Blind-Date in Berlin als Reihe – Teil 2

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„Bella? Was zur Hölle…“, setzte Marc an, doch die blinde Frau, die neben Bella schritt, hob gebieterisch die Hand. Die Blonde ohne Augen hatte ihre Glasprothesen wieder eingesetzt, jedoch auf die Augenbinde aus schwarzer Spitze verzichtet. Für diesen Auftritt hatte sie aus dem Repertoire der Augenpaare, die sie auf Reisen immer in ihrem Schminkkoffer verwahrte, die eisblauen Husky-Kopien ausgewählt, die ihrem starren Schielen eine unheimliche Kälte verliehen.
„Ihr starrt auf meine Augen, als wären sie eine Tragödie“, begann sie, und ihre Stimme schnitt durch den wummernden Bass des Clubs wie die frostige Klinge eines unterkühlten Skalpells. Die vielen Jahre, die sie schon ihr vollblindes Leben lebte, hatten sie gelehrt, ihr aufgegebenes Augenlicht mit ihren verbliebenen Sinnen zu kompensieren, und sie trat mit gemessenem Gang Schritt für Schritt auf die Clique zu. „In der Kultur meiner Ahnen, auf einer Insel, die ihr niemals auf euren Touristenkarten finden werdet, ist das Entfernen der Augäpfel kein Raub. Es ist ein heiliges Geschenk zum Übergang ins Frauensein.“
Sophie schluckte hart, ihr Gesicht wurde bleich. „Ein Geschenk? Wie kann man das…“
„Weil das Auge trügt“, unterbrach sie die Blinde sanft. „Das Auge sieht nur Oberflächlichkeiten, wie Kleider, Marken, Fassaden, protzige Autos und makellos gespachtelte Make-up-Gesichter, die sich wie Schleier über Seelen legen. Es macht euch oberflächlich, zickig und blind für die wahre Essenz. In meiner Heimat befreien wir die jungen Frauen von der Tyrannei des Visuellen. Ohne die Last des Sehens schärfen sich die Sinne für das, was wirklich zählt, wie beispielsweise die Vibration einer mitreißenden Musik, die Wärme der Haut, die Reinheit des Herzens und die Lust auf Sex, die wie Feuer in uns Menschen brennt.“
„Eine Frau, die nicht sieht, ist blind für die Oberflächlichkeiten, die an ihr vorbeiziehen, und deshalb kann auch ihr Urteil über Wichtiges, das sie fühlen kann, nicht vom Geplänkel der Blender verwässert werden. In meiner Heimat sehen wir die Augen einer Frau wie die Flügel eines Vogels, der wegfliegt, wenn sie ihm nicht zur richtigen Zeit gestutzt werden. Wir nehmen das Licht, damit die Seele zu leuchten beginnt. Nur das Ritual verschafft uns Zugang zur höchsten Form der Sensibilität, die ihr in eurer lärmenden und bunt übertünchten Welt niemals erreichen werdet.“
Bella nickte langsam, ihre Augen glänzten vor Bewunderung. Marc und die anderen schwiegen, sichtlich erschüttert von der rituellen Logik, die so gar nicht in ihr Berliner Nobel-Leben passte.
„Ihr nennt es Behinderung“, schloss die Blinde mit einem rätselhaften Lächeln. „Wir nennen es Erleuchtung.“, worauf sich das Trio geschlossen umdrehte und in der Dunkelheit des Clubs verschwand, während die Clique wie versteinert zurückblieb.
„Warte!“, rief Lina, die ihnen noch schnell spontan nachgeeilt war. Fast schon atemlos hielt sie die im Gehen befindliche Gruppe gerade noch rechtzeitig am Ausgang des Clubs auf. Die anfängliche Zickigkeit war purer Gier nach dem Exotischen gewichen. „Du kannst nicht einfach so gehen. Erklär uns das … Wie fühlt sich das an, wenn der Schmerz nachlässt? Wenn man nur noch diese … Schwingungen hat?“
Auch Marc traf etwas später noch nach Lina ein und gab seinem angestachelten Ego selbstgefällig Raum: „Was für ein Ritual …? Welche Zeremonie …? Wir haben Geld und wir wollen das Ganze genauso wie Bella mit euch miterleben …“
Die blinde Frau hielt inne und ein wissendes Lächeln umspielte mit verborgenem Triumphieren ihre Lippen, während sie die neugierigen Bemühungen der Clique als finalen Erfolg ihrer Mission feierte. „Ok, wir kommen zurück und weihen euch in die Hintergründe der ganzen Geschichte ein”, sagte sie mit einem Grinsen im Gesicht, das Marc nicht zu deuten vermochte, und machte kehrt.
Mit leiser, etwas verklärt klingender Stimme begann sie, von Nächten auf der Insel zu berichten, vom Duft der rituellen Kräuter und der absoluten Stille, die in dem Moment eintritt, wenn das Licht für immer erlischt. Doch während die jungen Erben gebannt an ihren Lippen hingen, blieben sie blind für die Gefahr, die sich nur einen Tisch weiter entwickelte.
