es geht weiter mit der erste Befehl im Kerzenschein
Veröffentlicht amKapitel 3
Der Saum der Nacht
Der Flur zur Toilette riecht nach Seife und alten Mauern. Ich wasche mir die Hände, betrachte mein Gesicht im Spiegel. Die Wangen sind noch immer gerötet, die Lippen leicht aufgesprungen vom ständigen Zusammenpressen. Die dunkelblonden Wellen hängen etwas zerzaust über die Schultern. Das Dirndl sitzt noch ordentlich, aber die Frau im Spiegel sieht anders aus als die, die vor einer Stunde im Festzelt gesessen hat. Die, die selbstbewusst angestoßen und gelacht hat. Die, die denkt, sie wüsste, worauf sie sich einlässt.
Ich trockne die Hände an dem groben Papiertuch ab, falte es zusammen, lege es in den Mülleimer. Ich atme tief ein. Der Jazz aus dem Schankraum dröhnt dumpf durch die Wand, ein langsames Cello untermalt von gedämpftem Klavier.
Ich gehe zurück.
Der Weg durch den Schankraum führt an zwei Tischen vorbei. Ein Mann
Mitte fünfzig hebt kurz den Kopf, nickt, wendet sich wieder seinem Bier zu. Eine Gruppe junger Frauen lacht über etwas, das auf einem Handydisplay liegt. Niemand beachtet mich besonders. Dennoch spüre ich jeden Blick wie eine Berührung auf der Haut.Ich erreiche die Sitzecke. Die halbe Mauer, die Pflanzen, der Kerzenschein auf dem Tisch. Wilma sitzt genau wie vorhin, das Glas Rotwein in der Hand, den Rücken an die Lederschlafbank gelehnt. Lisa neben ihr, die Hand auf Wilmas Knie, aufrecht und still. Beide schauen nicht zu mir.
Ich bleibe am Tisch stehen. Meine Finger greifen nach der Stuhllehne gegenüber. Der leere Gin-Tonic-Glas steht noch da, die Eiswürfel längst geschmolzen, nur noch ein Schimmer von Wasser und einer Zitronenscheibe.
Wilma sagt nichts.
Ich warte. Zähle im Kopf bis drei, bis fünf. Der Kerzenschein flackert. Lisa betrachtet die Tischplatte. Wilma dreht das Weinglas eine halbe Umdrehung zwischen den Fingern, die Terz des Cellos vibriert nach.
Mein Mund öffnet sich, bevor ich richtig nachgedacht habe.
„Darf ich mich setzen?”
Sobald es draußen ist, spüre ich, wie die Worte im Raum hängen. Wilma hat diese Regel nie aufgestellt. Nicht einmal angedeutet. Ich habe sie selbst erfunden. Selbst auferlegt. Mein Herz schlägt schneller, ein dumpfer Schlag gegen das Mieder des Dirndls.
Wilma schaut zum ersten Mal auf. Ihr Blick trifft meinen. Sie sagt immer noch nichts. Ich stehe, die Finger um die Stuhllehne gekrampft. Der Sekundenzeiger meiner eigenen Ungeduld dreht sich.
„Jetzt schon.”
Zwei Worte. Ich ziehe den Stuhl zurück und setze mich. Das Leder der Sitzfläche ist kühl durch den Stoff meines Dirndlrocks. Meine Hände lege ich auf den Schoß, wie vorhin. Die Finger verschränken sich.
Lisa wirft mir einen kurzen Seitenblick zu. Ihre Mundwinkel zucken, kaum merklich, dann richtet sie sich wieder auf. Ich merke, dass sie es bemerkt hat. Dass ich selbst gefragt habe. Dass ich mich ohne Befehl in das Spiel hineinbewege.
Der Jazz wechselt zu einem langsamen Saxophonsolo. Die Töne hängen wie Rauch unter der Decke. Wilma hebt ihr Glas, trinkt einen kleinen Schluck Rotwein, stellt es ab. Der Wein hinterlässt einen blassroten Schimmer auf ihrem Unterlippenrand.
Ich versuche, ruhig zu sitzen. Haltung bewahren. Etwas in meinem Blick rutscht ab, gleitet über den Tisch, über Wilmas Hände, über die Lederschlafbank, und bleibt an Lisas Beinen hängen. Der Dirndlrock endet etwas über dem Knie. Die Knie sind übereinandergeschlagen, die Füße in flachen Schuhen auf dem Boden. Das Wadenlicht fällt schräg von der Seite, wirft einen weichen Schatten auf die Haut. Ich sehe die feinen Härchen auf dem Schienbein, den leichten Schwung der Wade, die Stelle hinter dem Knie, wo die Haut heller ist.
„Was möchtest du eigentlich sehen?”
Wilmas Stimme schneidet durch den Saxophonklang wie durch Butter. Direkt. Ohne Umschweife. Mein Kopf zuckt hoch. Ihr Gesicht ist völlig ruhig, die Augenbrauen leicht gehoben.
„Gar nichts.”
Das
Wort kommt zu schnell. Zu laut. Die Wange brennt.Wilma legt den Kopf minimal schief. „Dann hör auf hinzusehen.”
Ich nicke. Schlucke. Richte den Blick auf die Tischplatte, auf das leere Glas vor mir, auf die Zitronenscheibe, die im Schmelzwasser treibt. Zähle die Kerben im Holz des Tisches. Drei. Vier. Fünf.
Mein Blick wandert wieder hoch. Erst zum Kandelaber, dann zu Wilmas Händen, dann — ich kann nicht anders — wieder zu Lisas Beinen. Die Art, wie der Rock sitzt. Die Stelle, wo der Stoff sich leicht wölbt über dem Oberschenkel. Die Naht, die genau über der Kniekehle endet.
Wilma sagt nichts dazu. Sie bemerkt es, aber sie sagt nichts. Stattdessen dreht sie sich leicht zu Lisa und murmelt, gerade laut genug, dass ich es höre:
„Lisa. Schieb den Rock ein kleines Stück hoch.”
