Blind-Date in Berlin
Veröffentlicht am„Leute, wenn ich noch eine Minute in dieser Schlange stehe, mutiere ich zu einer Statue aus purem Frust“, beschwerte sich Lina, während sie ihr hautenges Mesh-Top zurechtzupfte, das kaum mehr als ein Hauch von schwarzem Garn über ihrer perfekt gebräunten Haut war. Ihren Revuekörper, der so professionell wie der eines Models herausgeputzt war, balancierte sie auf mörderisch hohen Absätzen und warf ihre Platinmähne beim Posen effektheischend in den Nacken.
Marc, der lässig an der Wand vor dem Einlass lehnte und in seinem offen getragenen Designer-Hemd sein Sixpack zur Schau stellte, grinste sie an. „Entspann dich, Schätzchen. Mein Dad hat dem Besitzer heute Morgen eine SMS geschrieben – wir sind quasi schon drin, bevor wir überhaupt ausgeatmet haben.“, und wedelte kurz mit seinem Smartphone, das in einer goldenen Hülle steckte.
„Hoffentlich“, zischte Sophie, die neben ihm stand. Sie trug ein kurzes Slip-Dress aus Seide, das bei jeder Bewegung gefährlich hochrutschte, und begutachtete kritisch ihre Nägel. „Und ich hab null Bock drauf, dass mir mein Make-up abschmilzt und uns so den coolen Abend vermasselt, nur weil der Türsteher heute einen auf wichtig macht. Übrigens, Lina … dein Top ist … irgendwie voll mutig. Hoffentlich verwechselt dich niemand mit der Deko.“
Lina verdrehte die Augen und bedachte Sophie mit einem giftigen Blick. „Eifersucht steht dir nicht, Soph. Nur weil du dich in deiner Seide kaum bewegen kannst, ohne dass was reißt.“
„Könnt ihr mal aufhören zu zicken?“, unterbrach Bella die beiden. Sie wirkte wie ein Model direkt vom Laufsteg, bekleidet mit einem winzigen Leder-Bustier und einer tief sitzenden Statement-Hose, und flirtete bereits intensiv mit dem Blick des muskulösen Türstehers. „Wir sind hier, um Champagner zu vernichten und nicht, um uns gegenseitig die Augen auszukratzen. Marc, mach jetzt den Weg frei, ich hab Durst.“
Marc lachte, klopfte dem Türsteher vertraut auf die Schulter und schob die Kordel zur Seite. „Damen zuerst, … nach Ihnen, bitte. Berlin wartet nicht auf uns. Berlin gehört heute Nacht nämlich uns.“
„Moët Ice und ein Arsenal an Espresso-Martinis, aber zackig“, orderte Marc lässig, während er sich in die weiße Leder-Lounge im VIP-Bereich fallen ließ. Dort breitete er mit einer selbstgefälligen Geste seine Arme aus und ließ seinen Blick über die tanzende Menge unter ihnen gleiten, als würde er sein privates Königreich begutachten.
Bella rutschte so nah an ihn heran, dass ihr Leder-Bustier fast sein Hemd berührte. Sie fuhr mit einem perfekt manikürten Fingernagel über seinen Unterarm. „Du weißt eben, wie man eine Frau bei Laune hält, Marc. Aber ich hoffe mal, dass du in der Kiste nicht so schnell unterwegs bist wie beim Bestellen von Getränken“, und zwinkerte ihm zu. Ihren Blick ließ sie dabei so betont langsam über den Körper des Mannes wandern, dass mehr als klar war, worauf sie es am Ende der Nacht abgesehen hatte.
„In wichtigen Momenten lasse ich mir alle Zeit der Welt, Bella“, entgegnete Marc mit einem raubtierhaften Grinsen und rückte ein Stück näher.
Sophie schnaubte und nippte an ihrem Cocktail, den der Kellner gerade serviert hatte. Sie schlug die Beine übereinander, wobei das Seidenkleid gefährlich weit nach oben rutschte. „Kriegt euch ein, ihr zwei. Sucht euch ein Zimmer oder bestellt wenigstens noch eine Runde, bevor Lina und ich hier vor lauter Flirten verdursten.“
Lina, die sich gerade provokant im Rhythmus der Bässe wiegte, stand etwas im Abseits und zog eine Grimasse, weil sie sich gerade etwas aus der Clique ausgegrenzt fühlte und deshalb noch stinkiger als Sophie drauf war. „Lass sie doch, Soph“, lachte Lina plötzlich und switchte auf: ‘Gute Laune zum bösen Spiel’. Augenzwinkernd ging sie auf Marc und beugte sich vor. Als ihre Lippen fast Marcs Ohr erreicht hatten, flüsterte sie ihm etwas Freches zu, während sie Bella völlig ignorierte. „Manche von uns haben eben mehr zu bieten als nur ein teures Kleid. Nicht wahr, Marc? Ich wette, du hast heute Abend noch ganz andere Pläne, als nur Champagner zu trinken.“
Bella zog die Augenbrauen hoch und ihre Stimme wurde eine Nuance schärfer. „Süße, dein Plan scheint offensichtlich darin zu bestehen, heute Nacht als Marcs Accessoire zu enden. Vielleicht solltest du dich lieber darauf konzentrieren, dass dein Top nicht komplett verrutscht, bevor die Tanzfläche voll ist.“
Marc genoss die Aufmerksamkeit sichtlich, während die Spannung zwischen den Frauen fast so greifbar war wie der vibrierende Bass des Clubs.
Während die Bässe tiefer in die Magengrube fuhren, erhob sich Marc und zog Bella am Handgelenk hoch. „Genug geredet, Bella. Zeig mir, ob du auf der Tanzfläche genauso viel Rhythmus hast wie beim Flirten“, raunte er ihr ins Ohr. Bella lachte kehlig, warf Lina einen triumphierenden Blick zu und ließ sich von Marc mitten in die schwitzende Menge führen. Ihre Körper pressten sich im Takt der Musik aneinander, ein Spiel aus nackter Haut und teurem Leder, das die Umstehenden neidisch verfolgten.