Dort, im Halbschatten einer Nische, saßen zwei Männer, die so gar nicht in das glitzernde Ambiente des exklusiven Clubs passen wollten. Ihre Gesichter waren wettergegerbt, ihre Anzüge teuer, aber ohne jede Eleganz – die Uniformen des Berliner Rotlichtmilieus. „Kalle“, ein Mann mit einer vernarbten Augenbraue, beobachtete das Trio durch den Rauch seiner Zigarre. Neben ihm saß „der Russe“, dessen kalte, hellblaue Augen ununterbrochen die Bewegungen der Blinden fixierten.
„Hast du das gehört, Kalle?“, flüsterte der Russe, ohne den Blick abzuwenden. „Ein Geschenk zum Frausein. Keine Urteile, nur Gefühl. Stell dir vor, wir hätten eine solche Ware für unsere Clubs im Osten im Portfolio.“
Kalle grinste dreckig und entblößte eine Reihe von Goldzähnen. „Eine neue Marktlücke … ‘Die blinden Engel’.“ „Meine Freier würden vielleicht für solche wie die echt Schlange stehen”, steuerte der andere Gauner bei. „Etwas Exklusives, das keiner außer uns im Programm hätte … Und das Beste: Sie sehen die Gesichter nicht. Sie können keinen Menschen jemals auf einem Foto wiedererkennen, und hinzu kommt noch, dass sie mit ausgestochenen Augen nicht mehr alleine weglaufen können“, und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er Bellas fasziniertes Gesicht beobachtete. „Diese kleinen Rich-Kids da drüben spielen mit dem Feuer. Aber wir, … wir machen ein cooles Geschäft daraus. Wenn die Gören erstmal glauben, es sei eine ‘spirituelle Erleuchtung’, bringen sie ihre Skalpelle vielleicht sogar selbst mit.“
Während die Clique im Separee-Eingang noch über die Ästhetik des Opfers philosophierte, war in den dunklen Köpfen der beiden Männer bereits der erste grausame Businessplan in der für die Russenmafia bekannten Skrupellosigkeit entstanden.
Lange nach Mitternacht machte sich die Clique zusammen mit dem Trio auf, um den Club gemeinsam zu verlassen. Die beiden Gestalten, die ihnen unerwartet aus dem Schatten einer Nische kommend den Weg versperrten, hatte außer der Blinden noch niemand der Gruppe bewusst wahrgenommen. Kalle trat mit einem einnehmenden, wenn auch räuberischen Lächeln vor und hob beschwichtigend die Hände, an denen schwere Siegelringe glänzten.
„Entschuldigt die Störung, meine Herrschaften“, raunte er mit rauer, geölter Stimme. „Aber wir konnten nicht umhin, ein wenig von diesem faszinierenden Gespräch mitzubekommen. Wahrlich … erleuchtend.“ Im selben Moment trat lautlos der Russe neben ihn und seine kalten Augen fixierten kurz die fahl im Mondlicht schimmernden Prothesen der blinden Frau, bevor er den Blick auf die Clique wandte. „Es wäre eine Schande, wenn dieser Abend jetzt schon enden würde. Wir haben da hinten einen privaten Salon – viel ruhiger, viel diskreter … Die nächste Runde … die geht natürlich auf unser Haus.“
Marc, der die teuren Uhren der beiden grobschlächtigen Männer bemerkte, blickte kurz zu den Frauen. 
Bella war noch immer völlig berauscht von der Nähe der mysteriösen Unbekannten, und auch Lina und Sophie wirkten wie hypnotisiert von der prickelnden Aura der Blinden, deren Anwesenheit ihre Gehirne zusehends mit erotisierender Schwärze flutete.
„Warum eigentlich nicht?“, meinte Marc und versuchte, weltmännisch zu klingen. „Die Nacht ist noch jung. Schließlich wollten wir genauso wie ihr auch noch mehr über diese … diese mysteriöse Insel erfahren.“
Die blinde Frau neigte das Haupt, als würde sie die Raubtierenergie der beiden Männer wittern, doch sie widersprach nicht. Der Assistent und der Adonis tauschten einen kurzen Blick aus, weil sie die einzigen Beteiligten waren, die den stummen körpersprachlichen Befehl der Blinden richtig zu deuten gelernt hatten.
„Hervorragend“, grinste Kalle und legte Marc fast schon kumpelhaft den Arm um die Schulter, während er den anderen den Weg wies. „Wir haben dort hinten ganz speziellen Champagner. Und vielleicht können wir ja gemeinsam darüber philosophieren, wie man diese wunderbare Tradition eurer blonden Freundin … auch hier in Berlin ein wenig populärer machen könnte.“