Lisa nickt. Ihre Hand gleitet an ihrer Seite hinab, greift den Saum des Dirndlrocks, zieht ihn zwei, drei Zentimeter nach oben. Mehr Bein wird sichtbar. Die Rundung des Knies, der Ansatz der Wade, die weiche Haut darüber. Nicht drastisch. Nicht aufreizend. Nur ein kleines Stück mehr.
Ich betrachte die Szene, warte auf mehr, und als mehr nicht kommt, lache ich auf. Es ist ein kurzes, fast erleichtertes Lachen, das mir aus der Kehle rollt. „Das ist doch harmlos.”
Wilma nimmt einen Schluck Wein. Stellt das Glas ab. Hebt die Augenbrauen. „Dann verstehe ich nicht, warum du schon wieder hinsiehst.”
Mein Lachen stirbt. Die Wärme im Gesicht wird heißer. Ich schaue weg, auf die Pflanzen, auf die halbe Mauer, auf irgendetwas. Aber die Bilder von Lisas Beinen brennen sich in mein Gedächtnis, und genau das, was wäre doch der Moment gewesen. Mehr. Weiter. Deutlicher. Stattdessen sitze ich da und werde ertappt, weil ich nicht weggucken kann.
Wilma lehnt sich zurück. Ihr Arm ruht auf der Rückbank hinter Lisa. Sie betrachtet mich eine Weile, schweigend, und dann ändert sich etwas in ihrem Gesicht. Ein minimales Zusammenziehen der Augen. Eine Entscheidung.
„Bei Lisa hast du eben bestimmt, wie lange sie stehen muss”, sagt sie. „Jetzt entscheidest du, wie mutig du selbst bist.”
Ich starre sie an. „Was?”
„Dein Rock. Zieh ihn ein Stück hoch.”
Der Saxophonist spielt eine tiefe, langgezogene Note. Ich schaue nach unten, auf meinen eigenen Dirndlrock. Der blaue Blumendruck liegt glatt über meinen Oberschenkeln. Der Saum endet etwas über dem Knie.
Meine Finger zittern leicht, als sie zum Saum hinabgleiten. Ich greife den Stoff an beiden Seiten, ziehe ihn hoch. Zwei Zentimeter. Drei. Der Stoff rutscht über die Strümpfe — nein, ich trage keine Strümpfe, über die nackte Haut meiner Oberschenkel. Die kühle Luft der Bar streift die Haut.
„So?”
Wilma betrachtet mich. Ein langes, ruhiges Ausatmen. „Wenn du mich fragen musst, weißt du selbst, dass es kaum der Rede wert ist.”
Mein Kiefer spannt sich an. Die Finger greifen den Stoff fester. Ich ziehe weiter. Nicht extrem — aber genug, dass der Saum jetzt deutlich über dem Knie sitzt. Dass die Rundung meines Oberschenkels sichtbar wird, die Stelle, wo die Haut weicher ist, heller. Dass man mehr Bein sieht als in einem Dirndl üblich.
„Stopp.” Wilmas Stimme ist ruhig, aber bestimmt. „Genau so.”
Ich lasse den Stoff los. Der Rock bleibt, wo er ist. Mein Herz pocht. Ich sitze da, mein Dirndlrock höher gezogen als er sein sollte, und warte. Worauf?
Wilma sagt nichts mehr. Sie trinkt ihren Wein. Lisa betrachtet die Tischplatte. Der Jazz spielt weiter.
Und dann wird aus dem kurzen Zeigen etwas anderes.
Der Kellner kommt. Er ist jung, Anfang zwanzig, schwarze Schürze, Notizblock in der Brusttasche. Er geht an unserer Sitzecke vorbei, auf dem Weg zu einem anderen Tisch. Sein Blick streift über mich — für eine Sekunde, vielleicht weniger — und wandert weiter. Er bemerkt wahrscheinlich nichts. Eine Frau, die in einer Bar sitzt. Der Rock ist ein kleines Stück höher. Das passiert. Das ist nichts.
Aber ich weiß es. Und deshalb fühlt sich sein Blick an wie eine Taschenlampe, die direkt auf meine Oberschenkel gerichtet wird.
Ich greife automatisch zum Saum, will den Rock wieder herunterziehen.
„Ich habe nicht gesagt, dass du ihn wieder herunterlassen darfst.”
Wilmas Stimme ist leise. Ruhig. Kein Befehlston. Eine einfache Feststellung, wie eine Bemerkung über das Wetter. Meine Hand bleibt auf dem Stoff, die Finger um den Saum gekrampft.
Ich schaue sie an. „Die Leute sehen das.”
„Vielleicht.”
Ein Wort. Sie nimmt einen Schluck Wein. Lisa betrachtet mich mit einem Blick, der zwischen Neutralität und Amüsement pendelt.
Zwei Männer kommen den Weg entlang, auf dem schmalen Streifen zwischen unserer Sitzecke und dem Tresen. Der eine trägt eine Lederhose, das Hemd halb aufgeknöpft. Der andere hat die Hände in den Hosentaschen und lacht über etwas. Der erste Mann schaut kurz in unsere Ecke, sein Blick gleitet über die halbe Mauer, über mich, über Wilma, über Lisa. Dann ist er vorbei. Er hat mich vielleicht gesehen. Vielleicht hat er bemerkt, dass mein Dirndlrock nicht so sitzt, wie er sitzen sollte. Vielleicht hat er sich nichts dabei gedacht. Ich werde es nie erfahren.
Aber mein Puls hämmert. Mein Hals ist trocken. Die Haut meiner Oberschenkel prickelt unter der kühlen Luft.
Eine Frau vom Nebentisch — sie ist vielleicht fünfzig, kurze graue Haare, ein rotes Tuch um den Hals — dreht sich um, um nach ihrem Mantel zu greifen, der über der Stuhllehne hängt. Ihr Blick streift über unsere Ecke. Bleibt für einen Wimpernschlag an mir hängen. Dann wendet sie sich ab, zieht den Mantel an, sagt etwas zu ihrer Begleiterin.
