Das Flüstern der Knöpfe
Veröffentlicht amDie Bar ist gut besucht, doch ich nehme das Stimmengewirr kaum noch wahr. Vor mir steht ein Glas Rotwein, daneben mein Tablet. Wie so oft öffne ich das Forum, in dem meine Geschichten inzwischen eine , aber treue Fangemeinde gefunden haben. Der Barkeeper hat vorhin gefragt, ob ich noch etwas möchte, und ich habe nur abwesend genickt, denn meine Aufmerksamkeit gilt bereits dem Bildschirm. Die Lesebrille mit dem schmalen, metallischen Rahmen sitzt auf meiner Nase, und das Display wirft ein bläuliches Licht auf mein Gesicht. Ich binf fünfzig sieben Jahre , und in all den Jahren als Bibliothekarin habe ich gelernt, dass die besten Geschichten nicht zwischen Buchdeckeln entstehen, sondern zwischen Menschen, die sich trauen, etwas preiszugeben.
Es begann vor sechs Wochen. Ich hatte gerade eine neue Geschichte im Forum veröffentlicht – über eine Frau, die in einem Café sitzt und einer Fremden zusieht, Stunde um Stunde, bis die Fremde aufsteht und ihr einen Zettel auf den Tisch legt mit
nur einem Wort darauf. Die Geschichte endete dort. Keine Auflösung. Kein Kuss. Nur dieses Wort, das der Leserin nicht preisgegeben wurde. Es war eine meiner quieteren Geschichten, diejenigen, bei denen ich nie weiß, ob sie jemand erreichen.Der erste Kommentar erschien zwei Stunden später. Unter dem Nutzernamen Eleonora stand: Ich habe das Wort erraten, bevor ich zu Ende gelesen habe. Aber Sie haben es nicht aufgeschrieben, weil das Wort nicht der Punkt war. Der Punkt war das Warten.
Ich lese diesen Kommentar zum ersten Mal, und meine Finger ruhen auf der Tastatur, ohne etwas zu tippen. Es ist nicht die übliche Art von Kommentar – kein Tolle Geschichte oder Bitte mehr davon. Diese Frau hat verstanden, was ich gemacht habe, und sie hat es in einem einzigen Satz präziser zusammengefasst als ich es selbst könnte. Ich schaue auf das Profil. Kein Bild. Keine Biografie. Nur ein Zitat von Clarice Lispector: Ich schreibe nicht, um verstanden zu werden. Ich schreibe, um nicht verstanden zu werden.
In der folgenden Woche lese ich drei weitere meiner älteren Geschichten durch Eleonoras Augen. Sie hat sie alle gefunden, die alten, die halbvergessenen, die zwischen neueren Texten begraben lagen. Unter jeder hinterlässt sie einen Kommentar, und jeder ist wie ein präziser Schnitt – nicht verletzend, aber so genau, dass etwas freigelegt wird. Bei der Geschichte über die Frau, die ihrem Geliebten jeden Morgen denselben Brief schreibt und ihn nie abschickt, schreibt Eleonora: Sie schickt ihn nicht ab, weil der Akt des Schreibens bereits die Liebe ist. Der Empfänger ist irrelevant. Sie schreibt sich selbst.
Ich nicke langsam, und in meiner Branche als ehemalige Bibliothekarin erkenne ich die Geste: jemand der nicht nur liest, sondern dechiffriert. Eleonora liest mich nicht. Sie entschlüsselt mich.
Unter der nächsten Geschichte – einer meiner expliziteren, über eine Frau, die sich einer anderen unterwirft, nicht aus Schwäche, sondern weil sie in der Aufgabe ihrer selbst etwas findet, das ihr stärkeres Selbst nicht geben kann – schreibt Eleonora etwas, das mich aufhorchen lässt: Ich kenne diesen Drang. Aber ich kenne ihn von der anderen Seite.
Ich lese den Satz dreimal. Von der anderen Seite. Das bedeutet – Eleonora ist dominant. Sie kennt das Verlangen, Kontrolle auszuüben, nicht das Bedürfnis, sie abzugeben. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liest sie meine Geschichten über Unterwerfung mit einer Aufmerksamkeit, die über Neugier hinausgeht. Ich kenne diesen Typus. Die Dominante, die in den Geschichten der Unterwerfung sucht, was ihr die Kontrolle nicht geben kann: den Moment, in dem sie selbst fallen darf.
