Gefällt dir das Bild nicht? Tinte und Zwischenräume | Kapitel 2-3
Veröffentlicht amClaras Finger ruhen noch auf meinem Unterleib, warm und still, und ich atme gegen die Stille in der Küche an. Mein Herzschlag verlangsamt sich, aber die Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln bleibt, klebt an der Innenseite meiner Oberschenkel. Ich schaue sie an, diese Frau, die vor zehn Minuten noch nach Eiern fragte und deren Hand jetzt nach mir riecht, nach meinem Sekt, nach meiner Gier. Ihre dunklen Augen sind nicht mehr schüchtern. Etwas hat sich verschoben, als sie mich kommen spürte, etwas in ihr aufgerissen wie eine Naht unter Spannung.
Ich nicke, kaum merklich, in ihre Richtung. Du bist dran, sage ich ohne Worte. Clara nickt zurück. Aber dann passiert etwas anderes.
Ihre Finger lösen sich von meinem Bauch. Sie greift nach dem Saum meines Bademantels, der offen herunterhängt, ein grauer Stofffetzen, der nichts mehr verdeckt. Ich denke, sie will ihn mir ausziehen, mir helfen, mich zu präsentieren, bereit zu sein, sie zu berühren, wie sie mich berührt hat. Stattdessen
zieht sie ihn mir mit einem Ruck von den Schultern.„Hey—”, sage ich, aber das Wort verklingt im Klang meines eigenen Erstaunens. Der Bademantel fällt auf die Küchenfliesen. Clara fängt ihn auf, hebt ihn, faltet ihn zusammen wie ein Handtuch. Ihr Mundwinkel zuckt. Nichts Schüchternes mehr daran. Ein Grinsen, das sich in ihrem Gesicht ausbreitet wie Tinte auf Löschpapier.
„Komm”, sagt sie. Nur das. Ein Wort, leiser als alles, was sie bisher gesagt hat, und trotzdem schneidet es durch die warme Küchenluft wie eine Klinge.
Sie legt ihre Hand an meinen Rücken, genau zwischen die Schulterblätter, und schiebt. Nicht hart, nicht grob. Bestimmt. Die Handfläche flach, die Finger gespreizt, als würde sie ein Buchregal verschieben, als würde sie etwas an seinen richtigen Platz rücken. Ich bin nackt, völlig nackt, und ihre Hand auf meiner nackten Haut ist der einzige Bezugspunkt in einem Moment, der aus dem Gleiten gerät.
Ich gehe. Einen Schritt, dann noch einen. Meine nackten Füße auf dem Holzboden des Wohnzimmers, das leise Knarren unter meinen Zehen. Clara hinter mir, ihre Hand bleibt auf meinem Rücken, drückt mich vorwärts, durch den Raum, an meinem Schreibtisch vorbei, an dem mein Laptop im Standby-Modus glimmt. Ks Blog, noch geöffnet, ein Tab, der auf Erlösung wartet. Clara sieht nicht dorthin. Sie sieht auf mich, auf meinen Rücken, auf die Wirbelsäule, die sich unter ihrer Hand wölbt.
„Wohin—”, beginne ich, aber ihre Hand rutscht tiefer, an den unteren Rücken, und das Wort löst sich in einem Ausatmen auf.
Durch die Wohnzimmertür, den kurzen Gang entlang, an der Tür zum Bad vorbei, das noch nach meinem Shampoo riecht, nach dem Lavendelduschkonzentrat, das ich seit Jahren verwende. Clara schiebt mich weiter, und ich merke, dass ich mich nicht wehre. Meine Beine bewegen sich, als hätten sie einen eigenen Willen, als wüssten sie etwas, das mein Kopf noch nicht begriffen hat. Die Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln läuft weiter, ein dünner Faden, der an meinem Oberschenkel hinabrutscht, und jeder Schritt erinnert mich daran, wie weit ich noch bin. Wie offen. Wie nackt.