Doch plötzlich veränderte sich die Atmosphäre im Club. Es war, als würde eine unsichtbare Welle der Stille vom Eingang her durch den Raum rollen, die selbst das Wummern der Anlage für einen Moment übertönte.
Inmitten der neongrellen Berliner Clubszene schritt ein Trio, das wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt wirkte, in den Raum. Wie düstere Schatten auf einem alten Gemälde legte sich mit den Neuen eine beklemmende Aura über den von Lichtblitzen der Eventmanager zum Feiern und Tanzen illuminierten Saal. In der Disco herrschte von einem Moment auf den anderen eine Stimmung, deren Unbeschwertheit plötzlich unerwartet gewandelt war.
An der Spitze der drei neuen Gäste schritt eine blasse Frau, die hochgewachsen war und mit ihren blonden Locken wie ein Engel aussah. Wie flüssiges Gold wallte es um ihren schlanken Hals und floss über ihren bezaubernden Rücken hinab, wo ihr Haar zwischen zwei aufreizenden Hüften endete. Sie trug ein bodenlanges, tiefschwarzes Samtkleid mit extrem weiten Ärmeln, das an eine moderne Interpretation mittelalterlicher Gewänder erinnerte. Ihre Augen waren hinter einer filigranen, schwarzen Spitzenbinde verborgen, doch sie bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit.
Flankiert wurde sie von ihrem Assistenten, einem hageren jungen Mann, dessen Gesichtszüge wie gemeißelt wirkten. Er trug eine schwarze Robe aus schwerem Tuch, die bei jedem Schritt leise raschelte, und führte die Blinde mit einer fast schon rituellen Hingabe Hand in Hand.
Den Abschluss bildete ein dunkelhäutiger Adonis, dessen muskulöser Oberkörper unter einem hauchdünnen, schwarzen Seidenhemd nicht nur zu erahnen war. Seine Präsenz war so gewaltig, dass die Menschen instinktiv zur Seite traten. Mit einer Mischung aus Stolz und Amüsement schweifte sein Blick über die Menschenmenge, während sein Goldkettenbesatz im Schwarzlicht funkelte. Sein Auftreten erweckte den Eindruck, als sei es seine Aufgabe als Bodyguard, für die Sicherheit zweier, warum auch immer, schutzbedürftiger Wesen zu sorgen.
„Wer zum Teufel sind die …?“, entfuhr es Sophie, die ihr Glas auf halbem Weg zum Mund absetzte. Auch Lina starrte mit offenem Mund zu dem Trio herüber, während Marc und Bella auf der Tanzfläche kurz innehielten.
Die Gruppe steuerte direkt auf eine Sitzgruppe neben Marcs Clique zu, in deren Nähe die Blonde unverhofft stehenblieb und gebieterisch die Hand hob. Ihr leicht nach oben gerecktes Kinn schien die Schwingungen des Raumes förmlich aufzusaugen, während ihre Nasenflügel vibrierten und sie mit ihren Ohren wichtige Details scannte, die sie nicht so wie diejenigen sehen konnte, die sie scheu anstarrten.
Mit federnden Schritten, die einem theatralischen Schweben glichen, bewegte sie sich danach von jeglicher Führung befreit alleine weiter durch die Menge, die sich vor ihr wie von Geisterhand gespalten teilte, auf die Bar zu. Im Schwarzlicht sah das bläuliche Leuchten des weißpolierten Plexiglastresens wie ein futuristisch in Szene gesetzter Altar aus. Der dunkelhäutige Adonis hob nur kurz zwei Finger, während der Assistent mit einer Stimme, die nicht tief, aber ruhig und voll wie ein Beichtgeheimnis klang, die Bestellung aufgab: „Drei Caipirinhas. Viel Limette, wenig Eis.“
Die blinde Frau im Samtkleid stand vollkommen reglos da, das Kinn noch immer stolz erhoben, während ihre Fingerkuppen feinfühlig wie Federn über das kühle Plastik der Bar strichen.
Marc, der die Spannung auf der Tanzfläche kaum noch ausgehalten hatte, löste sich von Bella und trat mit einer Mischung aus Neugier und seinem üblichen Übermut an die Bar. Bella folgte ihm sofort, wobei sie ihr Leder-Bustier mit einer schnellen Bewegung zurechtrückte, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich die volle Aufmerksamkeit bekam.
„Ungewöhnlicher Auftritt für Berlin-Mitte“, begann Marc und lehnte sich mit einem breiten Grinsen neben den muskulösen Fremden an den Tresen. „Mittelalter-Vibe im Technotempel? Mutig. Ich bin Marc. Und das ist Bella.“
Bella legte den Kopf schief und fixierte den Adonis mit einem vielsagenden Blick, während sie langsam an ihrem Strohhalm zog. „Wir dachten plötzlich, die Party fängt erst an, wenn ihr kommt. Wer seid ihr? Und …“, sie senkte die Stimme ein wenig und sah zu der Blonden mit den langen Beinen, die sie voll anfixten, „… kann sie wirklich gar nichts sehen, oder ist das Teil der Show?“
Der Assistent drehte langsam den Kopf zu Bella. Sein Blick war kühl und analytisch. „Sie sieht mehr, als ihr euch vorstellen könnt“, erwiderte er knapp.
