Das Atmen des Moores 3&4

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Der Geschmack von Moorwasser
Ich erwache, und der Geschmack von Moorwasser liegt auf meinen Lippen.

Nicht der süßliche Nachgeschmack eines Traums, nicht die bittere Erinnerung an den Wein, den ich gestern Abend nicht getrunken habe — sondern das eigentliche, mineralische, vermoderte Wasser des Moores, als hätte jemand es mir in den Mund gegossen, während ich schlief. Ich schlage die Augen auf. Das Himmelbett mit seinen grauen Vorhängen empfängt mich wie einen Sarg, und der Teppich unter meinen bloßen Füßen, als ich sie hinabgleiten lasse, ist kalt, als läge er auf Stein.

Dann kommt die Erinnerung.

Sie gehört mir nicht. Ich weiß das mit derselben Gewissheit, mit der man weiß, dass der eigene Schatten der eigene ist, auch wenn er sich in fremdem Licht verlängert. Ich liege noch, das Kissen unter meinem Nacken, die Decke bis zur Brust, und doch sehe ich — nicht

erinnere, sondern sehe, mit Augen, die nicht meine sind — eine Kutsche, die einen Feldweg entlangrollt, dessen Räder im schwarzen Schlamm stecken bleiben. Das Jahr ist neun Jahre her. Die Frau, deren Augen ich benutze, ist meine Tante.

Sie steigt aus. Ihre Stiefel — meine Stiefel, nein, die ihren, schmaler, abgetragener — versinken im Moor bis zu den Knöcheln. Greywick Manor steht vor ihr, genau so, wie es vor mir stand, als ich ankam: ein dunkler Klumpen aus Stein und Schiefer, aus dem der Turm wie ein gebrochener Finger in den Himmel ragt. Doch was ich empfinde, ist nicht das, was ich empfand. Nicht Furcht, nicht die eigenartige Betäubung, die mich beim ersten Betreten des Hauses überkam. Was diese Frau — meine Tante — empfindet, ist Berechnung.

Ich sehe ihren Gedanken wie einen Brief, den sie vor sich herschiebt: Die Schulden. Die vierhundert Pfund. Das Haus in Bath, das sie nicht halten kann. Die Gläubiger, die bereits warten. Und dann, darunter, in kleinerer, gedrängterer Schrift: Diese Frau wird mir geben, was ich brauche, wenn ich ihr gebe, was sie nicht weiß, dass sie braucht.

Lady Ashbourne steht in der Tür. Neun Jahre jünger, doch nicht anders — dieselbe schwarze Seide, dieselbe Haltung, als hätte jemand einen Draht durch ihre Wirbelsäule gezogen. Meine Tante tritt ein, und ich spüre, wie ihr Mund sich öffnet, wie Worte aus ihr fließen, glatt und giftig wie das Moorwasser, das noch immer auf meinen Lippen liegt. Komplimente, die wie Vorwürfe klingen. Berührungen, die wie Geschäftsabschlüsse wirken. Eine Hand, die auf Lady Ashbournes Arm liegt einen Moment zu lang, und ein Blick, der genau berechnet, wie dieser Moment wirkt.

Dann der Abend. Kerzen. Ein Zimmer, das ich erkenne — dasselbe, in dem ich geschlafen habe. Meine Tante sitzt auf dem Bettrand, und Lady Ashbourne steht vor ihr, und das Licht fällt so auf ihr Gesicht, dass es durchscheinend wirkt, als stünde hinter der Haut nicht Fleisch, sondern das grünliche Leuchten, das ich im Salon gesehen habe. Meine Tante sagt: Ich habe nichts, was ich Ihnen bieten kann, außer mir selbst. Und Lady Ashbourne — ich sehe, wie Lady Ashbournes Hände sich heben, wie ihre Finger zittern, wie etwas in ihrer Haltung nachgibt, nicht aus Begierde, sondern aus Einsamkeit, aus der verzehrten, mürben Einsamkeit einer Frau, die seit Jahren in einem Haus lebt, das sie nicht verlässt, mit einem Gemahl, dessen Mund auf dem Porträt wie zugenäht gemalt ist.

Meine Tante erkennt die Schwäche. Sie drückt ihre Lippen auf Lady Ashbournes Mund, und ich spüre den Kuss — nicht als Berührung, sondern als Transfer, als etwas, das von meiner Tante in Lady Ashbourne fließt und gleichzeitig von Lady Ashbourne in meine Tante zurückströmt, ein Kreislauf, ein Nehmen und Geben, bei dem das Geben nur die Form des Nehmens annimmt. Meine Tante opfert sich — nein. Das Wort ist falsch. Meine Tante handelt. Sie verkauft. Sie übergibt sich nicht, sie liefert eine Ware, und die Ware ist ihr eigener Leib, beladen mit dem Fluch, den sie trägt und den sie ablegt wie einen Mantel, den sie nicht mehr tragen

will.

Ich setze mich auf. Der Teppich unter meinen Füßen ist kalt. Der Geschmack von Moorwasser verblasst nicht.

Die Erkenntnis kommt nicht als Blitz, sondern als langsam trocknendes Wasser, das einen Fleck hinterlässt, den man nicht mehr abwaschen kann. Meine Tante war kein Opfer. Sie war Täterin. Sie kam nach Greywick mit dem Fluch in ihrem Leib — woher, das sehe ich nicht, das liegt jenseits der Erinnerung — und sie nutzte ihn. Sie nutzte Lady Ashbourne, ihre Einsamkeit, ihr Verlangen nach Berührung, nach etwas, das warmer war als die Moorluft, und sie tauschte den Fluch gegen Schuldenfreiheit ein. Die Übergabe war kein Unfall, kein tragisches Versehen. Sie war eine Transaktion.

Und das, was in mir pulsiert — das, was ich gestern Nacht aus Lady Ashbourne in meinen eigenen Leib gezogen habe —, ist derselbe Fluch, dieselbe Last, derselbe Vertrag, nur weitergereicht, weitergereicht, weitergereicht, von einer Frau zur nächsten, wie eine Münze, die durch zu viele Hände gegangen ist, um noch Glanz zu tragen.

Ich stehe auf. Ich gehe zum Fenster. Der Regen hat aufgehört, doch das Moor dampft, graue Schwaden, die aus dem schwarzen Gras aufsteigen wie Atem aus einem Mund, der nicht mehr spricht. Der Turm steht gegen den bleigrauen Himmel, und für einen Moment glaube ich, eine Gestalt im obersten Fenster zu sehen — doch dann ist da nur Stein.

Ich drehe mich vom Fenster weg.

Ich werde den Fluch nicht weitergeben.

Der Gedanke ist nicht heroisch. Er ist nicht nobel. Er ist praktisch, wie die Entscheidung, einen schadhaften Stiefel nicht weiterzutragen, sondern zu reparieren oder wegzuwerfen. Ich werde ihn nicht an Lady Ashbourne zurückgeben — das wäre nur eine Wiederholung, eine neue Münze im alten Kreislauf. Ich werde ihn auch nicht an eine andere Frau weiterreichen, nicht an eine Fremde, nicht an eine Nachbarin, nicht an jemanden, der wie ich aus Verzweiflung nach Greywick kommt und mit mehr geht, als er tragen kann.

Ich werde ihn brechen.

Und um ihn zu brechen, muss ich tun, was meine Tante tat — aber anders. Nicht als Transaktion, nicht als Verkauf, nicht als ein Nehmen, das sich als Geben tarnt. Ich muss Lady Ashbourne verführen — nicht um zu nehmen, sondern um zu geben. Die Umkehrung des Rituals. Nicht: ich gebe mich dir, damit du mir gibst, was ich brauche. Sondern: ich komme zu dir, und ich gebe, und ich nehme nichts.