Es ist nichts passiert. Nichts. Eine Frau hat kurz in meine Richtung geschaut. Das passiert in einer Bar ständig. Aber mein Körper reagiert, als hätte sie mich beim Masturbieren erwischt. Die Hitze kriecht von den Wangen herunter, den Hals entlang, ins Dekolleté. Meine Oberschenkel pressen sich zusammen.
Wilma beobachtet mich. Sie sagt nichts. Sie beobachtet einfach. Ihr Glas steht auf dem Tisch, der Rotwein spiegelt das Kerzenlicht. Lisa sitzt neben ihr, aufrecht, ruhig, die Hand auf Wilmas Knie, und schaut mich an.
Und dann, zum ersten Mal an diesem Abend, wird Lisa frech.
„Vor einer Stunde wolltest du unbedingt wissen, wie sich das anfühlt.”
Ihre Stimme ist leise, aber klar. Ein leichtes Lächeln um die Lippen. Sie lehnt sich minimal vor, und ich sehe, wie ihr Blick auf meine Oberschenkel fällt, auf die Stelle, wo der Rock endet und die nackte Haut beginnt.
Mein Kopf zuckt herum. Die Worte kommen, bevor ich denken kann.
„Halt die Klappe.”
Es ist laut genug, dass die Frau am Nebentisch kurz aufschaut. Der Jazz spielt weiter, aber in unserer Ecke herrscht plötzliche Stille.
Wilma stellt ihr Glas ab. Das Klingen des Glases auf dem Holz ist leise, aber es schneidet durch die Stille wie ein Messer.
„So redest du nicht mit Lisa.”
Ihre Stimme ist nicht laut. Nicht scharf. Aber sie ist endgültig. Eine Mauer, gegen die mein Wort geprallt ist.
Ich starre Wilma an. Dann Lisa. Dann wieder Wilma. Mein Mund öffnet sich, schließt sich wieder. Die Röte im Gesicht brennt. Die Finger auf meinem Schoß verkrampfen sich.
„Ich…” Mein Hals ist trocken. „Es tut mir leid.”
Lisa schaut mich an. Ihr Gesicht ist neutral, aber in ihren Augen liegt etwas, das ich nicht ganz deuten kann. Kein Triumph. Kein Spott. Etwas Ruhigeres. Etwas, das fast wie Verstehen aussieht.
„Schon gut”, sagt sie. Leise. Gütig.
Aber Wilma ist noch nicht fertig. „Lisa steht unter mir”, sagt sie. „Nicht unter dir. Wenn du hier bist, behandelst du sie mit Respekt. Oder du gehst.”
Das „oder du gehst” hängt in der Luft. Ich nicke. Mein Blick senkt sich auf die Tischplatte. Die Zitronenscheibe im Glas hat sich braun verfärbt.
Wir sitzen schweigend. Der Jazz spielt ein neues Stück, schneller jetzt, ein Klaviersolo, das über die Saiten tanzt. Die Kerze flackert, das Wachs tropft an der Seite herab.
Dann rückt Wilma ihr Glas zur Seite und lehnt sich vor.
„Ich möchte etwas ausprobieren”, sagt sie. „Lisa, setz dich zu Kathi.”
Lisa erhebt sich ohne Zögern. Sie gleitet von der Schlafbank, umrundet den Tisch, und setzt sich neben mich auf den Stuhl. Die Ledersitzfläche wackelt leicht unter dem zusätzlichen Gewicht. Ihr Dirndlrock streift meinen, als sie sich einrichtet. Ich rieche ihren Duft — etwas Blumiges, schwer, angepasst an das sächliche „etwas Blumiges”, gemischt mit dem Ledergestank der Sitzbank.
Wilma sitzt uns gegenüber, allein auf der Schlafbank, das Glas Rotwein vor sich, die Hände auf den Knien. Sie betrachtet uns. Zwei Frauen nebeneinander, in Dirndln, auf einem Stuhl in einer Bar.
„Ihr beide entscheidet jetzt selbst”, sagt sie. „Wie viel Bein ihr zeigt. Niemand zwingt euch. Niemand befiehlt. Ihr entscheidet selbst.”
Ich schaue Lisa an. Sie schaut auf Wilma. Dann senkt sie den Blick auf ihren eigenen Rock, der noch immer ein kleines Stück höher sitzt als zu Beginn. Sie zieht ihn nicht herunter. Sie lässt ihn so.
Ich schaue auf meinen eigenen Rock. Noch immer hochgezogen. Noch immer mehr Oberschenkel sichtbar, als es das Dirndl vorsieht.
Wilma wartet.
Lisa greift nach ihrem Saum. Langsam, ohne Eile. Sie zieht den Rock ein weiteres Stück hoch. Nur ein paar Zentimeter. Der Stoff rutscht über die Knie, gibt den Ansatz der Oberschenkel frei. Nicht viel. Aber mehr als vorhin. Mehr als meiner.
Ich spüre den Druck. Nicht von Wilma. Von Lisa. Von dem stummen Vergleich, der plötzlich in der Luft hängt. Sie hat mehr gezeigt. Ich habe weniger gezeigt. Und Wilma schaut uns beide an und sagt nichts.
Meine Finger greifen den Saum meines Rocks. Ich ziehe. Ein Stück. Der Stoff gibt die Haut über den Knien frei, die weiche Innenseite der Oberschenkel. Das ist mehr als ich jemals freiwillig in der Öffentlichkeit gezeigt habe. Mein Atem geht schneller.
Lisa betrachtet mich. Ihr Blick fällt auf mein Bein. Dann greift sie ihren eigenen Saum und zieht noch ein Stück. Jetzt sitzt ihr Rock so hoch, dass die Rundung des Oberschenkels sichtbar wird, die Stelle, wo die Haut weicher und heller ist.
Ich beiße die Zähne zusammen. Ziehe meinen Rock weiter. Jetzt sitzt er so hoch, dass der Ansatz des Oberschenkels sichtbar ist, die Stelle, wo die Muskeln in die weichere Haut übergehen. Mein Herz hämmert. Ich spüre die Luft direkt an der Haut, die normalerweise unter dem Stoff verborgen ist.
