Spaltbreit
Veröffentlicht amit siebenundfünfzig Jahren sollte man eigentlich wissen, wer man ist. Ich meine, man hat genug Zeit, es herauszufinden. Genügend Leben durchlebt, genügend Fehler gemacht, genügend Abende auf dem Sofa verbracht, um die eigenen Rillen und Kanten zu kennen. Zumindest denke ich das immer. Mein Name im Netz war Misttueck. Ein Name, den ich mir vor Jahren zugelegt habe, irgendwann zwischen dem zweiten Glas Wein und einem Anfall von Selbstironie. Er passte. Er war ehrlich. Und er hielt die Leute auf Abstand, die nichts von Ehrlichkeit hielten. Im echten Leben bin ich eine 1,69 Meter große Frau mit kurzen grauen Haaren, ein paar Lebenserfahrungen mehr als mir manchmal lieb waren und der festen Überzeugung, dass mich nur noch wenig wirklich überraschen konnte. Ich habe die Männerphase hinter mir. Die Kinderphase hat es nie gegeben. Die Midlife-Crisis habe ich mit vierzig durchgemacht und dabei mehr Geld für Motorradstiefel ausgegeben, als ich mir leisten konnte. Also. Wer bin ich? Ich weiß es. Denke ich.
Doch dann kommt K.
Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Ich kenne nur ihre Geschichten. Und selbst das ist eine seltsame Art von Kennen, weil man durch ihre Worte nicht die Person kennenlernt, sondern das, was sie sich ausdacht. Die Figuren, die sie erschuf. Die Szenen, die sie webte. Die Art, wie sie Sprache benutzte, als wäre sie ein Werkzeug, mit dem man unter die Haut schneiden konnte, ohne eine Narbe zu hinterlassen. Ich weiß nicht, wie K aussieht. Ich weiß nicht, wo sie lebt. Ich weiß nicht einmal, ob K wirklich eine Frau ist, obwohl ihre Geschichten eine Stimme haben, die sich für mich weiblich anfühlt. Aber das kann täuschen. Im Netz kann jeder alles sein. Ich weiß es besser als die meisten. Trotzdem erwische ich mich immer häufiger dabei, wie ich abends mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitze und nachsehe, ob sie etwas Neues veröffentlicht hat. Es ist ein Ritual geworden. Eine Gewohnheit, die sich eingeschlichen hat, ohne dass ich sie eingeladen habe. Ich komme von der Arbeit nach Hause – ich arbeite in einer Buchhandlung, der einzigen in der Stadt, die noch Handverkauf macht und dabei überlebt –, ziehe mir die bequemen Sachen an, stelle Wasser auf und klicke mich durch die Seiten, auf denen K ihre Texte teilt. Manchmal ist da etwas Neues. Manchmal nicht. Wenn nicht, lese ich die alten Geschichten noch einmal. Und jedes Mal entdecke ich etwas darin, das mir vorher entgangen war.
Ihre Worte haben etwas Eigenartiges an sich. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Nicht wie diese Texte, die einen mit Vokabular umschreien und einem ständig beweisen wollen, wie clever sie sind. Ks Geschichten sind leise. Sie schleichen sich ein. Sie stehen in der Tür und warten, bis man sie hereinbittet. Und wenn man es tut, setzen sie sich in die beste Ecke des Zimmers und bleiben. Denn sie bleiben. Das ist das Eigenartige. Man liest eine Geschichte und glaubt, sie beendet zu haben. Man schließt den Tab, legt das Tablet weg, steht auf, um sich noch einmal Tee nachzugießen. Und dann, während das Wasser kocht und der Dampf aufsteigt, denkt man an einen Satz, den sie geschrieben hat. An eine Wendung. An ein Bild, das sie zwischen die Zeilen gemalt hat. Stunden später denkt man immer noch darüber nach. Am nächsten Tag beim Aufwachen. Unter der Dusche. Auf dem Weg zur Arbeit. So geht es mir jedenfalls. Ich habe mir angewöhnt, ihre Texte nicht mehr vor dem Schlafengehen zu lesen, weil sie mich wach halten. Nicht aufgeregt. Nicht aufgewühlt. Sondern auf eine Art wach, bei der das Gehirn nicht aufhören kann, die Worte umzuordnen und neu zu verstehen. Als hätte K einen Schlüssel in ein Schloss gesteckt, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existierte.
