Das Atmen des Moores
Veröffentlicht amDas Haus jenseits des Moores
Die Kutsche hält nicht vor dem Haus, sondern zweihundert Schritt davon entfernt, als hätte der Kutscher es nicht über sich gebracht, näher zu fahren. Ich steige aus, und der Schlamm saugt an meinen Stiefeln, als wäre das Moor hungrig. Es ist Oktober, und der Himmel hängt so tief über den Hügeln, dass ich ihn fast berühren könnte, wenn ich die Hand hebe — grau und schwer, wie ein Leichentuch, das man über die Welt gebreitet hat, ohne sie vorher für tot zu erklären.
Das Haus steht am Ende der Allee, oder vielmehr, die Allee führt zu ihm hin wie ein Arm, der nach etwas greift, das er nie erreichen wird. Die Bäume sind noch nicht kahl, aber ihre Blätter haben die Farbe von altem Blut, und der Wind, der durch sie geht, bringt kein Rauschen, sondern ein Atmen — langsam, feucht, als käme es aus einem Mund, der zu groß für einen menschlichen ist. Ich
zähle die Fenster des Hauses, wie man die Sprossen einer Eintrittskarte zählt, die man lieber nicht gelöst hätte. Sieben im Obergeschoss. Fünf im Erdgeschoss. Eines, im Turm, ist dunkel, und ich wende den Blick davon ab, bevor ich mir überlege warum.Die Einladung liegt in meinem Reisemantel, gefaltet wie eine Krankheit. Lady Ashbourne empfängt Sie auf Greywick Manor, am siebenten Tage des Oktobermonats, zum Anlass des Ablebens ihres Gemahls, Lord Edmund Ashbourne, welcher vor Jahresfrist unter tragischen Umständen verschied. Ich kenne Lady Ashbourne nicht. Ich kannte Lord Ashbourne nicht. Ich bin hier, weil meine Tante, die einzige Verwandte, die mir geblieben ist, nach ihrem Tod Schulden hinterlassen hat, die mich in die Armut gezogen hätten, wäre da nicht dieses Erbe gewesen, von dem ich bis vor drei Wochen nichts gewusst hatte — ein Häuschen auf dem Land, ein paar Hundert Pfund, und der Wunsch einer Toten, dass ich an ihrer Stelle käme.
Der Butler, der die Tür öffnet, ist so mager, dass sein Gesicht aussieht wie ein Schädel, den jemand vergessen hat zu begraben. Seine Augen sind wassergrau, und er sieht mich an, als prüfe er, ob ich der Bestätigung entspreche, die er erhalten hat. Miss Eleanor Vance? Ich nicke. Er tritt beiseite, und die Halle verschluckt mich.
Es ist nicht dunkel im Haus, sondern schattig, wie das Innere einer Kirche, in der die Kerzen niedergebrannt sind, aber niemand neues Licht gebracht hat. Die Wände sind in Holz getäfelt, dunkel wie Pech, und an der Stirnseite hängt ein Porträt — ein Mann in schwarzem Rock, das Gesicht schmal, die Augen so gemalt, dass sie einem folgen, wohin man sich auch wendet. Lord Edmund, nehme ich an. Sein Mund ist ein schmaler Schnitt, als hätte der Maler ihn im letzten Moment geschlossen, damit er nichts sagt, was er nicht sagen sollte.
Der Butler führt mich durch einen Korridor, dessen Teppich so dünn ist, dass meine Schritte auf dem Stein darunter hallen, als antwortete jemand mir. Wir passieren Türen, die geschlossen sind, und ich frage mich nicht, was dahinter liegt, weil ich es nicht wissen möchte. Am Ende des Korridors bleibt der Butler stehen und klopft an eine Tür, die breiter ist als die anderen, und eine Stimme — tief, mit einer Nebenschwingung, die nicht Unruhe ist, sondern etwas, das dicht daneben liegt — sagt: Herein.
Lady Ashbourne steht am Fenster, als ich eintrete, und das erste, was ich an ihr sehe, ist der Rücken. Sie ist groß, schmaler, als die Trauer es erfordert, und ihr Haar ist nicht schwarz, wie ich es erwartet hätte, sondern die Farbe von altem Wein — dunkelrot, fast braun im Licht, das durch das Fenster fällt. Sie trägt Schwarz, aber es ist kein Witwenschwarz, kein mattes, verwaschenes Trauerschwarz, sondern ein Schwarz, das so tief ist, dass es das Licht zu trinken scheint. Als sie sich umwendet, sehe ich ihr Gesicht, und es ist nicht das Gesicht einer Frau, die um einen Gemahl trauert.
Miss Vance. Sie spricht meinen Namen, als wäre er ein Schlüssel, den sie in ein Schloss einführt, um zu prüfen, ob er passt. Die Stimme
ist tief, wie die eines Contralto, der in einem leeren Saal singt. Ich bitte Sie, verzeihen Sie die Umstände. Greywick ist nicht… empfangend. Es war nie empfangend.Sie reicht mir die Hand, und ich nehme sie. Ihre Finger sind kalt, aber nicht die Kälte eines leblosen Dinges — eine Kälte, die gewollt ist, wie das Eis in einem Glas, das jemand lange in der Hand gehalten hat. Ihr Druck ist fest, und sie lässt nicht sofort los, sondern hält meine Hand einen Moment länger, als es die Höflichkeit verlangt, und sieht mich an. Ihre Augen sind haselnussbraun, aber das Braun ist nicht warm, sondern das Braun von Herbstblättern, die zu Erde werden, und es gibt in ihnen einen Ausdruck, den ich nicht benennen kann, weil ich ihn noch nie gesehen habe — nicht Begierde, nicht Neugier, sondern ein Prüfen, ein Abwägen, als wöge sie etwas, das sie in mir vermutet.