Wilma lehnt sich zurück. Sie trinkt ihren Wein. Sie sagt kein Wort. Sie schaut uns an, von einer zur anderen, und ihre Mundwinkel sind minimal gehoben.
Lisa zieht nicht weiter. Sie sitzt da, ihr Rock hochgezogen, die Hände im Schoß, und schaut geradeaus. Ich ziehe nicht weiter. Ich sitze da, mein Rock hochgezogen, die Hände im Schoß, und schaue auf die Tischplatte.
Zwei Frauen nebeneinander, in einer Bar, mit hochgezogenen Dirndlrocken. Jeder, der vorbeigeht, könnte es sehen. Die Kellnerin, die eine Tablette mit leeren Gläsern trägt, schaut kurz herüber, geht weiter. Ein Mann, der zum Tresen will, streift mit dem Blick über uns, zögert eine Sekunde, geht weiter. Niemand bleibt stehen. Niemand sagt etwas. Aber ich spüre jeden Blick wie eine Berührung.
Wilma hebt ihr Glas. „Gut”, sagt sie. Nur das eine Wort. Sie trinkt aus.
Ich atme aus. Mein Körper zittert leicht, kaum merklich, aber ich spüre es in den Fingerspitzen, in den Oberschenkeln, in der Stelle hinter dem Brustbein. Lisa neben mir atmet ruhig. Ihr Knie berührt meines, kaum spürbar, warm durch die Haut.
Der Jazz spielt weiter. Die Kerze brennt. Die Bar summt von Stimmen und Gläserklingen. Und wir sitzen da, zwei Frauen mit hochgezogenen Röcken, und die Welt nimmt davon keine Notiz, aber ich nehme alles wahr.
Wilma stellt ihr Glas ab. „Es ist spät”, sagt sie. Sie sagt es so, wie man eine Feststellung macht, die keine ist. Eine Ankündigung.
Lisa richtet als Erstes ihren Rock. Sie zieht ihn herunter, streicht den Stoff glatt, steht auf. Ich schaue zu ihr, dann zu Wilma, dann auf meinen eigenen Rock. Ich warte. Auf einen Befehl. Auf ein Wort.
Es kommt nicht.
Wilma erhebt sich. Sie greift ihre Tasche von der Schlafbank, hängt sie sich über die Schulter. Sie schaut mich an.
Ich stehe auf. Mein Rock sitzt noch immer hochgezogen. Ich greife den Saum, will ihn herunterziehen, und dann —
„Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du es wieder richten darfst?”
Wilmas Stimme ist leise. Ruhig. Aber sie stoppt meine Hand in der Bewegung. Meine Finger halten den Saum fest, halb hochgezogen, halb heruntergelassen. Ich stehe neben dem Stuhl, der Rock in der Schwebe.
Ich schaue sie an. Sie steht da, die Tasche an der Schulter, das Gesicht im Halbdunkel. Lisa steht neben ihr, die Hände vor sich zusammengelegt, und schaut mich an. Und sie grinst. Nicht spöttisch. Nicht boshaft. Ein Grinsen, das sagt: Du weißt, was jetzt kommt.
Ich lasse den Saum los. Der Rock bleibt, wo er war. Halb hochgezogen. Halb heruntergelassen. Ein Zustand, der nach nichts aussieht.
Wir gehen.
Der Weg durch die Bar ist wie ein Gang durch einen Tunnel. Ich spüre die Blicke der Gäste, die Stimmen, das Lachen, das Klirren der Gläser. Mein Rock sitzt asymmetrisch, hoch auf der einen Seite, normal auf der anderen. Niemand wird es bemerken. Niemand wird sich etwas dabei denken. Aber ich weiß es. Und das macht jeden Schritt zu einem Balanceakt.
Wir erreichen die Tür. Wilma geht voran, drückt die schwere Holztür auf. Die Nachtluft strömt herein, kühl, nach Bier und gebrannten Mandeln und Herbst. Die Wiesn ist noch voller Menschen. Stimmen, Musik, Lachen. Das Riesenrad leuchtet am Himmel.
Ich trete auf den Gehweg. Die Menschen fließen vorbei, Lederhosen und Dirndln und Jeans und Jacken, ein Strom aus Beinen und Stimmen und Gesichtern. Ich stehe zwischen Wilma und Lisa, und mein Rock ist immer noch nicht gerichtet.
Ich bleibe stehen. Wilma macht zwei Schritte weiter, dreht sich dann um. Sie schaut mich an. Wartet.
Lisa bleibt ebenfalls stehen, dreht sich zu mir, die Hände immer noch vor sich zusammengelegt. Das Grinsen ist verschwunden, stattdessen ein Blick, der aufmerksam ist, gespannt.
Die Menschen gehen vorbei. Niemand schaut herüber. Niemand kennt mich. Aber ich spüre den Asphalt unter den Schuhen, die kühle Luft auf den Oberschenkeln, das Gewicht des Blicks von Wilma und Lisa, und ich weiß, dass ich etwas tun muss.
Ich lasse den Rock so, wie er ist. Die eine Seite hochgezogen, die andere heruntergelassen. Ich richte mich auf. Schau Wilma an.
Und frage:
„Wie möchtest du es haben?”
Wilma lächelt. Nicht breit. Nicht triumphierend. Ein minimales Heben der Mundwinkel, ein Schimmer in den Augen, der im Licht der Wiesn-Beleuchtung aufblitzt. Sie macht einen Schritt auf mich zu.
„So fängt es an”, sagt sie.
Lisa neben mir atmet hörbar aus. Ich spüre, wie mein Puls in den Ohren pocht, wie die kühle Nachtluft die nackte Haut meiner Oberschenkel streicht, wie der Geruch von gebrannten Mandeln und Bier und Zigarettenrauch um mich herumwirbelt. Das Riesenrad dreht sich langsam am Himmel, ein Kreis aus Lichtern, und ich stehe hier, auf dem Gehweg, mein Dirndl nicht gerichtet, und warte.
