Kaja – Spiel mit mir
Veröffentlicht amWorum geht es?
Kaja ist in einer gescheiterten Ehe gefangen. Als sie ihren Mann dabei erwischt, wie er es sich zu einem Bild ihrer besten Freundin besorgt, findet sie endlich die Kraft, sich von ihm zu trennen. Trotz der wiedererlangten Freiheit ist sie am Ende.
Zum Glück lernt sie Daniel kennen. Als sie herausfindet, dass dieser als Spieledesigner sein Geld verdient und derzeit an einem erotischen Brettspiel arbeitet, beschließt sie, ihr neues Leben mit einem verruchten Highlight zu beginnen. Sie fordert ihn heraus und betritt eine Welt der Sinnlichkeit.
1.
Ich liebe den Sommer!
Daniel konnte an nichts anderes denken. Er stand am geöffneten Fenster und spürte die Wärme, die sich wie eine Decke um seinen Körper legte. Es duftete nach trockenem Gras, das, wenn die Temperaturen weiterhin so blieben, wie sie seit gut einer Woche waren, bald verdorren würde.
Er ließ seinen Blick schweifen, sah hinab und beobachtete die des Mieters eine Etage unter ihm, wie sie durch den Garten und um Büsche flitzten. Dabei bespritzten sie sich gegenseitig mit Wasserpistolen. Ihr Lachen erfüllte die Nachbarschaft mit Leben, was von gedämpfter Musik und dem Plätschern der vielen Pools im Umkreis zusätzlich untermalt wurde. Herrlich!
Das Fauchen und Zischen seiner Kaffeemaschine riss Daniel aus seinen Gedanken. Er wandte sich um, schlurfte an zahlreichen Umzugskartons vorbei in die Küche und holte sich eine Tasse aus dem Hängeschrank über der Spüle. Diesen befüllte er mit dem dampfendem Schwarz, fügte einen irrwitzig kleinen Schuss Milch hinzu und kehrte zu dem Fenster zurück. Dort begrüßte ihn ein zaghafter Windhauch, der eine Spur Lavendel in seine Nase trug.
Unter ihm erklang eine strenge Männerstimme. Die hielten abrupt inne und horchten. Daniel konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, doch sofort spurteten die Kleinen ins Haus und waren verschwunden.
»Wahrscheinlich Mittagessen«, flüsterte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Punkt zwölf. Und als wäre diese Uhrzeit das Maß aller Dinge, kam die Nachbarschaft allmählich zur Ruhe. Die Musik verstummte, das Plätschern ringsherum verebbte. Bald hörte man nur das Rauschen der nahen Bundesstraße, an dessen Rand sich das Neubaugebiet befand, in dem Daniel eine , aber feine Zweizimmerwohnung ergattert hatte.
Zuerst war ihm diese Gegend mit ihren gepflegten Gärten, den akkurat gestutzten Hecken und Musterfamilien – Vater, Mutter, , Haus, Auto und Hund – als Inbegriff deutscher Spießigkeit erschienen. Aber er hatte sich schon nach wenigen Tagen an das moderne Leben im Norden Hamburgs gewöhnt. Und ja, mittlerweile schätzte er diese Spießigkeit sogar, auch wenn der Rebell und kreative Freigeist in ihm es nur schwer zugeben konnte. Aber es war eine tolle Gegend. Die Menschen grüßten sich und man konnte des Nachts ohne Angst die Straßen passieren. Perfekt.
Sein Blick fiel auf einen Gartenabschnitt, der zum Nebenhaus rechts von ihm gehörte. Dort saß eine blonde Frau an einem runden Tisch, ihr gegenüber ein hagerer Mann mit zerzaustem Haar, dessen Augen auf das Display eines Smartphones geheftet waren. Seine Kleidung, bestehend aus Jogginghose und Kapuzenpulli, erinnerte an nerdige Teenager und wollte nicht so recht zu den warmen Temperaturen passen. Die Frau hingegen war adäquat gekleidet und trug ein gelbes, ärmelloses Top und eine farblich passende Bikinihose.
Das Paar wechselte offenbar kein Wort miteinander. Sie hatte sich zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Körpersprache drückte eindeutig aus, dass sie unzufrieden war.
»Pappnase«, flüsterte Daniel. Er würde, wenn eine solche Augenweide vor ihm saß, das Handy zur Seite legen. Sie beobachten. Mit ihr sprechen, frech-charmante Sprüche bringen, etwas Nettes sagen. Verstohlen sah er sich um und prüfte, ob aus den umliegenden Fenstern jemand sein Starren beobachtete. Fehlanzeige. Also sah er sich die Dame genauer an.
So weit er es erkennen konnte, war sie nicht sonderlich groß, was aufgrund ihrer sitzenden Position aber schwer zu beurteilen war. Ihr blondes Haar fiel locker auf die Schulter. Sie war schlank und hatte weiche Gesichtszüge, zumindest sah dies aus der Entfernung so aus.
Plötzlich erhob sich der Mann, das Handy noch immer vor Augen. Er sagte etwas, formte mit seinem Mund für Daniel unhörbare Worte und ging ins Haus. Die Frau sah ihm emotionslos hinterher. Sie gähnte herzhaft und nippte im Anschluss an einem Glas, in dem ein gelber Inhalt schwappte.
Daniel nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse. Der Kaffee schmeckte gut, schön stark und befriedigte seinen Drang nach Koffein. Die Minuten vergingen, das Trinkgefäß leerte sich zunehmend. Er überlegte, was er mit seinem freien Samstag anfangen sollte, denn er könne ja nicht den ganzen Tag am Fenster stehen und in die Welt hinaus starren. Als er sich gerade abwenden wollte, passierte etwas in seinem Sichtfeld und sein Blick flog in den Garten des Paares zurück.
Der Mann hatte das Haus wieder verlassen und trat an seine Partnerin heran. Er hatte einen klobigen Rucksack geschultert und trug eine Laptoptasche. Hektisch beugte er sich hinab und drückte der Frau einen Kuss auf die Stirn. Sie reagierte kaum, zumindest konnte Daniel keine ausgeprägte Gefühlsregung erkennen. Dann steuerte er zielstrebig ein Gartentor an, öffnete es und betrat den öffentlichen Weg dahinter. Schon bald bog er um eine Ecke und war außer Sicht.
Womöglich geht er zur Arbeit, mutmaßte Daniel. Die Frau des Mannes – er nannte ihn aufgrund seiner langen Haare nun Zottel – verharrte dagegen in völliger Regungslosigkeit. Dann griff sie nach ihrem Glas, leerte es in einem Zug. Sie erhob sich. Sein Verdacht, dass sie eher klein als groß war, bestätigte sich. Sie schlenderte durch den Garten, betrachtete einige der Pflanzen und hob etwas auf, das Daniel erst auf dem zweiten Blick als Federball erkannte. Sie wog das weiße Spielgerät in den Händen.
Unterdessen schien die Familie in der Erdgeschosswohnung unter Daniel ihr Mittagsessen beendet zu haben. Mutter, Vater und die durchquerten mit geschulterten Taschen und in Badekleidung gehüllt ihren Garten und verließen es, wie ihr Zottel einige Minuten zuvor, ebenfalls durch ein Gartentor. Sie bogen nach links und gingen, so mutmaßte Daniel, zu dem Badesee, der nur wenige hundert Meter abseits des Neubaugebietes lag. Die Idee war gut – das musste er zugeben. Vielleicht würde er es ihnen später gleichtun. Doch zunächst wollte er die Frau beobachten, denn er gestand sich ein, dass er sie gerne ansah. Sie gefiel ihm, und so lange sie ihn nicht bemerkte, konnte er den einen oder anderen Blick riskieren.
Sie hatte in der Zwischenzeit einen Schläger aufgetrieben, mit dem sie den Federball mit eleganten Bewegungen in der Luft hielt. Sie spielte gut, wenn man das Spielen ohne Partner denn als solches bezeichnen konnte. Der Ball berührte nie den Boden und sie schaffte es, ihn in einem engen Radius um sich selbst zu bespielen. Aber jede Serie riss einmal – so auch in diesem Moment. Sie traf den Federball unsauber, er prallte am Rahmen des Schlägers ab und flog als Querschläger in rundem Bogen über den Maschendrahtzaun aufs Nachbargrundstück. Er kam fast direkt unter Daniels Fenster auf dem sterbenden Grün zum Erliegen.
Der Frau entfuhr ein undeutlicher Fluch. Sie ließ das Sportgerät fallen und ging zum Zaun herüber. Sie lehnte sich vor und versuchte, in das Haus ihrer Nachbarn zu sehen.
»Hallo?!«, rief sie. Daniel trat einen halben Schritt zurück, um nicht von ihr entdeckt zu werden. »Susanne? David?«
Keiner antwortete. Wie auch. Susanne, David und die Kids waren nicht zu Hause. Daniel wunderte sich, dass sie das Fortgehen der Familie nicht bemerkt hatte. So dicht – und doch so fern. Niemand achtet auf den anderen.
Erneut rief sie die Namen der Eltern. Keine Reaktion. Sie hielt inne und sah sich verstohlen um. Dann überstieg sie den etwa hüfthohen Maschendrahtzaun und schlich im Anschluss durch den Nachbarsgarten, nahm den Ball auf und kehrte um. Sie hob ein Bein und wollte über den Zaun steigen, als sie plötzlich innehielt. Daniel konnte nicht erkennen, was der Grund dafür war. Sie nestelte an ihrer Bikinihose herum und fluchte. Er kniff die Augen zusammen und wagte sich ein Stück vor, sah neugierig hinab. Und dann verstand er, worin ihr Problem bestand. Sie hing fest, eine der überstehenden Drahtschlaufen des Zauns hatte sich in dem Textil verheddert. Er grinste amüsiert. Sowas hatte er noch nie gesehen.
»Verdammt … noch … mal!«, schimpfte sie und sah sich verunsichert um. Ihre Finger versuchten verzweifelt, sie aus der Misere zu befreien, doch es schien ausweglos. Ihr Blick glitt abermals ins Haus, als könne sie durch puren Blickkontakt einen Bewohner heraufbeschwören. Nur funktionierte es nicht.
»Scheiße«, zeterte sie und zerrte an dem Hindernis, sodass der Zaun zappelte und wackelte. Sie versuchte, durch einen Schritt zurück dem Draht zu entkommen, aber es half nichts. Verärgert hielt sie inne. Und dann passierte es. Sie sah sich um und direkt zu ihm hinauf. Mist! Er hatte sich so an dem Schauspiel festgeguckt, dass er seine Deckung vergessen hatte.
Als sie ihn entdeckte, lief ihr Gesicht rot an. Daniel versuchte, so zu wirken, als wäre er erst vor Sekunden am Fenster erschienen.
»Alles okay?«, rief er mit gespielter Gleichgültigkeit.
Sie stöhnte genervt und warf den Federball, den sie noch immer hielt, zurück auf ihr Grundstück und sah frustriert zu Boden. »Ich hänge an diesem beschissenen Zaun fest.«
Ihr Gesicht färbte sich zart rosa. Es war ihr augenscheinlich unangenehm und peinlich.
»Hm. Ich sehe es. Kann ich Ihnen helfen?«
Dabei könnte sie doch einfach die Hose ausziehen, überlegte Daniel und musste zugeben, dass dieser Gedanke ein toller war. Nur würde sie, erst recht, weil er aus dem Fenster zu ihr hinab sah, wahrscheinlich eine andere Lösung bevorzugen. Wieder zerrte sie an der Bikinihose.
»Da hat sich so ein Drahtende im Stoff verhakt«, erklärte sie. »Ich kriege es nicht rausgezogen. Haben Sie eine Schere, die Sie mir herunterwerfen können?«
»Na klar!«, antwortete Daniel. »Einen Moment.«
Er eilte in die Küche und suchte die Schere. Doch dort, wo sie normalerweise lag und auf ihren Einsatz wartete, war sie nicht. Er zog alle Schubladen auf, wühlte durch loses Besteck, aber sie war unauffindbar. Sein Blick glitt suchend über die Arbeitsfläche und den Küchentisch, auf dem Zeichenpapier, teure Farbstifte und Musterzeichnungen von Figuren in einem absoluten Chaos ausgebreitet waren. Die Schere war wie vom Erdboden verschluckt.
»Mist«, murmelte er enttäuscht. Er hätte gerne einen Pluspunkt bei der Nachbarin gesammelt. Aber das Mistding musste irgendwo im Umzugschaos untergegangen sein. Erst gestern Abend hatte er drei Kartons ausgepackt, und da war die Schere noch an Ort und Stelle gewesen.
Er ging in das Schlafzimmer. Dort, wo am Vorabend das Auspacken stattgefunden hatte, fand er nur die auseinandergebauten Pappverpackungen – und wieder keine Schere.
Frustriert kehrte er an das Fenster zurück. Die Frau war noch immer gefangen und starrte hoffnungsvoll zu ihm hinauf.
»Tut mir leid«, rief er hinab. »Ich finde die Schere nicht.«
Sie wirkte enttäuscht und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. »Macht nichts. Ich schaffe das schon.«
Daniel hielt einen Moment inne und überlegte. Er könnte zu ihr heruntergehen. Sicherlich würden sie zu zweit eine Lösung finden. Wäre ihr Problem nur nicht so … pikant. Der Draht hatte sich, so weit er es erahnen konnte, direkt zwischen den Beinen verhakt – dort, wo sich Frau nicht gerne von einem Fremden anfassen lies. Und ohne sie zu berühren würde er ihr nicht helfen können.
Sie riss und zerrte fluchend. Dann sah sie wieder zu ihm auf.
»Können Sie runterkommen?«
Ihre Stimme klang konsterniert.
»Nun«, setzte Daniel zu einer Antwort an und rang mit sich, auf der Suche nach einer Ausrede. Aber die Hilflosigkeit, die in ihrem Gesicht geschrieben stand, ließ ihn einknicken. »Ja, na klar. Einen Moment …«
Er schloss das Fenster und trat eilig vor den Spiegel, der im Flur neben der Haustür angebracht war. Er zupfte sein Shirt zurecht, zog das Schnürband seiner Hose zu und schlüpfte in Sportschuhe. Dann griff er den Türschlüssel, verstaute ihn in der Hosentasche und eilte hinaus.
Das breit angelegte Reihenwohnhaus mit seinen gut vierzig Wohneinheiten auf vier Etagen hatte er rasch umrundet. Schnellen Schrittes eilte er den Weg entlang, der an die Gartenzäune der Parterrewohnungen grenzte und erreichte das Tor, das in den Garten der vierköpfigen Nachbarsfamilie führte. Da er wusste, dass die Familie ausgeflogen war, bemühte er sich nicht, erst einmal um Erlaubnis zu bitte. Er trat auf die Blondine zu, die ihm erwartungsvoll und verlegen ansah. Eine dezentes blassrosa zog sich über ihr Gesicht, das jetzt, wo er sie von nahem sah, feine Sommersprossen aufwies.