Der Flur empfängt mich mit dem Summen der Deckenlampe, die ich immer auf die schwächste Stufe dimme. Der Spiegel an der Wand fängt mich ein—mein Gesicht, gerötet, die grauen Haare zerzaust, die Brustwarzen noch hart und dunkel, der Bauch, die Schenkel, alles sichtbar, alles entblößt. Ich sehe mich selbst wie durch eine Glasscheibe, wie eine Fremde. Clara steht hinter mir, immer noch ihr Blick auf meinem Rücken, und ich warte darauf, dass sie mich umdreht, dass sie mich küsst, dass sie ihre Hände wieder dorthin legt, wo ich sie brauche.
Stattdessen höre ich ein Klicken.
Ich drehe mich um. Clara steht in der Türöffnung, mein Bademantel über dem Arm, und zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Nicht ins Treppenhaus. Sie zieht sie von außen zu, von der Flurseite, und im selben Moment begreife ich—sie hat mich in den Flur geschoben. Den Hausflur. Den öffentlichen Flur, in dem jeder Nachbar vorbeikommen könnte, in dem Elias seine Mülltonnen rausbringt, in dem der Briefkasten klappert, wenn Post eintrifft.
Die Tür schließt sich mit einem leisen Schnappen. Ich stehe nackt im Flur.
„Clara!”, sage ich, zu laut, und meine Stimme hallt von den Fliesenwänden wider. Ich greife nach der Türklinke, drücke sie herunter. Abgeschlossen. Sie hat von innen abgeschlossen, oder sie hält die Tür zu, oder—ich drücke erneut, fester, und die Klinke gibt nicht nach.
Dann höre ich sie lachen. Leise, fast ein Kichern, durch die Tür hindurch, gedämpft wie durch ein Kissen. Ich lege mein Ohr an das Holz—das kalte, lackierte Holz meiner eigenen Wohnungstür—und höre ihre Schritte, wie sie sich entfernen. In meine Wohnung. In meine Küche. In mein Leben.
Ich stehe im Flur, nackt, die Füße auf den kühlen Fliesen, und der Spiegel zeigt mir jedes Detail. Die breiten Hüften, die weiche Haut an den Innenseiten meiner Oberschenkel, noch feucht. Die Brüste, die ohne den Bademantel schwerer wirken, als hätten sie ihr eigenes Gewicht zurückbekommen. Das Gesicht einer siebenundfünfzigjährigen Frau, die gerade von einer Neununddreißigjährigen vor die eigene Tür gesetzt wurde.
Dann öffnet sich die Tür einen Spalt. Zentimeterbreit. Ein Streifen Licht aus meiner Wohnung fällt in den Flur, und Claras Auge erscheint in der Lücke, dunkel, braun, das Weiß umrandet von Wimpern, die noch feucht vom Regen sind.
„Du siehst dich an”, sagt sie durch den Spalt. „Im Spiegel. Gefällt dir, was du siehst?”
Ich räuspere mich. „Mach die Tür auf, Clara.”
„Nein.” Die Stimme weich, fast zärtlich, aber das Wort ist hart. Ein Nein, das keinen Raum lässt. „Noch nicht.”
Ich presse die Lippen zusammen. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, die Fingernägel in die Handflächen. Der Flur ist kalt—nicht das angenehme Kalt, das man an einem Herbstabend genießt, sondern das ungemütliche Kalt von Fliesen, die nie richtig warm werden. Ich spüre es unter meinen Füßen, ziehe unwillkürlich die Zehen zusammen, und Clara sieht es.
„Kalt?”, fragt sie, und ich höre das Grinsen in ihrer Stimme. „Arme Misttueck. Steht nackt im Flur, weil sie einer Fremden die Tür geöffnet hat. Nackt. Nasser als vorher, schätze ich mal.”
Das Wort trifft mich wie ein Klaps. Nasser als vorher. Denn es stimmt—ich bin noch nasser. Die Kälte auf meiner Haut, die Bloßstellung, das Schloss, das mich von meiner eigenen Wohnung trennt, alles zieht sich zusammen in meinem Unterleib, und ich spüre, wie sich noch mehr Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln sammelt. Mein Körper verrät mich.
„Du hast keine Ahnung, was du da machst”, sage ich, und meine Stimme klingt belegt, zu tief, zu rau. Die Stimme einer Frau, die sich wehren will, aber nicht kann. Nicht will.