Die blinde Frau neigte nun ihr Haupt in Bellas Richtung. Ein schmales, rätselhaftes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich höre das Knistern deines Leders, Bella“, sagte sie mit einer Stimme, die wie Seide über ihre Zunge glitt. „Und ich spüre die Hitze, die von euch beiden ausgeht. Ihr seid sehr … hungrig heute Nacht, nicht wahr?“
Marc lachte kurz auf, doch es klang eine Spur unsicherer als sonst. „Hungrig ist vielleicht ein etwas zu deutliches Wort. Wir teilen unseren Tisch aber gerne mit Leuten, die wissen, wie man Eindruck schindet. Was sagt ihr dazu?“
Bella stellte ihr Glas mit einem harten Klacken auf den Tresen und trat einen Schritt dichter an die Blonde heran. Während die anderen Gäste fast ehrfürchtig Abstand hielten, legte Bella jede Zurückhaltung ab. Ein mitleidiges, fast schon gönnerhaftes Lächeln trat auf ihr Gesicht. „Wisst ihr, alle starren euch an, als wärt ihr aus Glas“, begann Bella laut und direkt, wobei sie Marc kurz beiseiteschob. Sie fixierte die Spitzenbinde der Blinden. „Aber ich hab da keine Berührungsängste. Ich hatte bis zum Abi eine in der Klasse, die war genau wie du. Bilaterales Retinoblastom – volles Programm. Die mussten ihr schon als beide Augäpfel rausnehmen. Sie hatte dann immer solche Glasaugen drin, die sie sich morgens nach dem Duschen einsetzen musste, so wie das alte Leute mit ihren falschen Zähnen im Mund machen. Ohne die Prothesen, die sie in ihren entleerten Schädelhöhlen tragen musste, hätte sie sonst ausgesehen wie eine, die aus einem Horrorfilm abgehauen ist, weißt du?“
Marc erstarrte kurz und warf dem weniger gefährlich als der Bodyguard aussehenden Dritten einen hilfesuchenden Blick zu. Bella redete, stolz auf ihr vermeintliches Fachwissen und von sadistischem Zynismus beflügelt, ungebremst weiter. „Sie war auch immer so … distanziert“, fuhr Bella fort und streifte mit der Hand über den schweren Samtärmel der Fremden. „Ist es bei dir dasselbe? Hast du auch Prothesen unter der Binde oder sind da einfach nur leere Höhlen? Ich finde, wenn man so eine wie du ist, sollte man einfach zu den Tatsachen stehen und offen zeigen, was Sache ist … Dann ist die Stimmung gleich viel entspannter, oder?“
Ein unterdrücktes Schnappen war von Sophie zu hören, die im Hintergrund das Gesicht verzog. Der Adonis legte den Kopf schief, seine dunklen Augen blitzten gefährlich amüsiert, während der hagere Assistent seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste.
Die blinde Frau blieb vollkommen ruhig und neigte den Kopf nur ein winziges Stück in Bellas Richtung, so als würde sie deren Herzschlag zählen. „Du glaubst also, mich zu kennen, weil du gelernt hast, ein medizinisches Wort unfallfrei auszusprechen, Bella?“, fragte sie mit einer Stimme, die so kühl und glatt wie das Plexiglas war, auf dem ihre Fingerkuppen Kreise zogen. „Denkst du, die Dunkelheit sei für alle Menschen gleich?“ Langsam hob die Blinde zu ihren Worten eine Hand, die in einem filigranen, schwarzen Spitzenhandschuh steckte, und bewegte sie zielsicher auf Bellas Gesicht zu, ohne sie jedoch zu berühren. „Erzähl mir mehr von deiner Klassenkameradin. Hat sie dir auch beigebracht, wie es sich für dich anfühlt, wenn dich eine Frau, die sich ihre Welt nicht mehr mit den Netzhäuten ihrer fehlenden Augen anschauen kann, anguckt? Mit meinen Fingerkuppen kann ich besser als du sehen und ich hab mir sagen lassen, dass das welche wie dich meisten sogar total anfixt …“, Danach hielt die Blinde, die eine clevere Kunstpause eingelegt hatte, inne, um ihre Worte so wirken zu lassen, wie sie das beabsichtigte. Auch ihre behandschuhte Hand ließ sie nur Millimeter vor Bellas Wange so schweben, als sei sie schwerelos geworden. Der erregende Schauder, der Bella über den Rücken lief, fühlte sich für sie völlig unerwartet so an, als hätte die bezaubernde Fremde ihr Blut mit wenigen Worten zum Sieden gebracht. Bella war aus Gründen, die sie nicht deuten konnte, wie zu einer Salzsäule erstarrt, wich aber auch nicht zurück, als die Blinde sie noch fester in die Zange nahm. „Du glaubst also, ein Gendefekt in der sei das Einzige, das die Welt einer Frau verdunkeln kann?“, fragte die Fremde mit einer Sanftheit, die bedrohlicher wirkte als jeder Schrei. „Manche geben das Licht freiwillig auf, um Dinge zu sehen, die deine Augen niemals erfassen könnten.
Der Adonis trat einen Schritt näher an Bella heran. Seine massive Präsenz ließ Marcs teure Designer-Attitüde augenblicklich verblassen und legte Bella eine Hand auf die Schulter – ein Griff, der gleichzeitig besitzergreifend und warnend war. „Sie ist keine Patientin, Bella. Es war ihre eigene Entscheidung, die sie frei getroffen hat, um den vorgesehenen Weg in einer Gesellschaft zu gehen, von der du nichts wissen kannst“, grollte er mit tiefer Stimme, gab sich gegenüber Bella aber verbindlicher, als er sich anhörte. Marc warf er nur einen eisigen Blick zu, in dem Spott und Verachtung lagen: „In gewissen Kreisen hier in Berlin – in denen Schmerz und Hingabe mit anderen Währungen honoriert werden als mit deinem armseligen Taschengeld – ist die Geschichte, die hinter unserer Begleiterin steht, eine wertgeschätzte Legende, die durch Menschen wie sie lebendig gehalten wird. Aber du … Wenn dich einer nach deiner Meinung dazu fragen würde, was hier heute keiner tun wird, dann könntest du allenfalls etwas Fantasieloses nachplappern, was du vielleicht mal im Bio-Unterricht aufgeschnappt hast.“
Bella schluckte hart. Die Arroganz in ihrer Stimme wich einer unterdrückten Faszination. „Was für eine Entscheidung?“, flüsterte sie, während sie den Blick nicht von der schwarzen Spitzenbinde der Frau lassen konnte.
