wie ich es jetzt tue. Wie sie den Stoff meines Kleides beiseiteschieben und meine Haut berühren, zum ersten Mal, und dabei genau wissen, was ich brauche.
Ein Stöhnen entweicht meinen Lippen. Ich drücke meine Finger fester gegen meine Klitoris, und die Lust schießt durch mich wie ein Stromschlag. Mein Rücken wölbt sich, und ich greife mit der freien Hand nach der Bettdecke, kralle mich fest. Ich denke an Ks Worte, an die Frau, die die Tür einen Spaltbreit öffnet, und jetzt bin ich diese Frau – ich öffne die Tür zu meinem eigenen Körper, und K wartet auf der anderen Seite.
Manchmal ist der Mut nicht die Tür zu öffnen, sondern stehen zu bleiben und trotzdem hineinzuschauen.
K schaut zu mir hinein. K sieht mich. Nicht das ruhige, kontrollierte Äußere, das ich der Welt zeige, sondern das hier – die Frau, die auf ihrem Bett liegt, die Beine gespreizt, die Finger zwischen ihren Schenkeln, nass und gierig und so verdammt bedürftig. K sieht mich, und K dreht sich nicht weg.
Ich schiebe einen Finger in meine Vagina. Die Enge umfasst ihn, und ich keuche bei dem Gefühl der Penetration – so vertraut und doch so neu, als hätte ich Jahre darauf verzichtet. Mein innerer Muskel zieht sich zusammen, und ich beginne, den Finger ein- und auszubewegen, während mein Daumen über meine Klitoris reibt. Der Rhythmus ist unregelmäßig, unbeholfen, als würde ich ein Instrument spielen, das ich zu lange nicht mehr berührt habe.
Aber es funktioniert. Die Lust baut sich auf, Welle um Welle, und ich gebe mich ihr hin. Meine Hüften bewegen sich gegen meine Hand, und ich stelle mir vor, dass es Ks Hand ist, die mich so berührt. Ks Finger, die in mich eindringen, Ks Daumen, der meine Klitoris reibt, Ks Atem, der heiß gegen mein Ohr weht.
„Verdammt”, flüstere ich, und das Wort ist so fremd in meinem Mund, so unpassend für die Frau, die ich zu sein pflege, aber es fühlt sich richtig an. Es fühlt sich wahr an. „Verdammt, verdammt, verdammt –”
Ich reibe meine Klitoris hart und schnell, und meine Finger in meiner Vagina bewegen sich in einem verzweifelten Rhythmus. Die Lust ist jetzt eine drängende Welle, die auf eine Küste zurast, und ich weiß, dass ich nicht mehr weit bin. Mein Atem kommt in kurzen, heißen Stößen, und mein Schweiß vermischt sich mit dem Geruch meiner Erregung. Ich bin ein Chaos aus Nässe und Hitze und Bedürfnis, und zum ersten Mal seit langer Zeit ist es mir egal. Ich will nicht ordentlich sein. Ich will nicht kontrolliert sein. Ich will nur fühlen.
Ks Hände. Ich stelle mir Ks Hände vor, wie sie meine Brüste berühren, die noch im BH stecken, eingesperrt im Baumwollstoff. Ich stelle mir vor, wie K den BH zurückschiebt und meine Brustwarzen freilegt, wie K sie zwischen den Fingern rollt und kneift, bis ich aufschreie. Ich stelle mir vor, wie Ks Mund sich über eine Brustwarze senkt und saugt, während Ks Finger in mir sind, in mir ficken, mich nehmen, mich –
„Verdammt”, keuche ich, und das Wort hallt in meinem Kopf wider. „Verdammt, verdammt –”
Ich komme.
Der Orgasmus trifft mich wie ein Schlag. Mein ganzer Körper zieht sich zusammen, mein Rücken wölbt sich vom Bett, und ein Schrei entweicht meiner Kehle – laut, unkontrolliert, das Geräusch einer Frau, die sich nicht mehr zusammenreißt. Meine Vagina klammert sich um meine Finger, pulsiert in Wellen, und ich spüre, wie meine Säfte über meine Hand laufen, das Bettlaken benetzen, alles nass machen. Ich reibe weiter, auch wenn es fast zu viel ist, auch wenn die Empfindung an der Grenze zwischen Lust und Schmerz balanciert, weil ich nicht aufhören kann, nicht aufhören will.
„K”, stöhne ich, und der Name ist ein Gebet auf meinen Lippen. „K, bitte, ich –”
Die zweite Welle trifft mich, bevor die erste abgeklungen ist. Diesmal ist es sanfter, aber tiefer – ein Pochen, das von meiner Vagina aus durch meinen ganzen Körper strömt, bis in meine Fingerspitzen, bis in meine Zehenspitzen in den Wollsocken. Ich zittere, und Tränen laufen über meine Schläfen, in meine Haare, und ich weiß nicht, ob es Lust oder Erleichterung oder etwas anderes ist, das ich nicht benennen kann.
