Aufregende Zeiten mit Anne und Horst ( Teil ll )
Veröffentlicht amWährend der Busfahrt quatschten die anderen Jungs, lachten, machten Späße – doch ich konnte all dem nichts abgewinnen. In meinen Augen waren sie nur oberflächlich und irgendwie anders.
Oft stellte ich mir in solchen Momenten die Frage, ob ich nicht normal sei und warum ich nicht auch so herumalbern konnte wie sie. Für mich hatte die Melancholie einen hohen Stellenwert; sie machte mich manchmal – oder immer öfter – zum Außenseiter. Doch ich fand mich damit ab, anders zu sein. Oder besser gesagt: ich versuchte es so gut es ging.
Als wir an der Schule ankamen, stiegen alle grölend aus, und ich flitzte so schnell wie möglich an Anne vorbei.
„Micha, STOP!“ tönte es laut aus dem Inneren des Busses. Ich erschrak, bremste meinen sprintenden Spurt und wagte nicht, mich umzudrehen. Was kam jetzt? Die Hitze stieg mir innerhalb von Sekunden in den Kopf, und gleichzeitig spürte ich ein unangenehmes Pochen in meiner Halsgegend.
„Komm bitte mal zu mir“, sagte Anne. Langsam
drehte ich mich zu ihr um.„Ja, was ist?“, fragte ich.
„Horst ist heute beim Arzt und kann nicht in die Werkstatt kommen. Dort müssen aber noch zwei Fahrräder fertiggemacht werden, die wir morgen früh für die Radtour brauchen. Mein Mann meinte, du könntest das auch – und wir beide könnten es doch nach dem Mittag zusammen machen. Hast du Zeit und Lust?“
„Was? Äh … ja, natürlich habe ich Zeit“, erwiderte ich überrascht.
„Gut, dann Treffen um 14 Uhr in der Werkstatt.“
An meiner Angst und meinem schlechten Gewissen muss ich echt noch arbeiten, dachte ich, und machte mich auf den Weg zum Schulgebäude.
Nach der Schule verpasste ich den Bus, super! So gegen 13 Uhr erreichte ich das Heimgelände und schnurstracks ging ich zum Essen, dann ins Zimmer, schnell duschen – und nun erwartungsvoll zur Werkstatt, wo Anne bestimmt schon auf mich wartete. Mann, fühlte ich mich gut: so stark wie ein Löwe, gepaart mit der Sehnsucht, Anne einige Stunden nahe zu sein. Die Tür zur Werkstatt stand auf und ich trat – nein, sprang förmlich durch den Türrahmen.
„Na Micha, pünktlich wie immer.“
„Natürlich.“ Jetzt überraschte mich Anne erneut, denn sie trug eine enge Jeans, ein dunkelblaues T-Shirt, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und Turnschuhe. Ganz locker und anders als sonst – wandelbar wie ein Chamäleon, dachte ich.
Irgendwie war alles anders als sonst, es fühlte sich jedenfalls so an.
Aus dem Aufenthaltsraum ging die Tür auf, und ich glaubte nicht richtig zu sehen: Auf einmal stand Manfred in der Tür und sagte zu Anne:
„Ja, du hast gestern Abend richtig gelegen.“
Er sah mich mit einem stechenden Blick an; am liebsten wäre ich im Erdboden versunken und spürte, wie ich mich fast in die Hose pinkelte.
„Anne, ich geh dann mal“, sagte Manfred und verließ die Werkstatt. Ich zitterte am ganzen Körper und wusste echt nicht weiter – eine einschneidende Erfahrung, die ich in diesem Moment erlebte. Die Welt stand still, totenstill.
Anne sah mich minutenlang an, dann sagte sie: „Micha, komm mit.“ Wir gingen in den Aufenthaltsraum.
„Setz dich, ich sehe, es geht dir nicht so gut.“ Vor wenigen Minuten fühlte ich mich stark wie ein Löwe – und jetzt eher wie ein Erdmännchen, das ein Loch sucht, in dem es sich verkriechen kann.
„Micha, sag, wie lange hast du gestern an unserem Fenster gelauert?“
Mit heiserer Stimme antwortete ich:
„Anne, es tut mir so leid, und ich weiß auch nicht, warum ich das eigentlich gemacht habe.“
„Sei ruhig und antworte. Sag die Wahrheit.“
„Lange genug.“
„Hast du jemandem etwas davon erzählt?“
„Nein, warum sollte ich das tun?“
Ich erzählte Anne nun, wie alles entstand – als sie auf meinem Bett stand, wie ich sie aus dem Wald kommen sah – einfach alles habe ich gebeichtet, sogar wie oft ich mir einen runter geholt habe.
„Es ist schön, dass du ehrlich bist, und ich glaube dir. Aber das, was du gemacht hast, ist nicht schön. Wenn das rauskommt, haben mein Mann und ich ein Riesenproblem. Das ist dir ja wohl klar, oder?“
„Ja“, sagte ich. „Aber ich begehre dich Tag für Tag und kann an nichts anderes mehr denken als an dich“, kam es aus mir heraus.
„Das ist ja sehr schmeichelhaft für mich, aber es ist nicht erlaubt.
Wir müssen das alles für uns behalten. Die Einzigen, die davon wissen, bist du, Manfred und ich. Dabei wird es auch bleiben. Dir gebe ich einen guten Rat: Lass das Spannern sein und such dir ein gleichaltriges Mädchen.“
„Wann ist denn die Zeit hier für dich vorbei ?“
„In vier Monaten.“ – „Gut“, sagte Anne.
„Es sind ja jetzt bald Sommerferien, und du fährst zu deinen Eltern. Das gibt dir die nötige Zeit, über alles nachzudenken, und ich hoffe, du kommst zur Vernunft.“
Sie ging hinaus, und ich verspürte eine große Leere in mir.
Wenn es so etwas wie Höllenqualen gibt, dann habe ich sie jetzt hautnah erlebt.
Die Tage danach verliefen wie im Nebel. Annes Worte hallten immer wieder in mir nach. Ich schwankte zwischen Scham, Verlangen und einer unbestimmten Hoffnung, dass sich doch noch etwas ändern könnte.
So vergingen die Wochen – langsam, quälend und doch unaufhaltsam. Die Sommerferien rückten näher, und mit jedem Tag wurde mir klarer, dass ich Abstand brauchte, um überhaupt wieder klarzukommen.
Dann war es soweit: Sachen packen, ab nach Hause – wo eigentlich nichts auf mich wartete, dachte ich. Das Auto meines großen Bruders Robert fuhr auf den Hof. Was für ein Prolet, dachte ich, als ich es sah. Mit breitem Grinsen stieg er aus und sagte:
„Na, kleiner Bruder, bereit für ein paar Wochen Freiheit?“