Die Blinde lächelte nun breiter, ihre Zähne schimmerten weiß im flackernden Discolicht, während ihre Gedanken kurz in ihre Heimat abschweiften. In ihren Erinnerungen sah sie die abgelegene, nebelverhangene Insel im Indischen Ozean. Den Ort ihrer und an das warme Blut sowie das rituelle Schweigen des Kults, der sie mit dem Blendungsritual für den Rest ihres Lebens mit Dunkelheit gesegnet hatte. Doch diesen Teil der Wahrheit wollte sie – wie ein kostbares Gift – noch so lange für sich behalten, bis der richtige Zeitpunkt für eine weiterführende Offenbarung gekommen war.
„Sagen wir einfach“, flüsterte sie und beugte sich so nah zu Bella hin, dass diese ihren kühlen Atem spürte, „dass die leeren Höhlen, von denen du sprachst, mir als Fenster zu einer dunklen Macht geöffnet wurden. Eine Macht, wie du sie dir, solange deine Augen für die Dunkelheit blind sind, selbst in deinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können wirst. Möchtest du sehen, was sich unter der Seide verbirgt, oder hast du Angst, dass deine hübsche Welt an dem, was ich noch vor deinen Augen verberge, zerbrechen könnte?“
Marc spürte, wie ihm die Kontrolle über die Situation entglitt. „Leute, wir wollten doch nur was trinken…“, warf er etwas verzweifelt ein, doch niemand beachtete ihn mehr.
Der Wechsel von Marc zu der Fremden und der Weg in ein abgeschirmtes Separee fühlten sich für Bella wie der Übertritt in eine andere Dimension an. Die dumpfen Bässe des Clubs drangen hier nur noch wie ein ferner Herzschlag durch die schallisolierten Wände. Das Licht war gedimmt, ein tiefes Purpur, das die schwarzen Samt- und Seidenstoffe des Trios fast flüssig erscheinen ließ.
Ohne ein Wort begannen die drei Fremden zügig damit, sich mit rituell anmutender Präzision zu entkleiden. Marc, der draußen bei den anderen geblieben war, wirkte für Bella wie eine ferne, völlig unbedeutende Erinnerung. Ihr Blut kochte noch immer und jetzt zählte nur noch die physische Präsenz und die Lust auf etwas unbeschreiblich Mystisches, das sie vorher nur während des Lesens von Fantasyromanen gekannt hatte.
Als das schwere Samtkleid der Blinden, die Robe des Assistenten und das Seidenhemd des Adonis zu Boden glitten, offenbarte sich eine Ästhetik, die Bella den Atem raubte. Alle drei waren vom Hals abwärts vollkommen makellos, ihre Haut spiegelglatt und permanent enthaart, was ihnen eine fast statuenhafte, übermenschliche Aura verlieh.
Die blinde Frau saß nun auf einer mit schwarzem Leder bespannten Ottomane. Mit traumwandlerischer Sicherheit löste sie die Spitzenbinde. Bella starrte gebannt hin und verfolgte, wie sich die langen Nails, die schwarz auf den schlanken Fingern der Blonden schimmerten, den beiden Glasaugen näherten, die starr in die Unendlichkeit schielten. Mit zwei routinierten Bewegungen nahm sie sich, begleitet von einem schalkhaften Lächeln, ihre maßgefertigten Glasprothesen zwischen den aufgeklebten Wimpern heraus und legte sie behutsam auf ein vorher dafür zurechtgelegtes Seidentuch. Aus den Tiefen ihres rituellen Opfers strahlte zartes Schleimhautgewebe, das optisch der Beschaffenheit intimster Stellen stark ähnelte – ein Anblick, der Bella gleichzeitig schaudern ließ, sie aber auch in einer Weise erregte, die sie so nicht erwartet hätte.
„Komm näher, Bella“, raunte der Adonis, während er sich hinter die junge Frau stellte und ihr langsam das Leder-Bustier und die Statement-Hose abstreifte. Kurz darauf stand sie ebenso entblößt und exponiert wie alle anderen vor zwei Sehenden und vor einer Blinden.
Die blinde Frau streckte ihre Hände aus. „Ich sehe nicht mit Licht, Bella, aber ich sehe mit der Wahrheit der Berührung“, flüsterte sie. Während zarte Fingerkuppen Bellas Körper erkundeten, ritzten die scharf zugefeilten schwarzen Krallen feine Spuren in ihre Haut, die ihr luststeigernden Schmerz zufügten und dabei erste Seufzer entlockten. Danach glitten sie über ihre Schultern, den Rücken hinunter und verweilten an den Kurven ihrer Hüften.
Schließlich wanderten ihre Hände tiefer, dorthin, wo Bella sich wenige Stunden zuvor mit den scharfen Klingen ihres Rasierers auf einen aufregenden Abend vorbereitet hatte. Die Finger der Geblendeten glitten neugierig über Bellas intime Stellen und als sie die in Wallung geratenen Gefühle ihrer Gespielin ertasten konnte, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Bellas tropfnasse Schamlippen sah sie sich ganz genau an und genoss dabei den herben Duft der heißen Frau, die sie mit ihren Fingern viel lustvoller sehen konnte, als das vor ihrer Blendung noch mit eigenen Augen möglich gewesen wäre. Offensichtlich war es so, dass die Frau, mit der sie sich gerade streichelte und die sie noch so wie die Männer aus ihrer Heimat mit eigenen Augen sehen konnte, einen Fetisch für ihre Blindheit hatte.