»Danke«, murmelte sie beschämt. Ihre zarte, recht Nase war gepierct. Sie hatte osteuropäische Gesichtszüge und roch angenehm nach einem fruchtigen Parfüm. »Das ist mir so peinlich!«
»Muss es nicht«, entgegnete Daniel und wusste nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er vermied es, direkt auf ihren Schritt zu starren, beäugte stattdessen den Maschendrahtzaun und seine zugegeben sehr schlecht verarbeiteten Drähte, die auf Kammhöhe grob miteinander verwirbelt waren. Kein Wunder, dass sie dort hängengeblieben ist.
»Ich heiße Kaja«, sagte sie plötzlich und riss ihn aus seinen Gedanken. »Wir kennen uns noch nicht. Aber ich glaube, dass ich dich neulich beim Bäcker gesehen habe.«
»Vielleicht«, murmelte er. »Da kaufe ich oft. Ich heiße Daniel.«
Kaja lächelte zaghaft. Dann sah sie hinab und zog demonstrativ den Zaun ein Stück von sich weg, sodass sich der Stoff ihrer Bikinihose spannte.
»Wie du siehst«, erklärte sie kleinlaut, »hängt die Hose fest.«
Jetzt war Daniel dazu gezwungen, einen genaueren Blick auf das Geschehen zu werfen. Und tatsächlich: Dort, wo der Draht den Stoff zu fassen bekommen hatte, standen dutzende Fasern ab, die Kaja bei ihren Versuchen, sich vom Zaun zu befreien, herausgerissen hatte. Das Textil lag locker an ihrer Haut. Daniel wurde heiß, als er an das dachte, was sich dahinter verbarg. Eine freche Hitze entflammte zwischen seinen Lenden. Er zwang sich, seine Gedanken auf das Problem zu konzentrieren.
»Ich habe schon gezogen wie eine Irre, aber da muss eine Art Widerhaken sein, irgendeine kaputte Stelle, die sich im Gewebe verfangen hat.«
Demonstrativ zog sie erneut. Nichts passierte, außer dass sich der Stoff ihrer Hose spannte und die Konturen ihrer Schamlippen erahnen ließ. Die Hitze steigerte sich.
»Kannst du mir helfen?«, fragte sie und plötzlich verwandelte sich das Rosa in ihrem Gesicht in etwas rotes. »Ich weiß, dass … die Stelle doof ist.«
»Ach, nicht so schlimm«, winkte er übertrieben sorglos ab. »Das wird schon. Wie soll …«
Er überlegte, wie er die Sache angehen konnte.
»Egal, Hauptsache, ich komme hier endlich los.«
Doch ihre Stimme klang weicher als zuvor. So egal schien es ihr nicht zu sein. Aber sie hatte recht. Sie musste befreit werden.
»Vielleicht, wenn du hier etwas ziehst«, murmelte sie und zog demonstrativ den Stoff nach oben, was die Ausprägung ihrer Schamlippen begünstigte, »siehst du bestimmt mehr, als ich.«
Daniel zögerte zunächst, doch dann nahm er seinen Mut zusammen und klemmte den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Er spürte die Wärme, die von Kaja ausging und selbst die sommerlichen Temperaturen toppte. Er zog.
»Kannst du das Bein etwas … zur Seite schieben, nur ein Stück. Dann komme ich vielleicht heran …«
Sie tat wie ihr geheißen und hob das Bein ein paar Zentimeter an. Er spürte, wie sie eine Hand auf seine Schulter legte, um das Gleichgewicht besser halten zu können.
»Nun mach schon«, drängte sie, als er zögerte. Er atmete tief aus und ergriff mit der freien Hand an die Stelle, an der der Draht eingedrungen war. Dort war es sehr warm. Gar heiß. Er kam nicht herum, mit seinem Handrücken die Innenseite ihrer Oberschenkel zu berühren, die so verdammt weich und zart waren.
Zwischen seinen Beinen erwachte etwas zum Leben und er hoffte, dass Kaja es nicht bemerken würde. Eine verruchte Hitze zog sich durch sein Gesicht und er war sich sicher, dass er puterrot anlief. »Gleich … ist es geschafft.«
Ein Reißen erklang, als Daniel den Stoff vom Draht zu ziehen versuchte. Dann, nach einem kräftigen Ruck, war sie frei. Sie taumelte einen kleinen Schritt zurück.
»Gott sei Dank«, frohlockte sie. Er stemmte zufrieden seine Hände in die Hüften. Kaja stieg über den Zaun und war endlich wieder auf ihrer Seite. »Du hast mir den Tag gerettet.«
Die Röte in ihrem Gesicht hatte Bestand. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick zu ihrem Haus.
»Kein Problem«, sagte Daniel. Eine peinliche Stille entstand.
»Ähm. Wohnst du schon lange hier?«, durchbrach sie diese als erste.
»Circa zwei Wochen. Seit wann leben du und dein … Freund schon hier?«
Kaja lachte. »Knapp ein halbes Jahr. Und mein Freund ist eigentlich mein Mann.«
Bei den letzten beiden Worten verfinsterte sich ihre Miene für den Bruchteil einer Sekunde.
Huch? Ärger im Paradies? Hat Zottel etwas ausgefressen?
»Nun, ich muss mal wieder«, sagte sie und warf abermals einen Blick zurück. »Ich habe einiges zu tun.«
Daniel nickte wohlwollend. »Dann mal los.«
»Vielen Dank noch einmal.«
Kaja lächelte ihn an. Es war die Art Lächeln, die einem das Herz schmelzen ließ.
Sie drehte sich um und schritt zielstrebig auf die offenstehende Terrassentür zu.
Er musste etwas sagen. Irgendeinen Gag zum Abschied bringen. Das würde ihn sicherlich gut in ihrer Erinnerung halten.
»Pass in Zukunft auf Zäune auf. Diese Viecher sind böse!«
Sie hielt inne und musterte ihn für einen Moment. Anschließend lachte sie, noch viel wärmer als zuvor. »Ich werde es versuchen.«
Sie ging ins Haus.
»Hm«, seufzte Daniel und stemmte die Hände in die Hüfte. Dann drehte er sich um und verließ nachdenklich das Grundstück. In seinem Kopf flatterten die letzten Szenen der Begegnung mit Kaja auf und ab. Ihr Lächeln. Ihre blonden Haare. Die Sommersprossen. Ihre … Bikinihose, so warm, so … weich. Die Schamlippen, die sich unter dem gespannten Stoff abgezeichnet hatten …
Was für ein toller Tag. Das Aufstehen hatte sich gelohnt. Er liebte den Sommer.
2.
Kaja lag im Bett und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen war es stockfinster und sie konnte die zirpenden Grillen hören, die sich der Geräuschintensität nach in Scharen in den umliegenden Büschen und Gräsern versammelt haben mussten. Die Gerüche von Sommer und Grillfleisch lagen in der Luft, irgendwo in der Ferne spielte Musik.
Die Schlafzimmertür knarrte und sie wandte ihren Blick vom Fenster ab. Maik hatte den Raum betreten.
»Hey«, begrüßte er sie knapp. »War das ein Tag. Ich bin rotzefertig.«
»Hm«, antwortete sie. Ihre Miene verfinsterte sich, wie so oft, wenn er von der Arbeit zurückkam. Wie geht es dir, Schatz?! Wie war dein Tag, Schatz?!
Nein, in seiner Welt gab es nur sich selbst. Sie wusste es. Und sie war keinen Deut besser. Auch das wusste sie. Smalltalk verläuft in zwei Richtungen. Nur hatte sie keine Kraft mehr, nein!, keine Lust mehr, sich tiefgründig mit ihm zu unterhalten. Beide dachten nur an sich und ihre eigenen Probleme. Ihre Ehe war so tot, wie sie es nur sein konnte. Der Versuch, mit dem Umzug in ein neues Haus frischen Wind in die eingeschlafene Beziehung zu bringen, war gescheitert.
Maik stand vor dem bodentiefen Wandspiegel und fuhr sich mit einer Hand durch das schulterlange Haar. Sie fröstelte. Wie sie seine Haare hasste! Waren sie einst modern geschnitten gewesen, so hatte er sie in den letzten beiden Jahren erbarmungslos wachsen lassen. Kaja hatte nichts gegen Langhaarfrisuren bei Männern, aber ihr Gatte hatte es geschafft, seinen Look durch einen Pflegeboykott zu ruinieren. Seine Haare wirkten vernachlässigt, verfilzt und total verlottert. Bäh!
»Wie war es auf der Arbeit?«, zwang sie sich mit kühler Stimme zu fragen. Und das nicht, weil es sie interessierte, sondern, weil sie am Ende, wenn die Ehe endgültig aus war, sagen konnte, dass sie es bis zum Schluss mit Interesse versucht hatte. Taktik.
Sie biss sich frustriert auf die Unterlippe. Diese Gedanken waren falsch. Dieses Taktieren innerhalb einer Beziehung war absolut verwerflich und kindisch. Sie wusste es. Und doch schaffte sie es nicht, sich über ihre Frustration hinwegzusetzen.
»Das würdest du nicht verstehen«, antwortete er beiläufig und wandte sich zu ihr um.
Wut stieg in ihr hoch.
»Versuch es doch einmal«, sagte sie bissig. »So dumm bin ich nicht!«
»So war das nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass es zu kompliziert ist, um es ohne Kontext zu verstehen. Computerzeugs halt.«
Sie taxierte ihn mit einem ernsten Blick, dann wandte sie sich ihrem Smartphone zu. Soll er doch an seine blöden Computer denken, dachte sie wütend und scrollte durch ihren Newsfeed. Soll er doch seine beschissenen Computer heiraten.
»Schläfst du jetzt?«, wollte er beiläufig wissen.
»Nein, ich sitze wach im Bett und rede mit dir.«
Er rollte mit den Augen. »Das ist mir schon klar. Aber was machst du im Anschluss? Gehst du noch einmal ins Bad oder in die Küche?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Eher nicht. Ich schalte bald das Licht aus.«
»Dann schlaf gut«, murmelte er und verließ das Schlafzimmer. Kaja hörte am Ende des Flures, wie die Badezimmertür ins zufiel.
Schlaf gut, wiederholte sie im Geiste. Wütend scrollte sie durch ihre Social Media Kanäle und als diese nichts mehr hergaben, schloss sie das Gerät an ein Ladekabel an und legte es auf den Nachttisch. Sie schaltete die Nachttischlampe aus. Dunkelheit breitete sich aus. Nur das Licht, das unter dem Türspalt des Badezimmers hervorquoll, warf einen gelben Schein in den Flur. Kaja stöhnte genervt. Hätte ihr Göttergatte nicht wenigstens die Schlafzimmertür zu machen können?
Wut kochte in ihr hoch. Wie sie diesen Kerl allmählich verachtete. Diesen ungepflegten, schlappschwänzigen Nichtsnutz, der es Nichteinmal schaffte, Türen vernünftig zu schließen. Jede noch so Tat von ihm genügte mittlerweile, um böse über ihn zu denken. Dabei hatte ihre Beziehung so verheißungsvoll begonnen, war voller Liebe, Freundschaft und … Kaja ballte die Hände zu Fäusten. Das war lange her gewesen. Monate, gar Jahre.
Sie spürte, wie die Müdigkeit nach ihr griff und sie tiefer in die Matratze zog. Sie warf der offenen Tür einen finsteren Blick zu. Sei es drum. Es geht auch so.
Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf den frisch bezogenen und gut riechenden Bettbezug. Dachte an den Tag, an den Sommer. Doch dann machte ihr Herz einen gequälten Sprung, als ihr die Peinlichkeit wieder einfiel, die ihr beim Übersteigen des Zaunes passiert war. Wie tölpelhaft sie versucht hatte, sich zu befreien. Wie erst dieser junge Mann, Daniel, sie aus ihrer misslichen Lage hatte retten können.
Sie spürte Hitze in ihr Gesicht steigen, als sie sich an seine Berührungen erinnerte. Sein Handrücken hatte ihre Beine berührt, seine Finger beinahe noch mehr, wäre der Stoff ihres Bikinihöschens nicht gewesen …
Ja, der liebe Mann, nein, der Held des Tages, war ein Hübscher. Und zuvorkommend. Gepflegt, mit ordentlich frisierten Haaren, wie es sich gehörte. Nicht so wie ihr … Ehemann.
Sie öffnete die Augen und verengte sie zu Schlitzen, die geöffnete Schlafzimmertür und das vom Bad ausgehende Licht fest im Blick. Die verdammte Tür hatte geschlossen zu sein!
Mit einer energischen Bewegung riss sie die Bettdecke hinunter und sprang auf. Schnellen Schrittes durchquerte sie das Schlafzimmer und hatte ihre Hand schon auf der Türklinke, als sie ihren Plan änderte. Wenn sie die bequeme Wärme ihres Bettes verlassen musste, dann sollte Maik es auch mitbekommen. Wütend stampfte sie zum Bad und ohne zu klopfen riss sie die Tür auf.
»Mach beim nächsten Mal die Schlafzimmertür …«, doch weiter kam sie nicht.
»Kaja!«, schrie Maik auf, der erschrocken am Boden auf einem Badteppich hockte, den Rücken an die Duschwand gelehnt. Er war nackt, zumindest untenherum. Sein Penis ragte steif nach oben. In der Hand hielt er sein Tablet, auf dessen Display eine entblößte Frau zu sehen war. Sie traute ihren Augen nicht.
»Man!«, schrie er und sprang auf, während sein Schwanz, von dichtem Lockenwuchs umgeben, hin und her schwankte.
»Wichst du dir einen?!«, stammelte sie perplex. Mit diesem Bild hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Aber gut, da zwischen ihnen seit Monaten nichts mehr im Bett lief, war es logisch, dass er seinen Ausgleich woanders suchte. Nur hatte er es bis dato immer gut vor ihr verheimlichen können.
»Verdammt, klopf doch gefälligst!«, jammerte er. Plötzlich fiel sein Tablett herunter und landete mit dem Display nach unten vor Kajas Füßen. Bevor er die Gelegenheit dazu bekam, hob sie es hastig auf. Sie wollte sehen, zu welchem Typ Frau er es sich besorgte. Welche Sie es schaffte, seine Libido zu aktivieren.
Er versuchte, ihr mit fahrigen Fingern das Gerät zu entreißen, doch es war zu spät. Sie hatte das Weib auf dem Display gesehen – und sofort erkannt. Nur konnte das nicht sein! Um Gottes willen, das war nicht möglich!
Ihr blickten die vertrauten Augen ihrer besten Freundin Michelle entgegen.