Während die Gruppe in den hinteren, noch dunkleren Teil des Clubs abbog, tauschten Kalle und der Russe hinter deren Rücken ein kurzes, beinahe unmerkliches Nicken aus. Die Falle war gestellt, und der Köder, den sie Marc in einem wirren Smalltalk mit einer Mischung aus spiritueller Ekstase und exklusivem Grauen entwickelten, hatte – so schlecht er war – doch bestens funktioniert. Noch bevor sie das marode Gebäude, das ihr Ziel war, erreichten, hatten sie den verzogenen Yuppie aus bestem Hause schon felsenfest am Haken. Ohne auf die Blinde und ihr Trio zu achten, hatte er bereits so perfekt zugeschnappt, dass sie ihm und seiner Clique nicht mehr aus der Patsche helfen konnten.
Der private Salon entpuppte sich als ein tiefgelegenes, fensterloses Kellergewölbe unter dem Club, in das kein Laut der Außenwelt drang. Die Wände waren mit schwerem, weinrotem Samt bespannt, der das Licht der wenigen Kerzen förmlich verschluckte. In der Mitte des Raumes wartete eine Frau, deren Ausstrahlung den Raum alleine völlig ausgefüllt hätte. Sie bewegte sich mit einer ruhigen, fast hypnotischen Eleganz durch das Halbdunkel, während die schattenhaften Gestalten der Hintermänner im Hintergrund blieben.
Eine schwere Tür öffnete sich, und ein Mann in einem eleganten Anzug trat aus dem Schatten. Sein Blick war kühl und berechnend, als er die Szenerie musterte. Er war ein Geschäftsmann, der gewohnt war, zu bekommen, was er wollte, und die Atmosphäre im Raum schien sich mit seiner Ankunft merklich anzuspannen. Die Gespräche wurden leiser, als die Verhandlungen über die Zukunft dieses exklusiven Kreises begannen. Es ging um Macht, Einfluss und die dunklen Facetten der nächtlichen Stadt. Die Frau im Zentrum der Aufmerksamkeit blieb unbewegt, ein Symbol für die Rätsel, die dieser Ort barg. In diesem Moment wurde klar, dass die Entscheidungen, die hier in der Tiefe getroffen wurden, weitreichende Konsequenzen für alle Beteiligten haben würden. Die Schatten an den Wänden schienen länger zu werden, während die Beteiligten ihre nächsten Schritte planten.
„Wo sind die hin …?”, raunte Bella, die als Erste bemerkte, dass das Trio wie vom Erdboden verschluckt verschwunden war. 
„Hey, Bella, die sind halt in ihrer Dunkelheit abgetaucht, das ist doch ihr gutes Recht, oder?”, plapperte Lina völlig naiv und viel zu laut eine unüberlegte Antwort heraus.
***
„Ab hier übernehme besser ich die Führung“, ordnete die Blinde an, die von ihren beiden Begleitern mit dem Namen Maya angesprochen wurde. Mit emotionsloser Präzision schob sie den Adonis und den Hageren zur Seite, die sofort erkannten, dass Maya keinen Widerspruch dulden würde. Die Klinke der Brandschutztür, zu der sie durch den Keller des alten Gebäudes geführt worden war, fühlte sich so eisig wie Mayas Stimmung an.
Maya dachte über den bisherigen Verlauf des Abends nach: Nach dem ersten Flirt mit der Frau, die auf den Namen Bella hörte, hatten sie ganz spontan im Separee des Clubs ein wunderschönes Sexerlebnis gehabt. Vermutlich hatte Bella die Erfüllung all ihrer Träume und Sehnsüchte erlebt, nachdem sie die Einladung zu spontanem Sex ohne zu hadern angenommen hatte. Ganz unbefangen hatte sie die süßesten Leckereien genossen, die Maya ihr geboten hatte. Danach hatte sich für Maya und Bella ein wunderschöner Abend mit dem Austausch weiterer Zärtlichkeiten entwickelt, umgeben von Freunden in lockerem Plausch.
Im weiteren Verlauf des Abends hatten es zwei zwielichtige Männer geschafft, Bella und die anderen Yuppies mit diffusen Versprechen von Geld und Gewinn von der Gruppe zu trennen. Geschickt hatten die Mafiosis Gespräche zwischen den Mitgliedern des Trios und den Yuppies belauscht und unerkannt auf den besten Zeitpunkt gewartet. Sie hatten genau den richtigen Ton angeschlagen, um sie in eine Falle zu locken. Weil sowieso schon alle in Aufbruchsstimmung gewesen waren, hatten sich Bella und ihre Clique unter der Wirkung des Alkohols einlullen lassen und waren den Männern in ein Gemäuer jenseits des Parkplatzes gefolgt, von dem aus ein unterirdischer Gang in unheimliche Räume führte, die sich unter der Disco befanden.