„Spiegelglatt … wie poliertes Ebenholz“, flüsterte die Blonde ohne Augen, während sie Bella mit einer Intensität abfingerte, die jede Sichtbarkeit übertraf. „Deine Haut ist wie Samt, Bella. Bestimmt hast du seit der Entdeckung deiner sexuellen Bedürfnisse keine Mühe gescheut, dich perfekt zu pflegen. Aber unter dieser Perfektion … spüre ich ein Beben. Diese alte Urangst, die deinen wahren Träumen entgegensteht, bleibt mir nicht verborgen, weil ich sie in der Dunkelheit ganz deutlich greifen und sehen kann … Deshalb genieße es einfach, von mir bis in deinen weichen Kern durchschaut zu werden, und lass dir von mir bei deiner Befreiung helfen.“
Bella zitterte unter der Berührung, die gleichzeitig kühl und brennend heiß wirkte und die Worte sie in eine Art Trance versetzten. Die Atmosphäre im Separee verdichtete sich zu einer elektrisierenden Spannung und der Adonis trat hinter Bella und umschlang ihre Taille mit seinen muskelbepackten Armen. Während der zarte Assistent mit rhythmischen Bewegungen wohlriechendes Öl auf ihrer Haut verteilte und sie sehr feminin stimulierte, fühlten sich die Pranken des Gorillas auf ihren jungen Titten bei weitem nicht so gut wie die zartfühlende Zunge der Blinden an, die dort vorher feuchte Kreise um ihre Knospen gezogen hatte.
„Vergiss deine Augen, Bella“, flüsterte die Blinde, während ihre Finger über Bellas Körper wanderten, die jede Pore zu erfassen schien. „Spüre die Kühle des Öls, die Hitze der Haut und das Gewicht deines Verlangens nach schönem Sex mit mir.“ Nach diesen mehr als eindeutigen Worten zog sie Bella sanft zu sich auf die Ottomane hinunter. Ein Geflecht aus Körpern entstand, in dem die Grenzen zwischen den Vieren in einem Gemenge voller Lust verschwammen. Die glatte, enthaarte Haut aller Beteiligten rieb aneinander, verstärkt durch den schlüpfrigen Film des Öls. Der Adonis übernahm die Führung mit einer kraftvollen Dominanz, die Bella jeglichen Halt nahm, während der Assistent ihre Sinne durch gezielte, fast schmerzhafte, aber lustvolle Reize an den Rändern ihrer Wahrnehmung wachhielt. Die leeren Augenhöhlen der Blonden zuckten voller Sehnsucht nach Zärtlichkeit und das tränenfeuchte Gewebe, mit dem ihr Schädel dort ausgekleidet war, leuchtete in zartem Rosa. Bellas Erregung stimulierte nicht nur die Nase der Geblendeten, sondern schien sich auf einem Film von Tränen über die Reste der beiden abgeschnittenen Sehnerven lichtlos in ihr Gehirn hineinzuschleichen. Die Berührungen der Blonden wurden fordernder und der rhythmische Tanz ihrer Zunge auf Bellas Haut wurde immer wilder. Nach einem von zärtlichem Streicheln begleiteten Stellungswechsel fand die hingebungsvoll Leckende auch die empfindsamsten Stellen mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Von süßen Küssen und saugendem Schmatzen überzogen stürzte Bella in ein Delirium aus purer Lust, die sie immer lauter herausschrie.
„Gib dich auf“, raunte der Adonis gegen Bellas Nacken, während er sein riesiges Gemächt in ihrer Pofalte zwischen den zwei straffen Backen massierte und die Zunge seiner schutzbefohlenen Blinden, Bella, an ihre körperlichen Grenzen brachte.
Das Spiel aus Macht und absoluter Hingabe steigerte sich in eine Spirale der Ekstase. Die Bewegungen wurden schneller, die Atemzüge kürzer. Es war ein Rausch aus Berührungen, den das Trio dafür nutzte, die außer Kontrolle geratene Bella als sein neues Medium mit ritueller Lust auf die Blinde zu fokussieren. Die Hitze im Raum stieg stetig an, während sich immer mehr herausgeschwitzter Duft von Moschus und teurem Öl in die mit der Leidenschaft aller Liebenden mitflimmernde Luft mischte. In einem finalen Ausbruch der Sinne streifte Bella ein Gefühl, das die Welt um sie herum in schwarzem Samt und in schwindendem Licht versinken ließ. Gemeinsam mit den drei Fremden, die Sex mit blinden Frauen als wollüstigen Punkt der totalen Entgrenzung verherrlichten, ergriff die Faszination für die Dunkelheit plötzlich auch Bella. Matt und glücklich vom besten Orgasmus, den sie je erlebt hatte, sinnierte sie über das Zerstören von Sinnen, das auch ihr völlig neue Perspektiven eröffnen könnte. Fruchtlos und voller Zuneigung blickte sie dabei in das silbrige Schimmern zwischen den schwarz getuschten Wimpern der Blinden, das sie hellrosa strahlte, während die vernähten Reste ihrer Augenmuskeln erfolglos nach Licht suchten. Es war ein Moment so nah an der Ohnmacht, dass die Zeit stillzustehen schien – ein kollektiver Abgrund aus Lust, der sie alle erschöpft und doch seltsam verwandelt auf dem schwarzen Leder zurückließ.
Stille legte sich über das Separee, nur unterbrochen vom schweren Atmen der vier Körper, die wie ineinander verschlungene Skulpturen auf dem dunklen Leder ruhten. Das Öl schimmerte im fahlen Licht auf ihrer vollkommen glatten Haut.
Als Erste löste sich die blinde Blonde langsam aus der Umklammerung und begann, mit ihren Fingerspitzen über Bellas Gesicht zu wandern. Es war keine bloße Berührung mehr; es war ein Streicheln, so federzart und voller Hingabe, dass Bella unwillkürlich die Augen schloss. Jeder Millimeter ihrer Haut antwortete mit einem wohligen Schauer auf die hochsensible Neugier, die das Interesse der Blinden für Bellas Körper entfacht hatte.
„Du bist wunderschön, Bella“, hauchte die Fremde, während ihre Fingerkuppen Bellas Lippen nachzeichneten. „Jetzt, wo der Lärm in deinem Kopf verstummt ist, kannst du mich endlich auch so sehen, wie ich dich sehen kann.
Bella spürte eine tiefe, fast schmerzhafte Bewunderung für diese Frau, die das Licht der Welt gegen eine so unendliche Tiefe des Empfindens eingetauscht hatte. Die anfängliche Arroganz, mit der Bella über das „Gebrechen“ geurteilt hatte, war einer ehrfürchtigen Faszination gewichen. Sie sah die leeren Augenhöhlen nicht mehr als Verlust, sondern als ein heiliges Tor zu dieser ekstatischen Wahrnehmung, die sie gerade selbst fast um den Verstand gebracht hatte.