Ich antworte das erste Mal direkt auf ihren Kommentar. Ich schreibe: Die andere Seite kennt das Verlangen vielleicht anders, aber nicht weniger. Wer kontrolliert, trägt Last. Wer sich hingibt, legt sie ab. Beides ist eine Frage dessen, was man zu tragen bereit ist.
Ihre Antwort kommt innerhalb von zehn Minuten. Und wenn jemand die Last trägt, weil sie nicht weiß, wie sie sie ablegen soll?
Mein Herzschlag beschleunigt sich. Nicht vor Aufregung – vor Erkennen. Eleonora hat gerade, zwischen den Zeilen eines Forumskommentars, etwas eingeräumt, das ihr eigenes Image widerspricht. Sie ist dominant, ja. Aber sie ist nicht frei davon. Die Kontrolle ist ihr nicht selbstverständlich. Sie ist ihr Habit. Und Habit kann man ablegen.
In den nächsten zwei Wochen entwickle ich einen Rhythmus. Ich schreibe eine Geschichte, Eleonora kommentiert. Ich antworte, sie kontert. Andere Forumsmitglieder beginnen, den Austausch zu verfolgen. Jemand schreibt: Ich lese eure Kommentare wie einen Roman. Ein anderer: Das ist besser als die Geschichten selbst. Und ein drittes, schweigendes Mitglied, das nur liest und nie kommentiert, tippt plötzlich zum ersten Mal seit Monaten etwas: Miststück, du hast hier jemanden gefunden, der dich liest wie ein offenes Buch. Das ist selten. Und gefährlich.
Gefährlich. Das Wort hallt nach. Ich weiß, was gemeint ist. Wenn jemand dich liest wie ein offenes Buch, kann sie die Seiten umblättern, wohin sie will. Und ich bin eine Frau, die ihre Seiten selbst umblättern möchte.
Also beginne ich, Eleonora herauszufordern. Nicht offen – subtil, durch die Geschichten selbst. Ich schreibe eine Geschichte über eine Domina, die eines Abends, nach Stunden der Kontrolle, allein in ihrer Wohnung steht und vor der Badtür zögert, weil sie nicht weiß, wie sie sich waschen soll, ohne dass jemand zuschaut. Die Geschichte handelt von der Einsamkeit der Macht. Von der Stille, die kommt, wenn alle gegangen sind und nur die eigene Stimme übrig bleibt.
Eleonoras Kommentar ist diesmal kürzer als sonst. Nur drei Worte: Ich kenne das.
Ich warte einen Tag, dann antworte ich: Erzähl mir davon.
Stille. Keine Antwort. Ein Tag. Zwei Tage. Am dritten Tag erscheint ein neuer Kommentar, aber nicht bei der Geschichte über die Domina. Eleonora kommentiert eine meiner ältesten Geschichten, eine, die ich fast vergessen habe – über eine Frau, die in einer fremden Stadt erwacht und beschließt, für einen Tag jemand anderes zu sein. Sie schreibt: Ich habe das getan. Nicht in einer fremden Stadt. In meiner eigenen. Ich habe mir ein anderes Kleid angezogen, die Haare anders getragen, und bin in ein Café gegangen, in dem mich niemand kannte. Drei Stunden lang war ich jemand, der keine Macht hat. Drei Stunden lang habe ich geatmet wie seit Jahren nicht mehr.
Ich lese den Kommentar, und meine Hand legt sich auf meinen Mund. Nicht aus Schock – aus Ehrfurcht. Eleonora hat mir gerade etwas gegeben, das sie niemandem gibt: ein Geständnis. Die Domina hat mir erzählt, dass sie sich sehnt, jemand anderes zu sein. Dass die Macht, die sie trägt, ein Korsett ist, das sie manchmal nicht mehr schnüren möchte.
Und ich – ich, die ich von Unterwerfung schreibe, die ich die Hingabe kenne wie meine eigene Handfläche – ich spüre plötzlich etwas, das ich nicht erwartet habe. Den Drang, nicht zu unterwerfen, sondern zu führen. Eleonora gibt mir etwas, das ich nicht verlangt habe, und der Akt des Gebens ist selbst eine Unterwerfung. Sie beugt sich vor, nicht auf die Knie, aber sie beugt sich vor, und ich stehe auf der anderen Seite und halte meine Hand hin, und ich weiß plötzlich: Ich könnte sie auffangen.