Langsam lasse ich nach. Meine Finger werden ruhiger, die Bewegungen werden langsamer, und schließlich ziehe ich sie aus meiner Vagina heraus. Sie sind nass, glänzend von meinem Saft, und ich betrachte sie im halben Licht. Dann bringe ich sie zu meinem Mund und schmecke mich selbst – salzig, süßlich, ein Geschmack, den ich fast vergessen hatte.
Ich liege still. Mein Atem beruhigt sich, mein Herzschlag verlangsamt sich, und die Tränen trocknen auf meinen Schläfen. Das Bettlaken unter mir ist feucht, und das Strickkleid ist hochgeschoben und verknittert, und ich sehe wahrscheinlich aus wie ein Wrack, aber es kümmert mich nicht. Ich fühle mich… leicht. Leer und voll zugleich, als hätte ich etwas losgelassen, das ich lange mit mir herumgetragen habe.
Und dann, langsam, kehrt der Zweifel zurück.
Ich drehe den Kopf zur Tür. Der Spalt ist leer. Natürlich ist er leer – wer sollte dort stehen? Ich lebe allein, und Elias ist drei Stockwerke unter mir, und es gibt keinen Grund, warum jemand in meiner Wohnung sein sollte. Und doch – für diesen einen Moment, als ich kam, hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht bedrohlich, nicht beängstigend, sondern… gesehen. Als würden Augen auf mir ruhen, die genau wussten, was ich tat, und es nicht verurteilten, sondern es teilten.
K.
Hat K mich gesehen? Das ist absurd. K ist eine Stimme im Internet, eine Ansammlung von Wörtern auf einem Bildschirm, und trotzdem – Ks Worte haben mich hierher gebracht. Ks Worte haben mich berührt, als würden sie Finger haben, und jetzt liege ich hier, nass und erschöpft und erschüttert, und ich frage mich, ob K weiß, was sie angerichtet haben.
Ich setze mich auf. Meine Beine zittern noch, und ich muss einen Moment warten, bevor ich aufstehen kann. Ich gehe ins Bad und wasche mir die Hände, betrachte mein Gesicht im Spiegel – die geröteten Wangen, die geschwollenen Lippen, die Augen, die größer wirken als sonst, als hätten sie etwas gesehen, das sie nicht mehr vergessen können.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Das Tablet liegt noch auf dem Couchtisch, und Ks Text leuchtet mich an. Ich scrolle nach unten, zum Ende des Essays, und lese die letzten Zeilen.
Und wenn sie das liest – wenn sie genau hier ist, genau jetzt – dann soll sie wissen: Ich sehe den Raum, den sie offen gelassen hat. Und ich bin bereit, ihn zu teilen.
Ich lege das Tablet weg. Meine Hände zittern wieder, aber diesmal ist es nicht Angst. Es ist etwas anderes, etwas, das ich nicht benennen kann, das aber warm und schwer in meiner Brust liegt wie ein Stein, der ins Wasser fällt und Kreise zieht, die immer weiter werden.
K weiß es. K weiß, dass ich das lese. K hat es für mich geschrieben.
Und irgendwo – in einer Wohnung, die ich nicht kenne, vor einem Bildschirm, den ich nicht sehen kann – sitzt vielleicht jemand und fragt sich, ob ich verstanden habe. Ob ich die Botschaft entschlüsselt habe. Ob ich die Tür geöffnet habe.
Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Die Straße ist nass vom Regen, und das graue Licht des Morgens liegt auf den Dächern. In der Wohnung gegenüber bewegt sich ein Schatten, und für einen Moment denke ich an Elias, an seine Mülltonnen und seine Geheimnisse, aber dann wende ich mich ab. Elias ist nicht K. Elias ist nur ein Nachbar.
K ist etwas anderes. Jemand, der die Zwischenräume sieht. Jemand, der bereit ist, sie zu teilen.
Ich lege meine Hand auf die kalte Glasscheibe und stelle mir vor, dass auf der anderen Seite eine andere Hand liegt – unsichtbar, aber da. Wärme, die durch das Glas dringt. Verbindung, die nicht physisch sein muss, um echt zu sein.
Dann lasse ich die Hand sinken und gehe zurück ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen. Der Tag beginnt, und ich habe Dinge zu tun – Einkaufen, Lesen, Leben. Aber unter der Routine, unter der Ordnung meines Alltags, pulsiert etwas Neues. Ein Raum, der offen gelassen wurde. Eine Tür, die einen Spaltbreit offen steht.
Und auf der anderen Seite wartet K.