Perplex starrte sie auf das Bild, während Maik noch immer versuchte, sein Tablet zu erhaschen.
»Gib es mir!«, zeterte er. Kaja trat einen Schritt zurück und gebot ihm mit erhobener Hand, den Mund zu halten.
»Woher hast du dieses Bild?«, fragte sie, während tausende Fragen durch ihren Kopf rasten. Hatten die beiden eine Affäre? War Michelle der Grund, warum es zwischen ihnen nicht mehr lief? Und warum kam ihr dieses Foto so … merkwürdig bekannt vor? Dieses Lächeln hatte sie an ihr schon irgendwo gesehen …
»Das geht dich nichts an!«
Kaja verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Maik taumelte benommen zurück, im Gesicht ein knallroter Abdruck. »Woher hast du dieses Foto?!«
Sie schrie aus voller Kehle, getrieben von tiefgründiger Scham. Er starrte sie entgeistert an und rieb sich die Stelle, an der sie ihn erwischt hatte. Wieder hob sie die Hand zum Schlag.
»Schon gut«, jammerte er. »Schon gut!«
Kaja konnte die Antwort kaum erwarten. Von ihr würde so viel abhängen, so wie zum Beispiel das Verhältnis zu Michelle und der Stand ihrer und Maiks Ehe. War dies endlich der finale Grund, diesen Kerl zu verlassen?
»Und?«
»Das ist ein Deepfake«, erklärte er mit bebender Stimme. Er klang wie ein Mädchen, ein weinerliches, verängstigtes Frauenzimmer. »Der Kopf ist mittels KI auf einen anderen Körper gesetzt worden.«
Kaja verstand erst nicht, doch dann setzten sich seine Worte zusammen und ergaben einen Sinn. Sie dachte von sich, dass sie vor Wut schreien würde. Dass sie Ausrasten und um sich schlagen würde. Dass sie ihre verletzte Ehre mit Gewalt wiederherstellen musste. Aber es kam anders. Sie lachte. Sie lachte schallend auf und legte all ihre Abscheu, all ihren Hass, den sie mittlerweile für Maik empfand, in die nächsten Worte.
»Du bist ein jämmerlicher Wichser«, begann sie mit erstaunlich ruhiger Stimme. »Dass du so etwas nötig hast! Dass du …«
Sie hielt inne, starrte in seine vor Verwunderung und Scham aufgerissenen Augen.
»Es ist vorbei!«, flüsterte sie. »Es ist vorbei. Und weißt du was? Es ist mir egal!«
Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte davon. Hinter sich hörte sie noch seine flehenden Rufe, aber das Knallen der Haustür schnitt diese jäh ab. Eine angenehm kühle Sommerluft empfing Kaja, die frei wie eine Feder in die Nacht spazierte.
3.
Kies knirschte unter Kajas weißen Chucks. Sie schlenderte gedankenverloren einen breiten Weg entlang, der sie um den örtlichen Badesee in Rufweite zur Neubausiedlung führte. Auf der Wiese zu ihrer rechten saßen junge Menschen in munter schwatzenden Gruppen zusammen. Es roch nach Gegrilltem und Tabak. Das Wasser links von ihr schwappte leise an das grasbewachsene Ufer.
Alles andere als leise hingegen waren Kajas Gedanken, die wütende Kreise durch ihren Kopf zogen und ein heilloses Durcheinander hinterließen.
Dieser Mistkerl! Dieser miese Schlappschwanz! Dieser Betrüger!
Der Standpunkt, dass eine Trennung von Maik ihr egal sei, war einer nüchternen Tatsache gewichen: Sie hatte sich etwas vorgemacht. Aber nicht aus dem Grund, weil sie ihn liebte und nicht verlieren wollte. Ha! Nein. Sie fühlte sich gedemütigt und verraten. Wie lange schon hegte er diese Zuneigung gegenüber Michelle bereits? War jene Zuneigung der Grund dafür, dass die Beziehung schleichend den Bach heruntergegangen war?
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Und obwohl sie schnell über ihre Wange wischte, konnte Kaja nicht verbergen, dass zumindest für einen Moment eine Träne auf der Haut glitzerte.
Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche, entsperrte es und tippte auf das Telefonicon, so wie sie es in den letzten Minuten oft getan hatte. Ihr Finger verharrte über der Nummer von Michelle. Sie wollte mit ihr sprechen. Musste mit ihr sprechen. Selten hatte sie die Aufmunterung ihrer besten Freundin so gebraucht, wie in diesem Moment. Und doch brachte sie es nicht fertig, den Anruf zu tätigen. Zu tief war Michelle in das verwickelt, was Kaja auf dem Display von Maiks Tablet gesehen hatte, wenn auch ohne eigenes Zutun. Seufzend steckte sie ihr Handy ein. Sie würde es schon noch schaffen, sie anzurufen, aber sie musste erst einmal eine Nacht drüber schlafen.
Schlafen. Als ob. Der Gedanke an Schlaf war so weit weg wie eine intakte Beziehung zu Maik. Kaja würde in dieser Nacht kein Auge schließen können, denn es galt an vieles zu denken. Ein Leben, das bis vor einer Stunde noch zu zweit geführt worden war, musste geteilt werden. Es galt zu klären, was mit dem Haus passierte würde. Wer bekam das Auto? Wer den Fernseher, das Sofa, das Bett … Nur bei dem Tablet wusste Kaja genau, dass sie niemals einen Anspruch darauf erheben würde. Bei dem Gedanken an Maiks Sperma, das im Beisein der Fakefotos von Michelle auf dem Gehäuse des Gerätes gelandet und somit auch auf an ihre Hände gelangt war, wenn sie es nutzte, ließ sie erschaudern.
Vor ihr gabelte sich der Weg. Während er links erneut um den See herumführte, führte der andere Zweig zur Neubausiedlung. Kaja stoppte seufzend. Sie gestand sich ein, dass sie irgendwann den Weg nach Hause antreten musste. Es würde ihr nichts bringen, den See ein sechtes Mal zu umrunden. Sie atmete tief durch. Und einer spontanen Eingebung folgend fasste sie einen Entschluss. Sie würde all ihre Enttäuschung und Wut bündeln und dazu nutzen, Maik auf das Sofa im Wohnzimmer zu verbannen. Im Schlafzimmer hatte er nichts mehr zu suchen. Im Anschluss würde sie versuchen, zu schlafen, denn ausgeruht dachte es sich besser. Morgen würde sie überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen würden.
Vielleicht vertrieb sie ihren Göttergatten auch ganz aus dem Haus – seine Mutter wohnte nur eine halbe Stunde entfernt und er würde dort sofort unterkommen können. Das würde gut passen, denn so könnte er der Rentnerin erklären, wie er die Ehe mit ihrer Lieblingsschwiegertochter in den Sand gesetzt, beziehungsweise, gewichst hatte.
Entschlossen und mit wachsender Aufbruchsstimmung ging sie los. Als sie das Wohngebiet erreichte, passierte sie die Neubauten, welche sich glichen wie ein Ei dem anderen. Nur ihr Gartentor, im Gegensatz zu denen der Nachbarn grün statt schwarz lackiert, brachte etwas Varianz hervor.
Kaja legte sie die Hand auf die Klinke, hielt inne und unterdrückte ein leises Schluchzen. Sie musste stark sein. Ihren Plan durchziehen. Sich keine Schwäche anmerken lassen. Leichter gesagt als getan. Sie drohte zu scheitern. Ihre neu gewonnene Kraft hatte sie verlassen.
Traurig glitt ihr Blick über den von der Sonne gequälten Rasen. In regelmäßigen Abständen positionierte Gartenleuchten verbreiteten einen warmen, gelben Schein, der sich auf die Zierpflanzen legte, die sie in akribischer Arbeit in die Erde gebracht hatte. Das Licht ließ die Blätter und Hälse der Blumen lange Schatten werfen. Auf dem Gartentisch lagen noch immer der Federball samt Schläger, die sie am Tag benutzt hatte, um sich die Langeweile zu vertreiben, bis …
Sie erinnerte sich an die peinliche Situation, als sich ihr Bikinihöschen im Zaun verfangen hatte. Ihr Blick glitt hinauf zu den Fenstern der Wohnung von Daniel, der ihr bei diesem ungewöhnlichen Problem geholfen hatte. Bei ihm brannte Licht. Es musste sich, wenn sie sich den baugleichen Grundriss ihres Hauses vor Augen führte, um die Küche handeln.
Er war nett gewesen, überlegte sie und erinnerte sich an die schüchterne Sorgfalt, die er bei der Lösung ihres Problems an den Tag gelegt hatte, und an die Berührungen, die ihm sichtlich schwergefallen waren. Auch sie hatte es befremdlich gefunden, dass er sie an den Oberschenkeln und ja, irgendwie an die Schamlippen berührt hatte, wenn gleichermaßen mit einer Lage Stoff dazwischen.
Warum eigentlich? Warum war es ihr unangenehm gewesen?
In Anbetracht der Umstände, dass sie nunmehr in Trennung lebte, war sie eine freie Frau. Sie konnte es sich erlauben, diese Berührungen als angenehm zu empfinden – oder redete sie sich dies nur ein? Streng genommen war die Beziehung zu Maik in jenem Moment der Not nicht beendet gewesen. Erst einige Stunden später hatte sie den Schlussstrich gezogen. Aber was war dieser Anflug von Anstand noch wert? Was konnte sie sich davon kaufen, wenn sie das Erlebte verdrängte und in ihrer Erinnerung einschloss?
Nichts. Gar nichts.
In diesem Moment trat Daniel vor das Fenster. Kaja zuckte erschrocken zusammen, doch er stand mit dem Rücken zu ihr und hatte sie nicht gesehen. Er beugte sich vor und betrachtete etwas, das sich vor ihm befand. Hinter einem seiner Ohren klemmte ein Stift. Nachdem er einige Sekunden reglos verharrte, richtete er sich auf und hielt ein großes Stück Papier vor sich hoch, das mit allerhand Farben verziert war. Sie konnte nicht erkennen, was genau darauf gezeichnet war, doch sah es aus wie eine Landkarte, wie eine … Schatzkarte. Daniel legte das Blatt wieder ab, kratzte sich am Kopf, zog den Stift hinter seinem Ohr hervor und ließ ihn über die Zeichnung gleiten. Während er mit feinen Bewegungen etwas zeichnete, musterte sie seinen Körperbau, der ihr erst in diesem Moment so richtig aufgefallen war.
Er hatte ein breites Kreuz, über dem sich ein weißes T-Shirt spannte. Seine Oberarme waren muskulös und strahlten eine Kraft aus, die ihr baldiger Exmann selbst in seinen besten Zeiten nie besessen hatte. Schade, dass ich ihn nicht ganz sehen kann, dachte Kaja.
Mit einem Mal explodierte ein Wunsch in ihrem Inneren. Sie durfte nicht zulassen, dass das kurze Treffen am Zaun das einzige zwischen ihnen gewesen war. Sie musste ihn wiedersehen und in Gänze zu betrachten.
Und wenn er dir gefällt, dann nimmst du ihn dir!
Diesen Auftrag gab sie sich selbst. Sie durfte es. Sie hatte das Recht dazu. Denn sie war eine freie Frau, mit einem Ex, der keine Ansprüche an sie und ihr zukünftiges Liebesleben anzumelden hatte.
Aber wie sollte sie es anstellen? Sie konnte kaum bei ihm klingeln und klischeegetreu nach einer Tasse Zucker fragen – oder?
Warum eigentlich nicht? Was wäre daran verwerflich? Wer eine Dame in Not von einem fiesen Zaun zu retten wusste, würde auch verleihbaren Zucker im Hause haben.
Das Licht erlosch. Kaja war so in Gedanken verloren gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie Daniel den Raum verlassen hatte. Seine Wohnung lag in vollkommener Dunkelheit da. Egal, wie sie es anstellen würde, ihm einen Besuch abzustatten, sie würde sich gedulden und ihr Vorhaben in den neuen Tag verschieben müssen. Und das war gut so. In diesem Moment zählten andere Dinge. Ein Kampf musste gekämpft werden.
4.
Daniel stand am geöffneten Küchenfenster und sah gedankenverloren nach draußen. In seiner linken Hand hielt er eine dampfende Tasse, aus der er wie ferngesteuert trank. Es war Nachmittag und für einen Kaffee eigentlich viel zu heiß. Der Sommer hatte sich im Vergleich zum Vortag noch gesteigert und malträtierte Land und Leute mit Temperaturen jenseits der dreißig Grad. Doch Koffein war wichtig und mehr als nur ein Lebenselixier für Daniel.
Mit der freien Hand fuhr er sich durch das schweißnasses Haar und berührte dabei den Zeichenstift, den er sich hinter sein Ohr geklemmt hatte. Neben ihm auf dem Küchentisch, der derzeit mehr Kreativ- als Essbereich war, stapelten sich Dutzende Zeichnungen. Sie enthielten Abbildungen von Personen im Stil amerikanischer Comics der siebziger Jahre, die in verschiedenen Perspektiven dargestellt wurden. Dazu gesellten sich Illustrationen von Würfeln und Spielfiguren, die an die Bestandteile von Brettspielen erinnerten.
Ein lauter Knall riss ihn aus seiner Ruhe. Das Geräusch kam vom Nachbargrundstück schräg unter ihm. Dem Krach folgten Kleidungsstücke, die mit Wucht aus der geöffneten Terrassentür in den Garten geworfen wurden. Daniel hob verwundert eine Augenbraue. Als sich unter die fliegenden Textilien laute, weibliche Schreie mischten, dämmerte ihn, was dort gerade los war.
Zottel hatte Ärger. Und davon offenbar eine Menge.
Dieser Gedanke bestätigte sich, als eine Reisetasche auf dem Rasen landete und mit der Öffnung nach oben liegenblieb. Nur zwei Sekunden später stolperte der hagere Mann hinterher. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren, seine Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Er wirkte, als hätte er eine äußerst ungemütliche Nacht gehabt, seine dunklen Augenringe waren selbst aus der Entfernung deutlich zu sehen.
»Kaja, nun hör auf mit dem Scheiß!«
Er gestikulierte verzweifelt in Richtung der Tür und faltete die Hände, als würde er um Gnade flehen. In letzter Sekunde zog er seinen Kopf zur Seite, so dass er einer Laptoptasche ausweichen konnte, die um sich selbst rotierend an ihm vorbei flog.
»Fick dich, Maik!«
»Oh oh Zottel, was hast du getan?«, flüsterte Daniel und beobachtete gebannt, wie der Mann angestrengt weiteren Geschossen auswich und dabei einen, dank seiner schlaksigen Statur, lustigen Tanz vollführte.
»Sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich will dich hier nicht mehr sehen!«
Ein lauter Knall folgte. Die Wucht, mit der die Terrassentür ins Schloss geworfen wurde, ließ selbst die Gläser in Daniels Küchenschrank leise klirren.
»Nun komm!«, rief Zottel, der an die Tür herangetreten war und dann, als er sich seiner Situation bewusst wurde, nervös in die Nachbargärten spähte. In sein blasses Gesicht mischte sich ein zartes Rosa, als er Daniel bemerkte, der den entwürdigenden Sachverhalt verfolgte.
»Mach die Tür auf!«, flehte er mit deutlich leiserer Stimme. Er klopfte, doch Kaja ließ sich nicht erweichen. Die Tür war zu, Zottel ausgesperrt. Als auch die Nachbarin, die unter Daniel wohnte, ins Freie trat und zu dem Quell des Lärms hinübersah, hielt er inne. Was folgte, war eine peinliche Stille.
»Meiner Frau geht es nicht so gut«, erklärte er kleinlaut. »Schlimme Phase gerade.«
Zottel versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen, was ihm aber misslang.
»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte die Nachbarin vorsichtig, obwohl ihrem verhärteten Gesicht anzusehen war, dass sie eigentlich etwas anderes im Sinn hatte.
»Nein, schon gut«, wiegelte Zottel ab und riss sich aus seiner Starre. »Ich fahre in den Urlaub, das haben wir geklärt. Dann kann meine Frau sich ausruhen und erholen. Ich muss nur noch … packen.«
Demonstrativ hob er die leere Reisetasche auf und hielt sie hoch. Die Nachbarin schüttelte ungläubig den Kopf und verschwand im Haus. Auch Daniel schickte sich an, in eine andere Richtung zu gucken, während Zottel im Zickzack durch seinen Garten stolperte und Kleidungsstücke aufsammelte.
*
Das Schrillen der Türklingel riss Daniel aus dem Schlaf. Er lag auf seinem Sofa, in der Hand hielt er die Fernbedienung. Das Fernsehgerät zeigte die Zusammenfassung eines Fußballländerspiels. Er wunderte sich darüber, dass er geschlafen hatte, denn hatte er nicht beabsichtigt. Gähnend fuhr er sich durchs Haar, streckte sich und griff nach dem Stift, der neben ihm in einer der Sofaritzen lag und klemmte ihn sich wie gewohnt hinter das Ohr. Die Türklingel läutete erneut.
»Ja, ja!«, murmelte er und erhob sich schwerfällig. Er schlurfte in den Flur bis hin zur Wohnungstür und sah durch den Spion. Er erblickte Sommersprossen und blondes Haar. Kaja.
Was will die denn von mir?, dachte er verwundert und legte die Stirn in Falten. Seine Nachbarin betätigte abermals die Klingel. Als er gerade die Tür öffnen wollte, hielt er inne. Hektisch sah er an sich herunter. Er trug ein schlichtes, weißes Shirt sowie eine unspektakuläre, graue Shorts. Ein Seitenblick in den Spiegel verriet ihm, dass sein Haar verwuschelt war, doch das konnte er schnell mit ein paar hastigen Handgriffen richten.
Geht schlimmer, dachte er und öffnete die Tür.
»Hi!«, begrüßte Kaja ihn. Sie hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und grinste Daniel freundlich an. Sie trug ein weißes Top, das kurz geschnitten war und einen flüchtigen Blick auf ihren Bauchnabel zuließ, sowie einen knapp knielangen, fliederfarbenen Rock. Ihre Füße steckten in leichten Sandalen. »Habe ich dich geweckt, oder brauchst du immer so lange, um die Tür zu öffnen?«
»Erwischt«, antwortete er und rang sich ebenfalls zu einem Lächeln durch. In diesem Moment erinnerte er sich daran, dass sie vor wenigen Stunden ihren Mann aus dem Haus geworfen hatte. Er war verwirrt. Was könnte sie von ihm wollen?
»Was kann ich für dich tun?«
»Ich bin hier, um mich zu beschweren«, gab sie forsch zurück. Ihr Grinsen wich einem ernsten Gesichtsausdruck. Abermals legte Daniel seine Stirn in Falten. Seine Gedanken rasten. Hatte er irgendetwas angestellt? Eigentlich hatte er bei dem bisher einzigen Zusammentreffen mit Kaja etwas Gutes getan, in dem er sie von dem Zaun befreit hatte – oder etwa nicht? Was ist ihr Problem? Hatte sie erfahren, dass er den Streit zwischen ihr und Zottel bemerkt hatte? Das er ihren Mann in dieser peinlichen Situation angestarrt hatte wie einen Affen im Zoo? Wenn ja, würde das bedeuten, dass die beiden sich wieder vertragen hatten?
»Ich verstehe nicht …«
Erst in diesem Moment bemerkte er, dass sie in ihrer freien Hand einen Gegenstand verbarg. Ein gelbes Teil, aus Stoff und …
Schon hielt sie ihm das fragwürdige Objekt direkt vors Gesicht. Es war ein Bikinihöschen, das Bikinihöschen. Das freche Ding, das sich am Vortag im Zaun verfangen hatte.
»Du hast sie kaputt gemacht«, erklärte sie streng und deutete auf abstehende Fasern und Risse im Textil. Daniel war wie vor dem Kopf geschlagen. Er sah sie und das Kleidungsstück abwechselnd an. War das ihr Ernst? Wie undankbar konnte ein Mensch eigentlich sein?
Doch als Daniel sich anschickte, zu protestieren, zerfiel ihre grimmige Miene und sie prustete los. »Hast du mir echt geglaubt, dass ich dich deswegen anmachen würde?«
Seine Verwirrung war perfekt. Und ja, er traute dieser Frau, die ihren Mann mit Kleidung, Koffern und Computertaschen abwarf, so einiges zu.
»Ich verstehe wirklich nicht.«
»Na ja, du bist neu hier und ich wollte dich gerne besser kennenlernen. Und irgendwie fehlte mir ein angemessener Vorwand, um bei dir zu klingeln. Da dachte ich, dass es etwas antiquiert wäre, plump nach Zucker oder Mehl zu fragen. So kam mir die Idee mit dem Höschen.«
Jetzt war es Daniel, der erleichtert auflachte. »Aber ist das Kennenlernen eines Menschen nicht Vorwand genug, um zu klingeln? Wozu diese aufwendige Geschichte?«
Kaja hielt inne, ihr Lachen gefror. »Oh, du hast recht. Irgendwie unnötig.«
Sie wirkte peinlich berührt. Scheinbar hatte sie sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie einen Besuch bei ihm erklären konnte.
»Willst du einen Kaffee trinken?«, fragte er, um ihr weitere Scham zu ersparen. »Oder etwas Kaltes?«
Sie lächelte, ihr breites Grinsen kehrte zurück. »Gerne.«
5.
»Jetzt sehe ich deine Küche auch mal aus dieser Perspektive«, erklärte Kaja und setzte sich an den Küchentisch, nachdem Daniel ihr einen Stuhl angeboten hatte. »Ich konnte von unten durchs Fenster bisher nur die Decke und den oberen Teil des Kühlschrankes sehen.«
»Sehr viel mehr hat sie auch nicht zu bieten«, scherzte ihr Gastgeber und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Dabei drehte er ihr seinen Rücken zu, was Kaja die Möglichkeit bot, seinen Körper zu mustern. Denn das war etwas, das sie am Vortag aufgrund der Aufregung verpasst hatte.
Daniel konnte eine ausgeprägte Schulterpartie sein Eigen nennen. Zudem wirkten seine Beine kräftig, was vermuten ließ, dass er Fußball spielte. Solche Muskeln bekam Mann nicht vom Sitzen vor einem Computer, so wie ihr baldiger Ex. Bei dem Gedanken an Maik verfinsterte sich ihr Blick und tief in ihr flammte ein wütendes Kribbeln auf. Sie durfte nicht an diesen Taugenichts denken. Er war weit weg und sie hatte etwas anderes im Sinn.
Kajas Blick fiel auf Daniels Po, der selbst unter der locker sitzenden Hose fantastisch aussah. Nicht zu groß und auf keinen Fall zu klein. Zum Anbeißen. Das wütende Kribbeln verwandelte sich in etwas freundliches und wohltuendes.
»Mit Milch?«, fragte er und warf ihr über die Schulter ein Lächeln zu. Sie nickte. Als ihr seine strahlend grünen Augen auffielen, die sie an Moos erinnerten, steigerte sich die Wärme abermals. Er ist hübsch, dachte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie war mit sich selbst im Reinen. Erstens hatte sie sich getraut, Daniel aufzusuchen, und hatte mit ihrer Selbsteinladung, denn nur so konnte man es nennen, vollen Erfolg gehabt. Zweitens war sie stolz darauf, dass sie ein schlechtes Gewissen Maik gegenüber erfolgreich unterdrücken konnte. Er hatte es nicht besser verdient. Und außerdem hatte sie die Beziehung zu ihm beendet. Vom amtlichen Status ihrer Ehe einmal abgesehen, war sie im Recht. Und die Scheidung würde in einem Jahr durch sein – spätestens.
Daniel kam mit zwei dampfenden Tassen Kaffee an den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.
»Weiß oder weiß?«, fragte er und hielt ihr die vollkommen identischen Pötte hin. Sie überlegte gespielt und tat so, als würde ihr die Wahl schwerfallen.
»Weiß«, sagte sie und deutete auf die Rechte.
»Puh!«
»Wieso puh?«
»Die andere ist zufällig meine Lieblingstasse. Zum Glück hast du dich nicht für sie entschieden.«
Kaja starrte ihren Gegenüber einen Moment lang an, dann lachten beide zeitgleich los. Humor hat er, stellte sie zufrieden fest. Im Gegensatz zu Maik, der nur Witze brachte, die Informatiker verstehen konnten, sie hingegen nicht.
Während sie und Daniel den ersten Schluck tranken, entstand ein angenehmes Schweigen. Kaja fühlte sich in der Gegenwart ihres Nachbarn direkt wohl, und das, obwohl sie bisher kaum mehr als eine Handvoll Sätze miteinander geredet hatten.
Sie sah sich in der Küche um. Das baugleiche Design, das sie aus ihrem Haus kannte, unterschied sich nur in der Farbe von ihrem. Während ihre Schränke eine natürliche Eichenoptik aufwiesen, waren Daniels in einem matten weiß lackiert, was dem Raum in Kombination mit dem Aluminiumgrauen Kühlschrank etwas Steriles verlieh. Zumindest wäre es so gewesen, wenn nicht überall gerahmte Bilder hängen würden, die nicht nur Farbe, sondern Style an die Wände brachten.
»Du magst solche Zeichnungen?«, fragte sie und deutete auf eine Collage von Männern und Frauen, die mal im Comic-, mal im Mangastil dargestellt waren. Einige von ihnen posierten wie Superhelden. Manche trugen ausgefallene Kostüme, andere hingegen, meist Damen, waren nackt gezeichnet. Doch war es nicht das primitiv pornografische Nackt, es hatte eher etwas Elegantes, Künstlerisches, Erwachsenes. Insgesamt waren es über vierzig Zeichnungen, die in der Küche ihren Platz gefunden hatten.
»Ja, das kann man so sagen. Ich habe es gerne bunt.«
»Wer hat sie gezeichnet?«
Kaja fiel auf, dass die Bilder im Großem und Ganzem denselben Stil aufwiesen, was auf einen einzigen Künstler hinwies. Daniel grinste verlegen. »Die sind von mir.«
Ihr klappte die Kinnlade herunter. »Was, alle?«
Er nickte bescheiden. »Alle. In meinen anderen Zimmern hängen noch mehr.«
»Wow!«
Kaja war beeindruckt. Dieser Mann wurde immer interessanter. Ein echter Künstler, ein Profi am Stift. »Verdienst du damit dein Geld? Also mit dem Zeichnen?«
Er nickte. Ein Ausdruck von Stolz schlich sich in sein Gesicht. Seine Augen leuchteten, als sie über seine Werke huschten.
»Zumindest teilweise. Ich zeichne nicht ausschließlich, aber die Kunst an sich füllt meinen Kühlschrank.«
»Das musst du erklären. Bist du Comiczeichner?«
Daniel lachte amüsiert. »Nein, keine Comics.«
»Sondern?«
»Das ist etwas umfangreich zu erklären. Zum Beispiel kann man mich mieten. Für Events oder dergleichen. Ich komme dahin und porträtiere die Gäste und Teilnehmer. Je nach Wunsch mal detailliert und ernst, mal witzig, grotesk und absichtlich übertrieben.«
»So wie die Zeichner auf der Kirmes, die jeden vermeintlichen Makel eines Menschen in eine lustige Karikatur umwandeln?«
»Zum Beispiel, ja. Das ist aber nur ein Zubrot. Ein Nebenverdienst, den ich allerdings liebe, da ich mit vielen Personen in Kontakt komme und direkt sehen kann, wie sie auf meine Kunst reagieren.«
Kaja nickte beeindruckt. »Das klingt toll. Ich bin richtig neidisch auf dein Talent. Mehr als krüppelige Strichmännchen bringe ich nicht zu Stande.«
»Besser als nichts«, lachte Daniel, wobei sich feine Fältchen an seinen Augen zeigten.
»Hauptberuflich bin ich aber Spieledesigner.«
Kaja zog interessiert eine Augenbraue hoch. »Für Computerspiele?«
»Nein, keine Computerspiele. Mein Bruder, seine Frau und ich haben ein kleines Start-up gegründet. Wir denken uns Brettspiele aus, die wir in eine Handyapp verwandeln und verkaufen. Während die beiden als Softwareingenieure die Codes schreiben und die App zum Laufen bringen, kümmere ich mich um das Design und die Spielidee.«
»Klingt spannend«, sagte Kaja. Für einen Moment fühlte sie sich an ihren Ex erinnert, der als Programmierer sein Geld verdiente und Computer in seinen Lebensmittelpunkt gestellt hatte. Doch bei Daniel verhielt es sich anders. Er war ein Künstler, ein Kreativer. Das krasse Gegenteil zu Maik. Plötzlich dachte sie an den vorherigen Abend und seiner Erscheinung im Fenster zurück. Ihr fiel ein, dass er etwas hochgehalten hatte, dass wie eine bunte Landkarte ausgesehen hatte. Ein Spielplan. Nein, ein Brettspiel. Es ergab alles einen Sinn.
»Wenn du willst, zeige ich dir etwas von meiner Arbeit«, schlug Daniel vor. Kaja nickte begeistert.