Ich ziehe mich an. Tagkleid, nicht das Nachthemd. Die Knöpfe sind klein, und meine Finger, die immer kalt sind, haben Mühe, wie immer. Ich brauche lange. Jeder Knopf ist eine Entscheidung, eine Bestätigung, eine Verlangsamung, die mir Zeit gibt, den Plan zu prüfen, zu drehen, zu wenden, wie eine Münze, die ich auf dem Tisch rotieren lasse, bis ich sicher bin, dass sie nicht fallen wird.

Der Flur ist still. Das Haus atmet — ich höre es, dieses tiefe, fast unhörbare Ein- und Ausatmen, das Greywick seit meiner Ankunft begleitet, als seien die Steine selbst lebendig, ein Organismus, der mich aufgenommen hat wie eine Zelle einen Fremdkörper. Ich gehe den Flur hinunter, vorbei an den Porträts, vorbei an Lord Edmunds schmalem Gesicht und den Augen, die mir folgen, bis ich am Ende des Ganges die Tür zum Salon erreiche.

Drinnen sitzt Lady Ashbourne.

Sie sitzt in einem Stuhl neben den großen Fenstern, durch die das Morgenlicht in einem unnatürlichen Bernstein bis Kupfer fällt, als hätte jemand Honig über die Scheiben gestrichen. Das Licht berührt ihr Gesicht, und zum ersten Mal sehe ich, wie klein sie ist — nicht klein an Gestalt, sondern geschrumpft, als hätte das, was sie neun Jahre lang in sich getragen hat, sie von innen gehalten, wie ein Gerüst, und nun, da das Gerüst entfernt ist, fällt sie in sich zusammen. Ihr schwarzes Kleid bedeckt sie vollständig, intakt, ordentlich, doch es hängt an ihr wie an einem Bügel. Ihre Hände ruhen in ihrem Schoß, und sie zittern nicht. Das ist das Erstaunlichste. Sie zittern nicht.

Ich trete ein. Sie dreht den Kopf.

„Miss Vance.” Ihre Stimme ist leiser als gestern, als die dunklen Linien noch durch ihre Haut pulsierten. Sie klingt wie Papier, das man vorsichtig umschlägt, um es nicht zu reißen.

„Lady Ashbourne.” Ich bleibe stehen, drei Schritte von ihr entfernt. Der süßlich-vermoderte Geruch des Moores liegt in der Luft, und die Kerzen auf dem Kandelaber brennen ruhig, ohne zu flackern, als hätten sie ihren eigenen Willen verloren. „Ich —”

Ich halte inne. Was sage ich? Wie beginnt man etwas, das keine Vorlage hat, kein Protokoll, keine Formel, die man auswendig gelernt hat? Meine Tante hatte eine Formel. Ich habe ihre Erinnerung, und in dieser Erinnerung sehe ich, wie sie die Worte wählte, glatt und zielgerichtet, wie Pfeile, die auf eine Stelle gezielt sind, die sie vorher erkundet hat. Ich kann das nicht. Ich bin nicht meine Tante.

„Sie haben mir etwas abgenommen,” sage ich. Die Worte kommen langsam, und sie sind nicht die, die ich vorbereitet hatte. „Gestern Nacht. Sie haben mir etwas abgenommen und sich selbst etwas auferlegt.”

Lady Ashbourne sieht mich an. Ihre Augen — ich sehe sie jetzt zum ersten Mal wirklich, nicht durch den Filter der Angst oder der übernatürlichen Vibration, sondern als das, was sie sind: müde, braun, eine Spur zu hell in diesem kupfernen Licht. Sie sagt nichts.

Ich trete näher. Zwei Schritte. Noch einer. Jetzt stehe ich vor ihr, so nah, dass ich den feinen Stoff ihres Kleides sehen kann, die Naht an der Schulter, die leicht aufspringt, als hätte jemand sie mit zu großen Stichen genäht. Ich rieche sie — nicht das Moor, nicht den Verfall, sondern sie: Lavendel, und staubig, und darunter etwas anderes, etwas Warmes, Lebendiges, das ich nicht erwarten konnte.

„Ich weiß, was meine Tante getan hat,” sage ich.

Ihre Hände in ihrem Schoß bewegen sich. Ein Finger krümmt sich, dann streckt sich wieder. Das ist alles.

„Sie kam hierher mit dem Fluch,” fahre ich fort, und meine Stimme ist ruhiger, als ich erwartet habe, denn die Erkenntnis, die ich in meinem Zimmer hatte, hat mir etwas gegeben, das ich zuvor nicht besaß: Klarheit, und mit der Klarheit eine Art von Mut, der nicht furchtlos ist, sondern der furchtsam ist und trotzdem handelt. „Sie kam mit Schulden und mit dem Fluch, und sie hat Sie verführt, um beides loszuwerden. Die Schulden und den Fluch. Sie hat ihn Ihnen übergeben, als Bezahlung.”

Lady Ashbournes Finger krallen sich in ihren Schoß. Der Stoff spannt sich. Ihr Kinn hebt sich, und für einen Moment sehe ich etwas in ihrem Gesicht aufblitzen — nicht Wut, nicht Schmerz, sondern etwas, das dazwischen liegt, etwas, das keinen Namen hat, weil es zu lange unbenannt war.

„Sie wussten es,” sage ich. Keine Frage.

„Ich wusste es.” Ihre Stimme ist ein Faden, der sich spannt. „Nicht sofort. Aber bald genug.”

„Und Sie haben sie gehen lassen.”

„Was hätte ich tun sollen?” Der Faden reißt fast. „Sie war frei. Ich war —”

Sie hält inne. Ihr Blick geht zum Fenster, zum Moor, das dort draußen im grauen Dampf liegt wie ein schlafendes Tier, das träumt.

„Sie war beladen,” sage ich. „Und Sie waren allein, und sie hat das genutzt. Und dann ist sie gestorben, und Sie haben es neun Jahre lang getragen, und dann kam ich, und —”

„Und dann kamen Sie.” Lady Ashbourne wendet den Blick vom Fenster zurück zu mir. „Und Sie haben es mir abgenommen.”

„Ja.”

„Warum?”

Die Frage hängt zwischen uns wie die Kerzen an ihrem Kandelaber — ruhig, unnatürlich ruhig, als hätte jemand die Luft um sie herum stillgestellt.

Ich setze mich. Nicht auf den Stuhl ihr gegenüber, der mit seiner geraden Lehne wie ein Richtersitz wirkt, sondern auf den Boden, zu ihren Füßen, so dass mein Gesicht auf der Höhe ihrer Hände ist. Der Teppich ist dünn, und darunter spüre ich den kalten Steinboden. Meine Knie drücken gegen den Rand ihres Rockes, und der Stoff ist rau unter meinen Fingern, als ich meine Hände auf meinen Schoß lege.

„Weil ich es nicht weitergebe,” sage ich.

Lady Ashbourne sieht auf mich herab. In diesem Winkel ist ihr Gesicht schmal, die Knochen treten hervor, und das kupferne Licht zeichnet Schatten unter ihren Augen, die aussehen wie Risse in altem Porzellan.

„Sie werden es weitergeben,” sagt sie. Keine Frage, keine Drohung. Eine Feststellung, so gleichmütig wie eine Wettervorhersage.

„Nein.”

„Jede Frau, die es trägt, gibt es weiter. Das ist das Ritual. Das ist der —”

„Fluch,” vollende ich den Satz. „Ja. Das ist der Fluch. Und ich breche ihn.”

Stille. Die Kerzen flackern nicht. Das Haus atmet. Von draußen, durch das Glas, dringt das leise, feuchte Geräusch des Moores, das sich verschiebt, das wächst, das schrumpft, als würde es atmen.

„Wie,” sagt Lady Ashbourne. Und in diesem einen Wort liegt so viel Erschöpfung, so viel Neun-Jahre-Tragen, so viel von dem Gewicht einer Frau, die allein in einem Haus lebte, das sie nicht verließ, mit einem Mann, der nicht sprach, und einer Last, die sie nicht ablegen konnte, dass meine Hände in meinem Schoß zittern, nicht vor Kälte, sondern vor etwas, das ich nicht benenne, weil ich es nicht benennen will.