Der Tee wird serviert, in Tassen, die so dünn sind, dass ich das Gold des Tees durch das Porzellan schimmern sehe. Lady Ashbourne sitzt mir gegenüber, und zwischen uns steht ein Tisch, auf dem ein Kandelaber ruht, dessen Kerzen nicht flackern, als gäbe es im Zimmer keinen Luftzug, obwohl ich weiß, dass es einen gibt, denn das Haar an meinen Schläfen bewegt sich. Sie spricht über das Haus, über die Ländereien, über das Moor, das im Herbst das Wasser steigt und die Wege unpassierbar mache, und ich höre zu und trinke den Tee, der bitter ist, und bemerke, dass sie nicht über Lord Edmund spricht.
Ich erwähne ihn. Es ist ein Fehler, das sehe ich an der Art, wie ihre Hand, die gerade nach der Kanne greift, innehält, einen Moment lang, nicht länger, als würde eine Uhr in ihr stillestehen. Dann gießt sie nach, und der Tee läuft in meine Tasse, und sie sagt, ohne den Blick zu heben: Edmund ist tot. Es ist nicht nötig, über Tote zu sprechen, als wären sie noch unter uns. Es ist eine Bemerkung, die eine Tür schließt, aber ich höre das Schloss nicht zuschnappen, sondern ein Knarren, als wäre die Tür nicht ganz ins Schloss gefallen, als stünde sie einen Spalt offen, und als sähe ich durch diesen Spalt etwas, das ich nicht sehen sollte.
Der Abend kommt früh, wie er im Moor immer früh kommt, und das Licht in den Fenstern wird nicht golden, sondern Bernstein, dann Kupfer, dann nichts. Lady Ashbourne lässt mich in mein Zimmer führen — im Obergeschoss, am Ende des Korridors, mit einem Fenster, das auf den Turm blickt, dessen Fenster dunkel war, als ich ankam. Es ist dunkel geblieben. Ich frage den Butler, der mein Gepäck trägt, ob der Turm bewohnt sei. Er antwortet nicht, sondern legt nur die Hand auf den Türklopfer, als wolle er ihn berühren, bevor er geht, und dann ist er fort, und die Tür schließt sich, und ich bin allein.
Das Zimmer ist groß, aber nicht geräumig — es ist ein Zimmer, das zu viel enthält, als wäre es ein Möbellager, in dem man vergessen hat, Platz zu lassen für einen Menschen. Das Bett steht unter einem Baldachin, dessen Vorhänge nicht schwarz sind, sondern dunkelgrün, und das Grün ist so tief, dass es im Licht der Kerzen, die ich anzünde, schwarz wird. Der Teppich ist dick, und meine Füße sinken ein, als ginge ich auf Moorgrund, und ich ziehe die Stiefel aus und stehe barfuß, und der Teppich ist kalt, als läge er auf Stein, der nie gewärmt wurde.
Ich entkleide mich, nicht weil ich müde bin, sondern weil der Tag schwer war, und das Kleid, das ich trage, wie eine Rüstung eng wird, wenn man sie zu lange trägt. Die Knöpfe am Rücken sind klein, und meine Finger, die kalt sind, haben Mühe, und ich stehe vor dem Spiegel, halb entkleidet, und sehe mich — nicht als Frau, die ein Haus betritt, sondern als eine, die von einem Haus betreten wird. Das Spiegelbild ist nicht klar, das Glas ist , und mein Gesicht darin hat die Farbe von Wachs, und meine Schultern, die ich entblößt habe, sind im Spiegel nicht weiß, sondern bläulich, als läge ich schon unter Wasser.
Ich lege mich ins Bett, und die Laken sind kühl, nicht kalt, und ich ziehe die Decke bis ans Kinn und schließe die Augen, und das Moor draußen atmet, und der Wind geht um das Haus, und ich höre, wie das Holz knarrt, nicht wie ein altes Haus knarrt, sondern wie etwas knarrt, das sich dehnt, das sich regt, und ich öffne die Augen und sehe die Decke über mir, und der Baldachin wirft einen Schatten, der im Kerzenschein tanzt, und ich schließe die Augen wieder und schlafe nicht.
Dann ein Ton.
Es ist kein Schrei, kein Geräusch, das man benennen kann, sondern ein Klang, der tief ist und vibrierend, der durch die Wände kommt, als hätten sie ihn getragen, und er liegt nicht in den Ohren, sondern im Leib, dort, wo der Atem sitzt, und er geht durch mich wie eine Welle, nicht durch die Haut, sondern durch das Innere, und ich setze mich auf, und die Decke rutscht, und die Luft im Zimmer ist verändert — sie ist nicht kälter, nicht wärmer, sondern dichter, als hätte jemand etwas hineingebracht, das nicht sichtbar ist, das aber Raum einnimmt.
Ich stehe auf. Ich gehe zur Tür. Ich öffne sie nicht, sondern lege die Hand auf das Holz, und das Holz ist warm, als läge eine Hand auf der anderen Seite, als stünde jemand dort und wartete, und ich ziehe die Hand zurück und trete zurück und stehe im Zimmer, und der Klang ist fort, aber sein Nachklang sitzt in mir, in einer Tiefe, die ich nicht kannte, und ich lege die Hand auf meinen Leib, auf die Stelle unter dem Rippenbogen, wo er am tiefsten war, und meine Hand ist nicht kalt, sondern heiß, und ich weiß nicht warum.