»Komm mit ins Wohnzimmer, da liegt der ganze Kram.«
Sie betraten, mit den Kaffeetassen in der Hand, die Wohnstube. Sie lag direkt neben der Küche und hatte eine rechteckige Form. An einer der kurzen Seiten befand sich die Balkontür, da, wo in Kajas baugleicher Wohnung die Terrassentür war. Auch an den Wänden des Wohnzimmers gab es dank diverser Zeichnungen viel Farbe zu bestaunen. An der Seite, die dem Fernsehgerät gegenüberstand, waren sogar großformatige Werke angebracht. Das Sofa, L-förmig und aus einem grauen Stoff, verströmte einen Duft nach neuem Textil und Holz. Der gläserne Sofatisch war von diversen, unordentlich angehäuften Grafiken übersäht.
»Ziemlich chaotisch, ich weiß«, murmelte Daniel, der Kaja mit einer Handbewegung dazu aufforderte, sich zu setzen. »Aber so entspreche ich wenigstens dem Klischee eines Künstlers.«
Sie lachte verhalten und musterte interessiert die Figuren, die er erschaffen hatte. Dabei handelte es sich unter anderem um Tiere, die übertrieben niedlich dargestellt waren.
»Arbeitet ihr an einer App für ?«
Er nickte. »Ein Brettspiel für das Grundschulalter. Das Konzept dahinter ist Spiel und Spaß mit einem Quäntchen Lerneffekt. Das Oberthema sind Waldtiere und Pflanzen.«
Kaja nickte. »Darf ich?«
Sie griff nach einem Blätterstapel und sah ihn durch. Er enthielt auf jedem Bild dasselbe Tier, einen Fuchs, der aber in verschiedenen Posen und Stimmungen dargestellt war.
»Das ist der Erklärfuchs. Er leitet die durch das Spiel und daher braucht er unterschiedliche Versionen, die an den entsprechenden Stellen im Game aufploppen.«
Sie trank den letzten Schluck Kaffee und stellte die leere Tasse auf den Tisch, peinlich darauf bedacht, ja keines der Papiere zu berühren.
»Macht ihr ausschließlich Spiele für ?«
»Nein«, begann Daniel zu erklären. »Das ist das Erste. Insgesamt haben wir vier Apps veröffentlicht, alle für Teenager. Aber wir testen uns aus und wollen das Portfolio erweitern.«
»Also auch mal etwas für Menschen in unserem Alter?«
»Ist in Planung, ja.«
»Ein Lernspiel?«
Daniel lachte und verschluckte sich an seinem Getränk. »Nein, das nun wirklich nicht.«
»Wieso?«
»Ach, schon gut.«
Noch immer kam er aus dem Grinsen nicht heraus.
»Jetzt will ich es aber wissen«, lockte Kaja und setzte ein, wie sie meinte, aufreizenden und ehrlich interessierten Gesichtsausdruck auf.
»Ist ein Geheimnis«, zwinkerte Daniel. »Top Secret.«
Kaja zog eine Schnute. Die Neugier, welche sie nie gut unter Kontrolle hatte, hinterließ ein unbefriedigtes Kribbeln. »Ach, komm schon. Du hast mich auf die Fährte gesetzt und kannst keinen Rückzieher mehr machen.«
Er schüttelte standhaft den Kopf und zwinkerte ihr entschuldigend zu. »Sei mir nicht böse. Ist ein Geheimnis. Aber jetzt musst du auch mal etwas von dir erzählen. Wir reden die ganze Zeit nur über mich.«
Es entstand eine Stille, in der Daniel wahrscheinlich erwartete, dass Kaja einen Vortrag startete. Aber sie wusste nicht, wie sie beginnen sollte.
»Darf ich dir eine Frage stellen?«, nahm er ihr die Pflicht ab. Sie nickte. »Geht es dir gut? Ich habe mitbekommen, wie dein Mann, nun …«
»Von mir aus dem Haus gejagt wurde?«
Daniel nickte sichtlich verunsichert.
»Sagen wir es mal so. Er ist nur noch auf dem Papier mein Mann. Aber das werde ich in Angriff nehmen.«
Ihr Gegenüber schluckte, sah nervös an ihr vorbei und kaute auf seiner Unterlippe. »Sorry, ich wollte nicht …«
»Schon gut. Es ist okay, wie es gelaufen ist. Um ehrlich zu sein, war dieser Schlussstrich lange überfällig.«
»Du hast also wirklich Schluss gemacht?«
Lag da etwa Hoffnung in seiner Stimme? Sie klang etwas höher als zuvor.
»Japp. Habe ihn rausgeworfen und zu seiner Mutter geschickt. Seinen Computer und somit seinen wichtigsten Schatz hat er dabei. Und sein beschissenes Tablett ebenso. Dieses Ding will ich nie wieder im Haus haben.«
»Darf ich fragen, was passiert ist?«
Kaja zögerte. Wie ehrlich sollte, nein, wollte sie sein? Eigentlich ging ihm der Niedergang ihrer Ehe nichts an. Aber da all das hier, das Treffen eines Fremden unter erfundenem Vorwand, unfassbar spannend für sie war und zur Frustbewältigung diente, konnte sie sich ruhig darauf einlassen, mit offenen Karten zu spielen. Also nickte sie und begann zu erklären, wie kaputt das Eheleben doch war und wie ihre nackte, beste Freundin letztlich der Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Daniel hörte gebannt zu und stellte gezielte Zwischenfragen. Kaja musste sich eingestehen, dass es ihr ein angenehmes Gefühl vermittelte, sich endlich aussprechen zu können. Dass er im Grunde ein Fremder war, störte sie nicht mehr. Nach einer guten halben Stunde war er auf dem aktuellsten Stand.
»Starker Tobak«, grummelte er nachdenklich und sah sie mitleidig an. »Aber du hast richtig gehandelt.«
Sie nickte langsam. In ihren Augen brannten aufkommende Tränen und sie spürte, dass ihre Wangen glühten. »Ich werde es überstehen. Die nächsten Tage werden schwer. Irgendwann muss ich anfangen, unsere Sachen aufzuteilen. Wenn das erstmal geschafft ist, kann Ruhe einkehren.«
»Und das Haus?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Gehört uns beiden.«
Daniel sah sie eine Weile lang an und musterte ihr Gesicht. Dann kam ihm offensichtlich eine Idee. »Trinkst du Wein?«
Kaja nickte. »Alles, wenn es hilft.«
Er verstand und erhob sich. Sekunden später war er im Flur verschwunden. Während es in der Küche gläsern klimperte, sah sie sich weiter um. Unter der Glasoberfläche des Tisches war noch eine zweite Ebene eingezogen. Auch diese enthielt hunderte Zeichnungen, die zu zentimeterhohen Türmen aufgestapelt waren. Neben den Papieren lagen Zeichenstifte, Anspitzer in diversen Größen und eine Menge Farbstaub, wahrscheinlich Abrieb der Stifte. Sie zog einen Stapel hervor, auf dessen oberstem Blatt eine attraktive Blondine abgebildet war. Sie trug ein enges Kleid, hatte eine üppige Oberweite und ihr Gesicht zeigte einen erotischen Blick. Ein Blick, der dem Betrachter versprach, dass heute Nacht alles möglich war.
Sie blätterte durch die Zeichnungen. Auf jedem der Blätter war die gleiche Dame porträtiert, nur in unterschiedlichen Posen. Kaja schluckte, als sie eine Skizze fand, auf der die Frau vollständig nackt gezeichnet war. Sie blätterte weiter. Zu der Nackten gesellte sich schließlich ein unverhüllter Mann und … gewisse Aktivitäten, die beide miteinander ausübten. Sex, Sex und noch mehr Sex. Vaginal, oral und anal. Alles, was das Zeichnerherz begehrte.
»Die solltest du eigentlich nicht sehen«, riss Daniels Stimme sie aus ihrer Recherche. Er stand im Türrahmen, in der Hand zwei bauchige und großzügig mit Rotwein gefüllte Gläser, in der anderen die passende Flasche. Sie hätte erwartet, dass er über ihre Neugier verärgert war, doch sein Gesichtsausdruck blieb neutral, gar interessiert.
»Für welches Spiel ist diese Dame mit ihrem Freund gedacht? Kindertauglich ist es aber sicherlich nicht.«
Daniel seufzte. Dann kam er zu ihr herüber, überreichte ihr ein Glas und hielt ihr seines zum Anstoßen entgegen. Es klirrte leise.
»Diese Dame gehört zu dem Spiel, das wir für Erwachsene entwickeln.«
Kaja grinste zufrieden. Das Geheimnis war gelüftet. »Ein erotisches Gesellschaftsspiel also?«
»Hm«, überlegte Daniel. »Erotik ist ein ziemlich harmloser Begriff für das, was wir geplant haben. Es wird eher ein Trinkspiel für Erwachsene. Ein sehr«, er zögerte kurz, als suchte er nach dem richtigen Begriff. »Ein sehr interaktives Brettspiel, sozusagen.«
»Jetzt spann mich nicht auf die Folter. Erzähl mal etwas davon.«
Er wirkte verunsichert. Kaja biss sich auf die Unterlippe. War sie zu forsch vorgegangen? Immerhin war sie gerade erst dabei, Daniel genauer kennen zu lernen. Wahrscheinlich dachte er, sie sei aufdringlich und unhöflich. Ein schlechtes Gewissen plagte sie. Kribbelte in ihrer Brust wie Dutzende Ameisen auf der Suche nach Zucker. Aber sie konnte nicht anders. Etwas in ihr, sei es ihre durch Maik gekränkte Eitelkeit, oder der Wunsch nach Neuem, zwang sie dazu, das Thema weiter zu hinterfragen. Und plötzlich war sie sich sicher, dass die Ameisen keinen Zucker suchten – sondern einen Kick, eine frische Erfahrung, etwas Heißes.
»Na ja«, begann Daniel zögerlich zu erklären. »Es ist halt ein Brettspiel. Wer die Strecke zuerst abschreitet, gewinnt. Doch zwischendurch gibt es gewisse Felder, die etwas von dem Spieler verlangen.«
»Zum Beispiel?«
»Du bist ziemlich neugierig«, sagte er und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Schon mal etwas von Betriebsspionage gehört?«
»Erwischt. Ich arbeite eigentlich für einen euerer Konkurrenten und soll eure Spielidee klauen.«
Kaja zog ihr Smartphone hervor und tat so, als würde sie Notizen darauf eingeben. »Erotisches Brettspiel mit sexy Karikaturen und Aufgaben. Idee aufgreifen und als Eigenentwicklung vermarkten.«
Daniel prustete los vor Lachen. Als er sich beruhigt hatte, hielt er ihr erneut sein Glas entgegen. »Darauf stoßen wir an. Konkurrenz belebt das Geschäft.«
Die Gläser klirrten. Der Wein schmeckte fantastisch.
»Was passiert denn nun, wenn ein Spieler eines dieser Felder trifft?«
»Du gibst wirklich nicht auf, was?«
Kaja schüttelte den Kopf. Daniel seufzte.
»Okay, ich erzähle es dir. Es kann aber sein, dass ich dich im Anschluss umbringen muss.«
»Das Berufsrisiko einer Spionin.«
»Eigentlich ist es ganz simpel. Es gibt drei Arten von Feldern. Das eine Feld zwingt dich, eine Frage zu beantworten. Am Anfang des Spiels sind sie eher harmlos, steigern sich aber bis zum Ende in ihrer Brisanz. Ein anderes verlangt von dir, etwas zu tun. Das Prinzip gleicht dem der Fragefelder. Zu Beginn ist es simpel, dann wird’s ernst. Der dritte Feldtyp ist ein Trinkfeld. Alkohol macht das Spiel leichtgängiger.«
In Kajas Brust kribbelte es erregt. In ihr explodierte ein Wunsch, während sie erst die Bilder der nackten Figuren, dann Daniel musterte. Sie wünschte sich, und das hätte sie von sich niemals erwartet, ein solches Spiel zu spielen. Und das nicht mit irgendwem.
»Hast du das Spiel schon getestet?«
Er zog verwundert eine Augenbraue hoch. »Natürlich nicht. Das ist bisher auch nur ein Konzept mit groben Spielplanzeichnungen und Ausführungen der Aktionen und Bildern. Wieso fragst du?«
Den letzten Satz sprach er in einem skeptischen Ton aus. Kaja antwortete nicht direkt. Stattdessen betrachtete sie sein Weinglas, das beinahe leer war. Dann fiel ihr Blick auf die Flasche, die am Rand des Tisches stand.
»Darf ich?«, fragte sie und deutete darauf. Er nickte. Sie schenkte beiden so viel Wein ein, dass die Flasche leer und die Gläser randvoll waren. Er beobachtete sie dabei. Still und aufmerksam. Ob er ahnte, was in ihr vorging? Er wirkte verunsichert. Aber nicht auf die unangenehme Art und Weise. Nicht so, als würde seine nächste Aktion die Flucht sein. Beziehungsweise, ihr Rausschmiss aus seiner Wohnung. Nein, seine Haltung hatte etwas Offenes an sich. Verunsichert, aber offen.
Kaja nahm ihren Mut zusammen und hielt ihm sein Glas vor das Gesicht. »Lass und noch einen Schluck trinken.«
»Okay …«, sagte er langsam. Dann, nachdem beide getrunken hatten, sprach sie die Worte aus, die ihr das Ameisenkribbeln in ihrer Brust ihr befahlen.
»Spiel mit mir!«
6.
Spiel mit mir!
In Daniel kribbelte es heiß. Hatte er die letzten Worte tatsächlich gehört, oder entsprangen sie nur seiner vom Wein angeheiterten Fantasie? Zugegeben, während er Kaja das Spiel vorgestellt hatte, hatte eine freche Stimme in seinem Hinterkopf das eine oder andere Mal erklärt, wie interessant ein erotischer Spieleabend mit der attraktiven Blondine doch sein könnte. Zu gerne würde er erfahren, wie das aussah, was er bei der Rettungsaktion am Zaun durch den Bikinistoff versehentlich berührt hatte. Aber nein. Dazu würde es nicht kommen. Er hatte sich verhört. Warum sollte eine Frau, die er erst am Tag zuvor kennengelernt hatte, mit ihm ein solches Spiel spielen wollen?
Sie will sich an Zottel rächen!, zischte die freche Stimme in seinem Kopf. Du wärest dumm, deinen Part bei diesem Vorhaben auszuschlagen.
Auch wieder wahr.
»Ich soll was?«
»Du hast mich schon verstanden«, hauchte Kaja, der ein zartes Rot ins Gesicht gestiegen war. Sie lächelte aufreizend. »Ich will dein Spiel spielen.«
»Ähm«, stammelte Daniel und ärgerte sich sofort über sein verunsichertes Auftreten. Er hatte sich nicht verhört. Sie hatte es tatsächlich gesagt. Nun war es an ihm, die richtigen Worte zu finden. Sicher und selbstbewusst aufzutreten. Charmant zu sein. Und noch viel mehr.