Ich hebe die Hand. Langsam, so als würde ich einem scheuen Tier entgegengehen, und lege sie auf ihre Hand, die in ihrem Schoß liegt. Ihre Finger sind warm. Das überrascht mich. Ich habe erwartet, dass sie kalt sind, wie meine, wie die Luft im Flur, wie der Steinboden unter dem Teppich. Aber sie sind warm, und die Wärme fließt in meine Finger wie Wasser, das einen trockenen Schwamm findet.

„Indem ich Ihnen etwas gebe,” sage ich. „Nicht als Bezahlung. Nicht als Tausch. Nicht als etwas, das Sie zurückgeben müssen.”

Ihre Hand unter meiner zuckt. Nicht zurück — sondern in meine hinein, ein unwillkürliches Schließen der Finger, das so schnell kommt und so schnell vergeht, als hätte ihr Körper geantwortet, bevor ihr Verstand die Frage hören konnte.

„Miss Vance.” Ihre Stimme ist leiser jetzt, und der Faden spannt sich wieder, aber diesmal reißt er nicht. „Sie wissen nicht, was Sie tun.”

„Ich weiß genau, was ich tue.” Und das ist wahr, und das ist falsch, und beides zugleich, denn ich weiß, was ich tun will, aber ich weiß nicht, ob es funktioniert, und ich weiß nicht, was passiert, wenn es nicht funktioniert, und ich weiß nicht, ob ich am Ende nicht doch zur Tante werde, zur Frau, die kommt und nimmt und geht. Aber ich weiß, dass ich es versuchen muss, und das ist genug.

Ich hebe meine andere Hand und lege sie auf ihre Wange. Die Haut dort ist trocken, fein, wie altes Papier, und ich spüre den Knochen darunter, den Jochbeinknochen, der hervortritt, als hätte das, was sie getragen hat, das Fleisch darüber weggezehrt. Sie schließt die Augen. Nicht im Widerstand — im Warten. Sie wartet auf den Transfer, auf den Fluss, auf das, was immer kam, wenn eine Hand auf ihrer Wange lag und eine Frau vor ihr kniete.

Aber es kommt kein Transfer. Es kommt nichts als meine Hand, warm auf ihrer Haut, und mein Daumen, der über ihren Jochbeinknochen streicht, langsam, ohne Ziel, ohne Berechnung, einfach weil ihre Haut dort ist und meine Hand dort ist und es das Natürlichste der Welt ist, sie zu berühren.

Ihre Augen öffnen sich wieder. Sie sind näher, als ich dachte, und in ihnen sehe ich etwas, das ich nicht erwartet habe: Verwirrung. Nicht Furcht, nicht Misstrauen — Verwirrung, als hätte jemand eine Tür geöffnet, die sie immer für verschlossen gehalten hatte, und dahinter nicht einen Raum, sondern einen Garten gefunden, den sie nicht bestellt hatte.

„Was tun Sie,” flüstert sie, und es ist keine Frage.

Ich antworte nicht mit Worten. Ich hebe mein Gesicht zu ihrem, und ich küsse sie.

Nicht wie meine Tante sie küsste. Nicht als Vorwand, nicht als Einleitung zu etwas anderem, nicht als erster Schritt in einer Kette von Handlungen, die auf einen Transfer zusteuern. Ich küsse sie, weil ich sie küssen will, und der Unterschied ist so subtil und so gewaltig wie der Unterschied zwischen einem Spiegelbild und dem, das es spiegelt: dieselbe Geste, dieselbe Form, aber das, was dahinter liegt, ist das Entgegengesetzte.

Ihre Lippen sind trocken. Sie schmecken nach nichts — nicht nach Moorwasser, nicht nach Wein, nicht nach dem, was ich erwartet hätte. Sie schmecken nach Frau, nach Haut, nach der Wärme, die ich in ihren Fingern gespürt habe, und als mein Mund sich öffnet und meine Zunge ihre Unterlippe berührt, zuckt sie, und ihre Hand, die noch unter meiner liegt, schließt sich um meine Finger, und sie hält mich fest, nicht als würde sie mich wegdrängen, sondern als würde sie mich festhalten, als hätte sie Angst, dass ich verschwinde, wenn sie loslässt.

Ich löse den Kuss. Langsam, so dass meine Lippen an ihren bleiben, und der Abstand zwischen uns, als ich mich zurückziehe, nicht größer ist als ein Atemzug.

„Ich nehme nichts,” sage ich. Meine Stimme ist rau, und ich spüre etwas in meinem Leib, etwas, das nicht der Fluch ist, etwas, das mein eigenes ist: Hitze, nicht die heiße, drängende Hitze, die das Haus erzeugt, sondern eine langsame, tiefe, die von unten aufsteigt, von der Stelle, an der ich auf dem Boden sitze, und sich durch meine Beine und meinen Bauch und meine Brust zieht wie Wasser, das eine trockene Erde benetzt.

Lady Ashbourne sieht mich an. Ihr Mund öffnet sich, und ich sehe, wie ihre Zunge über ihre Lippen fährt, als würde sie den Kuss nachschmecken, als würde sie prüfen, ob er wirklich da war oder ob er ein Trick war, eine Täuschung, ein neues Gesicht des alten Rituals.

„Sie sollten das nicht tun,” sagt sie. Aber ihre Hand hält meine noch immer fest.

„Ich weiß.” Und ich lege meine freie Hand auf ihre Schulter, auf die Naht, die leicht aufgegangen ist, und der Stoff unter meinen Fingern ist warm von ihrer Wärme, und ich spüre, wie ihre Schulter unter meiner Berührung nicht wegweicht, sondern sich mir zuneigt, eine unwillkürliche Bewegung, die so klein ist, dass nur jemand, der auf diese Dinge achtet, sie bemerken würde.

Ich küsse sie wieder. Diesmal tiefer, und meine Zunge findet ihre, und der Geschmack verändert sich — immer noch nichts Süßes, nichts Bitteres, nur Wärme und Haut und der feuchte, weiche Widerstand einer Zunge, die sich der meinen entgegenstreckt. Und während ich sie küsse, schiebe ich meine Hand von ihrer Schulter zu ihrem Nacken, und die Haut dort ist weicher, dünner, und ich spüre ihren Puls unter meinen Fingern, schnell und unregelmäßig, und der Puls sagt mir mehr als ihre Worte.

Sie will dies. Sie will dies, und sie weiß nicht, dass sie es will, oder sie weiß es und hat es vergessen, oder sie weiß es und hat es sich verboten, weil das letzte Mal, als jemand sie so berührte, die Berührung ein Vertrag war und der Vertrag ein Fluch.

Ich löse mich. Stehe auf. Meine Knie sind steif vom kalten Boden, und als ich stehe, bin ich größer als sie, die sitzt, und das kupferne Licht fällt jetzt auf mein Gesicht, und ich weiß nicht, was sie sieht, wenn sie zu mir aufblickt — eine Frau, die ihr etwas geben will, oder eine Frau, die ihr etwas nehmen will, und der Unterschied, so subtil er ist, so unsichtbar, liegt nicht in der Geste, sondern in dem, was dahinter steht, und das kann sie nicht sehen.

Aber sie steht auf. Langsam, als müsste sie jeden Knochen einzeln aus dem Stuhl heben. Sie steht vor mir, und wir sind einander zugewandt, und der Abstand zwischen uns ist so gering, dass ich den Lavendel rieche, und darunter das andere, das Warme, das Lebendige, und ich lege meine Hände auf ihre Hüften, und der schwarze Stoff knirscht leise unter meinen Fingern.

„Vertrauen Sie mir,” sage ich.

„Ich kenne Sie nicht,” sagt sie. Aber sie weicht nicht zurück.