Maya hatte die Gefahr als Erste gespürt und sich für einen unauffälligen taktischen Rückzug entschieden. Gemeinsam mit ihren beiden Begleitern hatte sich das Trio in eine Deckung begeben und das weitere Geschehen observiert. Maya hatte das Grauen, auf das Bella und ihre vom Alkohol benebelten Freunde ahnungslos und naiv zustolperten, bereits in der Disco und noch vor ihren treuen Begleitern erahnt. Ihre Stimmung war aus Sorge um Bella von brennend heiß ins Gegenteil umgeschlagen und sie befand sich nun in einem kühlen und rationalen Kampfmodus.
Lautlos öffnete Maya, die trotz ihrer Blindheit wie eine Amazone zu kämpfen gelernt hatte, die schallisolierte Brandschutztür. Sie führte ihre Begleiter sicher und umgeben von absoluter Stille durch die Dunkelheit in den rückwärtigen Versorgungsgang des gruseligen Gemäuers, durch den Bella und ihre Freunde verschleppt worden waren. Die Umgebung, in die Maya und ihre treuen Begleiter Schritt für Schritt vordrangen, sperrte sogar die letzte Blässe des Mondlichts restlos aus. Schon der Kellergang der abbruchreifen Villa hatte muffig und nach Gefahr gerochen, aber Maya, die Abenteuer und Grusel liebte, empfand ihn im Gegensatz zu ihren beiden Begleitern eher erotisierend als abstoßend. Im Tunnel war Maya aus den gleichen Gründen wieder sexuell stimuliert. Die stickige Luft in dem Gang schnürte nur ihren beiden Begleitern fast die Kehlen zu. Maya, die an Bella und an die Falle dachte, in der Bella vermutlich in höchster Gefahr schwebte, putschte die gruftige Atmosphäre jedoch extrem auf.
Ich liebe dich doch schon, Bella, und werde nicht zulassen, dass dir etwas geschieht … dachte Maya. Sie sehnte sich nach einem weiteren Austausch von Zärtlichkeiten mit der Frau, die ihre Blindheit vom ersten Augenblick an akzeptiert hatte. Bella war ihr von der ersten Sekunde an unvoreingenommen begegnet. Maya fühlte sich von ihr schon während des ersten Kennenlernens begehrt. Das war voll der Hammer, wie bereitwillig Bella mit uns ins Separee gegangen ist und es genossen hat, meinen Körper mit ihrer samtweichen Zunge zu erforschen. Wegen der Augenbinde, die wir ihr später verpasst hatten, musste sie meinen Körper mit den gleichen Sinnen ansehen, wie ich ihre Reize sehen kann. Nein, ich will sie nicht verlieren, ich will ihre samtige Zunge wieder auf meiner Haut spüren. Auf den Innenseiten meiner Oberschenkel will ich spüren, wie sie sich damit meinem Lustzentrum nähert … Wie sie mit ihrer Zunge, zart wie Samt, über meine enthaarten Schamlippen streicht, weil sie sich nur so meine Piercings ansehen kann, und ich will wieder spüren, wie viel Freude sie daran hat, beim Sex mit mir so blind wie ich zu sein, erinnerte sich die Blonde, während sie die zwei sehenden Männer, die fast so gut wie sie kämpfen konnten, weiter in Richtung des Orts führte, an dem sie Bella vor der angekündigten Folter bewahren wollte.
Hinter der Blonden, die in ihren entleerten Augenhöhlen aus kosmetischen Gründen zwei Glasaugen trug, folgten ihre Begleiter ihr durch den finsteren Gang. Sowohl der Adonistyp, der als Bodyguard dabei zu sein schien, als auch der hagerere Assistent bewegten sich genauso katzenhaft wie ihre Chefin. Weder ein nervöses Atmen noch vermeidbares Rascheln von Stoff war zu hören. Das Trio war ein eingespieltes Team, das in seiner Heimat gelernt hatte, dass Licht in einem taktischen Szenario oft nichts weiter als eine tückische Fehlerquelle war. Auf der unbekannten Insel im Indischen Ozean, von der das Trio nach Berlin gereist war, gehörten blinde Frauen über Generationen in das Bild der dort von Traditionen und Ritualen geprägten Gesellschaft.
Ohne ein Wort zu verlieren schoben die Sehenden ihre mit Restlichtverstärkern ausgerüsteten Nachtsichtgeräte geräuschlos in die gepolsterten Taschen ihrer taktischen Westen. In der absoluten Schwärze des unterirdischen Gangs, in den kein Lichtquant der Berliner Straßenbeleuchtung drang, waren diese Geräte im Moment nicht hilfreicher als teurer Elektroschrott.