Clara öffnet die Tür einen Zentimeter weiter. Jetzt sehe ich ihr halbes Gesicht—die Stirn, die Schläfe, an der die schwarzen Haare kleben, das Auge, das mich mustert wie ein Gegenstand in einer Vitrine. „Doch”, sagt sie. „Ich habe eine sehr genaue Ahnung. Ich habe dich kommen lassen, Misttueck. Ich habe gespürt, wie du gezuckt hast, wie deine Muskeln sich zusammengezogen haben, als ich dich berührt habe. Ich weiß genau, was ich da mache.”
Ich schlucke. Mein Mund ist trocken, und mein Herz schlägt schneller, als es nach einem Orgasmus sollte. Der Flur riecht nach Bohnerwachs und dem feuchten Beton, der durch die Ritzen im Treppenhaus zieht. Irgendwo im Haus schlägt eine Tür, und ich zucke zusammen, presse mich an die Wand neben meiner Wohnungstür, als könnte mich der Putz verschlucken.
„Jemand könnte kommen”, sage ich.
„Mhm.” Clara öffnet die Tür einen Spalt weiter. Ein handbreiter Streifen jetzt. Ich sehe ihren Mund, den weichen Mund, der vor zwanzig Minuten noch an meinen Brüsten war, der meine Haut gekostet hat. Er lächelt. „Elias, vielleicht? Der Nachbar? Was würde er denken, wenn er dich so sähe? Nackt. Nass. Aufgeregt.”
Mein Atem stockt. Sie kennt seinen Namen. Ich habe ihn nie erwähnt. Hat sie—nein, sie ist vor drei Wochen eingezogen, sie hat ihn wahrscheinlich selbst getroffen, im Flur, beim Müll rausbringen, beim Briefkasten leeren. Eine Nachbarin, die Namen lernt. Eine Grundschullehrerin, die Namen lernt.
„Du bist verrückt”, sage ich, aber das Wort kommt falsch heraus. Zu leise. Zu atemlos. Zu sehr wie ein Kompliment.
Clara lehnt sich gegen den Türrahmen, die Tür jetzt einen halben Meter offen, und ich sehe sie ganz. Sie hat meinen Bademantel umgelegt—meinen Bademantel, grau, wollig, zu groß für ihre schmälere Statur. Die Ärmel hängen über ihre Hände, und der Stoff baumelt um ihre Knöchel. Sie sieht lächerlich aus. Sie sieht göttlich aus.
In ihrer rechten Hand—eine Zigarette. Meine Zigarette, aus der Schachtel, die auf dem Küchentisch liegt, die ich nur rauche, wenn ich auf dem Balkon stehe und die Welt beobachte. Sie hat sie sich angezündet, und der Rauch zieht aus meiner Wohnung in den Flur, bläulich, träge, als hätte er alle Zeit der Welt.
Sie hebt die Zigarette an die Lippen. Der Filter berührt ihren Mund, der weiche Mund, und sie zieht langsam, die Backen leicht eingezogen, die Augen halb geschlossen. Ich beobachte den Glutpunkt, der aufleuchtet, orange und hell im gedimmten Flurlicht. Sie hält den Rauch in der Lunge, zwei, drei Sekunden, dann öffnet sie den Mund und lässt ihn heraus. Er steigt auf, spiralförmig, und verfängt sich in ihren schwarzen Locken, die noch vom Regen feucht sind.
Ich starre auf ihren Mund. Auf den Rauch, der sich zwischen ihren Lippen formt, dichter wird, sich löst. Meine Brustwarzen spannen sich, und ich spüre jeden Luftzug im Flur wie eine Berührung auf meiner nackten Haut.
„Du rauchst?”, sage ich, und es ist eine dumme Frage, denn sie raucht, sie raucht meine Zigarette, und ich kann nicht aufhören, ihr dabei zuzusehen.
„Ich rauche nicht”, sagt Clara und bläst den Rauch in meine Richtung. Er trifft mein Gesicht, warm und bitter, und ich atme ein, automatisch, als bräuchte ich ihn wie Sauerstoff. „Ich rauche deine.”
Sie nimmt noch einen Zug, diesmal tiefer, und kommt einen Schritt näher, in den Flur. Der Bademantel öffnet sich etwas, und ich sehe ihr helles Top, den beigen Cardigan darunter, die feuchten Finger, die die Zigarette halten, und ich will diese Finger wieder auf mir spüren, zwischen meinen Beinen, in mir, überall.