„Meine Tante hat Sie auch nicht gekannt.” Meine Stimme ist leise, und ich spüre, wie etwas in meinem Leib pulsiert — nicht der Fluch, nicht die dunkle, drängende Vibration, die ich gestern gespürt habe, sondern mein eigenes Blut, mein eigenes Verlangen, das so neu ist, dass ich es kaum erkenne. „Und das hat sie nicht aufgehalten.”

Lady Ashbournes Hände heben sich. Sie legen sich auf meine Hände, die auf ihren Hüften ruhen, und ihre Finger umschließen meine Handgelenke, und ihr Griff ist fest, und ich spüre, wie ihre Finger meinen Puls finden, und wie sie ihn liest, wie man eine Seite liest, auf der eine Botschaft steht, die man entschlüsseln muss.

Dann zieht sie mich zu sich.

Nicht heftig, nicht verzweifelt — langsam, stetig, wie die Gezeiten, die das Moor in sich zieht. Und ihr Mund findet meinen, und dieser Kuss ist anders als die beiden zuvor, denn diesmal gibt sie etwas, diesmal öffnet sie sich, und ihre Zunge dringt in meinen Mund, und ich schmecke sie — wirklich schmecke, den warmen, lebendigen Geschmack einer Frau, die neun Jahre lang nicht geküsst wurde, und die Erinnerung daran, wie ein Kuss ist, wenn er nichts kostet und nichts verlangt, liegt in der Art, wie ihre Lippen zittern, und in der Art, wie ihre Finger an meinen Handgelenken sich lösen und an meinen Armen hochwandern, über die Ärmel meines Kleides, bis sie meine Schultern erreichen und dort halten.

Ich löse die Knöpfe ihres Kleides. Sie sind kleiner als meine, und meine Finger, die immer kalt sind, finden sie nur mühsam, und während ich knöpfe, küsst sie meinen Hals, und ihre Lippen auf meiner Haut sind warm, und wo sie mich berührt, entsteht Hitze, als würde sie Linien auf mich zeichnen, die nicht dunkel und pulsierend sind, sondern hell und ruhig, und ich frage mich, ob das die Umkehrung ist, ob das das Brechen ist, ob das, was ich tue, nicht den Fluch überträgt, sondern auflöst, indem es ihm das nimmt, was er braucht: die Transaktion, den Tausch, das Nehmen.

Ihr Kleid öffnet sich. Darunter ein Hemd, einfach, weiß, und durch den Stoff sehe ich die Umrisse ihres Körpers — schmal, eingefallen, die Schlüsselbeine wie Zweige, die zu weit vom Stamm entfernt sind. Ich lege meine Hand auf ihr Brustbein, und unter meiner Handfläche spüre ich ihr Herz, das schlägt, und es schlägt schneller, als es sollte, und ich spüre, wie etwas in mir antwortet, nicht der Fluch, sondern ich, mein eigenes Herz, mein eigenes Blut, das sich erwärmt und südwärts zieht, zwischen meine Beine, wo eine Leere ist, die nicht leer bleiben will.

Ich schiebe das Hemd hoch. Meine Hände auf ihrer Taille, auf der nackten Haut, die warm und weich ist, und sie atmet ein, und ihr Atem geht in meinen Mund, und ich trinke ihn, und er schmeckt nach nichts als Luft und Wärme und dem leisen, feuchten Geräusch einer Frau, die begehrt wird und es nicht gewohnt ist.

„Miss Vance,” sagt sie, und ihre Stimme bricht auf meinem Namen, und ich lege meinen Finger auf ihren Mund, und sie schließt die Augen, und ich küsse den Finger, der auf ihren Lippen liegt, und dann ihre Lippen, und dann ihr Kinn, und dann ihren Hals, und mit jedem Kuss gehe ich tiefer, knie mich wieder, und meine Knie finden den kalten Teppich, und meine Hände finden den Saum ihres Kleides, das aufgegangen ist, und ich schiebe es hoch, über ihre Knie, über ihre Schenkel, und die Haut dort ist weißer als die ihres Gesichts, und weicher, und ich lege meinen Mund auf ihre Innenschenkel, und sie zuckt, und ihre Hände greifen in meine Haare, und sie halten mich fest.

Ich löse mich nicht. Ich küsse die Innenseite ihres Schenkels, und die Haut dort schmeckt salzig, und unter meinen Lippen spüre ich die Adern, die pulsieren, und der Puls ist schnell, und ich gehe höher, und höher, bis mein Mund die Stelle erreicht, an der die Wärme konzentriert ist, und ich spüre sie durch den Stoff ihres Unterhemds, und der Stoff ist feucht, und die Feuchtigkeit ist warm, und sie riecht nach — nach Frau, nach Moschus, nach dem, was keine Blume und kein Parfum ist, sondern nur dies: Verlangen, das zu lange verschlossen war und nun herausdrängt wie Wasser durch einen Riss in einem Damm.

Ich ziehe den Stoff beiseite. Sie hilft mir, ihre Hände lassen meine Haare los und fassen den Stoff und schieben ihn beiseite, und dann ist sie da, offen, und ich sehe sie — die feuchten Falten, die dunkler sind als die Haut darum, und die Schwellung, die unter meinen Blicken zunimmt, und ich lege meinen Mund auf sie, und sie schreit nicht, sie stöhnt nicht — sie atmet nur aus, ein langer, langsamer Atem, als hätte sie neun Jahre lang die Luft angehalten und jetzt, endlich, ausatmen dürfen.

Meine Zunge findet sie. Langsam, ohne Eile, und ich schmecke sie — salzig, süßlich, mit dem metallischen Unterton, der an das Moorwasser erinnert, aber nicht das Moorwasser ist, sondern das, was eine Frau schmeckt, wenn sie begehrt, und ich lecke, und ich sauge, und meine Hände halten ihre Hüften, und ihre Hände halten meinen Kopf, und ihre Finger krallen in meine Haare, und sie drückt mich nicht weg — sie drückt mich tiefer, und ich lasse mich drücken, und meine Zunge geht tiefer, und ich spüre, wie sie sich unter meinem Mund öffnet, wie die Falten schwellen und sich trennen, und wie die Feuchtigkeit zunimmt, bis mein Kinn nass ist und meine Lippen rutschen, und sie atmet schneller, und ihre Hüften bewegen sich, und ich halte ihren Rhythmus, und ich gebe ihr, was ich geben kann: nicht den Fluch, nicht die Transaktion, nicht das Nehmen — sondern dies, meinen Mund, meine Zunge, meine Hände, die sie halten, und mein Verlangen, das ihres ist.

Sie kommt. Nicht laut — leise, ein Beben, das in ihrem Bauch beginnt und sich nach außen zieht, und ich spüre es unter meinen Lippen, das Zusammenziehen und Lösen, und ihre Hände in meinen Haaren erstarren, und ihr Atem setzt aus, und dann, langsam, kehrt er zurück, und ihre Finger lösen sich, und sie streichelt über meinen Kopf, und die Berührung ist so sanft, dass ich nicht weiß, ob sie mich streichelt oder sich selbst beruhigt.

Ich hebe mein Gesicht. Ihr Blick findet meinen, und in ihren Augen liegt etwas, das ich nicht erwartet habe: nicht Dankbarkeit, nicht Erleichterung — sondern etwas, das aussieht wie das, was ich in meinem eigenen Leib spüre: Wärme, die nicht vom Moor kommt, nicht vom Haus, nicht vom Fluch, sondern von mir, von ihr, von uns.

Ich stehe auf. Meine Knie schmerzen. Ich nehme ihr Gesicht in meine Hände, und ich küsse sie, und sie schmeckt sich selbst auf meinen Lippen, und sie zuckt nicht zurück, sondern öffnet ihren Mund und nimmt den Kuss, und ihre Hände legen sich auf meine Taille, und sie zieht mich näher, und ich lasse mich ziehen, und unsere Körper berühren sich, und ich spüre ihre Wärme durch den Stoff, und sie spürt meine, und zwischen uns, dort, wo unsere Bäuche sich berühren, pulsiert etwas — aber es ist nicht dunkel, nicht drängend, nicht der Fluch. Es ist etwas anderes. Etwas Neues.