„Die Akustik verliert Nachhall“, flüsterte die Frau, die in der Dunkelheit am besten kämpfen konnte, während ihre Fingerkuppen durch die kühle Oberfläche des Türblattes hindurch die Verhältnisse in dem dahinterliegenden Raum scannten. „Kalle steht auf zehn Uhr, etwa fünf Meter tief im Raum. Er verlagert sein Gewicht ungleichmäßig auf das linke Bein. Der Russe sitzt auf drei Uhr am Tisch und spielt mit einem metallischen Gegenstand – vermutlich einem Feuerzeug, oder vielleicht auch einem Messer. Unsere Zielpersonen, die Yuppies der Clique, hocken auf sechs Uhr hinter der Bar. Es gibt eine weitere Person, die zu Kalle und dem Russen gehört, nicht weit von der Tür entfernt. Den übernehme ich zuerst. Gleich gehen wir rein … Haltet Kontakt zu meiner Schulter. Ein kurzes Klopfen bedeutet: Zugriff! Das Stromkabel hier ist euer Job.“
Einen Augenblick später zuckte ein Blitz auf, der vom Krachen eines Kurzschlusses begleitet wurde. Die gesamten Katakomben stürzten in Bruchteilen von Sekunden in abgrundtiefe Dunkelheit. Zeitgleich riss Maya die Tür auf und schlich in den Raum. Zum Glück lagen keine Hindernisse im Weg, die sie ungeplante Zeit gekostet hätten. Den ersten Bösewicht erreichte sie, wie vorausberechnet, auf den Zentimeter genau. Maya wich einem ziellos in die Dunkelheit ausgeführten Angriff mit einem Schritt nach rechts aus und befand sich nach zwei weiteren schnellen Gleitschritten, die sie mit einer Körperdrehung um 225 Grad kombinierte, seitlich neben ihrem Gegner. Mit einer fließenden Bewegung beider Hände fasste sie seinen Kopf und brach ihm mit einem unüberhörbaren Knacken das Genick, bevor sie berechnend innehielt und den Aufprall eines metallenen, schmalen Gegenstandes hörte, den der tote Mann auf den Boden fallen ließ.
Mit bebenden Nasenflügeln stand Maya einen kurzen Moment still wie eine Statue, und während sie den Toten anschließend lautlos zu Boden ließ, witterte sie nach dem nächsten Ziel; sie spitzte konzentriert ihre Ohren, um sich mit all ihren Sinnen sorgfältig im Raum umzusehen. Bella und die anderen Yuppies, die in die Falle der Gangster getappt waren, schienen in der Dunkelheit vorerst noch in Sicherheit zu sein; zumindest, solange sie die Ruhe bewahren und dort bleiben würden, wo sie waren.
Das Mädchen, Bella, das sich in Mayas blinde Augen verliebt hatte, erkannte Maya sofort an ihrem akustischen Atemabdruck. Offenbar war sie für die Folter, die ihr bevorgestanden hätte, von den Zuhältern abgesondert und fixiert worden.
Sofort speicherte die Blonde den Ort, an dem sich ihre Süße befand, wie eine Wegmarke in ihrem akustischen Bild des Raumgrundrisses ab. Für einen sehenden Menschen wäre das Betreten des Raums wie ein Sprung in ein Fass voll schwarzer Tinte gewesen, doch für die Blinde stellte sich das Gewölbe als eine Landkarte aus Vibrationen und Geräuschen dar. Sie spürte den leichten Luftzug der Klimaanlage, der ihr verriet, wo freie Durchgänge waren. Maya hörte Linas flaches, panisches Atmen, das unregelmäßige Schnaufen von Marc, und sie hatte das rhythmische Klacken des Russen, der mit seinem Feuerzeug herumgespielt hatte, um sich die Langeweile zu vertreiben, schon durch die Metalltür vernommen.
„Wassili, hast du das gehört?“, raunte Kalle verunsichert in die Dunkelheit, die ihn so plötzlich völlig unvorbereitet umgab. Aus seiner Richtung hörte Maya das charakteristische Geräusch des Entsicherns eines Pistolenverschlusses und bereitete ihre nächste Aktion vor.
„Was geht da im Gang ab, was ist mit der Tür?“, hörte sie den von der Schwärze Verängstigten weiterfragen.
„Du wirst nervös, Kalle“, antwortete der Russe, doch auch seine Stimme klang gepresst. „Hier unten kommt keiner rein, ohne dass die Jungs oben Bescheid geben.“ 
Maya bewegte sich indes mit der Eleganz einer Schlange, die jeden unnötigen Zentimeter mied, und führte den Adonis direkt auf die Position des Russen zu. Als sie die Wärme seines Körpers und den herben Geruch von billigem Tabak und Fuselwodka wahrnahm, tippte sie dem Adonis zweimal kurz auf die Brust. Ihr treuer Begleiter verstand das Signal.