„Es ist … vollkommen“, flüsterte Bella und lehnte ihr Gesicht in die schmale Hand der Blinden. In diesem Moment fand sie deren Schicksal weder schrecklich noch bemitleidenswert. Genaugenommen fühlte sie sich sogar spiegelbildlich inspiriert und fand es nun absolut richtig, fast schon erstrebenswert, dass diese junge Frau so war, wie sie war. Die Vorstellung, dass eine Teenagerin in ihrem Alter durch dieses radikale Opfer eine solche Macht und Sinnlichkeit erlangt hatte, berauschte Bella mehr als jeder Champagner.
Draußen im Club dröhnten die Bässe weiter, und Marc starrte wahrscheinlich immer noch ungeduldig auf die geschlossene Tür des VIP-Bereichs. Doch für Bella war diese Welt aus Goldkettchen und Zickereien in weite Ferne gerückt. Sie lag einfach nur da, gefangen im Bann der federzarten Berührungen einer Frau, die keine Augen brauchte, um Bella tiefer in ihr Inneres zu sehen, als das vor dem Blick der Blinden jemals einem anderen Menschen auch nur andeutungsweise gut hätte gelingen können.
Die Tür des Separees schwang lautlos auf und als die vier heraustraten – die Kleidung wieder gerichtet, aber die Haut noch immer vom Öl schimmernd –, herrschte an der Bar schlagartig neugierige Stille.
Marc, Lina und Sophie starrten sie an, unfähig, die veränderte Aura von Bella zu begreifen, die fast tranceartig neben der blinden Frau schritt.
„Bella? Was zur Hölle…“, setzte Marc an, doch die blinde Frau hob gebieterisch die Hand. Sie hatte ihre Glasprothesen wieder eingesetzt, jedoch auf die Augenbinde aus schwarzer Spitze verzichtet. Für diesen Auftritt hatte sie aus dem Repertoire der Augenpaare, die sie auf Reisen immer in ihrem Schminkkoffer verwahrte, die eisblauen Husky-Kopien ausgewählt, die ihrem starren Schielen eine unheimliche Kälte verliehen.
„Ihr starrt auf meine Augen, als wären sie eine Tragödie“, begann sie, und ihre Stimme schnitt durch den wummernden Bass des Clubs wie die frostige Klinge eines unterkühlten Skalpells. Die vielen Jahre, die sie schon ihr vollblindes Leben lebte, hatten sie gelehrt, ihr aufgegebenes Augenlicht mit ihren verbliebenen Sinnen zu kompensieren, und sie trat mit gemessenem Gang Schritt für Schritt auf die Clique zu. „In der Kultur meiner Ahnen, auf einer Insel, die ihr niemals auf euren Touristenkarten finden werdet, ist das Entfernen der Augäpfel kein Raub. Es ist ein heiliges Geschenk zum Übergang ins Frauensein.“
Sophie schluckte hart, ihr Gesicht wurde bleich. „Ein Geschenk? Wie kann man das…“
„Weil das Auge trügt“, unterbrach sie die Blinde sanft. „Das Auge sieht nur Oberflächlichkeiten, wie Kleider, Marken, Fassaden, protzige Autos und makellos gespachtelte Make-up-Gesichter, die sich wie Schleier über Seelen legen. Es macht euch oberflächlich, zickig und blind für die wahre Essenz. In meiner Heimat befreien wir die jungen Frauen von der Tyrannei des Visuellen. Ohne die Last des Sehens schärfen sich die Sinne für das, was wirklich zählt, wie beispielsweise die Vibration einer mitreißenden Musik, die Wärme der Haut, die Reinheit des Herzens und die Lust auf Sex, die wie Feuer in uns Menschen brennt.“
„Eine Frau, die nicht sieht, ist blind für die Oberflächlichkeiten, die an ihr vorbeiziehen, und deshalb kann auch ihr Urteil über Wichtiges, das sie fühlen kann, nicht vom Geplänkel der Blender verwässert werden. In meiner Heimat sehen wir die Augen einer Frau wie die Flügel eines Vogels, der wegfliegt, wenn ihm nicht zur richtigen Zeit gestutzt werden. Wir nehmen das Licht, damit die Seele zu leuchten beginnt. Nur das Ritual verschafft uns Zugang zur höchsten Form der Sensibilität, die ihr in eurer lärmenden und bunt übertünchten Welt niemals erreichen werdet.“
Bella nickte langsam, ihre Augen glänzten vor Bewunderung. Marc und die anderen schwiegen, sichtlich erschüttert von der rituellen Logik, die so gar nicht in ihr Berliner Nobel-Leben passte.
„Ihr nennt es Behinderung“, schloss die Blinde mit einem rätselhaften Lächeln. „Wir nennen es Erleuchtung.“, worauf sich das Trio geschlossen umdrehte und in der Dunkelheit des Clubs verschwand, während die Clique wie versteinert zurückblieb.
„Warte!“, rief Lina, die ihnen noch schnell spontan nachgeheilt war. Fast schon atemlos hielt sie die im Gehen befindliche Gruppe gerade noch rechtzeitig am Ausgang des Clubs auf. Die anfängliche Zickigkeit war purer Gier nach dem Exotischen gewichen. „Du kannst nicht einfach so gehen. Erklär uns das … Wie fühlt sich das an, wenn der Schmerz nachlässt? Wenn man nur noch diese … Schwingungen hat?“ Auch Marc traf etwas später noch nach Lina ein und gab seinem angestachelten Ego selbstgefällig Raum: „Was für ein Ritual …? Welche Zeremonie …? Wir haben Geld und wir wollen das Ganze genauso wie Bella mit euch miterleben …“
Die blinde Frau hielt inne und ein wissendes Lächeln umspielte mit verborgenem Triumphieren ihre Lippen, während sie die neugierigen Bemühungen der Clique als finalen Erfolg ihrer Mission feierte. „Ok, wir kommen zurück und weihen euch in die Hintergründe der ganzen Geschichte ein”, sagte sie mit einem Grinsen im Gesicht, das Marc nicht zu deuten vermochte, und machte kehrt.