Am Morgen komme ich spät hinunter. Die Sonne scheint, aber sie scheint nicht, sondern existiert nur, als ein heller Fleck im Grau, der sich bewegt wie ein Auge, das einen beobachtet. Lady Ashbourne sitzt am Frühstückstisch, und sie trägt kein Schwarz mehr, sondern Dunkelblau, und das Blau ist so dunkel, dass es das Licht schluckt, das durch die Fenster fällt, und sie sieht mich an, als ich eintrete, und ich sehe, dass sie die Nacht nicht verbracht hat, als hätte sie, die in einem Haus schläft, das ihres ist, nicht geschlafen, sondern gewartet.
Sie lächelt. Es ist ein Lächeln, das nicht die Augen erreicht, sondern an den Mundwinkeln stehen bleibt, als wäre es ein Gast, der nicht eingeladen wurde, aber auch nicht fortgeschickt. Sie bittet mich, mir zu setzen, und ich setze mich, und das Brot ist hart, und der Tee ist kalt, und sie spricht über das Moor, über die Vögel, die es nicht gibt, über die Blumen, die es nicht gibt, über das Leben hier, das kein Leben ist, sondern ein Warten, und sie sagt: Man gewöhnt sich an alles, Miss Vance. An alles. Und ich höre das Wort alles und weiß, dass es mehr bedeutet, als es sollte.
Wir gehen spazieren. Es ist Lady Ashbournes Vorschlag, und ich nehme ihn an, weil das Haus zu eng ist, weil die Wände zu nah sind, weil die Luft im Haus nach etwas riecht, das ich nicht kenne, das aber in meiner Nase sitzt und nicht weicht — süßlich, wie Blumen, die verwesen, und darunter etwas Scharfes, Metallisches, das ich schmecke, wenn ich die Zunge an den Gaumen lege. Der Weg führt durch den Garten, der kein Garten ist, sondern ein Stück Moor, das man eingezäunt hat, und die Pflanzen, die dort wachsen, sind nicht die, die ein Gärtner pflanzt, sondern die, die ein Moor von selbst bringt — krautig, dunkelgrün, feucht, und sie riechen nach Erde, die nicht trocken werden will.
Lady Ashbourne geht neben mir, und ihr Schritt ist lang, und ihr Mantel, der dunkelblau ist, weht hinter ihr, und ich sehe ihre Hand, die den Mantel hält, und die Finger sind lang und weiß, und ich sehe an ihnen, dass sie nie Arbeit getan hat, dass sie nie etwas in der Hand gehalten hat, das schwerer war als eine Tasse, und ich frage mich, was diese Hände halten, wenn sie nichts halten, und der Gedanke kommt ungerufen und geht nicht wieder.
Sie fragt mich, ob ich gut geschlafen habe. Ich sage ja. Es ist eine Lüge, und sie weiß es, denn sie sieht mich an, und der Blick ist nicht prüfend, sondern wissend, als hätte sie die Antwort gehört, bevor ich sie gab, und als wüsste sie mehr über meine Nacht als ich selbst. Sie sagt: Greywick hat seine Geräusche. Man lernt, sie zu unterscheiden. Es ist eine Bemerkung, die trösten soll, aber nicht tröstet, denn das Wort unterscheiden setzt voraus, dass es etwas zu unterscheiden gibt, und ich frage mich, was die Geräusche sind, die man unterscheiden lernt, und ich frage nicht, weil ich die Antwort nicht hören möchte.
Wir erreichen den Rand des Gartens, und das Moor liegt vor uns, grau und braun und grün, und der Nebel, der darüber liegt, ist nicht hoch, sondern niedrig, als läge er auf dem Boden, und ich sehe, dass er sich bewegt, nicht wie Nebel sich bewegt, im Wind, sondern wie etwas, das atmet, und ich bleibe stehen, und Lady Ashbourne bleibt neben mir stehen, und sie sagt, ohne mich anzusehen: Gehen Sie nicht ins Moor, Miss Vance. Nicht allein. Nie allein.
Ich frage warum. Sie antwortet nicht sofort, sondern steht da und sieht auf das Moor, und der Wind, der kommt, bringt einen Geruch, der nicht Erde ist, der nicht Wasser ist, sondern der ist wie der Geruch, der im Haus war, süßlich und scharf, und ich atme ihn ein, und er geht in mich, und ich schmecke ihn, und ich wende den Blick ab und sehe Lady Ashbourne, und sie sieht mich an, und in ihrem Blick ist etwas, das ich nicht deuten kann, das aber in mir etwas berührt, das nicht berührt werden sollte, und ich senke die Augen und sehe ihre Hand, die an ihrer Seite hängt, und die Hand ist nicht mehr entspannt, sondern geballt, und die Knöchel sind weiß, und ich weiß, dass sie etwas zurückhält, und ich weiß nicht, was.
Wir kehren zurück. Das Haus steht da, als hätte es gewartet, und die Fenster sind Augen, die nicht blinzeln, und die Tür ist ein Mund, der nicht schließt, und ich gehe hinein, und das Dunkel schließt sich um mich, und ich bin im Haus, und das Haus ist in mir.
Am Nachmittag sitze ich in der Bibliothek. Es ist ein Raum, der lang und schmal ist, und die Bücher, die an den Wänden stehen, sind nicht gelesen, sondern abgestellt, und der Staub auf ihnen ist nicht grau, sondern gräulich-schwarz, und ich streiche über einen Rücken, und der Staub bleibt auf meinem Finger, und ich reibe ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, und er ist nicht trocken, sondern leicht feucht, als wäre er nicht Staub, sondern etwas, das gewachsen ist.