„Auf die Knie”, sagt sie.
Ich blinzle. „Was?”
„Du hast mich richtig verstanden.” Sie nimmt die Zigarette aus dem Mund, hält sie zwischen Zeigefinger und Daumen, und die Asche fällt auf die Fliesen, graue Flocken auf weißem Grund. „Auf die Knie, Misttueck. Hier. Jetzt.”
Mein Name in ihrem Mund klingt wie ein Befehl. Nicht die höfliche Anrede einer Nachbarin, die nach Eiern fragt, sondern ein Wort, das sie auf der Zunge rollt, als würde sie es schmecken. Misttueck. Wie ein Geräusch, das man macht, wenn man etwas zerdrückt.
Ich gehe nicht auf die Knie. Ich stehe da, nackt, im Flur, und mein Verstand sagt mir, dass ich die Klinke greifen, die Tür eindrücken, mich zurück in meine Wohnung kämpfen sollte. Aber mein Körper—mein Körper zittert, und nicht vor Kälte. Die Feuchtigkeit läuft weiter, ein dünner Strahl, der an meinem rechten Oberschenkel hinabgleitet, und ich sehe, wie Claras Blick dorthin wandert, wie ihre Augen dunkel werden, wie die Pupillen sich weiten.
„Du bist so nass”, flüstert sie, und die Zigarette zittert zwischen ihren Fingern. „Du stehst hier, in deinem eigenen Flur, nackt, triefend, und du kannst nicht einmal auf die Knie gehen, weil du zu stolz bist. Oder zu verängstigt. Was ist es, Misttueck? Stolz oder Angst?”
Beides, will ich sagen, aber meine Kehle ist trocken, und das Wort bleibt stecken. Clara kommt näher, steht jetzt direkt vor mir, so nah, dass ich den Tabak auf ihrem Atem riechen kann, den Regen in ihren Haaren, den Lavendel meines Shampoos, der noch an ihren Fingern haftet—meinen Geruch auf ihrer Haut.
Sie hebt die Zigarette an meine Lippen. Der Filter ist feucht von ihrem Mund, und ich rieche ihren Speichel darauf, süßlich und warm. „Zieh”, sagt sie.
Ich öffne den Mund. Der Filter berührt meine Unterlippe, und ich ziehe, tief, tiefer als beabsichtigt, und der Rauch füllt meine Lunge, brennt, kratzt, und ich huste, und Clara lacht, leise, und ihre freie Hand greift in meine Haare, zieht meinen Kopf zurück.
„Gutes Mädchen”, sagt sie, und das Wort—Mädchen—trifft mich wie eine Ohrfeige. Ich bin siebenundfünfzig. Ich bin keine siebenundfünfzig für sie. Ich bin ein Mädchen, das im Flur steht und auf Befehle wartet.
Sie bläst den Rauch in mein Gesicht. Direkt, ein Strom aus ihrer Lunge in meine Nase, in meine Augen, und ich schließe die Augen, atme ein, und der Rauch ist überall, in meinem Mund, in meinem Hals, in meinem Kopf, und ich schwitze trotz der Kälte, Perlen auf der Stirn, zwischen den Brüsten, in der Kniekehle.
„Auf die Knie”, sagt sie wieder, und diesmal geht sie nicht auf meinen Widerstand ein. Sie wartet nicht. Sie sagt es wie eine Feststellung, wie etwas, das ohnehin passieren wird, wie die Schwerkraft.
Meine Knie geben nach. Nicht weil ich es entscheide, sondern weil meine Beine nicht mehr tragen. Die Fliesen sind kalt unter meinen Knien, kalt und hart, und ich spüre jeden Riss im Boden, jede Unebenheit, und Clara steht über mir, in meinem Bademantel, mit meiner Zigarette, und ich sehe zu ihr auf, und der Winkel—der Winkel verändert alles. Sie ist groß jetzt, größer als ich, und ich bin klein, knieend, nackt, und der Flur dehnt sich aus, wird weiter, leerer, bedrohlicher.