Etwas, das nicht weitergegeben werden will, sondern bleibt.

Das Moor atmet draußen. Das Haus atmet um uns. Und ich halte Lady Ashbourne in meinen Armen, und sie hält mich in den ihren, und der Fluch in meinem Leib ist still — nicht tot, nicht gebrochen, nicht verschwunden, aber still, als würde er lauschen, als würde er abwarten, als würde er zum ersten Mal seit neun Jahren etwas hören, das er nicht kennt: eine Berührung, die nichts kostet, und nichts nimmt, und nichts verlangt.

Und ich weiß — nicht mit Gewissheit, sondern mit der vorsichtigen, zitternden Hoffnung einer Frau, die gelernt hat, dass Gewissheit ein Luxus ist — dass dies der Anfang ist. Nicht das Ende. Der Anfang von etwas, das keinen Namen hat, weil es keiner brauchte, weil es neu ist, weil es nicht im Ritual steht und nicht im Fluch und nicht in der Erinnerung meiner Tante, sondern hier, in diesem Raum, in diesem kupfernen Licht, zwischen zwei Frauen, die einander halten, während das Moor draußen atmet und Greywick Manor sie aufnimmt, nicht als Gefangene, sondern als die, die geblieben sind.

Das Moor atmet
Der Teppich unter meinen Knien ist dünn wie eine Entschuldigung, und der Stein darunter kalt wie eine vernachlässigte Pflicht. Ich habe seit einer Viertelstunde nicht gewusst, dass ich knie — so wenig war mir bewusst, dass die Glieder sich beugen und der Körper sich senkt, wenn der Verstand aufhört, ihn zu führen. Das kupferne Morgenlicht fällt durch die hohen Fenster und legt sich über Lady Ashbournes Schoß wie ein Tuch aus geschmolzenem Metall. Sie sitzt in ihrem Stuhl, und ich knie vor ihr, und zwischen uns ist nichts als die feuchte Hitze, die aus ihrem Leib steigt.

Der Salon, der mir bei meiner Ankunft wie ein Mausoleum erschienen war — ein Raum, der weniger bewohnt als betrauert wurde —, hat sich verändert. Die Vorhänge sind noch immer schwer und dunkel, und das Porträt von Lord Edmund Ashbourne hängt noch immer über dem Kamin, die schmalen Gesichtszüge und die braunen Augen, die einem im Raum folgen, als würden sie auf ein Urteil warten, das nie gesprochen wurde. Aber die Luft ist anders. Sie ist nicht mehr die kalte, stehende Luft eines Raumes, in dem seit Jahren nichts atmet. Sie bewegt sich. Sie trägt Wärme und Geruch und das leise Knistern der Kerzen auf dem Kandelaber, und sie trägt etwas anderes — eine Erwartung, die nicht benannt werden muss, um verstanden zu werden.

Ich hebe den schwarzen Stoff ihres Kleides. Er ist schwer, riecht nach Lavendel und nach etwas Älterem — nach Kerzenwachs, das in Holz eingezogen ist, nach Jahren von Stillstand, nach einem Haus, das seinen Herrn verloren hat und nie aufgehört hat, ihn zu erwarten. Der Stoff gleitet über ihre Knie, über die blassen Schenkel, die sich unter meinen Händen anfühlen wie warmes Wachs. Meine Finger — die kalten, die immer kalt sind, die schon als Mühe hatten, die kleinen Knöpfe meines Reisemantels zu öffnen — zittern nicht. Sie sind ruhig. Es ist das erste Mal seit meiner Ankunft in Greywick Manor, dass sie ruhig sind, als hätten sie auf diesen Moment gewartet, ohne dass ich es wusste.

Die weiße Unterkasacke hat sich bereits hochgeschoben, und darunter ist sie nackt von der Taille abwärts, und ich sehe sie zum ersten Mal ohne die dunklen Linien, die wie Tinte unter ihrer Haut pulsierten. Seit meiner Ankunft habe ich diese Linien beobachtet — sie wanderten unter ihrer Haut wie Flüsse auf einer Karte, dunkel und langsam, als würde etwas in ihr fließen, das nicht zu ihr gehört. Sie sind fort. Nicht verschwunden wie ein Symptom, das nachlässt, sondern fort wie ein Bewohner, der ein Haus verlässt. Sie ist nur eine Frau. Schmal, erschöpft, mit der Blässe von jemandem, der neun Jahre lang nicht richtig geschlafen hat. Die Knochen ihrer Hüften stehen unter der Haut wie die Kanten eines Schreibtisches unter einem dünnen Tuch, und die Schenkel, die sich mir öffnen, sind schmal und weich und tragen die Spuren von etwas, das länger gedauert hat als eine Nacht.

Ihre Schenkel öffnen sich einen Spaltbreit, nicht aus Einladung, sondern aus einem Nachgeben, als hätte ein Seil nachgegeben, das sie zusammenhielt. Ich kenne dieses Nachgeben. Ich habe es in meinem eigenen Leib gespürt, in den Nächten, in denen die Wärme in meinem Bauch pulsierte und meine Tante durch mich sprach und ich nicht mehr wusste, wo ihre Stimme aufhörte und meine begann. Es ist das Nachgeben eines Körpers, der zu lange gehalten hat und nun loslässt — nicht weil er will, sondern weil er muss.

Ich beuge mich vor. Der Geruch trifft mich zuerst — nicht Lavendel, nicht Moschus, sondern etwas Scharfes, Salziges, Eigenes, wie nasses Holz nach einem Sturm. Es ist ein Geruch, der nicht in einem Salon gehört, nicht in einem Haus wie Greywick Manor, nicht in einer Welt, in der Damen sich nicht so aneinander finden. Aber er ist hier, und er ist wahr, und ich atme ihn ein, und er füllt meinen Mund und meine Nase und meinen Kopf, und ich denke an das Moor, das draußen dampft, und an das Wasser, das unter dem Moor liegt, dunkel und still und .

Ich schiebe mein Gesicht zwischen ihre Schenkel, und die Hitze dort ist so dicht, dass sie wie eine Wand ist, gegen die ich atme. Meine Wange liegt an ihrem inneren Schenkel, und ich spüre den Puls unter ihrer Haut — schnell, unregelmäßig, als würde ihr Herz gegen etwas ankämpfen, das es nicht benennen kann. Ich warte. Nicht aus Zögern — ich habe lange genug gezögert, in meinem Leben, in diesem Haus, in den Nächten, in denen die Wärme in meinem Bauch sprach und ich ihr nicht zuhörte — sondern aus einem Instinkt, der tiefer ist als Zögern. Ich warte, bis ich spüre, dass ihr Leib sich entspannt, dass die Muskeln in ihren Schenkeln weicher werden, dass das Seil, das sie zusammenhielt, nicht nur nachgibt, sondern fällt.

Meine Zunge findet die äußeren Falten zuerst. Sie sind geschwollen, weich, und als ich sie mit der Spitze auseinanderdränge, schmecke ich sie — salzig und sauer und nach etwas, das unter all dem liegt, nach Eisen, als hätte ihr Leib neun Jahre lang einen Krieg geführt und würde ihn jetzt bluten lassen. Es ist ein Geschmack, der mich erschrecken könnte, wenn ich mich noch erschrecken ließe, aber ich habe in den letzten Wochen zu viel gesehen, zu viel geschmeckt, zu viel in meinem eigenen Leib gefühlt, als dass mich der Geschmack einer anderen Frau erschrecken könnte. Er ist da. Er ist ihr. Ich nehme ihn.