Ich nehme ein Buch heraus. Es ist nicht eins, das ich wählen würde — es ist ein Buch über das Moor, über die Sagen, die man sich erzählt, über die Dinge, die im Moor leben, und ich lese, und die Worte sind , und die Buchstaben sind schmal und spitz, und ich lese über Wesen, die kein Gesicht haben, die im Nebel stehen und warten, die kommen, wenn man allein ist, die einen rufen, und ich lese, und das Licht wird weniger, und ich merke es nicht, und als ich aufsehe, ist das Zimmer dunkel, und die Kerze, die ich nicht angezündet habe, brennt, und ich weiß nicht, wer sie angezündet hat.
Ich stehe auf. Ich gehe zur Tür. Die Tür ist geschlossen, und ich lege die Hand auf die Klinke, und die Klinke ist warm, wärmer als sie sein sollte, und ich drücke sie hinunter und öffne die Tür, und im Korridor steht Lady Ashbourne, und sie trägt eine Kerze, und das Licht der Kerze fällt auf ihr Gesicht, und das Gesicht ist nicht das Gesicht, das ich am Morgen gesehen habe, sondern ein anderes, und ich kann nicht sagen, was anders ist, aber etwas ist anders, und ich trete zurück, und sie tritt ein, und die Tür schließt sich hinter ihr, und wir sind allein im Raum, und die Bücher an den Wänden schweigen.
Sie fragt mich, was ich lese. Ich zeige es ihr. Sie nimmt das Buch aus meiner Hand, und ihre Finger streifen meine, und die Berührung ist kurz, aber sie bleibt, wie ein Eindruck im Wachs, und ich spüre sie, und sie spüre ich, und ich ziehe die Hand nicht zurück, sondern lasse sie einen Moment liegen, und der Moment ist länger, als er sein sollte, und dann lässt sie los, und sie sieht das Buch an und sagt: Es gibt Dinge im Moor, die man nicht benennen sollte. Das Benennen gibt ihnen Form. Und Form gibt ihnen Macht.
Ich frage sie, ob sie an sie glaubt. Sie antwortet nicht, sondern stellt die Kerze auf den Tisch, und das Licht zittert, und die Schatten im Raum bewegen sich, und sie sagt: Ich glaube nicht an sie, Miss Vance. Ich kenne sie. Und das Wort kenne ist nicht das Wort glaube, und der Unterschied ist der zwischen einem, der von einem Abgrund spricht, und einem, der darin steht.
Sie geht, und ich bleibe, und das Buch liegt auf dem Tisch, und die Kerze brennt, und ich lese nicht weiter, sondern sitze und sehe auf die Flamme, und die Flamme zittert nicht mehr, seit Lady Ashbourne fort ist, und ich frage mich, warum sie zitterte, als sie da war, und ich frage mich, ob es die Luft war oder ob es etwas anderes war, und ich frage mich nicht weiter, sondern lösche die Kerze und gehe.
Am Abend sitze ich im Salon. Es ist ein Raum, der zu groß ist für eine Person, und die Möbel stehen an den Wänden wie Verbannte, und der Kamin brennt, und das Feuer ist nicht warm, sondern bildlich, als wäre es gemalt, und ich sitze im Sessel und sehe auf die Flammen, und die Flammen tanzen, und in ihrem Tanzen sehe ich Formen, die keine Formen sind, und ich wende den Blick ab.
Lady Ashbourne kommt. Sie trägt ein Glas Wein, und sie reicht mir eines, und ich nehme es, und der Wein ist rot, und das Rot ist nicht das Rot von Trauben, sondern das Rot von etwas, das älter ist, und ich trinke, und der Wein ist schwer und süß und hat einen Nachgeschmack, der nicht Traube ist, sondern Erde, und ich trinke nicht aus, sondern stelle das Glas hin.
Sie setzt sich mir gegenüber, und der Kamin ist zwischen uns, und das Feuer wirft Schatten auf ihr Gesicht, und das Gesicht ist im Feuerlicht nicht schön, sondern stark, und die Linien sind scharf, und die Augen sind dunkel, und sie sieht mich an, und ich sehe sie an, und zwischen uns ist das Feuer, und das Feuer brennt, und ich frage mich, ob das Feuer das ist, was zwischen uns ist, oder ob es etwas anderes ist, das brennt.
Sie fragt mich, ob ich bleiben will. Die Frage kommt nicht unerwartet, aber sie kommt direkt, ohne Vorbereitung, ohne Einleitung, und ich höre sie, und sie sitzt in mir, und ich antworte nicht sofort, und das Schweigen ist nicht unangenehm, sondern voll, wie ein Glas, das man nicht randvoll machen kann, weil man nicht weiß, wie viel es fasst. Ich sage: Ich weiß nicht, ob ich bleiben kann. Sie sagt: Die Frage war nicht, ob Sie können. Die Frage war, ob Sie wollen.
Ich antworte nicht. Ich trinke den Wein, und der Wein geht in mich, und er ist schwer, und ich spüre ihn, nicht im Magen, sondern tiefer, und ich sehe Lady Ashbourne, und sie sieht mich an, und das Feuer wirft Schatten, die sich bewegen, und die Schatten sind nicht ihre, und die meinen sind nicht meine, und ich wende den Blick ab und sehe auf das Glas in meiner Hand, und das Glas ist warm, und der Wein ist dunkel, und ich stelle es hin und stehe auf und sage: Ich werde mich zurückziehen.