Clara nimmt einen letzten Zug, wirft die Zigarette auf den Boden, zerdrückt sie mit ihrem Fuß. Der Schuh—ein dunkler Halbschuh, den sie in meiner Wohnung getragen hat, weil sie mit nassen Füßen reingekommen ist—dreht sich auf der Fliese, und die Asche verteilt sich, grau auf weiß, und ich sehe zu, wie sie die Zigarette ausdrückt, langsam, bedächtig, als würde sie etwas beenden, das nicht mehr nötig ist.
„Du wolltest, dass ich an der Reihe bin”, sagt sie, und ihre Stimme ist leiser als der Rauch, der noch zwischen uns hängt. „Das bin ich. Aber nicht so, wie du dir das vorstellst.”
Ich schaue hoch. Ihr Gesicht ist über mir, die braunen Augen, die feuchten Haare, der Mund, der mich geküsst hat, der meine Brüste gekostet hat, der jetzt Worte formt, die mich kleiner machen als jede Berührung es könnte.
„Ich will dich nicht berühren”, sagt sie. „Noch nicht.”
Die Worte treffen mich in der Magengrube. Ein Stich, kein Schmerz, sondern etwas Tieferes, etwas, das nach unten zieht, das mich noch nasser macht, noch verzweifelter. Meine Hände greifen nach ihren Knöcheln, nach dem Stoff des Bademantels, der ihre Beine bedeckt, und Clara tritt einen Schritt zurück.
„Nein”, sagt sie. „Du berührst mich nicht. Du wartest.”
Ich öffne den Mund, will etwas sagen, irgendetwas, ein Argument, eine Bitte, ein Schimpfwort, aber sie legt einen Finger an meine Lippen. Der Finger, der in mir war, der mich kommen ließ, der schmeckt nach mir, nach Salz, nach meinem Sekt, und ich schließe die Lippen um ihn, sauge ihn ein, und Clara zieht ihn langsam heraus, und ein Faden Speichel bleibt zwischen ihrem Finger und meinem Mund hängen, silbrig, dünn.
„Du wartest”, wiederholt sie. „Du wartest hier, auf deinen Knien, im Flur, nackt, und du denkst darüber nach, was gerade passiert ist. Du denkst darüber nach, wie es sich angefühlt hat, als meine Finger in dir waren. Wie du gezuckt hast. Wie du gekommen bist, wie eine Schule, die zum ersten Mal berührt wird.”
Das Wort—Schule—ist ein Messer. Sie ist Grundschullehrerin. Sie hat es nicht zufällig gesagt. Sie hat es gesagt, weil sie weiß, was es bedeutet, weil sie die Macht hat, mir vorzuwerfen, was ich bin—eine Frau, die nicht mehr weiß, wie man sich verhält, die sich von jemandem berühren lässt, der halb so ist, der vor drei Wochen eingezogen ist, der nach Eiern fragte und jetzt ihren Finger in meinem Mund hat.
Ich bebe. Meine Knie schmerzen auf den Fliesen, und mein Mund brennt, wo ihr Finger war, und zwischen meinen Beiten—zwischen meinen Beinen ist es nicht mehr nur Nässe, es ist ein Pochen, ein Verlangen, das sich anfühlt wie ein zweiter Herzschlag, tiefer, drängender.
„Bitte”, sage ich, und das Wort kommt von selbst, ungefiltert, unkontrolliert. Ich habe das Wort seit Jahren nicht mehr gesagt. Nicht so. Nicht in diesem Tonfall. Nicht knieend.
Clara lächelt. Nicht das schelmische Grinsen von vorhin, nicht das hämische Lächeln, als sie die Tür zugemacht hat. Etwas anderes, etwas, das ich nicht lesen kann, etwas, das zwischen Befriedigung und Verwunderung liegt.
„Bitte was?”, fragt sie. „Bitte berühre mich? Bitte lass mich rein? Bitte fick mich?” Das Wort—fick—kommt aus ihrem Mund wie etwas, das sie selten sagt, das aber genau richtig klingt, wenn sie es sagt. „Du musst genauer sein, Misttueck. Du musst mir sagen, was du willst. Mit Worten. Laut. Hier, im Flur, wo jeder dich hören könnte.”