Das ist der Moment, in dem das Kräftemessen beginnt.
Ich schreibe die nächste Geschichte mit Eleonora im Kopf. Es ist die Geschichte einer Frau, die eine andere Frau in einer Bar trifft. Keine Namen, keine Berührung. Nur Blicke und Worte, drei Stunden lang, bis eine von beiden aufsteht und geht. Die Geschichte endet mit dem Satz: Sie wusste nicht, wer von beiden gewonnen hatte. Aber sie wusste, dass jemand verloren hatte, und es war nicht sie.
Eleonoras Kommentar erscheint am selben Abend. Sie haben diese Geschichte für mich geschrieben.
Es ist keine Frage. Es ist eine Feststellung.
Ich antworte nicht. Ich lasse die Aussage stehen, nackt und unkommentiert, wie ein Gegenstand auf einem Tisch, den beide ansehen, aber keiner berührt.
Am nächsten Tag kommentiert ein anderes Forumsmitglied, jemand der sich LilaStern nennt: Ich klicke seit Wochen jeden Abend auf dieses Forum, nur um zu lesen, was zwischen euch beiden passiert. Ich verstehe nicht die Hälfte davon. Aber ich kann nicht aufhören. Und ein anderer: Ihr zwei braucht ein eigenes Zimmer. Im übertragenen Sinne. Und vielleicht auch nicht.
Ich lächle. Das Tablet liegt auf dem Bartresen, und ich nehme einen Schluck Rotwein, und der Wein schmeckt nach Eisen und nach Beeren und nach etwas, das ich nicht benennen kann, weil es nicht im Glas ist, sondern in mir.
Dann – heute Abend – öffne ich das Forum, und ich sehe, dass Eleonora eine neue Geschichte von mir gelesen hat. Es ist die Geschichte über die Frau, die auf einer Party steht, in einem dunkelroten Kleid, und eine Fremde ansieht, und in diesem Blick etwas spürt, das sie nicht einordnen kann – den Drang, sich hinzuknien. Nicht vor der Fremden. Vor dem Moment. Vor der Wahrheit, dass sie, die alles kontrolliert, in diesem einen Augenblick kontrolliert werden will.
Ich habe die Geschichte vor drei Tagen geschrieben. Ich habe sie nicht für Eleonora geschrieben. Aber ich habe sie geschrieben, während ich an Eleonora dachte, und das ist vielleicht dasselbe.
Ihr Kommentar steht da. Ich lese ihn. Ich lese ihn erneut. Ich lese ihn ein drittes Mal, und jedes Mal spüre ich, wie etwas in meiner Brust sich zusammenzieht und wieder löst, wie eine Hand, die sich öffnet und schließt.
Eleonora schreibt:
Ich trage heute Abend ein dunkelrotes Kleid. Ich habe es nicht bewusst ausgewählt. Oder doch. Ich lese Ihre Geschichte, und ich sehe mich in ihr, und es erschreckt mich nicht. Was mich erschreckt, ist, dass es mich beruhigt. Ich bin die Frau in Ihrer Geschichte. Ich stehe auf der Party, und ich kontrolliere den Raum, und jeder Blick trifft auf mich und prallt ab, weil ich es so will. Aber ich spüre das Knie. Ich spüre den Drang, nachzugeben. Nicht vor einer Person. Vor dem Akt selbst. Vor dem Fallen.
Und dann, darunter, ein eigener Absatz, als hätte sie gezögert, als hätten ihre Finger über der Senden-Taste geschwebt:
Sie schreiben von Unterwerfung, als wäre sie eine Landschaft, die man betritt. Ich habe diese Landschaft nie betreten. Ich habe sie immer nur von der Anhöhe betrachtet, von dort, wo man Überblick hat. Aber Ihre Geschichten bauen eine Treppe hinunter. Und ich stehe auf der obersten Stufe, und ich frage mich, ob ich hinabsteigen will.