Ich gehe die Treppe hinauf, und die Stufen knarren, und das Knarren ist ein Sprechen, und ich höre zu, und die Worte sind nicht in einer Sprache, die ich kenne, aber mein Körper kennt sie, und ich gehe schneller, und der Korridor ist lang, und die Türen sind geschlossen, und die Kerzen an den Wänden brennen, und die Flammen zittern, und ich erreiche meine Tür und öffne sie und trete ein und schließe sie und lege die Hand auf das Holz, und das Holz ist warm, und ich lege die Stirn dagegen, und das Holz ist warm, und ich stehe so, und ich atme, und mein Atem geht, und ich spüre, wie mein Leib sich bewegt, und die Bewegung ist nicht Atem, sondern etwas anderes, etwas, das tiefer sitzt, und ich lege die Hand auf meinen Bauch, und die Hand ist heiß, und der Bauch ist warm, und ich stehe so, und die Nacht ist außen, und das Moor atmet, und ich atme, und das Haus atmet, und ich weiß nicht, ob es mein Atem ist oder seiner.
Ich gehe zum Bett und lege mich nicht hin, sondern setze mich auf die Kante, und die Hände liegen in meinem Schoß, und ich sehe auf das Fenster, und der Turm ist dort, und das Fenster des Turms ist dunkel, und ich sehe es an, und es sieht mich an, und ich wende den Blick nicht ab, sondern halte ihn, und das Dunkel im Fenster hält mich, und ich sitze, und die Nacht geht, und ich gehe nicht ins Bett, sondern sitze und sehe auf den Turm, und der Turm sieht auf mich, und ich warte, und ich weiß nicht, worauf.
Das Moor atmet. Ich höre es durch die Fensterscheibe — ein langsames, feuchtes Einziehen und Ausstoßen, als läge etwas Riesiges unter der Erde und würde den Schlamm in den Lüften umwälzen. Die Kerze auf dem Nachttisch flackert, und das grüne Himmelbett um mich herum wirft Schatten, die wie Vorhänge aus tiefem Wasser erscheinen. Meine Hände liegen auf meinem Schoß, die Finger der rechten noch warm vom Bauch, die der linken kalt, als hätte ich sie in Wasser getaucht. Ich sitze auf der Bettkante, und der dunkle Turm draußen starrt zurück.
Dann kommt der Sturm.
Er fällt nicht vom Himmel, sondern steigt aus dem Moor. Zuerst ein Knacken im Gebälk über mir, dann ein Pfeifen in den Ritzen der Fensterläden, als würde das Haus selbst scharfe Luft durch die Zähne ziehen. Das Flackern der Kerze wird zum Zittern, zum Erblassen, und dann — ein Schlag. Regen trifft das Fenster wie eine offene Hand, und das Glas klirrt in seiner Bleifassung. Ich stehe nicht auf. Meine Knie pressen sich zusammen, und das Nachthemd klebt an meinen Schenkeln, wo der Schweiß sich gesammelt hat. Es ist kein gewöhnlicher Schweiß. Er riecht süßlich und faulig, wie die Luft in den unteren Gängen des Hauses, und ich weiß, dass der Geruch nicht von mir kommt.
Der Regen hämmert jetzt ohne Unterlass, und der Wind heult durch die Schornsteine mit einer Stimme, die kein Tier besitzt. Ich höre, wie etwas im Garten knickt — ein Baum, eine Mauer, ich kann es nicht sehen. Das Fenster ist blind geworden aus Wasser und Dunkelheit. Der Turm ist verschwunden, als hätte der Sturm ihn verschluckt, und ich bin allein in einem Zimmer, das zu klein und zu groß zugleich ist, voller Möbel, die im Dunkeln wie schlafende Tiere wirken.
Dann — Stille.
Nicht die Stille der Nacht, sondern eine andere. Der Regen prasselt noch, der Wind heult noch, aber darunter öffnet sich ein Raum, eine Pause, als würde das Haus den Atem anhalten. Und in diese Pause legt sich ein Flüstern.
Es kommt von unten. Von draußen. Von —
Unter meinem Fenster.
Meine Finger verkrampfen sich im Stoff des Nachthemds. Das Flüstern ist leise, kaum lauter als das Rauschen des Regens, aber es durchschneidet all den Lärm wie eine Nadel durch Stoff. Es formt Silben. Es formt —
Eleanor.
Mein Name. Mein Name, gesprochen mit einer Stimme, die ich kenne. Die ich kannte. Die Stimme meiner Tante. Nicht die kränkelnde, brüchige Stimme ihrer letzten Monate, nicht das müde Flüstern am Sterbebett, sondern ihre volle, warme Stimme, so wie sie klang, wenn sie mich als beim Namen rief, am Fenster stehend, die Hände mehlbestäubt, den Kopf geneigt.
Eleanor, komm.
Ich stehe auf. Meine Beine zittern nicht — sie sind fest, als stünden sie auf einem Boden, der nicht mehr der des Zimmers ist. Das Nachthemd fällt um meine Knöchel, und meine nackten Füße berühren den Holzboden, der kalt und feucht ist, als hätte jemand ihn gewischt mit Moorwasser. Ich gehe zum Fenster und lege die Handfläche gegen das Glas. Es ist eiskalt. Unter meinen Fingern zieht sich Kondenswasser, und ich wische es weg, und dahinter —
Nichts. Nichts als Regen und Dunkelheit und das Moor, das jetzt nicht mehr atmet, sondern wartet.
Eleanor. Komm zu mir.