Ich schaue zur Treppenhaustür. Geschlossen, aber nicht verriegelt—jemand könnte hereinkommen, Elias, der seine Mülltonne rausbringt, ein anderer Nachbar, der nachts noch unterwegs ist. Die Angst ist real, greifbar, ein Klumpen in meiner Brust, aber sie tut etwas, das ich nicht erwartet habe. Sie macht mich heißer. Die Vorstellung, erwischt zu werden, nackt, knieend, bettelnd—mein Körper reagiert darauf, als wäre es eine Berührung, als würde jemand seine Hand zwischen meine Beine legen und drücken.
„Ich will, dass du mich berührst”, sage ich, und meine Stimme ist so leise, dass ich sie kaum selbst höre. „Ich will, dass du mich fickst, Clara. Bitte.”
Clara beugt sich zu mir herunter. Ihr Gesicht ist nah, so nah, dass ich die Regentropfen auf ihren Wimpern sehen kann, die kleinen Falten um ihre Augen, die ich vorher nicht bemerkt habe. Sie riecht nach meinem Bademantel, nach Wolle, nach mir, und nach Zigarettenrauch, und nach etwas Eigenem—einem warmen, erdigen Geruch, der unter allem liegt wie ein Fundament.
„Besser”, flüstert sie. „Aber nicht genug.”
Sie richtet sich auf, dreht sich um, geht zurück in die Wohnung. Der Bademantel schwingt um ihre Knöchel, und ich sehe ihre Waden, die schmalen Knöchel, die Schuhe, die auf meinem Boden laufen, und ich will ihr nachfolgen, will aufstehen, aber meine Beine gehorchen nicht.
An der Schwelle dreht sie sich um. Sie lehnt sich gegen den Türrahmen, die Arme verschränkt, der Bademantel rutscht von einer Schulter, und sie sieht mich an—nackt, knieend, triefend, bettelnd, im Flur meiner eigenen Wohnung.
„Ich komme wieder”, sagt sie. „Vielleicht. Wenn ich fertig bin.”
„Womit?”, frage ich, und meine Stimme bricht.
Clara lächelt. „Mit deinem Tee. Du hast mich zum Tee eingeladen, erinnerst du dich?” Sie dreht sich um, und ich höre, wie sie in die Küche geht, wie der Wasserkocher klackt, wie Wasser läuft. Alltägliche Geräusche, die durch die offene Tür zu mir dringen, während ich hier knie, nackt, im Flur, und darauf warte, dass eine Frau, die ich seit einer Stunde kenne, entscheidet, ob sie zurückkommt.
Der Spiegel gegenüber zeigt mir mein Gesicht—gerötet, die Lippen geschwollen, die Augen glasig. Ich sehe aus wie jemand, den man gerade gefickt hat, und gleichzeitig wie jemand, der es dringender braucht als je zuvor. Meine Hände liegen auf meinen Oberschenkeln, die Finger verkrampft, und ich spüre das Pochen zwischen meinen Beinen, rhythmisch, unerbittlich, eine Uhr, die nur eine Richtung kennt.
Ich schaue zur Tür meiner Wohnung, den schmalen Streifen Licht, der in den Flur fällt. Ich höre Clara, wie sie eine Tasse abspült, wie sie eine Schranktür öffnet und schließt. Sie macht sich bei mir zu Hause. Sie durchsucht meine Küche, als wäre es ihre, als gehörte ihr alles—die Tassen, der Tee, die Zigaretten, ich.
Meine Finger wandern. Langsam, fast unbewusst, von meinem Oberschenkel nach innen. Ich berühre mich, gerade oben, gerade an der Stelle, die am meisten schmerzt, die am meisten begehrt, und—nein. Ich ziehe die Hand zurück. Clara hat gesagt, ich soll warten. Ich soll warten, und etwas in mir, etwas, das ich nicht kontrollieren kann, gehorcht. Mein Körper gehorcht ihr, nicht mir. Sie hat das Sagen, und ich—ich warte.
Der Flur ist still. Das Summen der Lampe, das Ticken der Wanduhr, die ich vor Jahren an den Nagel gehängt habe, das leise Tropfen vom Dach, das durch ein Fenster im Treppenhaus dringt. Ich knie auf den Fliesen, und die Kälte kriecht in meine Knie, in meine Schienbeine, aber ich bewege mich nicht. Ich warte.