Kapitel 4
Der Rauch zwischen uns
Wilma schweigt. Nicht die Art von Schweigen, die nach Worten sucht – die Art, die Räume schafft, in die ich hineinfallen könnte, wenn ich nicht aufpasse. Sie steht so nah, dass ich den Wein auf ihrem Atem riechen kann, und das Saxophon vom drinnen dröhnenden Jazz ist jetzt nur noch ein fernes Echo, übertönt vom Rauschen der Menge, die an uns vorbeiströmt wie Wasser um einen Stein.
Dann tritt sie noch einen halben Schritt näher. Ihre Lippen befinden sich direkt an meinem Ohr, so nah, dass ich die Wärme ihres Atems auf der Haut spüre, und ihre Stimme ist leiser als alles, was sie bisher gesagt hat.
„Du hast jetzt eine Wahl, Kathi.”
Ich halte die Luft an. Mein Puls hämmert gegen die Innenseite meiner Handgelenke, und ich spüre, wie sich die Nackenhaare sträuben, wo ihr Atem an meiner Haut entlangstreicht.
„Zieh den Rock gerade. Richt ihn. Geh nach Hause. Vergiss das hier.” Sie macht eine Pause, die genau lang genug ist, damit ich jeden Satz einzeln schmecken kann. „Oder lass ihn so. Komm mit. Lern, was das wirklich heißt.”
Der Geruch von gebrannten Mandeln und Bier und Zigarettenrauch mischt sich mit ihrem Parfüm – etwas Erdiges, Warmes, das nach Zedernholz und Bernstein riecht – und für einen Moment ist alles andere weg. Das Riesenrad, die Menschen, das Lachen von einer Gruppe Betrunkener drei Meter weiter. Nur ihre Stimme an meinem Ohr und das Blut, das in meinen Ohren rauscht.
„Die eigentliche Lektion”, fügt sie hinzu, und ihre Stimme hat einen anderen Ton jetzt, etwas Dunkleres, etwas, das nach unten zieht wie eine Hand am Knöchel in tiefem Wasser, „beginnt erst, wenn die Tür hinter uns zu ist.”
Meine Knie werden weich. Nicht plötzlich, nicht dramatisch – eher wie wenn Sand unter den Füßen weggespült wird, langsam, unaufhaltsam, bis man merkt, dass man auf nichts mehr steht. Ich starre auf den Gehweg, auf die Pflastersteine, die im Licht der Festbeleuchtung hell und dunkel marmoriert sind, und meine Finger hängen neben meiner Hüfte, der Saum des Dirndlrocks zwischen Daumen und Zeigefinger, genau dort, wo ich ihn vorhin gelassen habe.
Ich könnte ihn loslassen. Ich könnte ihn glattstreichen, den Stoff nach unten ziehen, bis er wieder so sitzt wie vorher – ordentlich, anständig, so wie ein Dirndlrock sitzen soll. Ich könnte sagen: Danke, es war ein interessanter Abend. Ich könnte zur U-Bahn gehen, nach Hause fahren, mich ins Bett legen und morgen früh aufwachen als die Frau, die ich vor drei Stunden war.
Stattdessen lasse ich den Saum los.
Der Rock bleibt, wo er ist. Halb hochgezogen, die eine Seite knapp über mittlerer Oberschenkelhöhe, die andere heruntergefallen bis zum Knie. Asymmetrisch. Falsch. Offen.
Lisa, die neben mir steht und die ganze Zeit geschwiegen hat, atmet hörbar aus. Kein Wort, kein Lächeln – nur dieses Ausatmen, das klingt wie das Geräusch einer Tür, die sich öffnet.
Wilma tritt einen Schritt zurück. Ihr Gesicht ist jetzt wieder im normalen Abstand, und ich kann ihre Augen sehen – braun, mit kleinen goldenen Flecken darin, die im Licht der Straßenlaternen glänzen wie Funken. Sie nickt. Einmal. Kurz.
„Gut.”
Ein Wort. Mehr nicht. Aber es trifft mich härter als alles, was sie bisher gesagt hat. Härter als die Fragen drinnen, härter als die Befehle, härter als das „So redest du nicht mit Lisa”, das mich zusammenzucken ließ. Dieses eine Wort – gut – landet irgendwo in meiner Brust und breitet sich aus wie warmer Alkohol.
Wilma dreht sich um. Sie geht. Einfach so. Ohne zu warten, ohne sich umzusehen, ob ich folge. Die Tasche auf ihrer Schulter schwingt leicht bei jedem Schritt, und ihr eigener Dirndlrock sitzt perfekt, ordentlich, so wie er sitzen soll – ein Kontrast zu meinem, der jetzt wie ein Fehler aussieht, den man mit sich herumträgt.
Lisa geht hinter ihr. Schnell, selbstverständlich, als hätte sie diesen Weg schon hundertmal gegangen. Ihre Füße in den flachen Schuhen machen ein leises Klick-Klack auf dem Pflaster, und ihre Hände sind vor ihrem Körper verschränkt, die Finger ineinander geschlungen, und sie sieht nicht zu mir.
Ich stehe noch eine Sekunde. Zwei. Drei.
Dann gehe ich.
Die Menge ist dicht hier, auf dem Gehweg zwischen den Festzelten. Menschen drängen vorbei, rempeln mich an, eine Gruppe von Männern in Lederhosen singt irgendwas mit Bayern 3 im Refrain, und eine Frau mit einem riesigen Krug in jeder Hand lacht und schreit gleichzeitig. Niemand sieht auf meinen Rock. Niemand außer mir. Aber ich sehe ihn – ich sehe ihn in jedem Schaufenster, an dem wir vorbeigehen, in der spiegelnden Glasscheibe des Riesenrads, das über uns dreht, in den nassen Augen einer Frau, die an einer Laterne steht und sich übergeben muss.
Mein Rock sitzt falsch. Und ich gehe trotzdem.
Wilma führt uns nicht zurück zum Festzelt. Sie biegt rechts ab, eine schmalere Straße hinunter, weg vom Lärm, weg von den Lichtern. Hier ist es dunkler, die Laternen weiter auseinander, die Schaufenster zu. Eine Reinigung, ein Optiker, ein Reisebüro mit verstaubten Postern im Fenster. Mein Atem bildet Wolken in der kühlen Luft, und ich spüre die Gänsehaut auf meinen Oberschenkeln, dort, wo der Rock sie nicht mehr bedeckt.