Die Stimme ist näher. Sie kommt nicht mehr von unten, sondern von der Tür. Ich drehe mich. Die Tür ist geschlossen, aber das Licht der Kerze wirft einen Schatten darunter, einen Schatten, der sich bewegt. Oder ich bilde es mir ein. Ich bilde mir alles ein. Ich habe Fieber. Das Moor hat mir etwas eingehaucht, und ich —
Eleanor.
Die Tür knarrt. Nicht der Wind. Ein Druck von der anderen Seite, als würde jemand sich dagegen lehnen, als würde jemand dastehen und warten.
Ich gehe zur Tür. Meine Hand liegt auf der Klinke, und die Klinke ist warm. Warm, als hätte jemand sie gerade losgelassen. Ich drücke sie hinunter und öffne die Tür, und der Flur ist dunkel, und am Ende des Flurs brennt Licht — kein Kerzenlicht, kein Lampenlicht, sondern ein diffuses, blaues Leuchten, als wäre das Haus selbst phosphoreszierend geworden.
Die Stimme ist fort. Aber das Leuchten bleibt, und ich gehe darauf zu, barfuß, im Nachthemd, die Haare gelöst, und der Fußboden unter mir ist nass, und ich weiß, dass ich träume, aber ich wache nicht auf.
Die Treppe hinunter. Jede Stufe knarrt, und das Knarren hat einen Rhythmus, als würde das Haus zu sich selbst sprechen. Die Diele ist leer, das Porträt von Lord Edmund hängt schief, als hätte es jemand angestoßen, und die Augen im Gemälde folgen mir nicht mehr — sie starren auf die Tür zum Salon, als wüssten sie, wohin ich gehe.
Die Tür zum Salon steht offen. Drinnen brennt das Feuer, aber es brennt falsch — zu hoch, zu grünlich, als hätte jemand Moorwasser auf die Holzscheite gegossen. Lady Ashbourne steht mit dem Rücken zu mir am Kamin, und ihre Hände liegen auf der Kaminplatte, als würde sie sich festhalten. Ihr schwarzes Haar ist gelöst und fällt über ihre Schultern, und das Kleid — nicht das Witwenkleid, sondern das tiefe Schwarz, das sie seit meiner Ankunft trägt — spannt sich über ihrem Rücken, als würde sie atmen, als würde in ihr etwas atmen.
„Sie haben mich gerufen”, sage ich.
Meine Stimme ist fremd. Sie klingt wie die einer anderen Frau, einer, die nicht zögert, nicht flieht, nicht erstarrt. Ich höre sie und erkenne sie nicht.
Lady Ashbourne dreht sich nicht um. „Ich habe Sie nicht gerufen.”
„Die Stimme meiner Tante hat mich gerufen.”
Jetzt dreht sie sich. Ihr Gesicht im Feuerlicht ist weiß, nicht blass, sondern weiß wie Knochen, und ihre Augen — ich habe ihre Augen nicht zuvor bemerkt, aber jetzt sehe ich sie, und sie sind nicht die Augen einer Lebenden. Sie sind zu dunkel, zu groß, als hätte etwas hinter ihnen Platz genommen und sie von innen nach außen gedrückt.
„Sie hat Sie gerufen”, sagt Lady Ashbourne. „Ich nicht. Sie.”
„Meine Tante ist tot.”
„Ja.”
„Wie —”
„Sie ist in mir.”
Die Worte fallen zwischen uns wie Steine in Wasser. Das Feuer knistert, grünlich und falsch, und ich sehe, wie Lady Ashbournes Hände zittern, nicht vor Kälte, sondern vor Anspannung, als würde sie etwas festhalten, das heraus will.
„Sie hat Schulden gehabt”, sagt Lady Ashbourne, und ihre Stimme ist jetzt nicht mehr die ihre, sondern eine andere, die sich darunter schiebt, wie eine zweite Melodie. „Ich habe sie bezahlt. Vor neun Jahren. Sie kam zu mir — krank, verzweifelt, ohne Penny — und ich habe ihre Schulden beglichen, und sie hat mir dafür etwas gegeben, das sie nicht geben durfte.”
„Was?”
„Sich.”
Das Wort hängt in der Luft. Ich rieche den süßlichen Geruch jetzt stärker, und er kommt nicht vom Moor, sondern von Lady Ashbourne, von ihrer Haut, von dem Stoff ihres Kleides, und ich erkenne ihn: es ist der Geruch meiner Tante, der Geruch ihres Hauses, der Geruch von Mehl und Lavendel und Krankheit und Verfall.
„Sie hat mir sich selbst gegeben”, sagt Lady Ashbourne, und jetzt tritt sie auf mich zu, und ich trete nicht zurück, und das Feuer wirft Schatten über ihr Gesicht, und die Schatten bewegen sich nicht mit ihren Zügen, sondern gegen sie. „Und als sie starb, kam sie zu mir. Nicht ins Moor, nicht in die Erde. In mich. Und sie geht nicht.”
Ihre Hände greifen nach dem Stoff ihres Kleides, an der Schulter, und sie reißt. Der Stoff gibt nicht sofort nach — er ist schwer, schwarz, genäht für eine Frau, die Trauer nicht trägt, sondern besitzt — aber dann reißt er, und der Ton ist der einer Wunde, die aufspringt, und das Kleid fällt auseinander, von der Schulter bis zur Hüfte, und die Haut darunter ist —
Ich atme ein.