Es gab keinen Schrei. Nur das dumpfe Knorpelbersten eines gezielten Schlages gegen den Kehlkopf, gefolgt vom harten Aufprall eines Schädels auf die Tischplatte. Der Russe sackte lautlos zusammen. Das Zippo-Feuerzeug fiel mit gedämpftem Schall auf einen Bodenfilz, bevor der Niedergeschlagene es hatte entflammen können.
„Wassili?“, schrie Kalle panisch auf und zeigte sich psychisch kollabierend. Im Affekt feuerte er zwei ungezielte Schüsse in die Dunkelheit. Das Mündungsfeuer riss für Bruchteile von Sekunden helle Löcher in die Schwärze, beleuchtete die grotesken Schatten an den schroffen Wänden und die weit aufgerissenen und vor Schreck erstarrten Augen der Yuppie-Clique. Doch bevor Kalles Netzhaut die Informationen verarbeiten konnte, war die blinde Amazone bereits unter der Schusslinie abgetaucht und hatte ihr nächstes Opfer schon sicher im Radar ihrer Sinne.
Sekunden später tauchte sie direkt hinter Kalle auf. Ihre Finger umschlossen die Hand des hyperventilierenden Mannes mit der Kraft einer hydraulischen Presse und bogen ihm sein Handgelenk in einem Winkel ab, der seine Sehnen zum Zerreißen spannte. Die Pistole fiel ihm aus der Hand.
„Du verlässt dich zu sehr auf das, was du zu sehen glaubst, Kalle“, flüsterte Maya ihm ins Ohr. „Aber in meiner Welt bist du nichts weiter als ein lautes Ziel, das ich hier so gut wahrnehmen kann, wie du ein Kamel in der brennenden Wüstensonne sehen könntest.“
Mit einem präzisen Schlag, den sie mit ihrem Ellenbogen gegen seine Schläfe ausführte, brach sie nicht nur seinen Widerstand, sondern zersplitterte ihm auch Teile seines Schädels. Begleitet von einem schmerzhaften Schrei ging Kalle wie ein gefällter Baum zu Boden.
Der hagere Assistent erreichte währenddessen die Bar, an der die Yuppi-Clique vor Angst erstarrt ausharrte. „Kein Wort! … Aufstehen, sofort! … und eine Reihe bilden“, ordnete er trocken an und packte Marc grob am Kragen, um ihn in Richtung Tür zu drehen. Lina und Sophie klammerten sich von hinten wimmernd an Marcs Hemd. Die Gesichter der High-Society-Gruppe schimmerten aschfahl im gelblichen Licht der kleinen Flamme, die der Hagere dem aufgehobenen Feuerzeug entlockt hatte. Die Blinde hatte sich danach gebückt und es ihm im Vorbeigehen in seine Hand gedrückt, als sie sich schon auf dem Weg zu Bella befand.
Das züngelnde Flämmchen erhellte den Raum zwar nur spärlich, aber der Hagere sah die vor Entsetzen geweiteten Augen der Verwöhnten trotzdem sehr deutlich. Sie stammten alle aus ordentlichen Wohngegenden in Berlin und kamen mit der Situation überhaupt nicht klar. Unfähig zu begreifen, wie diese mysteriöse Frau sie befreien konnte, ohne im Kampf ein einziges Mal gegen ein Hindernis gestoßen zu sein, bibberten sie vor sich hin. Vor Angst machten sie sich allesamt fast in die Hosen. Von dem Hageren an der Spitze und mit dem Bodyguard als Rückendeckung ließen sie sich durch ein Trümmerfeld toter und bewusstloser Gangster wie Blinde zum Ausgang führen.
„Keine Angst, Bella, mit mir an deiner Seite bist du hier sicher, egal was noch passiert“, sagte die Blonde und löste die Fesseln, mit denen Bella auf einem Gestell fixiert worden war, das entfernt an einen gynäkologischen Untersuchungsstuhl erinnerte. „Wir gehen zum Nordausgang. Das Zeitfenster schließt sich“, sagte die Blinde sachlich, „aber nicht für uns beide. Wir nehmen den Plan B.“
Genau in diesem Moment wurde die schwere Stahltür, die aus dem alten Gemäuer zum Innenhof führte, von außen gesprengt. Der Knall an der Rampe hallte wie ein Donnerschlag durch das Gewölbe. Grelles, weißes Licht von taktischen Flutlichtstrahlern flutete den Raum und ließ die Sehenden schmerzerfüllt im Stollen aufschreien und ihre Augen mit den Händen schützen.
„Polizei! SEK! Nicht bewegen! Hände über den Kopf!“, brüllten die Beamten, während sie mit Laserzielgeräten den Raum scannten und sicherten.
Die zwei Begleiter aus dem Trio reagierten mit der Professionalität gut ausgebildeter Profis und traten in den Schatten hinter einer massiven Säule. Noch bevor die ersten Polizisten den aufgesprengten Zugang, der von der maroden Villa in den unterirdischen Gang führte, vollständig gesichert hatten, waren sie in der Dunkelheit verschwunden.