Er trank einen kräftigen Schluck. Dann noch einen. Sie beobachtete ihn dabei. Ihr Blick ließ ihn schmelzen. Sie biss sich kokett auf die Unterlippe, die Augen unablässig auf ihn gerichtet. Der Wein hinterließ eine wohlige Wärme. Dann beugte sich Kaja, die erwartungsvoll die Arme vor der Brust verschränkt hatte, nach vorn und lehnte sich auf die Tischkante, wobei ihre Oberweite etwas nach oben gedrückt wurden. Er schluckte und nickte. »Okay.«
Sie klatschte begeistert in die Hände. In ihrem Gesicht stand die pure Freude. Für einen kurzen, wirklich kurzen Moment dankte Daniel Zottel im Geiste dafür, dass er seine Ehe in den Sand gesetzt hatte. Denn nun würde er der Nutznießer sein. Sei es aus Rache, aus Neugier, aus Abenteuerlust. Egal, was Kaja antrieb, er würde ihr dabei helfen.
Hastig überflog er vor seinem inneren Auge die Sammlung dessen, was als Prototyp für das Trinkspiel bereits auf Papier gebracht war. Zum Glück hatte er schon eine ziemlich finale Variante des Spielfeldes gezeichnet. Es war ausgestattet mit den entsprechenden Ereignisfeldern. Nur die Zeichnungen der erotischen Karikaturen waren erst teilweise umgesetzt. Doch das war egal. Diese würden zuerst in der digitalen Fassung wichtig werden.
»Wie fangen wir an?«, riss Kaja ihn aus seinen Gedanken. Daniel atmete durch und überlegte hastig. Dann hatte er einen Plan.
»Du füllst Wein nach«, dirigierte er und deutete auf eine Vitrine neben dem Fernseher. »Und holst uns Schnapsgläser und etwas zum Befüllen. Ich müsste Liköre und ähnliches Zeugs vorrätig haben. Ich baue derweil das Spiel auf.«
Als er aufstand, spürte er, wie sich der Stoff seiner Shorts spannte. Hastig drehte er sich weg und korrigierte den Sitz dessen, was sich voller Erwartung und Vorfreude aufgerichtet hatte. Hoffentlich hatte sie es nicht bemerkt.
Welch ein dummer Gedanke. Wenn er das Spiel mit ihr spielen würde, würde es über kurz oder lang zu gewissen Enthüllungen kommen. Wieder schluckte er. Er eilte in die Küche und griff sich einen roten Spielwürfel, der auf der Arbeitsplatte lag. Auf dem Weg zurück roch er an seinen Achseln und war froh darüber, dass er erst vor seinem Nickerchen geduscht hatte.
Im Wohnzimmer angekommen, kramte er unter dem Couchtisch einen zusammengefalteten Spielplan hervor, der aus vier mit Tesafilm zusammengeklebten Blättern im A3-Format bestand. Er breitete ihn auf dem Tisch aus. Zum Vorschein kam ein großes Feld, das in verschiedene Rottöne getaucht war, durchsetzt mit Herzen, grob Skizzierten, anrüchigen Symbolen wie Sexspielzeugen und Genitalien. Die Spielstraße, die sich gewunden wie eine Schlange durch das Rot zog, wies verschiedenfarbigen Felder auf.
»Erkläre es mir«, forderte Kaja mit bebender Stimme, während sie auf den Tisch die nachgefüllten Weingläser sowie zwei Schnapsgläser abstellte. Sie setzte sich Daniel gegenüber auf einen Hocker und wippte aufgeregt vor und zurück.
»Nun«, begann er und griff die kleinen Gläser. »Die hier dienen uns als Spielfiguren.«
»Okay.«
»Wenn wir auf die Trinkfelder kommen«, setzte er fort und deutete dabei er auf eines der grünen Felder mit skizzierten Weingläsern, die in unregelmäßigen Abständen auf dem Weg platziert waren, »Gibt es Schnaps. Kommen wir auf die roten Felder, erfolgt eine Aktion. Die Blauen ziehen eine Frage nach sich. Die Aktionen und Fragen stehen auf Karten, die in Stapeln neben das Spielfeld gelegt werden.«
Daniel zog unter dem Tisch zwei mit Gummiband fixierte Kartenstapel hervor und legte sie ab. »In der digitalen Variante würden bestimmte Felder Bilder oder Animationen aufrufen, doch das funktioniert hier natürlich ni- …«
»Die Zeichnungen sind mir egal«, unterbrach sie ihn und grinste frech. »Nicht böse gemeint.«
Er lächelte dümmlich. Sie hatte recht. Er redete Stuss. Wen interessierten die Grafiken.
»Na ja. Ansonsten haben wir hier einen Würfel. Der erklärt sich von selbst. Wer zuerst durch ist, gewinnt.«
»Was bekommt der Sieger?«
»Na ja, in der digitalen Variante wird es einen Clip … Aber lassen wir das. Wir können uns auch später überlegen, was dem Gewinner zusteht.«
»Oder der Gewinnerin!«
»Oder der Gewinnerin.«
Es entstand ein kurzes Schweigen. Die Luft zwischen Daniel und Kaja schien zu knistern. Sie sahen sich an.
»Willst du wirklich?«, fragte er vorsichtig. Für den Bruchteil einer Sekunde kam ihm der Gedanke, dass sie ihn nur veräppelte und er ihr mit voller Breitseite auf den Leim gegangen war. Gleich würde sie lachen, den heiteren Spaß auflösen. Ihn bloßstellen. Doch dann zwinkerte sie ihm zu und würfelte.
7.
Ihr Herz raste vor Aufregung, während der Würfel über das Spielfeld tanzte. Er hinterließ mit jeder Berührung des nur dünnlagig mit Papier bedeckten Tisches ein gläsernes Scheppern. Dann kam er zum Erliegen. Nach oben schaute eine Drei. Kaja nahm das Schnapsglas, oder besser gesagt, die Spielfigur und führte sie zu dem entsprechenden Feld. Es war weiß. Sie seufzte enttäuscht, auch wenn sie insgeheim froh darüber war, dass sie nicht als erste eine Karte ziehen musste. Durch ihrem Kopf waberte ein feiner Nebel, hervorgerufen vom Wein.
»Puh«, sagte sie und wischte sich theatralisch den Schweiß von der Stirn. Daniel sah sie an und schmunzelte. Sie erwiderte seinen Blick und blieb abermals an seinen grünen Augen hängen. Er ist süß, dachte sie und erinnerte sich an die Verunsicherung, die in den letzten Minuten seine Mimik beherrscht hatte. Noch süßer allerdings war, wie er versucht hatte, diese Unsicherheit zu überspielen. Es war ihm nicht gelungen. Aber das war nicht schlimm. Machos konnte Kaja nicht ausstehen. So lange er mehr Mann war als Maik, gab es keinen Grund zur Kritik. Und das war er allemal. »Jetzt du!«
Daniel nahm den Würfel und ließ ihn über das Spielfeld tanzen. »Sechs«, verkündete er, als das Spielgerät zum Stillstand kam. Er schob das Schnapsglas vorwärts und platzierte es auf einem Trinkfeld. Wieder war Kaja enttäuscht, denn ein Feld davor wäre ein Fragefeld gewesen. Egal, was das Spiel mit ihnen vorhatte, es begann gemächlich.
»Musst jetzt nur du einen trinken?«, fragte sie und hoffte, bald noch den einen oder anderen Schluck zu bekommen. Etwas zusätzlicher Mut kann nicht schaden, hallte es durch ihren Kopf.
»Japp.«
Er füllte sein Glas mit einem Lakritzlikör. »Na dann prost!«, verkündete er und stürzte den Alkohol hinunter. Kaja, die nicht tatenlos daneben sitzen wollte, gönnte sich einen Schluck Wein. Anschließend würfelte sie. Eine Vier. Sie zählte die Felder ab, bevor sie die Spielfigur anhob. Ihr Herz machte einen Satz. Es war ein rotes Aktionsfeld. Jetzt würde es spannend werden. Zugleich schoss Hitze in ihr Gesicht und sie war sich sicher, dass sie knallrot anlief. Sie sah Daniel an und musste dabei einen seltsamen Anblick abgeben, denn er grinste.
»Willst du immer noch spielen?«, lachte er und verwies auf den Stapel mit den roten Ereigniskarten. »Noch können wir abbrechen, ohne dass sich jemand dafür schämen muss.«
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie über seine Frage nach, bevor sie selbstbewusst nickte und die oberste Karte abzog. Sie drehte sie so, dass nur sie die handschriftlich verfassten Wörter lesen konnte.
»Du musst laut vorlesen. In der digitalen Version wird jeder Teilnehmer sofort den Text auf dem Display sehen und lesen können. Also?«
»Stehe auf und drehe dich langsam so, dass die Mitspieler deinen Körper von oben bis unten mustern können.«
Kaja atmete beruhig aus. Die Aufgabe war einfach und ohne Scham über die Bühne zu bringen. Abermals war sie froh darüber, dass das Spiel ihr einen sanften Start ermöglichte. So tat sie das, was ihr die Karte befohlen hatte und stand auf. Sie drehte sich langsam um sich selbst. Sie beobachtete Daniel dabei, wie seine Augen ihren Körper von oben bis unten betrachteten. Wie sie zunächst über ihr Gesicht, dann unverhohlen abwärts über Brust, Bauch, Hüften und den Rock glitten. Als sie ihm den Rücken zugewandt hatte, hätte sie schwören können, seine Blicke auf ihrem Po zu spüren. Ihre Wangen brannten, ihr Herz flatterte wie ein Schmetterling. So begehrt wurde sie schon lange nicht mehr.
Als sie ihre Drehung vollendet hatte, setzte sie sich auf den Hocker zurück und spürte, wie die Hitze wich. Sie gab dem Drang nach, mit einem Spruch ihre Verunsicherung zu überspielen. »Geht hübscher, was?«
Daniel lachte und schüttelte den Kopf. »Stell dich nicht ins Abseits. Du bist wunderschön!«
Jetzt war Kaja sich sicher, dass sie nicht rot anlief, sondern gänzlich zur Kirsche wurde. Seine Worte bewegten viel in ihr und irgendwie fühlte sie sich frei, als würde sie über den Wolken schweben. Alles war so weich, so leicht, so … heiß!
»Jetzt du!«, forderte sie und gab ihm den Würfel. »Und mach mal etwas Spannendes!«
Er ließ den ihn rollen und beobachtete, wie er eine Zwei anzeigte. Ein Fragefeld. Er zog eine Karte und las direkt vor und wieder lag Nervosität in seiner Stimme. »Kannst du dir einen Dreier vorstellen? Und wenn ja, mit einer zusätzlichen Frau oder einem Mann?«
Kaja grinste froh, als sie bemerkte, dass auch Daniels Gesicht Farbe bekam.
»Wenigstens bin ich nicht die Einzige, die rot wird.«
Er machte eine wegwerfende Bewegung. »Das ist nur der Alkohol.«
»Ja ja! Also? Die Frage?«
Sie stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch, legte den Kopf auf ihren gefalteten Händen ab und starrte ihn gespielt aufdringlich an. Sie würde es ihm nicht so einfach machen.
»Ähm«, stammelte er und sah sich nervös um.
»Und denk daran: Sag die Wahrheit!«
Er schluckte hörbar. »Nun, okay. Natürlich wäre ich für einen Dreier mit einer weiteren Frau zu haben. Ich glaube kaum, dass es einen Mann gibt, der etwas anderes behaupten würde.«
»Mein Ex würde das nicht hinbekommen.«
»Scheiß auf deinen Ex!«, schimpfte Daniel. Er hatte recht. Kaja kam ein Gedanke.
»Also mit einer zweiten Frau wäre es für dich okay. Aber was wäre, wenn sich eine Situation ergeben würde, die einen weiteren Mann mit ins Bett bringt? Damit meine ich nicht, dass er dann mit dir rummachen würde. Eher, dass ihr euch beide um, na ja, die Frau kümmern würdet?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, das würde ich nicht ausschließen. Aber dazu müsste ich gut angetrunken sein.«
»Echt?«, fragte Kaja und war Feuer und Flamme. Sie bohrte nach. »Du würdest wirklich eine Frau teilen? Mit einem nackten Mann? Der dich berühren könnte, ob absichtlich oder nicht?«
»Du bist neugierig!«
»Natürlich! Das ist voll interessant!«
Er seufzte. »So lange ich ihn nicht anfassen muss oder etwas spezielles ins Gesicht bekomme, wäre es okay, glaube ich.«
Kaja grinste. »Etwas Spezielles? Sperma?«
»Zum Beispiel. Oder sein Ding.«
Sie lachte zufrieden und genoss, Neues über Daniel erfahren zu haben. Und für den Bruchteil einer Sekunde wünschte sie sich, die Frau sein zu können, mit der er und ein ominöser Unbekannter gewisse Dinge taten …
»Spar dir die weiteren Fragen für später auf«, lachte er als er bemerkte, wie sie angeregt nachdachte und auf der Unterlippe kaute. »Würfel lieber!«
»Zu Befehl«, sagte sie und würfelte. »Fünf!«
Sie schob ihre Spielfigur vorwärts und erreichte ein Aktionsfeld. Mit klopfendem Herzen nahm sie eine Karte auf und las vor. »Ziehe etwas aus. Beachte: Doppelte Kleidungsstücke zählen als ein Kleidungsstück.«
Daniel sah sie erwartungsvoll an. Auch diese Aufgabe war leicht, zumindest jetzt am Anfang des Spieles. Sie würde ihre Sandalen ausziehen. Doch vorher würde sie sich einen Spaß mit ihm erlauben. So stand sie auf, griff mit spitzen Fingern den Saum ihres Rockes und zog ihn einen fingerbreit hinunter. Er riss vor Überraschung die Augen auf und ihm entfuhr ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Japsen und Stöhnen klang. Dann hielt sie inne, grinste frech und bückte sich hinab, um die Sandalen zu öffnen.
»Das war gemein«, beschwerte er sich, während sie die Schuhe neben den Hocker auf dem Boden abstellte. »Antäuschen ist unfair.«
»Steht das als Verbot in den Spielregeln?«
Er funkelte sie an. »Noch nicht. Aber danke für den Tipp du Frechdachs!«
Mit einem eingeschnappten Gesichtsausdruck griff er den Würfel und schmiss eine Zwei. Schnell landete seine Figur auf einem Trinkfeld.
»Also noch einmal«, kommentierte er, schenkte seine Spielfigur voll und kippte den Likör herunter. Er verzog das Gesicht und schmatzte, dann war Kaja wieder an der Reihe. Sie würfelte eine Vier. Ein Fragefeld. Während sie eine Karte aufnahm, kam sie nicht umher laut festzustellen, dass ihr Vorsprung schon sechs Felder betrug. Dann begann sie vorzulesen.