„Wie weit?”, frage ich.
Wilma antwortet nicht. Lisa auch nicht.
Ich gehe. Die Pflastersteine sind hier uneben, und mein Fuß hakt an einer Kante, fast stolpere ich, aber ich fange mich. Mein Herz schlägt zu schnell, und meine Handflächen sind feucht, und ich wische sie an der Außenseite meiner Oberschenkel ab, wo der Stoff des Rocks sie bedeckt – auf der einen Seite. Auf der anderen ist nur Haut.
Nach drei Minuten bleibt Wilma stehen. Vor einem Hotel – nicht das große, glänzende an der Ecke, sondern ein kleineres, drei oder vier Stockwerke, mit einer schmalen Glasfront und einer Messingklingel neben der Tür. Das Schild über dem Eingang sagt H****l in vergoldeten Buchstaben, und die Rolläden im Erdgeschoss sind halb heruntergelassen.
Wilma drückt die Klingel. Ein Summen, dann ein Klicken, und die Tür öffnet sich. Sie geht rein, ohne zu zögern, als wäre es ihr eigenes Zuhause.
Das Foyer ist klein. Eine Rezeption aus dunklem Holz, ein Mann dahinter, fünfzig vielleicht, der kurz aufschaut, Wilma nickt, er nickt zurück, und dann sieht er mich. Sein Blick wandert von meinem Gesicht zu meinem Rock, bleibt dort eine Sekunde zu lang, und ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Er hat es gesehen. Er hat gesehen, dass es nicht stimmt. Dass etwas nicht an mir stimmt.
Ich gehe schneller, vorbei an der Rezeption, hinter Wilma und Lisa her zum Aufzug. Ein alter Klapptür-Aufzug mit einem Gitter, das man selbst schließen muss. Wilma schiebt das Gitter zu, drückt einen Knopf – die 3 –, und der Aufzug ruckt nach oben.
Drei Frauen in einem winzigen Kasten. Das Gitter klappert. Die Mechanik knirscht. Lisa steht hinter Wilma, ich stehe vor ihnen beiden, mein Rücken zu ihnen gewandt, mein Gesicht zur Tür. Ich sehe mein Spiegelbild im abgewetzten Metall der Aufzugstür – die dunkelblonden Wellen, die nicht mehr so weich sitzen wie vor Stunden, das gerötete Gesicht, und der Rock, der auf der einen Seite hochgezogen ist und auf der anderen herunterfällt, und ich sehe aus wie jemand, der nicht fertig ist. Wie jemand, der mittendrin steckt.
„Kathi.”
Wilmas Stimme, direkt hinter mir. Ich drehe mich nicht um.
„Kathi, dreh dich um.”
Ich drehe mich um.
Sie steht so nah, dass ich den Rand ihres Dirndls an meinem spüre. Lisa steht hinter ihr, die Hände auf Wilmas Schultern, und sieht mich an. Aber nicht wie Wilma. Ich sehe, wie Wilma mich anschaut, als würde sie eine Entscheidung treffen. Ich sehe, wie Lisa mich anschaut, als würde sie die Konsequenz schon kennen.
„Hörst du das?”, fragt Wilma.
Ich höre. Den Aufzug, der knirscht und ächzt. Mein eigenes Atmen. Das Blut in meinen Ohren.
„Das ist das letzte Geräusch, das du hörst, bevor es leise wird”, sagt Wilma. „Und wenn es leise wird, dann zählt nur noch, was du tust. Nicht was du sagst. Nicht was du denkst. Was du tust.”
Der Aufzug hält. Ein Ruck. Das Gitter klappt auf, und Wilma geht hinaus, den Flur entlang. Teppichboden, dunkelrot, abgewetzt an den Kanten. Wandlampen mit goldfarbenem Licht. Drei Türen auf jeder Seite, alles geschlossen, alles still.
Wilma bleibt vor der letzten Tür links stehen. Sie holt einen Schlüssel aus ihrer Tasche – ein echter, metallener Schlüssel, keine Karte – und steckt ihn ins Schloss. Das Klicken ist laut in der Stille des Flurs.
Sie öffnet die Tür, tritt ein, und ich stehe im Türrahmen.
Das Zimmer ist klein. Ein Doppelbett mit weißem Leinen, ein Nachttisch mit einer Lampe, die ein warmes Licht gibt. Ein Fenster mit Vorhängen, durch die das Licht des Riesenrads schimmert – orange und rot und weiß, langsam drehend. Ein Schrank, geöffnet, mit Kleidung darin. Ein Schreibtisch mit einem Stuhl. Auf dem Schreibtisch: ein Aschenbecher, ein Päckchen Zigaretten, ein Feuerzeug.
Am Fußende des Bettes: eine Truhe, dunkles Holz, geschlossen.
Wilma stellt ihre Tasche auf den Schreibtisch. Lisa geht zum Fenster, zieht die Vorhänge zu, und das Licht des Riesenrads verschwindet. Jetzt ist nur noch die Lampe, warm und niedrig, und die Schatten, die sie wirft.
„Komm rein”, sagt Wilma. „Und schließ die Tür.”
Ich trete ein. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Das Klicken – diesmal von der anderen Seite – ist das lauteste Geräusch, das ich je gehört habe.
Wilma setzt sich auf die Bettkante. Sie sitzt aufrecht, die Hände auf den Knien, und sieht mich an. Lisa steht neben dem Fenster, lehnt mit der Schulter an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Beide sehen mich an.
Ich stehe in der Mitte des Zimmers. Mein Rock ist noch immer halb hochgezogen. Meine Hände hängen neben meiner Hüfte. Mein Mund ist trocken.
„Zieh den Rock gerade”, sagt Wilma.
Ich blinzele. „Was?”
„Du hast mich gehört.”
Meine Finger gehen zum Saum. Ich fasse den Stoff, der hochgezogen ist, und für einen Moment will ich ihn herunterziehen – will ich alles richten, will ich wieder ordentlich sein, will ich die Kathi sein, die vor drei Stunden im Festzelt gelacht hat.