Die Blinde setzte indes mit einer ruhigen Bewegung eine schwarze Nickelbrille auf. Danach ließ sie den weißen Blindenstock aufklackern, den sie immer für Notfälle bei sich hatte. So bewegte sie sich, an Bellas Arm wie von ihr geführt, entspannt zurück in den Partyraum des Clubs, in dem das Drama begonnen hatte. Das Paar bewegte sich so entspannt, als wären zwei sich liebende Frauen gerade von einem entspannten Spaziergang zurückgekehrt.
Marc blinzelte verzweifelt gegen die blendenden Scheinwerfer. Sein Designer-Sakko war mit dem verschütteten Drink des Russen bespritzt, sein ganzer Körper zitterte. Kurz dachte er an die Blonde mit den falschen Augen, die schon wieder, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden war. Völlig verdutzt fand er sich wie ein gestellter Verbrecher im Lichtkegel der Ordnungshüter wieder und verstand die Welt, in der er sich befand, nicht mehr. Es war eine andere Welt, die er nicht kannte und die sich für ihn urplötzlich in eine alles andere als heile Welt verwandelte. „Ihr … ihr habt das getan. In dieser Schwärze“, stotterte Marc völlig desorientiert. „Wie konntet ihr wissen, wo wir uns befanden? Wir haben nichts gesehen … gar nichts.“
Bella und die Blinde eroberten sich einen Barhocker und die Blonde bestellte für Bella und sich selbstbewusst zwei Caipirinhas mit doppelt Rum. Bellas Blick in das gläserne Schielen ihrer Retterin erfüllte sie mit einer Mischung aus ehrfürchtigem Schauder und tiefer Dankbarkeit. „Du hast uns das Leben gerettet. Wir waren in der Dunkelheit völlig hilflos.“
Die Blinde steckte die Brille mit den schwarzen Gläsern, die sie mittlerweile wieder abgenommen hatte, weg und klopfte sich ein wenig Staub von ihrem schwarzen Samtärmel. Ihr Gesicht blieb für die sie Umgebenden eine unlesbare Maske. Nicht jedoch für Bella, die auf die Lippen blickte, aus denen sie sich eine Erklärung erhoffte. Die Lippen, die sie intensiv auf den ihren in einem Kuss spüren wollte, der in ihrer Vision nie enden sollte.
„Hilflosigkeit ist ein Zustand des Geistes, Bella, nicht der Augen. Ihr hattet Angst vor der Dunkelheit, dabei war sie euer einziger Schutz. Wir haben nur schnell eine gesellschaftliche Störung beseitigt, der niemand nachweinen sollte.“
Zeitgleich trat draußen ein SEK-Beamter auf die Gruppe zu, die zwei Begleiter der Blinden standen unbeteiligt im Abseits und observierten die weiteren Ereignisse. Die Lage hatte sich aus der Sicht der Ermittler schnell geklärt … „Sie sind vermutlich alle Zeugen, oder? Wurden sie oder jemand anders verletzt?“
„Die Zeugen sind dort drüben“, sagte der hagere Assistent und deutete vage auf die zitternde Clique, während er bereits einen Schritt zurück in die Richtung des Parkplatzes vor dem Club machte. „Wir sind nur… Passanten.“ Bevor der Beamte nachhaken konnte, streckte der Hagere ihm seinen Diplomatenpass entgegen, gab dem Bodyguard mit dem Kopf einen Wink und verabschiedete sich weltmännisch.
Stunden später warteten die Begleiter noch immer geduldig auf die blinde Frau, die ihre Chefin war, startbereit in einem schwarzen Van. Sie hatte ihnen eingebläut, ihr nur auf ausdrücklichen Befehl zu folgen. Durch den kühlen Berliner Nachtwind sahen sie im Sonnenaufgang ihre taffe Blonde, Arm in Arm mit Bella, auf sich zukommen und der Adonis stieg aus, um den beiden die Tür zu öffnen.
„War das Teil des Plans?“, fragte Bella leise, während sie auf die Rückbank rutschte.
„Der Plan war, die Spreu vom Weizen zu trennen“, antwortete Maya, während sie sich an Bella schmiegte. „Deine Freunde haben heute Nacht gelernt, was es heißt, blind zu sein. Du hingegen … fängst gerade erst an, so wie ich, mit dem Herzen zu sehen.“
Der Van beschleunigte lautlos und verschwand in den Schatten der Hauptstadt, während hinter ihnen das Blaulicht der Einsatzwagen die Fassade der Bruchbude neben dem Club in einem bläulichen Farbenspiel funkeln ließ. Das Blaulicht erinnerte grotesk und mit gemischten Gefühlen an die glamourös schimmernde Lichtorgel im benachbarten Partytempel.
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Anna-Nina
Erfahren
20 Tage vor