An diesem Abend ist es nicht anders. Draußen trommelt leichter Regen gegen die Fensterscheiben. Es ist einer dieser späten Herbstabende, an denen die Dunkelheit früh einfällt und die Straßenlaternen ihre Lichtkegel wie zaghafte Versprechen auf den nassen Asphalt werfen. Ich sitze auf dem Sofa, die Beine unter mir gezogen, eine Tasse Kamillentee in den Händen. Der Fernseher läuft, aber stumm. Ich brauche nur das flackernde Licht, das den Raum weich macht. Mein Tablet liegt neben mir, der Bildschirm dunkel. Ich weiß, dass K vor drei Tagen etwas Neues angekündigt hat. Ein längerer Text. Etwas, an dem sie gearbeitet hat, schrieb sie. Etwas, das sie zum ersten Mal öffentlich teilen würde. Ich habe die Ankündigung gelesen und seitdem gewartet. Jeden Abend habe ich nachgesehen. Jeden Abend war da nichts Neues gewesen. Aber heute – ich greife nach dem Tablet und tippe die Adresse ein – heute ist da etwas.
Die Überschrift lautet „Zwischenräume”. Nichts Weiteres. Keine Erklärung. Keine Vorbemerkung. Nur dieses eine Wort und darunter der Beginn des Textes. Ich nehme einen Schluck Tee und beginne zu lesen. K schreibt über eine Frau, die in einer Wohnung sitzt und auf etwas wartet. Nicht auf eine Person. Nicht auf einen Anruf. Auf etwas Ungreifbares, das sie nicht benennen kann. Die Frau sitzt am Fenster, beobachtet die Straße unten, die Menschen, die vorbeilaufen, und fragt sich, ob sie jemandem auffällt. Ob jemand sie sieht. Nicht die Oberfläche – das Grau in ihren Haaren, die Falten um den Mund, die Art, wie sie die Schultern hängen lässt –, sondern das, was darunter liegt. Die Frau im Text hat einen Namen, den ich jetzt schon wieder vergessen habe, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, wie K sie beschreibt. Wie sie die Stille in der Wohnung als physische Präsenz schildert, als wäre sie ein Gast, der sich nicht verabschieden will. Wie sie das Licht beschreibt, das durch die Fenster fällt und Staubkörner tanzen lässt. Wie sie den Moment einfängt, in dem die Frau aufsteht und sich im Spiegel betrachtet und sich fragt, wann genau sie aufgehört hat, sich selbst zu erkennen.
Ich lese langsamer, als ich normalerweise lese. Jeden Satz lasse ich einen Moment lang in der Luft hängen, bevor ich zum nächsten übergehe. Es ist, als würde man durch ein Museum gehen und vor jedem Bild stehen bleiben, nicht weil man muss, sondern weil man will. Ks Sätze sind keine Kunstwerke im klassischen Sinne. Sie sind nicht verschachtelt oder poetisch. Sie sind präzise. Jedes Wort sitzt an seinem Platz, als hätte sie es nicht hingeschrieben, sondern hingelegt, vorsichtig, mit dem Bewusstsein, dass es genau dort hingehört. Als ich die letzte Zeile lese, halte ich inne. Der Text endet nicht mit einem Knall oder einer Wendung. Er endet mit der Frau am Fenster, die beschließt, die Tür zu öffnen. Nicht, weil jemand geklopft hat. Sondern weil sie es will. Weil sie den Raum zwischen sich und der Welt verkleinern will. Nur ein Stück. Nur einen Spaltbreit.
Als ich fertig bin, lehne ich mich zurück und lächelte. Ich stelle die Teetasse auf den Couchtisch, lehne den Kopf gegen die Rückenlehne und starre an die Decke. Der Regen draußen ist lauter geworden. Die Tropfen schlagen jetzt rhythmisch gegen das Glas, wie ein Herzschlag, der schneller wird. „Verdammt, K.”, murmle ich leise. „Wie machst du das nur?” Natürlich bekomme ich keine Antwort. Mein Wohnzimmer ist leer, abgesehen von den Büchern, die jede freie Fläche besetzen, und dem flackernden Licht des stummgestellten Fernsehers. K ist irgendwo. Hinter einem Bildschirm. In einer anderen Stadt. In einem anderen Leben. Und ich sitze hier und spreche mit mir selbst. Aber das ist es ja. Das ist es, was ihre Texte mit mir machen. Sie machen mich gesprächig. Sie machen mich zu jemandem, der Antworten sucht auf Fragen, die gar nicht an mich gerichtet sind. Ich greife nach der Teetasse, nehme noch einen Schluck. Der Tee ist lauwarm geworden, aber ich trinke ihn trotzdem. Ich betrachte das Tablet, dessen Bildschirm sich nach einer Minute Inaktivität verdunkelt hat. Ks Text ist noch da, irgendwo im Hintergrund, ein leuchtender Punkt in der Dunkelheit des Internets.