Ihre Haut ist nicht weiß. Sie ist durchscheinend. An der Schulter, wo der Stoff abgerutscht ist, sehe ich die bläulichen Adern darunter, und sie pulsieren, aber nicht mit Blut, sondern mit etwas anderem, etwas Dunklem, das sich bewegt wie Wasser unter Eis. Die Brust — entblößt bis zur Hüfte, das Kleid nur noch an der anderen Schulter haltend — ist gezeichnet, nicht mit Tätowierungen, sondern mit etwas, das von innen kommt: ein Netz von feinen, dunklen Linien, die sich über ihr Schlüsselbein ziehen, über die Rundung ihrer Brust, um die Brustwarze herum, die dunkel ist und erhärtet, als würde sie von etwas berührt, das nicht sichtbar ist.
„Fühlen Sie das?” fragt Lady Ashbourne, und ihre Stimme ist jetzt die der toten Frau, die meiner Tante, und ich höre sie, und meine Knie geben nicht nach, sondern werden hart, als würden sie Wurzeln schlagen.
„Fühlen Sie, was in mir ist?”
Sie greift nach meiner Hand. Ihre Finger sind kalt, aber nicht so kalt wie die Klinke, nicht so kalt wie das Glas — kalt wie ein Körper, der nicht mehr atmet, aber noch nicht erkaltet ist. Sie legt meine Hand auf ihre Brust, auf das Netz der dunklen Linien, und unter meiner Handfläche —
Ein Herzschlag. Aber nicht einer. Zwei. Einer langsam und tief, einer schnell und flatternd, und der zweite liegt nicht neben dem ersten, sondern hinter ihm, als hätte sich etwas in den Raum zwischen Rippen und Herz gedrückt.
„Sie ist hier”, sagt Lady Ashbourne, und ihre Lippen bewegen sich, aber die Stimme kommt von tiefer, von der Stelle unter meiner Hand. „Seit neun Jahren. Und sie will heraus.”
„Lassen Sie sie heraus.”
„Das kann ich nicht. Nicht allein.”
Ihre Hand drückt meine fester auf ihre Brust, und ich spüre, wie sich die dunklen Linien unter meiner Handfläche bewegen, wie sie sich zusammenziehen und dehnen, als würden sie atmen. Und ich spüre etwas anderes: eine Wärme, die nicht die ihre ist, die nicht die meine ist, die aus dem Punkt kommt, an dem unsere Haut sich berührt, und sie zieht mich nicht an, sondern durch mich hindurch, als würde sie einen Kanal öffnen, der bisher verschlossen war.
„Sie muss übergeben werden”, sagt Lady Ashbourne, und ihre Augen sind jetzt ganz dunkel, und das Feuer hat aufgehört, grünlich zu brennen — es brennt jetzt rot, tiefrot, und die Schatten an der Wand sind nicht mehr die ihren, sondern die einer dritten Frau, die zwischen uns steht und nicht dort steht. „Nicht weitergegeben. Übergeben. Jemand muss sie nehmen. Jemand, der ihr Blut trägt.”
„Ich.”
„Sie.”
Ich ziehe meine Hand nicht zurück. Die Wärme unter meiner Handfläche pulsiert jetzt, und sie pulsiert im Rhythmus des zweiten Herzschlags, des flatternden, und ich erkenne ihn: es ist der Herzschlag meiner Tante, nicht wie er am Ende war, sondern wie er war, als sie gesund war, als sie mich auf den Schoß nahm und mir Geschichten erzählte, und ich —
Ich will sie zurück.
Nicht als Tote. Nicht als Geist. Aber die Sehnsucht, die ich seit ihrem Tod in mir trage, die Sehnsucht nach ihrer Stimme, nach ihren Händen, nach dem Geruch von Mehl und Lavendel, die Sehnsucht, die ich nie benannt habe, weil sie zu groß und zu falsch war, um sie zu benennen — sie öffnet sich jetzt, und das, was in Lady Ashbourne wohnt, drängt darauf, hindurch, in mich, und ich —
„Wie?”
Das Wort kommt heiser. Ich habe den Mund geöffnet, und er ist trocken, und meine Zunge liegt schwer hinter den Zähnen, und ich habe gefragt, und ich weiß die Antwort, bevor sie kommt.
Lady Ashbourne lässt meine Hand los. Sie tritt zurück, und das Kleid rutscht weiter, gibt den Blick frei auf ihren Bauch, auf die Hüfte, auf die Linien, die sich bis zu ihrem Schambein ziehen, wo sie sich verdichten, wo sie einen Knoten bilden, der pulsiert. Sie steht vor mir, entblößt bis zur Hüfte, und sie ist nicht beschämt — Beschämung wäre eine menschliche Reaktion, und was in ihr wohnt, ist nicht mehr ganz menschlich.
„Sie müssen mich nehmen”, sagt sie. „Nicht wie ein Mann eine Frau nimmt. Nicht wie eine Liebende eine Liebende nimmt. Sie müssen mich nehmen wie das Moor das Wasser nimmt — ohne zu fragen, ohne zu zögern, ohne zurückzugeben.”
Ich verstehe nicht. Und ich verstehe doch.
„Legen Sie die Hände auf mich”, sagt Lady Ashbourne, und ihre Stimme ist jetzt doppelt, die ihre und die der toten Frau, ineinander verwoben, und es klingt nicht wie zwei Stimmen, sondern wie eine, die sich selbst überlagert. „Nicht hier.” Sie legt ihre eigene Hand auf die Stelle, an der die Linien sich verdichten. „Hier. Und nehmen Sie.”
Sie kommt auf mich zu, und ich trete nicht zurück, und das Feuer brennt rot, und die Schatten der dritten Frau tanzen an der Wand, und der Sturm heult um das Haus, und das Moor atmet, und ich bin nicht mehr passiv, nicht mehr das Objekt, das von einem Haus betreten wird, nicht mehr die Frau, die auf der Bettkante sitzt und wartet. Ich bin —
Ich lege meine Hand auf sie.