So eine tolle Fortsetzung mit der richtigen Portion Erotik und Spannung. Ich bin begeistert! Bella und Maya liebe ich jetzt schon. 🫶

Reserva71
Erfahren
1 Monat vor

Hey Lisa, also prinzipiell macht mich Macht an, auch als Mann ist es manchmel sehr geil den devoten Part einzunehmen (nach dem Motto in jedem Mann steckt ein bisschen homosexualität) aber im weiteren Verlauf hätte ich mir auch die wunderbare Blinde Frau etwas devoter gewünscht. Ich bin bei den Ficks nicht so abgeholt, gerne noch eine Schippe drauflegen. Trotzdem dein Schreibstihl ist zusammenhängend und schlüssig und ich bin voll involviert und dabei🖤🖤

unterdemReitstiefel
Erfahren
1 Monat vor

Kann dir leider keine Nachrichten mehr schicken, warum auch immer? Deine kommen auch nicht an

Lars80
Mitglied
1 Monat vor

Hey Lisa. Richtig geil geschrieben. Ich finde es ist eine richtig gute Mischung aus Thriller und knisternde Erotik. Da muss ich Jana recht geben. Es gefällt mir auch sehr gut und viel besser, weil ich selber solche Thriller gerne privat lese. Lisa bitte mach so weiter und ich freue mich auf weiter Geschichten von dir 😘😘

Gast
1 Monat vor

Tolle Story und richtig Spannend. I love it 🥰

unterdemReitstiefel
Beantworten  Jana
Ja, der Thriller nimmt Fahrt auf. Die Rhetorik ist wirklich so phänomenal wie in einem Verkaufsbuch, das sich sonst nur auf Bestsellerlisten in dieser Qualität finden lässt. Das erotische Knistern, das Lisa beschreibt, gefällt mir so eigentlich viel besser als die hier sonst üblichen Schwanzreinsteckgeschichten. Auf weitere Fortsetzungen freue ich mich auch ...

Hallo Jana,
ich freue mich über deine überaus positive, zustimmende Antwort.

Jana
Jana
Gast
Beantworten  unterdemReitstiefel
Der Krimi nimmt Fahrt auf. Treffgenaue Formulierungen und stilsichere Rhetorik unterscheiden diese Story positiv von vielen anderen Texten. Zunehmend blitzen einige Informationen zu erotischen Erlebnissen durch. Das lässt hoffen. Sicherlich werden die Ladies bald tiefer in die Dark Rooms der Berliner Unterwelt einsteigen. Die nächsten Episoden eröffnen vielleicht neue Möglichkeiten. Etwas mehr Sex könnte gern sein; vielleicht gewürzt mit einigen Spezialitäten, die nur in dem Dunkel dieser halbseidenen Szene angeboten werden. Bestimmt werden damit noch mehr geneigte Leser von der Story gefesselt. Danke für diese Fortsetzung.

Ja, der Thriller nimmt Fahrt auf. Die Rhetorik ist wirklich so phänomenal wie in einem Verkaufsbuch, das sich sonst nur auf Bestsellerlisten in dieser Qualität finden lässt. Das erotische Knistern, das Lisa beschreibt, gefällt mir so eigentlich viel besser als die hier sonst üblichen Schwanzreinsteckgeschichten. Auf weitere Fortsetzungen freue ich mich auch …

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