Ich setze mich auf. Ich lege das Tablet auf den Schoß und öffne das Nachrichtensystem der Plattform. Ich habe K nie geschrieben. In all den Monaten, in denen ich ihre Texte gelesen habe, habe ich mich immer zurückgehalten. Es gibt genug Leute, die ihr schreiben. Die ihr Komplimente machen, Fragen stellen, Analysen ihrer Texte liefern, als wären sie Literaturkritiker und nicht Leser, die einfach nur berührt worden sind. Ich wollte nicht dazugehören. Ich wollte nicht eine von denen sein, die denken, dass eine Nachricht ein Recht auf Antwort bedeutet. Aber heute Abend fühlt es sich anders an. Der Text ist anders. Oder ich bin anders. Vielleicht beides. Also öffne ich mein Postfach und beginne zu tippen. Einfach ein paar ehrliche Worte. Ein Dankeschön. Nichts Besonderes.
„Liebe K”, schreibe ich, und lösche es wieder. Zu förmlich. „Hey K”, versuche ich es erneut. Zu locker. Ich starre auf den blinkenden Cursor, der geduldig auf meinen nächsten Versuch wartet. Der Regen draußen scheint meine Unsicherheit zu begleiten, ein steter Rhythmus, der mich nicht loslässt. Ich lege die Finger wieder auf die Tastatur. „Ich weiß nicht, ob du diese Nachricht lesen wirst”, tippe ich. „Oder ob du überhaupt Nachrichten liest. Aber ich wollte dir sagen, dass dein Text mich heute Abend nicht loslässt. ‚Zwischenräume’. Die Frau am Fenster. Die Entscheidung, die Tür zu öffnen. Ich kenne das. Ich kenne dieses Warten auf etwas, das man nicht benennen kann. Und ich kenne den Moment, in dem man beschließt, den Spaltbreit zu verkleinern. Danke, dass du das in Worte gefasst hast. Misttueck.”
Ich lese die Nachricht noch einmal durch. Sie ist kurz. Sie ist ehrlich. Sie verlangt nichts. Keine Antwort. Keine Bestätigung. Keine Gegenleistung. Genau das, was ich sagen wollte. Ich bewege den Cursor zum Senden-Button. Mein Finger zögert. Es ist nur eine Nachricht. Nur ein paar Worte in einem Meer von Worten, das das Internet jeden Tag produziert. Aber es fühlt sich nach mehr an. Es fühlt sich an, als würde ich eine Tür öffnen, so wie die Frau in Ks Geschichte. Nicht, weil jemand geklopft hat. Sondern weil ich es will. Ich klicke auf Senden.
Die Nachricht verschwindet. Verschwunden im Äther. Auf dem Weg zu einem Server, der irgendwo steht, in einem Raum, den ich nie sehen würde, um dort darauf zu warten, dass jemand sie abruft. Dass K sie abruft. Ich lege das Tablet beiseite und stehe auf. Meine Knie knisterten leicht – das Alter, dachte ich, obwohl ich wusste, dass es nicht das Alter war, sondern das viele Sitzen. Ich gehe zum Fenster und schaue hinaus. Die Straße unten ist nass und leer. Ein einzelner Regenschirm bewegt sich auf der anderen Straßenseite, schnell, zielstrebig, eine dunkle Silhouette hinter feuchtem Stoff. In der Wohnung gegenüber brennt Licht. Ich kann den Umriss eines Fernsehers sehen, bläulich flackernd, und jemanden, der auf einem Sofa sitzt, die Konturen undeutlich durch die Vorhänge. Elias, denke ich. Mein Nachbar. Ich kenne seinen Namen, aber nicht viel mehr. Wir grüßen uns im Treppenhaus, tauschen gelegentlich ein paar Worte über das Wetter oder die Hausverwaltung, aber mehr nicht. Er ist Mitte fünfzig, schätze ich, und hat die ruhige Art von jemandem, der gelernt hat, mit seiner eigenen Gesellschaft zufrieden zu sein. Ich frage mich, ob er auch Geschichten liest. Ob er auch abends am Fenster steht und auf etwas wartet, das er nicht benennen kann.