»Hattest du bereits Sex in der Natur? Erzähl eine wahre Geschichte.«
Wieder errötete sie, wieder brannte ihr Gesicht. Jetzt war es an Daniel, frech zu grinsen. Wie Kaja zuvor stützte er sich auf seine Hände und starrte sie übertrieben aufgeschlossen und neugierig an. Eine perfekte Retourkutsche. »Also? Und sag bloß nicht nein!«
Sie musste nicht nachdenken, die Antwort kam sofort. »Ja.«
Daniel kicherte und forderte sie zwinkernd auf, mehr zu erzählen.
»Das ist schon ewig her«, überlegte sie. »Mit einem meiner ersten Partner. Martin hieß er.«
»Weniger Namen, mehr Geschichte!«
»Ja ja! Also, wir waren joggen, im Wald, ich bekam Seitenstiche und musste eine Pause machen. Es nieselte leicht, daher hatten wir unsere Ruhe. Warm war es aber trotzdem. Wir waren frisch verliebt und noch richtig heiß aufeinander. Na ja, ich glaube, dass ihn meine Laufhose, so ein ultraenges Teil, irgendwie angemacht hatte. Wir haben uns dann auf einen Hochsitz versteckt und da ging es zur Sache.«
»Nicht schlecht«, kommentierte Daniel. »Und weiter?«
»Wie und weiter? Das wollte die Karte nicht wissen. Die Geschichte habe ich erzählt.«
»Manno!«
Doch in Kajas Kopf ging die Story weiter. Sie erinnerte sich daran, wie sie auf einer schmalen Sitzbank im Hochsitz saß, die nackten Beine abgespreizt. Vor ihr hatte Martin gestanden, ihr seinen Penis ins Gesicht gehalten. Sie hatte sich zunächst wegen des Laufschweißes geekelt, und doch hatte sie ihn in den Mund genommen und ordentlich geblasen. Kurz darauf hatte er sie im Doggy Style beglückt, was auf dem engen Hochsitz nicht einfach gewesen war. Sein Sperma, das am Ende auf ihren abgekühlten Hintern gelandet war und heiße Spuren hinterließ, konnte sie selbst heute, Dutzende Jahre später, auf ihrer Haut spüren.
»Woran denkst du?«, unterbrach Daniel ihren Rückblick. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Nichts Besonderes. Nur an ein paar Jugendsünden. Du bist dran!«
8.
Daniel hob den Würfel, hielt jedoch inne. »Wie wäre es mit einer Zwischenrunde? Ich habe durst.«
Kaja nickte zustimmend und er füllte beide Spielfiguren mit dem Likör. Sie stießen an und tranken. Sie schüttelte sich.
»Magst den Likör nicht?«, wollte er wissen und platzierte die Gläser wieder auf dem Spielfeld.
»Doch, doch!«, antwortete sie rasch. »Ich bin ansonsten aber eher eine Weintrinkerin. Härtere Sachen verpassen mir eine Gänsehaut.«
Daniel lachte und genoss zugleich die Wärme, die sich in seiner Kehle ausbreitete. Er hoffte, dass der Alkohol ihm den Mut geben würde, das Spiel konsequent durchzuziehen. Und das war wichtig, denn er kannte die Spielkarten in- und auswendig, immerhin hatte er sie selbst verfasst. Er wusste genau, welche pikanten Fragen und Aktionen im Stapel auf die Spielenden lauerten, und einige davon hatten es in sich.
»Würfelst du endlich?«
Kaja wirkte ungeduldig, biss sich wieder auf die Unterlippe. Man könnte meinen, dass Angst in ihren Augen liegen würde, doch das Gegenteil war der Fall. Sie brannten lichterloh und zum wiederholten Mal ertappte er sie dabei, wie sie ihn und seinen Körper genau auscheckte. Dieser Tag hat schon jetzt das Potential, etwas ganz Besonderes zu werden. Er grinste selig und ließ den Würfel fliegen.
Das Spielgerät hoppelte und sprang über das Feld, stieß mit einem Kling gegen eines der Schnapsgläser und blieb liegen.
»Eine Eins«, spottete sie. »So wirst du mich nie überholen.«
Er winkte ab und schob sein Glas auf eine weiße Fläche. Kaja war dran und würfelte. Eine Vier. Damit lag ihr Vorsprung bei neun Feldern und konnte selbst mit einem Bombenwurf im nächsten Zug nicht aufgeholt werden.
Sie schob ihr Glas auf die entsprechende Stelle und stellte fest, dass sie rot war. Kaja atmete tief ein, dann griff sie eine Ereigniskarte.
»Setze dich für eine Spielrunde auf den Schoß der Person zu deiner Linken.«
Daniels Herz machte einen Satz. Seine Nachbarin hingegen drehte ihren Kopf in gespielter Ahnungslosigkeit zur Seite und erschrak, als dort niemand saß. »Links neben mir sitz aber keiner.«
Sie zwinkerte ihm zu.
»Das Spiel ist für mehrere Teilnehmer ausgelegt. Sollte man die App später nur zu zweit benutzen, passt sich der Text automatisch an. Von daher: Ich bin die Person, die dir in diesem Moment gegenüber sitzt. Zeitgleich sitze ich auch links und rechts neben dir.«
Nun war er es, der kokett zwinkerte. Sein Körper kribbelte vor freudiger Erwartung.
»Na dann«, hauchte sie und stand auf. »Wer bin ich schon, den Anweisungen des Designers zu widersprechen?«
»Das wäre ein Unding!«
Kaja kam um den Tisch. »Darf ich?«
Daniel, der die meiste Zeit des Spiels über leicht nach vorn gebeugt dasaß, richtete sich auf. Sein Herz raste, als sie ihm den Rücken zuwandte, den fliederfarbenen Rock glattstrich und sich auf ihm niederließ. Sofort spürte er, wie etwas zwischen seinen Beinen anschwoll und er war sich sicher, dass auch sie es bemerkte. Aber sie ließ sich nichts anmerken. Jetzt, wo sie ihm so dicht war, konnte er ihr Parfüm riechen. Es hatte eine fruchtige Note. Es passte zu ihr wie ein Cocktail zum Sommer. Der Stoff ihres Rockes fiel glatt auf seine Hände, die er neben sich auf dem Sofa abgelegt hatte. Am liebsten hätte er sie angefasst, ihre Taille gestreichelt sowie die Hüften und den Bauch berührt …
»Du bist dran«, hauchte sie und beugte sich vor, um den Würfel zu greifen. Dabei spannte sich der Stoff des Rockes und betonte ihren Po. Daniels Blick glitt hinab. Ihr Gesäß war so warm, so verlockend … Er musste sich zusammenreißen.
»Lass ihn fliegen«, hauchte sie und legte das Spielgerät in seine Hand.
»Geht sofort los«, keuchte er. »Gut Ding will Weile haben. Das darf Mann nicht überstürzen.«
»Du schindest Zeit.«
»Mit Nichten. Wie kommst du darauf?«
Beide glucksten Verhalten. Dabei hatte sie natürlich recht gehabt. Er wollte jede Sekunde mit ihr auf seinem Schoß genießen. Schließlich sah er aber ein, dass er es nicht weiter aufschieben konnte. Er schmiss den Würfel auf den Tisch, sah an Kaja vorbei und beobachtete, wie eine Drei zum Vorschein kam.
»Soll ich für dich setzen?«, fragte sie.
»Bitte.«
Sie schob das Glas auf ein blaues Fragefeld. »Darf ich vorlesen?«
»Das mache ich selbst. Nicht, dass du dir etwas ausdenkst.«
»Du würdest es merken, Herr Spielmacher, wenn ich schummeln würde. Meinst du nicht?«
Er lachte. »Trotzdem. Sicher ist sicher.«
Kaja reichte ihm die oberste Fragekarte und er begann zu lesen.
»Wie oft masturbierst du in einer Woche?«
Puh, die Frage ist persönlich, dachte er und bereute, dass er diese Karte erstellt hatte. Wie hätte er jemals ahnen können, dass er sie selbst einmal ziehen und beantworten musste? Aber er hatte keine Wahl. Seine Mitspielerin sah ihn über die Schulter erwartungsvoll an. Er schloss die Augen. Er kannte die Antwort. Und doch tat er so, als würde er zwanghaft überlegen. Dabei konzentrierte er sich auf das Gefühl ihres Pos auf seinem Schoß, ihren Geruch und auf das Pochen in seiner Hose. Dann begann er leise zu zählen.
»Vierunddreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig …«
Kaja fuhr erschrocken zu ihm herum. »Was?! So oft?!«
Daniel lachte. »Nein, natürlich nicht.«
Sie stimmte in sein Lachen ein. Aber er musste etwas sagen. Und er durfte nicht lügen. Seine Wangen glühten.
»Nein, im Ernst. Ich denke, so zwischen fünf und sieben Mal die Woche.«
»Also fast jeden Tag.«
»Hm.«
»Warum so oft?«
Jetzt brannte sein Gesicht wie Feuer. Immer diese Fragerei.
»Du bist neugierig«, stellte er zum wiederholten Male fest.
»Ich bin eine Frau, gewöhn dich daran.«
»Ist das nicht etwas stereotypisch?«
»Mir doch egal. Also: Warum so oft?«
Er seufzte. »Zum einen, weil es Spaß macht und ich schon lange single und auf meine Hand angewiesen bin. Zum anderen, weil ich fast jeden Tag etwas Nacktes oder Anstößiges zeichne. Irgendwann muss man sich erleichtern, um nicht zu platzen.«
Kaja nickte nachdenklich.
»Wie oft … machst du es dir?«, fragte Daniel zaghaft.
»Ich bin eine verheiratete Frau. Ich muss es mir nicht selbst besorgen. Ich habe einen potenten Mann, der das für mich übernimmt.«
Sie lachten gemeinsam los.
»Das würde ich dir glatt glauben, hättest du mir nicht erst vorhin erzählt, dass Maik eine richtige Pfeife ist. Also? Um es mit deiner Hartnäckigkeit zu sagen: Wie oft?«
Sie kicherte. »Das muss ich dir nicht erzählen. Es gab für mich keine Karte mit der entsprechenden Aufgabe.«
»Hey, das ist unfair. Du fragst auch mehr, als es die Karten erfordern.«
»Und es liegt an dir, diese Zusatzfragen zu beantworten.«
»Hmpf!«
Sie spielte mit ihm. Doch anstatt sich darüber zu ärgern, mochte er es. Mehr noch. Es machte ihn an. Diese Frau hatte Witz und Charme – genau so, wie er es liebte.
Bevor er sich versah, hatte Kaja den Würfel geschmissen und erhob sich.
»Hey!«, beschwerte er sich und vermisste bereits ihr angenehmes Gewicht.
»Die eine Runde ist vorbei!«
Er sah ihr traurig hinterher. In dem Moment, in dem sie sich hinsetzte, präsentierte der Würfel eine Sechs. Ihr Vorsprung baute sich kräftig aus. Doch das war nur Nebensache, denn ihr Glas landete abermals auf einem roten Feld.
»Ziehe etwas aus. Beachte: Doppelte Kleidungsstücke zählen als ein Kleidungsstück.«
Sie stutzte. »Hatten wir diese Karte nicht bereits?«
»Ich habe sie mehrfach im Stapel platziert. Oder meinst du, dass es ausreicht, wenn es in der gesamten Partie nur ein Kleidungsstück gibt, das ausgezogen werden muss?«
»Stimmt. Du hast recht. Das wäre armselig.«
»Eben.«
Kaja zögerte zunächst. Sie schien zu überlegen und sah an sich hinab. Daniel tat es ihr gleich. Sein Glück war, dass sie, wie sollte es anders sein, in den Sandalen keine Socken getragen hatte. Daher musste entweder ihr Rock oder das Top weichen. Was er sich mehr wünschte, konnte er gar nicht sagen. Beides würde seine Vorzüge haben.
»Na dann«, flüsterte sie mit einem unterschwelligen Zittern in der Stimme. Sie atmete laut ein und aus, als müsste sie für das, was als Nächstes kam, all ihren Mut aufbringen. Sie überkreuzte die Arme, griff den unteren Teil des Tops und zog es in einer fließenden Bewegung hoch und über ihren Kopf. Zum Vorschein kam ein beinahe makelloser Oberkörper, der nur oberhalb des Bauchnabels ein winziges Muttermal enthielt, sowie ein strahlend weißer BH. Er war glatt und glänzte seidig, während nur an den Unterseiten der Cups, die apfelgroße Brüste verbargen, ein dezenter Hauch von Spitze zu finden war. Daniel schnürte sich die Kehle zu. Er konnte nicht verhindern, dass er sie unverhohlen anstarrte.
»Meine Augen sind hier oben«, kicherte sie und legte schützend einen Arm über ihre Brust. Er riss sich zusammen und zwang sich dazu, ihr zumindest kurz in das gerötete Gesicht zu sehen. Erst, als er wieder zum Würfeln ansetzte, ließ sie den Arm sinken. Er sah das Weiß ihres BHs in den Augenwinkeln, dass ihn magisch anzuziehen schien.
Wie eine Fliege, die dem Licht nicht widerstehen kann.
»Eine Fünf«, sagte er heiser und schob sein Glas über die Spielstraße, bis er auf einem blauen Feld stoppte. Hastig hob er eine Fragekarte ab und las vor. »Hattest du schon einmal Tittenfick?«
Kaja prustete los vor Lachen. »Was ist das denn für eine Frage?«
Auch Daniel grinste, doch zweifelte er nicht an ihrer Berichtigung. Tittenfick war eine gängige Sexpraxis, warum sollte nicht nach dieser gefragt werden?
»Eine angebrachte«, gab er lässig zurück und war froh darüber, dass seine Stimme wieder einen normalen Klang angenommen hatte. »Und meine Antwort ist ja.«
Kaja verstummte sofort. »Was? Echt? Das musst du erklären!«
Er legte die Stirn verwundert in Falten. »Kennst du sowas nicht?«
»Doch, schon. Aber ich hatte sowas noch nie. Meine Titten sind dafür zu klein.«
Ihre derbe Sprache überraschte ihn. Daniel räusperte sich. Im Grunde hatte sie recht, ein schmächtiger Vorbau eignete sich nur bedingt dazu. Aber Kajas Brüste waren nicht so klein, wie sie behauptete. Auch mit ihnen konnte man es versuchen. In seinem Kopf explodierten Bilder von ihr und ihm, während er seinen Penis zwischen ihren Brüsten vor und zurück schob.