Ich lecke langsam, nicht von unten nach oben, sondern kreisend, als würde ich eine Linie zeichnen, die kein Ende hat. Meine Zunge ist breit und flach, und ich trage sie über die äußeren Falten wie ein Maler, der eine Leinwand grundiert — nicht um ein Bild zu schaffen, sondern um eine Fläche vorzubereiten, auf der später etwas entstehen kann. Lady Ashbournes Hände liegen auf meinen Schultern, leicht wie trockene Blätter, und ich spüre, wie ihre Finger sich zusammenziehen, wenn ich die richtige Stelle streife. Sie ziehen sich zusammen und lösen sich, ziehen sich zusammen und lösen sich, und der Rhythmus ist nicht meiner, sondern ihrer, und ich folge ihm.

Die Nässe kommt langsam. Zunächst ist es nur ein Feuchten, ein Feuchtsein wie Tau auf Gras, kaum spürbar auf meiner Zunge. Aber es wird mehr. Mit jedem Kreis, den meine Zunge zieht, mit jedem Streifen über die geschwollenen Falten, wird es mehr, und ich schlucke, und es schmeckt nach Eisen und nach Moor und nach etwas, das ich nicht benennen kann — etwas, das ist und müde und darauf wartet, herausgelassen zu werden. Ich denke an meine Tante. Ich denke an das Wissen, das sie in mir hinterlassen hat — nicht als Erinnerung, sondern als Gewohnheit, als ein Wissen in meinen Händen und meinem Mund, das ich nie erlernt habe und das trotzdem da ist, als hätte sie es mir in den Knochen hinterlassen.

Ich finde die Klitoris. Sie ist klein, hart unter meiner Zunge, wie ein Stein, der aus einem Flussbett ragt. Ich umkreise sie einmal, zweimal, und spüre, wie sie unter meiner Zunge anschwillt, als würde etwas unter der Haut erwachen, das lange geschlafen hat. Lady Ashbournes Finger auf meinen Schultern werden fester. Nicht drückend, sondern haltend, als würde sie sich an etwas festhalten, das sie nicht fallen lassen will. Ich umkreise sie ein drittes Mal, langsamer jetzt, und dann lege ich meine Lippen darüber und sauge — sanft, nicht gierig.

Ich sauge, als würde ich aus einem Brunnen trinken, der seit neun Jahren verschüttet war, und das, was herauskommt, ist nicht Wasser, sondern ein Zittern, das in ihrem Unterleib beginnt und sich nach außen ausbreitet wie ein Erdbeben, das vom Zentrum zur Oberfläche wandert. Ich spüre es auf meinen Lippen, auf meiner Zunge, in meinen Zähnen, die die Klitoris festhalten wie ein , das einen Kieselstein findet und nicht loslassen will. Das Zittern wird stärker. Es wandert durch ihren Unterleib, durch ihre Hüften, die sich gegen mein Gesicht bewegen — nicht heftig, sondern langsam, wie ein Schiff, das sich im Wasser wiegt —, und durch ihre Schenkel, die sich um meinen Kopf schließen, nicht fest, aber genug, dass ich die Hitze spüre, die zwischen ihnen gesammelt ist.

Ihre Finger greifen in mein Haar. Nicht leicht mehr. Fest. Sie zieht mich an sich, und ich lasse mich ziehen, und meine Zunge dringt tiefer ein, zwischen die inneren Falten, in die Nässe, die dort gesammelt ist. Sie ist nass — nicht feucht, sondern nass, als hätte etwas in ihr geschmolzen, das jahrelang gefroren war. Die inneren Falten sind weicher, heißer, und sie klaffen auseinander unter meiner Zunge wie eine Frucht, die reif ist, und ich lecke sie, schmecke sie, trinke sie. Ich schlucke, und es schmeckt nach ihr und nach meiner Tante und nach dem Moor, alles gleichzeitig, und ich weiß, dass dies der Geschmack des Fluches ist, der sich entleert.

Meine Finger — die kalten, die immer kalt sind — gleiten in sie. Einer zuerst, dann zwei. Sie gleiten leicht, trotz der Enge, weil die Nässe sie aufnimmt wie Wasser, das in Sand sickert. Sie ist eng, enger, als ich erwartet hätte, als hätte ihr Leib sich verschlossen in all den Jahren der Stille, und die Wand in ihr ist warm und weich und zieht sich zusammen um meine Finger, als würde sie sie schlucken. Ich halte inne. Nicht weil ich zögere, sondern weil ich spüre, dass ihr Leib Zeit braucht — Zeit, sich an die Fremdheit zu erinnern, an das Gefühl, von etwas berührt zu werden, das nicht Schmerz ist, nicht Kälte, nicht der Fluch, der neun Jahre lang in ihr hauste.

Ich krümme die Finger nach oben, suche die Stelle, die ich kenne — nicht aus Erfahrung, sondern aus dem Wissen meiner Tante, das in mir sitzt wie ein zweites Gedächtnis, wie eine Sprache, die ich nie gelernt habe und die trotzdem aus meinem Mund kommt, wenn ich sie brauche. Ich finde sie. Eine raue Stelle, klein wie eine Münze, verborgen hinter der weichen Wand, und als ich sie streiche, macht Lady Ashbourne ein Geräusch.

Es ist kein Schrei. Noch nicht. Es ist ein Laut, der aus ihrer Kehle kommt wie ein Tier, das nach neun Jahren aus einem Käfig gelassen wird — zuerst zögerlich, dann lauter, dann vibrierend. Es ist ein Laut, der mich an etwas erinnert, das ich nicht benennen kann — nicht an einen Schrei, nicht an ein Wimmern, sondern an etwas dazwischen, an einen Ton, der weder Lust noch Schmerz ist, sondern beides gleichzeitig, als wüsste ihr Leib nicht, was es ist, befreit zu werden, und gleichzeitig nicht aufhören will.

Ihre Hüften bewegen sich gegen mein Gesicht, und ich halte meinen Mund auf der Klitoris, sauge, lecke, während meine Finger in sie eindringen, rhythmisch, tief. Der Rhythmus ist nicht meiner, sondern ihrer. Sie bestimmt das Tempo mit ihrem Leib, und ich folge. Ich folge, wie man einem Tanz folgt, den man nicht gelernt hat — nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Körper, der weiß, was zu tun ist, auch wenn der Verstand es nicht versteht. Ich dringe ein und ziehe zurück, ein und zurück, und mit jedem Eindringen streiche ich die raue Stelle, und mit jedem Streichen wird ihr Laut lauter, vibrierender, und ihre Hüften bewegen sich schneller.

Ich denke an Lord Edmund. Nicht mit Angst, nicht mit Schuld, sondern mit einer Klarheit, die mich überrascht. Sein Porträt hängt über dem Kamin, die schmalen Gesichtszüge, der Mund, der als schmaler Schnitt dargestellt ist, als hätte der Maler ihn im letzten Moment geschlossen. Er ist hier. Er ist immer hier gewesen. Er ist der Grund, warum der Fluch existiert, warum Lady Ashbourne neun Jahre lang nicht geschlafen hat, warum die Linien unter ihrer Haut pulsierten wie Flüsse auf einer Karte. Und ich bin hier, knie vor ihr, mein Gesicht zwischen ihren Schenkeln, und ich löse, was er hinterlassen hat. Nicht aus Rache. Nicht aus Liebe. Sondern weil es getan werden muss, und weil ich die bin, die es tun kann.

Das kupferne Licht verändert sich. Es wird dunkler, als würde ein Schatten über die Fenster fallen, aber ich sehe nicht auf. Ich halte meinen Mund an ihr, und meine Zunge arbeitet, und meine Finger stoßen, und ich spüre, wie etwas in mir aufmerksam wird — das Ding, das ich trage, die Wärme, der zweite Herzschlag in meinem Bauch. Es hört zu. Es lauscht auf das, was aus Lady Ashbourne herauskommt, und ich weiß, mit einer Gewissheit, die keine Worte braucht, dass es wartet. Es wartet auf den Schrei. Es wartet auf den Moment, in dem sie sich vollständig ergibt, und ich weiß auch, dass ich es nicht dorthin lassen werde. Ich werde den Schrei nicht als Tür benutzen. Ich werde ihn als Schlüssel benutzen.