Und dann – der letzte Absatz. Drei Sätze, die mich auf meinem Barhocker erstarren lassen, während um mich herum Menschen lachen und Gläser klirren und Musik aus einem Lautsprecher dröhnt, den ich nicht höre:
Sag nur ein Wort und ich öffne auf dem Heimweg drei Knöpfe meines Kleides.
Ich starre auf den Bildschirm. Der Rotwein in meinem Glas fängt das Licht der Lampe über mir, und es sieht aus wie Blut, oder wie etwas, das fließen will. Ich lese den Satz erneut. Sag nur ein Wort. Sie wartet auf mich. Sie wartet auf ein einziges Wort von mir, und dann wird sie etwas tun, das sie nicht tun müsste, das sie nicht tun sollte, das sie aber tun will, weil die Geschichte, die ich geschrieben habe, einen Raum in ihr geöffnet hat, den sie nicht mehr schließen kann.
Drei Knöpfe. Ein dunkelrotes Kleid. Ein Heimweg, auf dem sie allein ist, auf dem die Nacht um sie herum ist, auf dem ihre Finger an den Knöpfen liegen und auf ein Wort warten, das aus einem Forum kommt, von einer Frau, die sie nie getroffen hat, deren Stimme sie nie gehört hat, deren Gesicht sie nur aus Worten kennt.
Ich bewege den Cursor zum Antwortfeld. Meine Finger ruhen auf der Tastatur des Tablets. Der Barkeeper wischt ein Glas ab, im Hintergrund. Jemand bestellt ein Bier. Jemand lacht. Die Welt macht ihre Geräusche, und ich sitze hier, in dieser Bar, mit grauem Kurzhaarschnitt und Lesebrille und einem Körper, der fünfzig sieben Jahre auf dieser Welt verbracht hat, und ich halte ein Wort in mir, das heraus will.
Aber ich tippe es nicht.
Nicht heute.
Ich schließe das Tablet. Ich trinke den Rotwein aus. Ich stelle das Glas ab, und das Klirren auf dem Holz des Tresens klingt wie ein Punkt am Ende eines Satzes.
Draußen ist es kühl. Die Luft riecht nach Asphalt und Zigarettenrauch und dem letzten Regen. Ich gehe die Straße entlang, und meine Schuhe – flach, bequem, weiches Leder – machen kein Geräusch auf dem Boden. Ich bin nicht die Frau, die auf High Heels geht und den Raum mit jedem Schritt neu definiert. Ich bin die Frau, die leise geht und trotzdem ankommt.
In meiner Tasche summt das Tablet. Eine Benachrichtigung. Ich schaue nicht hin.
Ich gehe weiter, und in meinem Kopf dreht sich ein Wort, wie eine Münze, die geworfen wurde und noch nicht gelandet ist. Ein Wort, das ich kenne, das ich kenne wie meinen eigenen Namen, das ich nur aussprechen müsste, und eine Frau in einem dunkelroten Kleid würde auf ihrem Heimweg anhalten und ihre Finger an den ersten Knopf legen und ziehen, und der Stoff würde sich öffnen, und die Nacht würde auf ihre Haut fallen, und ich wäre diejenige, die es verursacht hat, ohne dabei zu sein.
Aber das ist es ja. Ich bin dabei. In den Worten. In den Geschichten. In dem Forum, das kein Forum mehr ist, sondern ein Raum zwischen zwei Frauen, die sich umkreisen wie Planeten, die nicht wissen, ob sie anziehen oder abstoßen.
Ich erreiche mein Haus. Ich stehe die Treppe hinauf. Ich schließe die Tür hinter mir und lege das Tablet auf den Küchentisch, und erst jetzt, im Licht der Lampe über dem Herd, öffne ich die Benachrichtigung.
Es ist nicht von Eleonora. Es ist von LilaStern, dem stillen Mitleser, und sie hat nur geschrieben: Bitte antworte ihr. Ich muss wissen, wie es weitergeht.
Ich setze mich an den Küchentisch. Ich stütze die Ellbogen auf die Holzplatte. Ich schaue auf den Bildschirm, und dort, in dem kleinen Kommentarfeld unter Eleonoras drei Sätzen, blinkt der Cursor.
Sag nur ein Wort.
Ich öffne die Tastatur. Meine Finger legen sich auf die Buchstaben, und ich spüre das Glas des Displays unter den Kuppen, kühl und glatt, wie eine Haut, die auf Berührung wartet.