Aber dann höre ich ihre Stimme wieder, das von draußen vor der Bar: „Die eigentliche Lektion beginnt erst, wenn die Tür hinter uns zu ist.”
Und ich verstehe.
Es ist keine Anweisung. Es ist ein Test.
Wenn ich den Rock jetzt gerade ziehe, dann bin ich die, die aufgibt. Die den Notausgang nimmt. Die sagt: Es war ein Spaß, aber jetzt reicht es.
Und wenn ich es nicht tue?
Meine Finger lassen den Saum los. Der Rock bleibt, wie er ist. Asymmetrisch. Falsch. Offen.
Wilmas Mundwinkel zuckt. Nicht ein Lächeln – ein Zucken. Ein Anerkennen.
„Lisa”, sagt sie, ohne die Augen von mir zu nehmen. „Bring mir eine Zigarette.”
Lisa löst sich von der Wand, geht zum Schreibtisch, nimmt das Päckchen und das Feuerzeug, bringt beides zu Wilma. Wie selbstverständlich, wie eine Geste, die tausendmal geübt wurde. Wilma zieht eine Zigarette heraus, steckt sie sich zwischen die Lippen, und Lisa drückt das Feuerzeug an. Die Flamme zuckt, Wilma zieht ein, und der Glutpunkt leuchtet orange im gedimmten Licht.
Sie atmet aus. Der Rauch steigt auf, wölbt sich, kräuselt sich in der warmen Luft der Lampe, und der Geruch – herb, trocken, ein wenig süßlich – füllt den Raum wie ein Vorhang, der sich zwischen uns senkt.
Ich nicke nicht. Ich schaue zu. Ich schaue, wie Wilma die Zigarette zwischen Zeigefinger und Mittelfinger hält, wie sie sie zum Mund führt, wie ihre Lippen sich um den Filter schließen, wie sie zieht, wie die Glut hellert, wie der Rauch aus ihrer Nase strömt, wenn sie ausatmet. Und mit jedem Zug spüre ich etwas, das ich nicht benennen will. Etwas, das sich anfühlt wie der Moment vor dem Absprung – der Körper will nicht, der Verstand will nicht, aber etwas anderes, etwas Tieferes, drängt nach vorn.
„Du starrst”, sagt Wilma.
Ich schlucke. „Ja.”
„Auf was?”
„Auf dich.”
„Auf mich oder auf die Zigarette?”
Ich antworte nicht sofort. Ich überlege. Nicht, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, sondern weil ich es zum ersten Mal aussprechen soll – das, was ich seit einer Stunde spüre, ohne es zu fassen.
„Auf beides”, sage ich. „Auf die Art, wie du sie hältst. Wie du ziehst. Wie Lisa dir das Feuer gibt, ohne dass du etwas sagen musst.”
Wilma zieht wieder an der Zigarette. Langsam. Der Filter auf ihren Lippen, der Rauch, der sich in ihrem Mund sammelt, und dann – statt auszuatmen – beugt sie sich vor.
„Komm her.”
Ich gehe. Zwei Schritte, drei, bis ich direkt vor ihr stehe. Sie sitzt, ich stehe, und plötzlich bin ich größer als sie, und das fühlt sich falsch an. Sie gehört über mir. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß es.
Wilma schaut zu mir auf. Die Zigarette zwischen ihren Fingern, der Rauch, der zwischen uns aufsteigt. Dann öffnet sie den Mund.
Und bläst den Rauch direkt in mein Gesicht.
Nicht aggressiv. Nicht schnell. Langsam, gezielt, ein Strom aus grauweißem Nebel, der meine Nase trifft, meine Wangen, meine Lippen. Ich schließe die Augen, nicht aus Reflex, sondern weil ich den Rauch auf meiner Haut spüren will – warm, trocken, nach Wilma schmeckend.
Ich atme ein. Der Rauch füllt meine Lungen, nicht tief, aber genug, und ich huste nicht. Ich nehme ihn.
„Schau mich an”, sagt Wilma.
Ich öffne die Augen.
Sie lächelt. Nicht das minimale Zucken von vorhin – ein echtes Lächeln, klein, aber echt, und es trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
„Du lernst schnell”, sagt sie. Und dann, leiser: „Aber nicht schnell genug.”
Sie wendet sich an Lisa. „Lisa. Der Spiegel.”
Lisa nickt, geht zum Schrank, öffnet eine Tür, und auf der Innenseite der Klapptür hängt ein Spiegel – groß, in einem einfachen Holzrahmen. Lisa klappt die Tür so auf, dass der Spiegel in den Raum zeigt. Und ich sehe mich.
Ich sehe eine Frau in einem blauen Dirndl, deren Rock auf der einen Seite hochgezogen ist und auf der anderen herunterfällt. Dunkelblonde Wellen, zerzaust. Augen, die größer wirken als normal. Wangen, die rot sind. Lippen, die leicht geöffnet sind.
„Schau dich an”, sagt Wilma. „Und sag mir, was du siehst.”
Ich schaue. „Ich sehe mich.”
„Das ist keine Antwort. Schau genauer.”
Ich schaue. Ich sehe den Rock, der nicht sitzt. Ich sehe die Haut, die freiliegt – mein Oberschenkel, die Kniekehle, die nicht bedeckt ist. Ich sehe die Hände, die neben der Hüfte hängen, die Finger leicht gekrümmt, als wüssten sie nicht, wohin. Ich sehe das Gesicht, das nicht mehr das Gesicht von der Toilette im Festzelt ist – nicht mehr gerötet vor Scham, sondern gerötet vor etwas anderem.
„Ich sehe jemanden, der nicht weiß, was er will”, sage ich.
Wilma lacht. Leise, kurz, mehr ein Ausatmen als ein Lachen. „Falsch. Du weißt genau, was du willst. Du traust dich nur nicht, es zu sagen.”
Sie nimmt einen letzten Zug von der Zigarette, drückt sie im Aschenbecher auf dem Schreibtisch aus, und steht auf. Sie geht zum Schrank, neben den Spiegel, und steht hinter mir. Im Spiegel sehe ich uns beide – sie hinter mir, größer, weil sie steht und ich mich leicht krümme, und ihre Augen treffen meine im Glas.