Mit leiser, etwas verklärt klingender Stimme begann sie, von Nächten auf der Insel zu berichten, vom Duft der rituellen Kräuter und der absoluten Stille, die in dem Moment eintritt, wenn das Licht für immer erlischt. Doch während die jungen Erben gebannt an ihren Lippen hingen, blieben sie blind für die Gefahr, die sich nur einen Tisch weiter entwickelte.
Dort, im Halbschatten einer Nische, saßen zwei Männer, die so gar nicht in das glitzernde Ambiente des exklusiven Clubs passen wollten. Ihre Gesichter waren wettergegerbt, ihre Anzüge teuer, aber ohne jede Eleganz – die Uniformen des Berliner Rotlichtmilieus. „Kalle“, ein Mann mit einer vernarbten Augenbraue, beobachtete das Trio durch den Rauch seiner Zigarre. Neben ihm saß „der Russe“, dessen kalte, hellblaue Augen ununterbrochen die Bewegungen der Blinden fixierten.
„Hast du das gehört, Kalle?“, flüsterte der Russe, ohne den Blick abzuwenden. „Ein Geschenk zum Frausein. Keine Urteile, nur Gefühl. Stell dir vor, wir hätten eine solche Ware für unsere Clubs im Osten im Portfolio.“
Kalle grinste dreckig und entblößte eine Reihe von Goldzähnen. „Eine neue Marktlücke … ‘Die blinden Engel’. „Meine Freier würden vielleicht für solche wie die echt Schlange stehen”, steuerte der andere Gauner bei. „Etwas Exklusives, das keiner außer uns im Programm hätte … Und das Beste: Sie sehen die Gesichter nicht. Sie können keinen Menschen jemals auf einem Foto wiedererkennen, und hinzu kommt noch, dass sie mit ausgestochenen Augen nicht mehr alleine weglaufen können.“, und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er Bellas fasziniertes Gesicht beobachtete. „Diese kleinen Rich-Kids da drüben spielen mit dem Feuer. Aber wir, … wir machen ein cooles Geschäft daraus. Wenn die Gören erst mal glauben, es sei eine ‘spirituelle Erleuchtung’, bringen sie ihre Skalpelle vielleicht sogar selbst mit.“
Während die Clique im Separee-Eingang noch über die Ästhetik des Opfers philosophierte, war in den dunklen Köpfen der beiden Männer bereits der erste grausame Businessplan in der für die Russenmafia bekannten Skrupellosigkeit entstanden.
Lange nach Mitternacht machte sich die Clique zusammen mit dem Trio auf, um den Club gemeinsam zu verlassen. Die beiden Gestalten, die ihnen unerwartet aus dem Schatten einer Nische kommend den Weg versperrten, hatte außer der Blinden noch niemand der Gruppe bewusst wahrgenommen. Kalle trat mit einem einnehmenden, wenn auch räuberischen Lächeln vor und hob beschwichtigend die Hände, an denen schwere Siegelringe glänzten.
„Entschuldigt die Störung, meine Herrschaften“, raunte er mit rauer, geölter Stimme. „Aber wir konnten nicht umhin, ein wenig von diesem faszinierenden Gespräch mitzubekommen. Wahrlich … erleuchtend.“ Im selben Moment trat lautlos der Russe neben ihn und seine kalten Augen fixierten kurz die fahl im Mondlicht schimmernden Prothesen der blinden Frau, bevor er den Blick auf die Clique wandte. „Es wäre eine Schande, wenn dieser Abend jetzt schon enden würde. Wir haben da hinten einen privaten Salon – viel ruhiger, viel diskreter … Die nächste Runde … die geht natürlich auf unser Haus.“
Marc, der die teuren Uhren der beiden grobschlächtigen Männer bemerkte und sich in ihrer Gegenwart plötzlich wie ein fühlte, blickte kurz zu den Frauen. Bella war noch immer völlig berauscht von der Nähe der Blinden, und auch Lina und Sophie wirkten wie hypnotisiert von der prickelnden Aura, die den Raum ihrer Gehirne mit Schwärze füllte.
„Warum eigentlich nicht?“, meinte Marc und versuchte, weltmännisch zu klingen. „Die Nacht ist noch jung. Schließlich wollten genauso wie ihr auch noch mehr über diese … diese mysteriöse Insel erfahren.“
Die blinde Frau neigte das Haupt, als würde sie die Raubtierenergie der beiden Männer wittern, doch sie widersprach nicht. Der Assistent und der Adonis tauschten einen kurzen Blick aus, weil sie die einzigen Beteiligten waren, die den stummen körpersprachlichen Befehl der Blinden richtig zu deuten gelernt hatten.
„Hervorragend“, grinste Kalle und legte Marc fast schon kumpelhaft den Arm um die Schulter, während er den anderen den Weg wies. „Wir haben dort hinten ganz speziellen Champagner. Und vielleicht können wir ja gemeinsam darüber philosophieren, wie man diese wunderbare Tradition eurer blonden Freundin … auch hier in Berlin ein wenig populärer machen könnte.“
Während die Gruppe in den hinteren, noch dunkleren Teil des Clubs abbog, tauschten Kalle und der Russe hinter deren Rücken ein kurzes, beinahe unmerkliches Nicken aus. Die Falle war gestellt, und der Köder, den sie Marc in einem wirren Smalltalk mit einer Mischung aus spiritueller Ekstase und exklusivem Grauen entwickelten, hatte – so schlecht er war – doch bestens funktioniert. Noch bevor sie das marode Gebäude, das ihr Ziel war, erreichten, hatten sie den verzogenen Juppie aus bestem Hause schon felsenfest am Haken. Ohne auf die Blinde und ihr Trio zu achten, hatte er bereits so perfekt zugeschnappt, dass sie ihm und seiner Clique nicht mehr aus der Patsche helfen konnten.