Ich tippe.
Nicht das Wort, das sie erwartet. Nicht das Wort, das sie sich wünscht. Sondern etwas anderes. Etwas, das sie nicht erwartet, das sie vielleicht nicht einmal verstehen wird, das aber – wenn sie es versteht – sie mehr öffnen wird als drei Knöpfe an einem Kleid.
Ich tippe: Ich warte nicht auf ein Wort. Ich warte darauf, dass du ohne Wort gehst. Dass du die Knöpfe öffnest, weil du es willst, nicht weil ich es sage. Dass du gehst, mit offenem Kleid, durch die Nacht, und dass du spürst, dass es nicht meine Macht ist, die dich öffnet, sondern deine eigene.
Ich lese den Text. Ich streiche die letzte Hälfte weg. Zu viel. Zu erklärend. Zu sehr der Versuch, klug zu sein, wo ich ehrlich sein sollte.
Ich tippe neu. Drei Worte nur.
Geh. Jetzt. Allein.
Ich schaue auf den Satz. Er ist nicht das, was sie verlangt hat. Sie hat um ein Wort gebeten, das ihr die Erlaubnis gibt. Ich gebe ihr keinen Erlaubnissatz. Ich gebe ihr einen Befehl. Einen Befehl, der ihr nimmt, was sie geben wollte: die Unterwerfung unter mein Wort. Stattdessen stelle ich sie vor sich selbst. Geh. Jetzt. Allein. Ohne mich. Ohne mein Wort als Vorwand. Nur sie und die Knöpfe und die Nacht und die Frage, ob sie es tut, weil sie es will, oder weil ich es gesagt habe.
Und genau da – in diesem Unterschied – liegt das Spiel.
Ich drücke auf Senden.
Das Tablet zeigt den Kommentar an. Er erscheint unter Eleonoras Sätzen, klein und schwarz auf weißem Grund, und für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich die beiden Texte zusammen – ihre Bitte und meine Antwort – und es sieht aus wie ein Dialog, der nie laut gesprochen wurde, aber trotzdem existiert, in einem Raum, den niemand betreten kann, der aber realer ist als jede Bar, jedes Café, jedes Zimmer, in dem zwei Menschen einander gegenübersitzen und nicht wissen, was sie sagen sollen.
Ich schließe das Tablet. Ich stehe auf. Ich gehe ins Bad und wasche mir das Gesicht, und das Wasser ist kalt, und es läuft über meine Haut und tropft ins Waschbecken, und ich sehe mich im Spiegel – graue Haare, grüne Augen, eine Frau, die in einer Bar saß und ein Wort nicht gesagt hat und stattdessen etwas gesagt hat, das gefährlicher ist als jedes Wort.
Ich weiß nicht, ob Eleonora heute Abend die Knöpfe öffnet. Ich weiß nicht, ob sie mein Kommentar liest, bevor sie nach Hause geht, oder erst morgen, oder nie. Ich weiß nicht, ob sie versteht, was ich getan habe – dass ich ihr nicht die Unterwerfung gegeben habe, nach der sie gesucht hat, sondern ihr einen Spiegel vorgehalten habe, in dem sie sich sehen muss, mit der Frage: Willst du dich unterwerfen, oder willst du gesehen werden?
Und ich – ich stehe hier, in meiner Küche, mit nassen Händen und einem Herzen, das schneller schlägt, als es sollte, und ich frage mich dasselbe: Will ich sie unterwerfen, oder will ich, dass sie mich sieht?
Das Tablet summt wieder. Ich trockne meine Hände am Handtuch ab. Ich gehe zurück zum Küchentisch.
Ich öffne die Benachrichtigung.
Es ist ein Kommentar von Eleonora. Ein einzelner Satz, getippt um 23:47 Uhr, sieben Minuten nach meinem Kommentar.
Sie hat geschrieben: Ich gehe jetzt.
Nichts weiter. Keine Erklärung. Keine Reaktion auf meinen Text. Nur drei Worte, die besagen, dass sie die Tür öffnet und hinausgeht, in die Nacht, in ein dunkelrotes Kleid, das vielleicht noch geschlossen ist und vielleicht schon nicht mehr.
Ich setze mich. Ich lege meine Hände auf die Tischplatte. Ich atme.
Und ich warte.