„Sag es”, sagt sie.
Mein Mund ist trocken. Die Zunge klebt am Gaumen. Ich schaue uns im Spiegel an, und ich sehe eine Frau, die nicht ich ist – oder die ich schon immer war und nie wusste.
„Ich will”, beginne ich, und die Worte bleiben stecken, und ich schlucke, und Wilma wartet, und Lisa wartet, und die Stille im Zimmer ist so laut, dass sie mich fast erdrückt.
„Ich will wissen, was es heißt.”
„Was was heißt?”
„Aufzuhören, zu entscheiden.”
Wilma legt ihre Hand auf meine Schulter. Nur das. Eine Hand auf einer Schulter, durch den Stoff des Dirndls, und das Gewicht ihrer Handfläche ist warm und sicher und schwer.
„Das heißt”, sagt sie, und ihre Stimme ist jetzt so leise, dass ich mich anstrenge, sie zu hören, „dass du aufhörst, den Rock zu richten. Dass du aufhörst, zu fragen, wie weit. Dass du aufhörst, zu zählen, bis fünf, bevor du etwas sagst.”
Ich zucke zusammen. Sie hat es gesehen. Im Festzelt. Das Zählen.
„Du dachtest, niemand merkt das”, sagt sie. „Aber ich merke alles.”
Ihre Hand rutscht von meiner Schulter zu meinem Nacken. Unter den Haaren, auf die nackte Haut, und ihre Finger sind kühl und trocken, und ich spüre, wie mein Kopf leicht nach hinten geneigt wird, nicht weil sie zieht, sondern weil mein Körper sich ihrer Hand entgegenlehnt.
„Lisa”, sagt Wilma, noch immer im Spiegel zu mir sprechend. „Mach den Rock.”
Lisa löst sich von der Wand. Sie kommt zu mir, kniet sich vor mich, und ihre Hände fassen den Saum des Dirndlrocks. Ich sehe es im Spiegel – Lisas Gesicht auf Höhe meiner Oberschenkel, ihre Finger im Stoff, und dann zieht sie. Nicht runter. Hoch.
Der Stoff rutscht nach oben, über meine Knie, über mittlerer Oberschenkelhöhe, bis der Rock bis zu meinen Hüften hochgeschoben ist, und meine Beine frei sind, bis auf den schmalen Streifen des Slips, der im Lampenlicht schimmert.
Ich will die Hände heben. Ich will den Rock wieder herunterziehen. Meine Finger zucken, und Wilmas Hand auf meinem Nacken drückt – sanft, aber unmissverständlich.
„Nein”, sagt sie. Nur das. Ein Wort, das wie eine Wand klingt.
Lisa steht auf, tritt zurück, und ich stehe da, der Rock hochgeschoben, die Beine entblößt, und im Spiegel sehe ich eine Frau, die nicht mehr kämpft.
„Jetzt”, sagt Wilma, und ihre Stimme hat einen anderen Klang – nicht härter, nicht kälter, sondern fokussierter, wie eine Klinge, die nicht schnell, sondern präzise schneidet, „schau dich nochmal an. Und sag mir, was du siehst.”
Ich schaue. Ich sehe die Beine, die nicht mehr bedeckt sind. Ich sehe den Slip – schlicht, dunkelblau, ein Streifen Stoff, der mehr verdeckt als er verheimlicht. Ich sehe die Hände, die jetzt nicht mehr zucken. Die still hängen. Die aufgegeben haben, etwas zu richten.
Ich sehe eine Frau, die nicht mehr entscheidet.
„Ich sehe dich”, sage ich, und meine Stimme bricht nicht, aber sie zittert, und ich höre es.
Wilma beugt sich vor, bis ihre Lippen an meinem Ohr sind, wie vorhin draußen vor der Bar, und ich spüre ihren Atem, und ich rieche den Wein und den Rauch und das Zedernholz, und ihre Stimme ist ein Ton, der unter die Haut geht.
„Nein”, sagt sie. „Du siehst mich. Das ist der Unterschied. Du siehst mich, und du siehst, was ich mit dir mache, und du siehst, dass du es nicht verhindern willst.”
Sie löst die Hand von meinem Nacken. Geht zum Schreibtisch. Setzt sich auf den Stuhl, überkreuzt die Beine, und sieht mich an.
„Komm zum Bett”, sagt sie. „Setz dich.”
Ich gehe zum Bett. Ich setze mich. Die Matratze ist weich, und der Rock rutscht noch höher, und ich versuche nicht, ihn zu richten. Ich versuche es nicht.
Wilma sieht es.
„Gut”, sagt sie. Und diesmal klingt es anders als draußen vor der Bar. Draußen war es ein Anerkennen. Hier drinnen ist es ein Anfang.
Lisa steht neben der Tür, die Hände vor dem Körper verschränkt, und sie sieht mich an mit einem Gesicht, das nichts verrät, und ich frage mich, ob sie vor einer Stunde, vor einem Tag, vor einer Woche genau so gesessen hat. Auf diesem Bett. Mit diesem Rock. Mit diesem Zittern in den Knien.
Wilma öffnet das Päckchen Zigaretten. Zieht eine heraus. Steckt sie sich zwischen die Lippen. Und dieses Mal gibt Lisa ihr kein Feuer. Wilma nimmt das Feuerzeug selbst, drückt es an, und die Flamme zuckt, und sie zieht, und der Glutpunkt leuchtet, und der Rauch steigt auf, und sie sieht mich durch den Rauch an.
„Jetzt”, sagt sie, „fangen wir an.”
Das Riesenrad dreht sich hinter den Vorhängen, unsichtbar, aber ich höre die Mechanik – ein leises, regelmäßiges Knirschen, wie ein Herzschlag – und ich sitze auf dem Bett, der Rock hochgeschoben, die Beine entblößt, die Hände im Schoß, und ich warte.
Und zum ersten Mal seit Stunden zähle ich nicht mehr bis fünf.