Ich drehe mich vom Fenster weg und gehe in die Küche. Der Regen ist jetzt noch lauter, ein trommelndes Rauschen, das die Stille der Wohnung füllt. Ich stelle den Wasserkocher an, obwohl ich noch nicht ausgetrunken habe. Die Handlung ist Routine. Ein Automatismus, den ich nicht hinterfragen muss. Während ich warte, dass das Wasser kocht, denke ich an Ks Text. An die Frau am Fenster. An die Tür, die sie öffnet. Ich frage mich, ob K selbst diese Frau ist. Ob sie aus ihrem eigenen Leben schreibt, verkleidet als Fiktion, wie so viele Autorinnen und Autoren es tun. Oder ob sie Geschichten erfindet, die nichts mit ihr zu tun haben, die aus einer Quelle kommen, die sie selbst nicht versteht. Ich werde es nie erfahren. Ich kenne sie nicht. Ich kenne nur ihre Worte. Und Worte, das weiß ich, sind nicht dasselbe wie Menschen. Sie sind genauer. Ehrlicher. Verletzlicher. Aber sie sind auch eine Maske. Ein Schutzschild. Ein Zwischenraum zwischen der Person, die schreibt, und der Person, die liest.
Das Wasser kocht. Ich gieße es über einen neuen Teebeutel – diesmal Pfefferminz, weil ich etwas Frisches brauche, etwas, das den Kopf klärt – und trage die Tasse zurück ins Wohnzimmer. Das Tablet liegt noch auf dem Sofa, genau dort, wo ich es hingelegt habe. Der Bildschirm ist dunkel. Keine Benachrichtigung. Keine Antwort. Natürlich nicht. Es sind fünf Minuten her. K wird die Nachricht vielleicht erst morgen lesen. Oder nächste Woche. Oder nie. Ich setze mich wieder auf das Sofa, ziehe die Beine unter mich und nehme einen Schluck Tee. Heiß und scharf, so wie ich es brauche. Der Fernseher flimmert immer noch stumm vor sich hin, irgendeine Talkshow, deren Gäste geräuschlos diskutieren. Ich schalte ihn aus. Die Stille, die eintritt, ist sofort da, voll und gewichtig, wie ein Tuch, das über den Raum gelegt wird. Ich schließe die Augen und atme tief ein.
Der Regen. Der Tee. Die Dunkelheit hinter meinen Lidern. Und da, irgendwo am Rand meiner Gedanken, Ks Text. Die Frau am Fenster. Die Tür, die sich öffnet. Der Spaltbreit Licht, der in die Wohnung fällt. Ich öffne die Augen wieder und starre auf das Tablet. Es liegt dort, unschuldig, ein flaches Stück Technik, das nichts von dem weiß, was es gerade getan hat. Es hat meine Worte weggeschickt. In die Welt. Zu jemandem, den ich nicht kenne. Und jetzt sind sie dort. Unwiderruflich. Ich kann sie nicht zurückholen. Ich kann sie nicht löschen. Sie existieren jetzt außerhalb von mir, in einem Raum, den ich nicht kontrollieren kann. Es ist ein seltsames Gefühl. Nicht unangenehm. Aber neu. Wie ein Schritt über eine Linie, die man sich selbst gezogen hat.
Ich stehe wieder auf und gehe zum Büchergestell. Meine Finger streichen über die Rücken der Bücher, ohne einen bestimmten Titel zu suchen. Ich kenne sie alle. Jeden Einband. Jede Geschichte. Jeden Satz, der mich jemals berührt hat. Bücher sind sicher. Sie stehen dort, warten, verlangen nichts. Man kann sie öffnen und schließen, wann immer man will. Sie schicken keine Nachrichten. Sie erwarten keine Antworten. Sie sind einfach da. Aber Menschen – Menschen sind anders. Menschen sind Zwischenräume. Und ich habe gerade einen davon betreten. Ich greife nach einem Buch, ohne hinzusehen, und stelle es wieder zurück. Ich bin zu unruhig zum Lesen. Zu wach zum Schlafen. Zu sehr in Gedanken, um irgendetwas anderes zu tun, als genau das zu sein, was ich bin: eine siebenundfünfzigjährige Frau mit kurzen grauen Haaren, die um drei Uhr morgens in ihrer Wohnung steht und sich fragt, ob sie gerade einen Fehler gemacht hat.