Die Linien unter meiner Handfläche sind heiß. Nicht warm, nicht heiß wie Fieber, sondern heiß wie ein offenes Feuer, und sie bewegen sich unter meiner Haut, und ich spüre, wie sich etwas in Lady Ashbourne regt, wie es sich streckt, wie es sich gegen meine Hand drückt, wie eine Hand, die durch eine Tür greift.
Eleanor.
Die Stimme meiner Tante spricht aus Lady Ashbournes Mund, und ihre Lippen formen meinen Namen, und ich —
Ich drücke meine Hand fester auf die Stelle, an der die Linien sich verdichten, und Lady Ashbourne stöhnt, und das Stöhnen ist nicht das ihre, sondern das der toten Frau, und es ist nicht Schmerz, sondern Erleichterung, und es ist nicht Erleichterung, sondern Verlangen, und ich —
Ich drücke fester. Meine Finger graben sich in die Linien, und die Linien geben nach, sie öffnen sich unter meiner Hand wie eine Wunde, die sich umkehrt, und ich spüre, wie etwas aus Lady Ashbourne herausströmt, durch die Öffnung, durch meine Hand, durch meinen Arm, in meinen Leib, und es ist warm und kalt zugleich, und es ist die Stimme meiner Tante und der Geruch von Mehl und Lavendel, und es ist die Erinnerung an ihre Hände in meinen Haaren und die Erinnerung an ihren Atem an meinem Ohr, und es ist alles, was ich nie gesagt habe, und alles, was ich nie gefühlt habe, und alles, was ich nie genommen habe, und ich nehme jetzt, ich nehme, und Lady Ashbourne —
Lady Ashbourne weint. Ihre Tränen sind nicht klar, sondern dunkel, und sie laufen über ihre Wangen wie Tinte, und ihr Körper bebt, und die Linien auf ihrer Haut verblassen, nicht alle, nicht sofort, sondern langsam, wie Tinte, die ausgewaschen wird, und ich nehme, und sie gibt, und die dritte Frau an der Wand verblasst mit den Linien.
Ich nehme, bis meine Hand nicht mehr heiß ist, sondern kalt, bis die Stelle unter meiner Handfläche glatt ist und keine Linien mehr trägt, bis Lady Ashbourne nicht mehr weint, sondern atmet, und ihr Atem ist leise und gleichmäßig, und ihre Augen sind nicht mehr dunkel, sondern braun, und sie —
Sie sieht mich an.
„Es ist vollbracht”, flüstert sie, und ihre Stimme ist nur die ihre, und sie ist müde, und sie ist leer, und sie ist frei.
Ich nehme meine Hand weg. Meine Finger sind kalt, und in meinem Leib pulsiert etwas, das nicht mir gehört, und ich weiß, dass ich es trage, und ich weiß, dass es bleibt, und ich weiß, dass ich es nicht zurückgeben kann, und ich will es nicht zurückgeben.
Der Sturm draußen wird leiser. Das Feuer im Kamin verliert sein rotes Licht und brennt jetzt gewöhnlich, orange und warm, und die Schatten an der Wand sind nur noch die von uns beiden. Lady Ashbourne steht vor mir, ihr Kleid zerrissen bis zur Hüfte, ihre Haut blass und glatt und frei von Linien, und sie ist —
Sie ist klein. Sie war nie groß, aber jetzt scheint sie geschrumpft, als hätte das, was in ihr war, sie von innen gestützt, und ohne es fällt sie in sich zusammen. Sie setzt sich auf den Sessel beim Feuer, und der Sessel knarrt, und sie zieht das zerrissene Kleid um sich wie einen Mantel, und ihre Finger zittern, aber nicht vor Kälte.
„Sie hat mich bezahlt”, sagt Lady Ashbourne, leise, als spräche sie zu sich selbst. „Sie kam nach Greywick, krank und verzweifelt, und ich bezahlte ihre Schulden, und sie — sie wollte mir nicht mit Geld zurückzahlen. Sie sagte, sie habe nichts als sich selbst. Und ich — ich nahm. Nicht wissend, was ich nahm. Sie legte ihre Hände auf mich, und ich spürte, wie sie in mich einging, und ich dachte, es sei Zärtlichkeit. Es war keine Zärtlichkeit. Es war Übergabe. Und sie ging nicht mehr.”
Ich stehe vor ihr, und meine Hände hängen an meinen Seiten, und in meinem Bauch ist eine Wärme, die nicht die meine ist, und sie bewegt sich, und sie atmet, und ich lege meine Hand darauf, und sie wird still.
„Sie bleibt in mir”, sage ich.
Lady Ashbourne hebt den Kopf. „Ja.”
„Für immer?”
„Bis Sie sie weitergeben.”
„Ich werde sie nicht weitergeben.”
Die Worte fallen aus mir, und ich höre sie, und sie sind wahr, und ich weiß nicht, ob ich sie spreche oder ob die tote Frau in mir sie spricht, und es macht keinen Unterschied. Das Feuer knistert. Der Sturm heult. Das Moor atmet. Und ich stehe im Salon von Greywick Manor, im Nachthemd, barfuß, die Haare gelöst, und ich trage die Stimme meiner Tante in meinem Leib, und das Haus hat mich aufgenommen, und ich habe das Haus aufgenommen, und der dunkle Turm draußen ist jetzt nicht mehr dunkel — im Fenster brennt ein Licht, und ich weiß nicht, wer es angezündet hat, und ich frage nicht.