Dann—Schritte im Treppenhaus. Schwere Schritte, nicht Claras. Mein Herz springt, und ich presse mich an die Wand, ziehe die Knie an die Brust, mache mich klein, so klein wie möglich. Die Schritte kommen näher, lauter, und ich erkenne den Rhythmus—Elias, der nachts noch rausgeht, vielleicht zum Müll, vielleicht zu irgendetwas anderem. Seine Schritte hallen durch das Treppenhaus, und ich halte den Atem an, und meine Nacktheit brennt auf meiner Haut wie ein Feuer, und gleichzeitig—gleichzeitig spüre ich, wie die Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln nicht aufhört, wie sie wächst, wie der Gedanke, erwischt zu werden, mich näher an etwas bringt, das ich nicht benennen will.
Die Schritte erreichen mein Stockwerk. Ich höre, wie er zögert, einen Moment lang, und ich weiß—er sieht die Tür, die einen Spalt offen steht, das Licht, das herausfällt, die Zigarettenasche auf den Fliesen. Dann gehen die Schritte weiter, nach unten, und die Haustür schließt sich mit einem dumpfen Schlag.
Ich atme aus. Mein Körper zittert, und ich spüre, wie etwas in mir nachgibt, wie eine Mauer, die Risse bekommt. Ich lege die Stirn auf den kalten Fliesenboden, und die Kälte ist eine Erlösung, ein Anker, etwas, das mich festhält, während alles andere sich löst.
Aus meiner Wohnung höre ich Clara. Sie pfeift. Leise, eine Melodie, die ich nicht kenne, fröhlich, unbekümmert, als wäre nichts passiert, als stünde sie nicht in der Wohnung einer Frau, die sie gerade vor die Tür gesetzt hat, nackt, knieend, zerbrochen.
Ich schaue auf. Der Spiegel zeigt mir mein Gesicht, und ich sehe jemanden, den ich nicht kenne—jemanden, der nicht mehr kämpft, der wartet, der gehorcht. Ich sehe eine Frau, die gerade entdeckt hat, dass sie jemanden braucht, der ihr sagt, was sie tun soll. Und dass diese jemand eine Neununddreißigjährige ist, die nach Eiern fragte und stattdessen ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt hat.
Claras Schritte kommen zurück. Langsam, bedächtig, jeder Schritt ein Statement. Sie erscheint in der Tür, eine Tasse in der Hand—meine Tasse, die blaue, die ich von meiner Großmutter habe. Sie trinkt meinen Tee, aus meiner Tasse, in meinem Bademantel, und ich knie vor ihr, und sie schaut auf mich herab, und ihr Blick ist nicht grausam. Er ist forschend. Sie will wissen, was sie angerichtet hat.
„Du hast gewartet”, sagt sie.
Ich nicke.
„Du hast dich nicht berührt.”
Ich nicke wieder.
Clara stellt die Tasse auf den Boden, neben mich, und der Tee dampft, und der Dampf steigt auf, vermischt sich mit dem Rest Zigarettenrauch, der noch im Flur hängt. Sie kniet sich zu mir herunter, und der Bademantel öffnet sich, und ich sehe ihr Top, ihre Haut, das Schlüsselbein, das sie beim Atmen hebt und senkt.
Ihre Hand legt sich an mein Kinn, hebt mein Gesicht, und ich schaue in ihre Augen, und sie sind dunkel, so dunkel, dass ich mich selbst darin nicht sehe.
„Gutes Mädchen”, sagt sie, und diesmal—diesmal klingt es nicht wie eine Ohrfeige. Es klingt wie etwas, das ich gebrauchen kann. Etwas, das mich hält.
Ihre Hand gleitet von meinem Kinn zu meiner Wange, zu meinem Ohr, in meine Haare, und sie zieht—nicht hart, nicht sanft, genau richtig—und mein Kopf fällt zurück, und mein Hals ist lang und nackt und verletzlich, und Clara beugt sich vor, und ihr Mund berührt meine Kehle, und ich spüre ihre Lippen, ihre Zunge, ihre Zähne, und ich keuche, und die Tasse neben mir dampft, und der Flur ist kalt, und ich brenne.