Ich gehe zurück zum Sofa. Ich nehme das Tablet und öffne das Postfach. Die Nachricht ist gesendet. Gelesen – nein, noch nicht gelesen. Der Status zeigt „zugestellt”, was bedeutet, dass sie angekommen ist, aber noch nicht geöffnet worden ist. Natürlich. K hat besseres zu tun, als um diese Uhrzeit Nachrichten zu lesen. Oder vielleicht liest sie ihre Nachrichten nie. Vielleicht ist das Postfach nur eine Formalität, eine Einrichtung der Plattform, die niemand benutzt. Vielleicht habe ich gerade eine Nachricht in ein leeres Universum geschickt. Ich lege das Tablet wieder hin. Ich trinke den Tee aus. Ich stehe auf und bringe die Tasse in die Küche. Ich schalte das Licht aus, im Wohnzimmer, in der Küche, im Flur. Nur das Licht im Badezimmer lasse ich an, für den Fall, dass ich nachts aufwache und nicht im Dunkeln stolpern will.
Ich lege mich ins Bett. Die Decke ist kühl und schwer, so wie ich sie mag. Der Regen ist leiser geworden, ein sanftes Tropfen statt des trommelnden Prassels von vorhin. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. Aber mein Gehirn ist noch wach. Es dreht sich um Ks Text, um meine Nachricht, um die Frau am Fenster, um die Tür, die sich öffnet. Es dreht sich um den Satz, den K geschrieben hat: „Sie beschloss, den Raum zwischen sich und der Welt zu verkleinern. Nur ein Stück. Nur einen Spaltbreit.” Ich habe das getan. Ich habe den Raum verkleinert. Einen Spaltbreit. Und jetzt liege ich hier, in der Dunkelheit, und warte darauf, dass sich etwas verändert. Oder auch nicht.
Ich drehe mich auf die Seite. Das Kissen knistert unter meinem Kopf. Ich zwinge mich, tief zu atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Der Rhythmus des Regens. Der Rhythmus meines Atems. Langsam wird das Denken leiser. Langsam glitte ich in den Schlaf, der kam, wie er immer kam – zögerlich, widerwillig, als würde er nicht glauben, dass ich wirklich ruhen will. Und in dem Moment, in dem das Bewusstsein schwand, dachte ich an K. An ihre Worte. An die Stille, die sie hinterließen. Und an die Frage, die ich nicht gestellt hatte, die aber in jeder Zeile meiner Nachricht mitgeschwungen war: Wer bist du? Wer bist du wirklich, hinter all diesen Worten?
Ich schlafe ein. Und träume von Türen, die sich öffnen. Von Licht, das durch Spalten fällt. Von einer Frau am Fenster, die mich ansieht und lächelt, als würde sie auf mich gewartet haben. Als hätte sie immer schon gewusst, dass ich kommen würde. Zumindest denke ich das immer. Mit siebenundfünfzig Jahren. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen kann. Ein Gefühl, das sich nicht in Worte fassen lässt. Nicht in meine und nicht in Ks. Ein Zwischenraum. Genau dort, wo die Tür sich öffnet. Und ich stehe auf der Schwelle. Bereit, einen Schritt zu tun. Oder auch nicht. Die Nacht wird es zeigen. Die Nacht und die Worte, die ich in die Welt geschickt habe. Die Worte, die jetzt irgendwo sind, auf dem Weg zu jemandem, der sie vielleicht liest. Oder auch nicht. Ich ahne nicht, dass genau diese Nachricht der Anfang einer Geschichte werden wird, in der ich plötzlich selbst eine Rolle spiele. Aber das liegt noch vor mir. In einem Zwischenraum, den ich noch nicht betreten habe. In einer Nacht, die noch nicht vorbei ist. In einem Leben, das noch nicht zu Ende geschrieben ist.