Meine Tante hat mich gewarnt. Nicht mit Worten — sie war nie eine Frau, die mit Worten warnte — sondern mit dem Wissen, das sie in mir hinterlassen hat. Der Fluch ist ein Hungriges. Er nährt sich von dem, was er findet — von Angst, von Schmerz, von dem Schrei einer Frau, die sich ergibt. Er würde den Schrei nehmen und ihn durch mich ziehen und ihn als Nahrung benutzen, und ich würde zur Tür werden, durch die er geht, und ich würde nicht mehr ich sein. Aber ich bin nicht meine Tante. Ich bin Eleanor Vance, und ich habe kalte Finger und wachsartige Haut und einen Reisemantel, der wie eine Rüstung aussieht, und ich bin hier, und ich will hier sein, und das ist ein Unterschied, den der Fluch nicht kennt.

Ich sauge härter. Meine Zunge peitscht über die Klitoris, schnell, gnadenlos, und Lady Ashbournes Hände verkrallen sich in meinem Haar, und ihr Leib biegt sich nach hinten im Stuhl, und die Stuhlbeine kratzen über den Steinboden. Das Geräusch ist scharf und hart und hallt in dem stillen Salon, und es mischt sich mit dem nassen, schlürfenden Geräusch meiner Zunge auf ihr und dem Geräusch meiner Finger, die in sie eindringen — nass, rhythmisch, ein Geräusch, das nicht in einem Salon gehört sollte, nicht in einem Haus wie Greywick Manor, aber das hier ist, und das wahr ist, und das ich nicht aufhören will.

Ihre Oberschenkel pressen sich gegen meine Schläfen, und ich bin gefangen in der Hitze und der Nässe und dem Geruch, und ich liebe es. Nicht wie meine Tante liebte — nicht als Tausch, nicht als Berechnung —, sondern weil ich hier bin, weil ich es will, weil ihr Leib unter meinen Händen lebt und atmet und zittert, und das ist genug. Es ist mehr als genug. Es ist alles. Ich schließe meine Augen und bin in ihr, in der Hitze, in der Nässe, in dem Geruch, der nach Moor und Eisen und Lavendel schmeckt, und ich bin nicht allein, und ich bin nicht meine Tante, und ich bin nicht der Fluch, und ich bin Eleanor, und ich bin hier.

Der Laut in ihrer Kehle wird lauter. Ich spüre ihn in meinen Zähnen, die auf ihrer Klitoris liegen, vibrierend wie eine Saite. Ich drücke meine Finger tiefer in sie, krümme sie, streiche die raue Stelle, und zugleich nehme ich die Klitoris zwischen meine Zähne — nicht beißend, sondern haltend, fest genug, dass sie spürt, dass ich sie habe — und dann sauge ich, lange, tief, als würde ich alles aus ihr herausziehen, was neun Jahre lang in ihr gefangen war.

Ich spüre, wie es kommt. Nicht weil sie es sagt — sie sagt nichts, ihr Mund ist geöffnet, aber kein Wort kommt heraus — sondern weil ihr Leib es sagt. Die Wand in ihrem Inneren zieht sich zusammen, fest, um meine Finger, als würde sie sie zerdrücken, und ihre Hüften halten an, mitten in einer Bewegung, als hätte jemand eine Uhr angehalten. Ich halte meine Finger tief in ihr, halte meinen Mund auf ihr, halte die Klitoris zwischen meinen Zähnen, und ich warte. Ich warte auf das, was kommen muss, und ich halte es fest, und ich lasse es nicht zum Fluch werden.

Sie kommt.

Der Schrei beginnt in ihrem Bauch. Ich spüre es zuerst als Zusammenziehen um meine Finger — ein Krampf, heftig, als würde ihr Leib sich selbst verschlingen —, dann wandert er nach oben, durch ihren Leib, durch ihren Brustkorb, und er bricht aus ihrem Mund wie etwas, das zu lange verschlossen war. Es ist kein menschlicher Laut. Es ist ein Schrei, der durch das Haus hallt, durch die Wände, durch den Stein, durch das Moor draußen, und ich höre, wie er widerkehrt, von den Decken, von den Böden, von jedem Winkel von Greywick Manor, als würde das Haus selbst ihn auffangen und zurückwerfen.

Und in mir — in meinem Bauch, wo die Wärme sitzt, wo der zweite Herzschlag schlägt — passiert etwas.

Es ist kein Brechen. Es ist kein Bersten. Es ist vielmehr, als würde ein Knoten, der neun Jahre lang gezogen war, sich langsam lösen. Die Wärme in meinem Bauch pulsiert einmal, zweimal, und dann wird sie still. Nicht tot. Nicht fort. Aber still. Wie ein Tier, das sich zusammenrollt und schläft. Der zweite Herzschlag verlangsamt sich, wird leiser, wird zu einem Echo, wird zu einem Flüstern, wird zu nichts, das ich von meinem eigenen unterscheiden kann.

Der Fluch ist nicht tot. Aber er schweigt.

Lady Ashbournes Leib bebt noch. Die Nachwirkungen ihres Orgasmus wandern durch sie wie Wellen, die sich vom Zentrum entfernen und leiser werden. Ich spüre jede Welle auf meinen Fingern, die noch in ihr sind — ein Zusammenziehen, ein Lösen, ein Zusammenziehen, ein Lösen —, und auf meinen Lippen, die noch auf ihrer Klitoris liegen, und ich halte sie fest, nicht saugend, sondern haltend, als würde ich ein Tier halten, das nach einem Sturm zittert. Meine Finger sind nass, nasser als zuvor, und ich spüre, wie sich die Nässe über meine Hand ausbreitet, über mein Handgelenk, und ich weiß, dass es nicht nur Nässe ist, sondern etwas, das aus ihr herausgekommen ist — etwas, das neun Jahre lang in ihr war und nun draußen ist, und ich halte es, und ich lasse es nicht fort.

Der Schrei hallt noch. Ich höre ihn in den Wänden, in den Decken, als würde das Haus ihn wieder und wieder wiederholen, nicht als Echo, sondern als Erinnerung. Es ist der erste Laut, der in Greywick Manor seit neun Jahren mit voller Stimme gesprochen wurde, und das Haus trägt ihn, als würde es lernen, was Klang ist.

Ich löse meinen Mund von ihrer Klitoris. Langsam, behutsam, und die Nässe auf meinem Kinn, auf meinen Lippen, ist kühl in der Luft des Salons. Ich schmecke sie auf meiner Zunge — Eisen, Salz, Moor — und ich schlucke, und es rinnt meinen Hals hinab wie etwas, das ich behalten will.

Ich ziehe meine Finger aus ihr. Langsam, behutsam, und sie macht ein kleines Geräusch — ein Laut, der zwischen einem Seufzen und einem Wimmern liegt —, als die Leere sie trifft. Es ist ein Laut, der mir etwas antut. Nicht weil er Trauer ist, sondern weil er Verlust ist — den Verlust von etwas, das sie nicht kannte, bis es da war, und das nun fort ist, und ich bin die, die es fortgenommen hat, und ich bin die, die es ihr gegeben hat, und beides ist wahr, und keines ist falsch.

Meine Finger sind nass, glänzend, und ich bringe sie an meine Lippen und schmecke sie. Eisen. Salz. Moor. Und darunter etwas, das nach Lavendel schmeckt, und ich weiß, dass das meine Tante ist, die sich verabschiedet. Es ist ein sanfter Abschied. Nicht dramatisch, nicht schmerzhaft, sondern wie das Schließen einer Tür, die lange offen stand, und ich stehe auf der richtigen Seite.