Der private Salon entpuppte sich als ein tiefgelegenes, fensterloses Kellergewölbe unter dem Club, in das kein Laut der Außenwelt drang. Die Wände waren mit schwerem, weinrotem Samt bespannt, der das Licht der wenigen Kerzen förmlich verschluckte. In der Mitte des Raumes wartete eine Frau, deren Ausstrahlung den Raum alleine völlig ausgefüllt hätte. Sie bewegte sich mit einer ruhigen, fast hypnotischen Eleganz durch das Halbdunkel, während die schattenhaften Gestalten der Hintermänner im Hintergrund blieben.
Eine schwere Tür öffnete sich, und ein Mann in einem eleganten Anzug trat aus dem Schatten. Sein Blick war kühl und berechnend, als er die Szenerie musterte. Er war ein Geschäftsmann, der gewohnt war, zu bekommen, was er wollte, und die Atmosphäre im Raum schien sich mit seiner Ankunft merklich anzuspannen. Die Gespräche wurden leiser, als die Verhandlungen über die Zukunft dieses exklusiven Kreises begannen. Es ging um Macht, Einfluss und die dunklen Facetten der nächtlichen Stadt. Die Frau im Zentrum der Aufmerksamkeit blieb unbewegt, ein Symbol für die Rätsel, die dieser Ort barg. In diesem Moment wurde klar, dass die Entscheidungen, die hier in der Tiefe getroffen wurden, weitreichende Konsequenzen für alle Beteiligten haben würden. Die Schatten an den Wänden schienen länger zu werden, während die Beteiligten ihre nächsten Schritte planten.
„Wo sind die hin …?”, raunte Bella, die als Erste bemerkte, dass das Trio wie vom Erdboden verschluckt verschwunden war.
„Hey, Bella, die sind halt in ihrer Dunkelheit abgetaucht, das ist doch ihr gutes Recht, oder?”, plapperte Lina völlig naiv und viel zu laut eine unüberlegte Antwort heraus.

Danke Lenni für Deinen schönen Kommi und, dass Du die taktile Welt auch schon ausprobiert hast … wow!
Sehr schön geschrieben, wie mag doch die Welt der Blinden sein. Ich hab mir die Augen mal verbunden und dann mein Körper neu zu entdecken. Es war aufregend, weiter so.
Danke für Deinen schönen Kommi und für Dein Interesse meine Geschichten weiterzulesen danke ich Dir besonders 🙂 LG Lisa
Hey Lisa, schön wie du schreibst mal was ganz anderes hier. Ich lese gerne weiter…..
Danke Lars, für Deinen tollen Kommi, der mich iwi fast bisschen verlegen macht, mit so viel Lob und Anerkennung. An der Fortsetzung bin ich schon dran, aber ganz rund ist die Geschichte noch nicht und mir geistern dazu noch viele unfertig sortierte Ideen im Kopf herum. Danke nochmal … LG Lisa 🙂
Also Lisa, ganz ehrlich, der Anfang ist schon mal eine Hammergeschichte. Ich hab mich echt gefühlt als wenn ich dabei gewesen wäre. Finde dann schreib dir Mega. Ich liebe solche Geschichten daher bitte schreib weiter. Muss ganz ehrlich sagen ich bin ein Fan von dir. Ich würde immer alle Geschichten von dir lesen. Leider gibt es hier nur fünf Sternewertung, normalerweise hättest du mehr verdient. Ich freu mich schon auf die nächsten Teile.
Das ist doch selbstverständlich
Danke für Dein schönes Feedback, Jonny und auch dafür, dass Du Dir die Zeit genommen hast meine erste Geschichte hier zu lesen und Dir die Mühe für das Kommentieren nicht zu viel war. LG Lisa
Wunderschön geschrieben!! Und so ausführlich 🙂 Gefällt mir
Danke, Alex, das freut mich sehr und weil ich weiß wie Du schreibst, weiß ich Lob und Anerkennung von Dir besonders zu schätzen … Danke! GLG Lisa
Was für eine tolle Geschichte. Ich liebe deinen Schreibstil. Einfach Wahnsinnig schön 😻
Hey,
gerade habe ich die erste Geschichte aus Deiner Feder gelesen und erfreut entdeckt, dass wir im Hinblick auf einen sorgfältig ausgearbeiteten Kontext ähnliche Ansprüche an uns als Schreibende haben.
Für Dein Feedback danke ich Dir sehr 🙂
LG Lisa
Hey Lisa 🙂
deine Worte freuen mich gerade wirklich sehr. Genau das macht eine gute Geschichte aus – wenn man nicht nur liest, sondern richtig mitfühlt und die Szenen noch im Kopf bleiben.
Man merkt einfach, wie viel Gefühl und Persönlichkeit du in deine Figuren legst. Gerade ihre Gedanken und Emotionen wirken total echt, und dadurch zieht einen die Geschichte richtig rein.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht, und freue mich schon aufs Weiterlesen 🙂
LG
Danke für den schönen Kommi von Dir, der mega zum Weiterschreiben motiviert … 🙂
Es freut mich, dass Dir sowohl die Szenarien so wie ich sie beschrieben habe unter die Haut gerutscht sind und Dir auch die Figuren, die ich auftrerten lasse, so wie ich ihr Wesen und ihre Gefühle beschrieben habe, gefallen haben …
LG Lisa
Mich hat die Geschichte von der ersten bis zur letzten Zeile gefesselt.
Der Kontrast zwischen oberflächlichem Luxus und geheimnisvoller Dunkelheit ist außergewöhnlich spannend.
Besonders beeindruckt hat mich die intensive Atmosphäre und die detailreiche Beschreibung jeder Szene.
Die blinde Frau wirkt faszinierend, unheimlich und zugleich unglaublich charismatisch.
Bellas Entwicklung von Arroganz zu ehrfürchtiger Bewunderung ist sehr packend dargestellt.
Insgesamt ist die Geschichte originell, mutig und bleibt mir noch lange im Gedächtnis.