Lady Ashbournes Hände lösen sich aus meinem Haar. Sie streichen über meinen Kopf, sanft, wie man über den Kopf eines Tieres streicht, das man lange gemieden hat. Ihre Finger wandern über meine Schläfen, über meine Wangen, und ich spüre, wie sie die Nässe auf meinem Kinn berührt — ihre Nässe, meine Nässe, unsere Nässe — und sie wischt sie nicht weg. Sie lässt sie. Es ist ein Zeichen, das ich nicht deuten muss, um es zu verstehen.

Ich lege meine Stirn gegen ihren Schenkel. Der Stoff des schwarzen Kleides ist hochgeschoben und kratzig gegen meine Wange, und darunter ist ihre Haut warm und weich, und ich schließe die Augen und atme. Ihr Geruch ist jetzt anders — nicht mehr scharf, nicht mehr salzig, sondern weich, warm, wie Brot, das aus dem Ofen kommt, wie ein Bett, das lange unbenutzt war und nun jemanden aufnimmt. Ich atme ihn ein und halte ihn in meiner Lunge, und ich weiß, dass ich ihn behalten will, nicht als Erinnerung, sondern als Beweis. Beweis dafür, dass ich hier war. Dass ich es getan habe. Dass es echt war.

Der Salon ist still. Die Kerzen auf dem Kandelaber brennen ruhig, ohne Flackern, und das kupferne Licht ist zurück, warm und gleichmäßig. Es fällt auf den Teppich, auf den Steinboden, auf die Stuhlbeine, auf Lady Ashbournes Hände, die auf meinem Kopf liegen, und es fällt auf das Porträt von Lord Edmund Ashbourne, und ich sehe — ohne aufzusehen, ohne hinzusehen — dass die Augen im Porträt nicht mehr folgen. Sie starren geradeaus, starr, leer, als hätten sie das Interesse verloren. Als hätten sie verstanden, dass das Haus nicht mehr ihres ist.

Draußen auf dem Moor steigt der Nebel in grauen Säulen auf, und ich höre nichts — keinen Wind, keine Vögel, kein Knarren des Hauses. Nur Lady Ashbournes Atem, der schwer und langsam wird, und meinen eigenen, der sich mit ihrem überschneidet. Unsere Atemzüge mischen sich in der Luft des Salons, und ich denke, dass dies das intimste ist, was zwei Menschen tun können — nicht das Beben, nicht das Schreien, nicht die Nässe und die Hitze und die Zunge, sondern das Atmen. Das gemeinsame Atmen. Das Wissen, dass der Atem des anderen da ist, und dass er zurückkehrt, und dass er nicht aufhört.

Ich setze mich zurück. Meine Knie schmerzen, und der Stein unter dem Teppich hat Spuren in meiner Haut hinterlassen, die ich später sehen werde — rote Linien, eingedrückt, als hätte der Boden mich markiert, als würde er sagen: Du warst hier. Du hast gekniet. Du hast getan, was getan werden musste. Ich sehe auf. Lady Ashbournes Gesicht ist verändert. Nicht schöner, nicht jünger, aber ruhiger. Die Linien um ihren Mund haben sich gelockert, und ihre Augen — die ich bisher nur als erschöpft oder ängstlich gesehen habe — sind klar. Sie sieht mich an, und in ihrem Blick ist etwas, das ich nicht erwartet habe: Genugtuung. Nicht Triumph, nicht Dankbarkeit, sondern die stille Genugtuung einer Frau, die etwas verloren glaubte und es wiedergefunden hat.

„Miss Vance,” sagt sie, und ihre Stimme ist rau, als hätte der Schrei sie geschliffen. „Eleanor.”

Es ist das erste Mal, dass sie meinen Vornamen sagt. Ich spüre, wie etwas in meiner Brust reagiert — ein Zusammenziehen, nicht schmerzhaft, sondern wie das Lösen eines Muskels, der lange angespannt war. Mein Name in ihrem Mund klingt anders als in meinem eigenen. Er klingt wie etwas, das zurückgegeben wird. Ich sage nichts. Ich nehme ihre Hand, die auf meinem Kopf liegt, und halte sie. Ihre Finger sind warm. Das ist neu. Ich erinnere mich an unsere erste Berührung, da waren ihre Finger kalt wie meine, und nun sind sie warm, und ich wickle meine Hand darum, als würde ich einen Schatz halten, den ich nicht erwartet hatte.

„Ich weiß,” sage ich. Ich weiß nicht, was ich weiß. Ich weiß nur, dass etwas vorbei ist, und etwas anderes begonnen hat, und dass der Unterschied zwischen beiden nicht klar ist, sondern verschwommen wie der Nebel auf dem Moor.

Sie zieht mich hoch. Ich erhebe mich von meinen Knien, und meine Beine zittern — nicht vor Erschöpfung, sondern vor etwas, das ich nicht benennen kann, einem Loslassen, das den ganzen Körper erfasst, wenn man zu lange gehalten hat und nun steht. Ich setze mich auf den Arm ihres Stuhls, seitlich, und sie rückt, um Platz zu machen, und ich spüre ihre Schulter gegen meine, und ihre Wärme dringt durch meinen Kleiderstoff. Sie zieht den schwarzen Rock über ihre Knie, nicht aus Scham, sondern aus Gewohnheit — der Gewohnheit einer Frau, die neun Jahre lang keinen Anlass hatte, ihren Rock hochzuschieben, und die nun, da sie ihn hochgeschoben hat, nicht weiß, was sie mit der Gewohnheit anfangen soll, die sie nicht mehr braucht.

Dann legt sie ihren Kopf gegen meine Schulter. Ihr Gewicht ist leicht — leichter, als ich erwartet hätte, als hätte der Fluch sie nicht nur gezeichnet, sondern auch ausgehöhlt, und was übrig ist, ist eine Frau, die weniger wiegt als ihr Leid. Aber sie ist da. Sie ist warm. Sie atmet. Ich spüre ihren Atem gegen meinen Hals, langsam und regelmäßig, und ich spüre ihre Haare auf meiner Schulter, die nach Lavendel riechen, und ich schließe meine Augen.

Wir sitzen. Das kupferne Licht wandert über den Boden, und die Kerzen brennen, und das Moor draußen dampft, und wir sitzen. Ich spüre ihren Atem gegen meinen Hals, langsam und regelmäßig, und ich weiß, dass sie schläft. Nicht der Schlaf der Erschöpfung, der sie neun Jahre lang begleitet hat — der Schlaf, der sie mitten im Tag überfiel und sie ohne Erholung ließ, der Schlaf, der kein Schlaf war, sondern eine Bewusstlosigkeit, die der Leib sich selbst verordnete, weil er nicht anders konnte. Sondern ein anderer Schlaf. Einer, der kommt, weil der Leib sich sicher fühlt. Weil der Leib weiß, dass jemand wacht, der nicht der Fluch ist.

Und in meinem Bauch schläft das andere. Das, was von meiner Tante übrig ist. Das, was vom Fluch übrig ist. Es schläft, und ich weiß nicht, ob es aufwachen wird, und ich weiß nicht, was dann passiert, und ich weiß nicht, ob es wichtig ist. Denn jetzt sitze ich hier, im kupfernen Licht von Greywick Manor, mit Lady Ashbourne an meiner Schulter, und draußen dampft das Moor, und die Kerzen brennen ruhig, und das Haus steht still, und ich bin nicht allein.

Das ist genug. Das ist mehr als genug.

Ich schließe die Augen. Der Geschmack von Moorwasser auf meinen Lippen verblasst. Unter ihm schmecke ich Lady Ashbourne — Eisen und Salz und etwas, das nur sie ist —, und unter ihr schmecke ich Lavendel, und unter dem Lavendel schmecke ich nichts als Wärme. Ich atme. Der Stein unter dem Teppich ist kalt. Lady Ashbournes Kopf auf meiner Schulter ist warm. Die Kerzen flackern nicht.

Das Haus steht still.

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