»Erzähl davon«, unterbrach Kaja den Ausflug ins Fantasiewunderland. Er schüttelte ablehnend den Kopf. »Das wollte die Karte nicht wissen.«
Sie stemmte mit gespielter Wut die Hände in die Hüfte, wobei ihre Brust etwas nach vorn geschoben wurde. »Freundchen, so haben wir nicht gewettet! Ich will das wissen!«
»Vergiss es!«, wiegelte Daniel ab. Er würde dabei bleiben. In seinem Kopf startete dennoch ein Film, der ihn einige Jahre zurück in das Bett seiner damaligen Lebensgefährtin katapultierte. Sie lag auf dem Rücken. Er kniete über ihr, so dass sein Hintern über ihrem Bauch schwebte. Seinen Penis hatte er zwischen die ausladenden Brüste Melanies geschoben, die sie wiederum mit den Händen zusammendrückte. Sie hatte ihren Kopf maximal in die Richtung des Geschehens gereckt, so dass sie jedes Mal, wenn sein Penis vorstieß, mit ihrer Zungenspitze die Eichel berührte.
»Du bist gemein«, beschwerte sich Kaja vehement. »Das ist so interessant.«
Daniel seufzte. »Solltest du in Zukunft etwas mehr verraten, werde ich es auch wieder machen. Es liegt an dir.«
Sie zog eine Schnute, nickte aber. »Okay.«
Sie nahm den Würfel und eröffnete die nächste Runde.
9.
»Eine Zwei …«, verkündete Kaja, die zunächst geknickt über die geringe Wurfausbeute war. Doch das Feld, auf das sie kommen würde, versprach mit seiner Rotfärbung einen pikanten Auftrag. Sie positionierte ihr Schnapsglas und nahm eine Karte auf. Noch während sie die ersten Wörter stumm überflog, machte ihr Herz einen freudigen Satz. Endlich würde sie auf ihre Kosten kommen.
»Bestimme einen Spieler, der ein Kleidungsstück deiner Wahl auszieht.«
Kaja grinste, Daniel hingegen wirkte schockiert, das verrieten zumindest seine aufgerissenen Augen.
»Soll ich meine Socken ausziehen?«, fragte er mit matter Stimme, die nicht darauf schließen ließ, dass er selbst an seinen Vorschlag glaubte. Kaja lachte und schüttelte langsam den Kopf.
»Ne ne, mein Lieber. Jetzt will ich mal etwas sehen!«
Ihr Blick glitt über seinen Körper und sie tat so, als betriebe sie intensives Brainstorming. Einen Moment verweilte sie auf seiner grauen Shorts.
»Hey, das Beste kommt zum Schluss«, versuchte er sein Schicksal abzuwenden.
»Keine Sorge«, antwortete Kaja und ihr Augen nahmen ein neues Ziel ins Visier. »Ich will zuerst dein Shirt fliegen sehen.«
Daniel zögerte einen Moment, als hätte er tatsächlich erwartet, dass sie sich erbarmen und seine Socken wählen würde, doch dann gab er sich einen Ruck. Er packte sein Shirt am Saum und war drauf und dran, es sich in einer fließenden Bewegung auszuziehen, da unterbrach Kaja ihn. »Hey! Nicht so schnell!«
Er legte die Stirn verwundert in Falten.
»Ich habe so lange darauf gewartet, dass du mal Haut zeigst, dass ich den Moment genießen will.«
Und das meinte sie ernst. Daniels Shirt verbarg etwas, das sie von Maik nicht kannte. Einen interessanten Körper, der sich mit ausgeprägten Konturen unter dem Stoff bemerkbar machte. Ihr Gegenüber war, und das stimmte Kaja glücklich, kein übertrieben aufgepumpter Bodybuilder. Doch schien er zumindest zu wissen, was in einem Fitnessstudio vor sich ging. Und so genoss sie die Show und sah, wie allmählich mehr und mehr Haut zum Vorschein kam, dann ein Bauchnabel, dem sich die Andeutung eines Sixpacks anschloss.
»Bin ich zu schnell?«, erkundigte sich Daniel, der sie unablässig beobachtete. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, ob sein kritischer Blick bedeutete, dass er sie für unangebracht fordernd, gar dominant, hielt. Aber das war ihr egal. Sie durfte, nein, musste auch einmal an sich selbst denken. All die Monate des sexuellen Verzichts hatten ihr Anstandsgefühl in eine Kiste gesperrt, die gut gesichert irgendwo in ihrem Hinterkopf verstaut war.
»Nein«, antwortete sie schließlich. »Das ist genau richtig.«
Dem Bauch folgte eine definierte Brust. Statt des krausen Haares, wie sie es von Maik kannte, verfügte Daniel nur über kurze Stoppeln, was auf eine Rasur schließen ließ, die nicht älter als zwei oder drei Tage war.
Ihr wurde heiß. Er gefiel ihr. Sie mochte seine Haut, seine dezenten Leberflecken. Fand Gefallen an dem hellen Braun seiner Brustwarzen, sowie der Tatsache, das unter seinen kräftigen Armen kein aus dem Ruder gelaufener Urwaldbusch wuchs. In dem Moment, als sein Kopf hinter dem Stoff verschwand und er für Sekunden blind war, ballte Kaja ihre Hand siegessicher zur Faust und biss hinein, um ein freudiges Jauchzen zu unterdrücken.
Daniel warf das Shirt unter den verschlingenden Blicken seiner Spielgefährtin zur Seite und sah sie verunsichert an, als erwartete er ein Urteil.
»Hot!«, bewertete Kaja glücklich. »Ganz anders als mein Exmann.«
»Das ist aber auch nicht schwer«, antwortete er bescheiden. Und obwohl er recht hatte, schien er nach ihrem Kompliment etwas gewachsen zu sein. Seine Haltung hatte sich verändert, die Verunsicherung war gänzlich gewichen. »Aber danke.«
Für einen Moment verweilte sein Blick auf ihrer Brust, dann griff er zum Würfel. Die fünf, die er warf, brachte ihm nichts ein, außer dass seine Spielfigur den Abstand zu Kajas etwas verkürzte. Sie war wieder an der Reihe.
»Eine Zwei«, knurrte sie und stellte ihre Figur auf ein Trinkfeld. »Wollen wir ab jetzt zusammen trinken, Herr Spielleiter?«
Daniel zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Warum nicht.«
Einen Moment später stürzten sie ihre Liköre hinunter.
»Wenn das so weitergeht, ist mein Vorsprung bald dahin.«
»Na hoffentlich.«
Und tatsächlich zeigten sich nach seinem folgenden Wurf sechs Augen.
»Yes!«, rief er und klatschte begeistert in die Hände. Er schob die Figur vor und erreichte ein Aktionsfeld. »Nur noch drei Felder Unterschied!«
Kaja beobachtete zerknirscht, wie er eine rote Karte aufnahm und direkt vorlas. Sein Blick erhellte sich, dann schoss ihm das Rot ins Gesicht. »Küsse einen beliebigen Mitspieler!«
Ihr Herz stockte für einen Moment, ehe es mit freudigen Sprüngen durch ihren Brustkorb tobte. Habe ich mich verhört? Kann das sein? Sie kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Das war bisher die beste Aufgabe des Spiels.
»Die Karte hatte ich kommen sehen«, flüsterte er und legte sie zur Seite.
»Hätte mich überrascht, wenn nicht.«
Sie lächelte. Nur er als Spieldesigner wusste, was sich noch in dem Aktions- und Fragestapeln verbarg. Irgendwie war es unfair, dass er das Ausmaß des Spiels kannte, während sie in völliger Dunkelheit tappte. Doch ein kleiner Teil von ihr genoss das Wissen, dass er sie dadurch in seiner Hand hatte – und dieser Teil wuchs von Runde zu Runde.
»Also?«, fragte Kaja und zwinkerte ihm zu. »Ein Kuss muss geküsst werden.«
Daniel kicherte. »Diese Formulierung ist mir neu.«
»Aber sie stimmt. Soll ich zu dir kommen?«
Er zögerte zunächst, dann nickte er. »Auf deinem Hocker ist es mir zu eng.«
Sie umrundete den Tisch und ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder. Erst war zwischen ihnen eine Armlänge Platz, doch er gab sich einen Ruck und schloss zu ihr auf. Sie sah ihn erwartungsvoll an. Er hatte die Karte gezogen, also musste er die Initiative ergreifen. So hatte sie es für sich beschlossen. Zum Glück spielte er mit.
Sein Gesicht näherte sich dem ihren. Das Grün seiner Augen schien zu leuchten. Kurz bevor sich ihre Münder berührten, stoppte er und betrachtete sie. Dann passierte es. Sie legten wie ferngesteuert ihre Köpfe ein winziges Stück zur Seite und schlossen ihre Augen. Ihre Lippen trafen sich. Blitze flogen hin und her. Vermischten sich mit dem süßlichen Geschmack des Likörs. Wärme floss durch jede von Kajas Adern. Ihr Puls raste und auch seiner hatte sich beschleunigt, das konnte sie spüren. Daniel legte eine Hand auf ihren Rücken, die andere vergrub er in ihrem Haar. Sie tat es ihm gleich, strich über die nackte Haut seines Oberkörpers, während sich die Lippen beider einen Spalt breit öffneten und sich ihren Zungenspitzen berührten.
Er schmeckt nach Lakritz, dachte Kaja und wusste, dass es bei ihr nicht anders sein konnte. Der Kuss wurde intensiver, schneller, feuchter. Zwischen ihren Beinen kribbelte es erregt, überall in ihren Adern und Muskeln regierte eine verbrennende Hitze. Ihren Zungen tanzten miteinander. Er stöhnte leise. Sie genoss jeden Moment.
Wann hatte sie zuletzt ein solches Verlangen gespürt? Wann hatte sie ein Mann jemals derart in Wallung versetzt? Lag es an dem Spiel oder an Daniel, dass sie diesen Moment als den Erregendsten ihres Lebens empfand?
Seine Hand glitt über ihren Rücken, fand den Verschluss des BHs. Doch bevor er ihn öffnen konnte, drückte Kaja sich ein Stück zur Seite.
»Noch … nicht«, brachte sie hervor. Er stöhnte enttäuscht. Und so gern sie ihn weiter geküsst oder sonst was mit ihm angestellt hätte, so sehr forderte eine innere, fiese Stimme, ihn zappeln zu lassen, auch wenn es für sie selbst eine harte Prüfung darstellte. Also löste sie sich von ihm, sah ihn kokett in die Augen, genoss für einen Moment die kindliche Verwunderung in seinem Gesicht. Dann rückte sie ein Stück von ihm weg, sodass seine Hände, die ihren Rücken und beinahe den BH erobert hatten, neben ihm auf das Sofa fielen. Zwischen seinen Beinen zeichnete sich sein erigierter Penis ab, der den Stoff ordentlich spannte.
»Nicht so hastig«, hauchte sie verführerisch. »Nicht schummeln.«
10.
Das durfte nicht wahr sein!
Daniel zitterte vor Erregung. Und dann war da noch das Ding in seiner Hose, dass sich wie ein Hartmetallbohrer allmählich nach außen zu fressen versuchte. Der Kuss hatte ihn schmelzen lassen, dazu das Gefühl ihrer warmen Haut auf seinen Händen. Beinahe hätte er es geschafft, ihren BH zu öffnen und das zu sehen, was sich hinter dem Kleidungsstück verbarg. Aber Kaja spielte mit ihm. Sie hatte es auf ihn abgesehen. Auf Daniel, auf seinen Körper. Sie hätte es zulassen können, dass er sie entkleidete. Sie hätte das, was im Anschluss folgen würde, geschehen lassen können. Und doch hatte sie einen anderen Weg gewählt und hielt ihn hin – wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielte, bis sie schlussendlich zum finalen Schlag ausholte. Er sehnte sich diesen Schlag herbei, mit allem, was er mit sich bringen würde.
Er beobachtete, wie sie den Würfel griff. Wie sie ihn über den Tisch springen ließ. Wie sich ihre Brüste dabei leicht bewegten. Sie bemerkte seinen Blick und feixte frech.
»Kannst du noch?«, lachte sie. »Oder brauchst du eine Pause?«
»Vergiss es!«, zischte Daniel, der sah, wie der Würfel eine Vier verkündete. »Jetzt will ich alles!«
Bei seinen letzten Worten zuckte ein hungriges Lächeln über ihre Lippen. Dann schob sie langsam ihre Spielfigur vor und kam auf einem leeren Feld zum Stehen. Ohne Zeit zu verschwenden, nahm er den Würfel auf.
»Zwei«, sagte er und bewegte das Glas auf eine rote Fläche. Hastig zog er eine Ereigniskarte und las einen bekannten Text.
»Ziehe etwas aus. Beachte: Doppelte Kleidungsstücke zählen als ein Kleidungsstück.«
»Wie oft kommt diese Karte eigentlich?«
»Oft«, antwortete Daniel. »Wenn viele Leute zusammen spielen, gibt es auch einiges auszuziehen.«
»Hm. Und?«
Während er überlegte, bemerkte er, wie Kajas Blick zunächst auf seinen Oberkörper lag und dann südlich seines Bauchnabels wanderte. Er verspürte eine große Lust, seine Hose abzulegen. Etwas von sich preiszugeben, erst recht, weil er darunter noch anderes trug. Er wollte dem Tiger vor sich einen Brocken zum Fraß anbieten. Dann kam ihm ein Gedanke. Auch er hatte die Macht, sie zappeln zu lassen. Auch er konnte ein Spiel spielen. Also fällte er eine Entscheidung, beugte sich hinab und zog die Socken aus. Mit einem frechen Grinsen ließ er sie, zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt, in der Luft baumeln.
»Wie langweilig!«, stöhnte Kaja. Ihr stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
»Das ist die Retourkutsche zu eben!«
»Von wegen. Ich räche mich!«
Sie würfelte und schob ihr Schnapsglas fünf Felder vor.
»Eine Fragekarte«, murmelte sie und nahm eine blaue Pappe auf. »Hast du schon einmal Sperma geschluckt?«
Auf Kajas Wangen zeigte sich ein verlegenes Rot.
»Und?«, bohrte Daniel und imitierte sie dabei. »Hast du?«
»Hm«, sagte sie. Er erwartete bereits, dass die taffe Tigerin eine Antwort hinauszögern wollte, aber dann setzte sie fort. »Ja. Schon ein paar Mal.«
Das passt, dachte Daniel. Kaja hatte zwar ein unscheinbares Äußeres, das eher dem eines schüchternen Teenagers als einer selbstbewussten Frau glich, doch in ihr steckte mehr. Das erkannte er an dem Glimmen in ihren Augen und an der Art, wie sie mit ihm spielte. »Vor kurzem?«
»Diese Frage steht nicht auf der Karte.«
»Ich weiß. Smalltalk, Schätzchen.«
Sie überlegte. »Falls du dich nicht erinnerst: Ich hatte schon lange keinen Sex mehr. Also nein, nicht vor kurzem.«
»War es denn von Maik?«
»Hm«, sagte sie erneut. »Ja, ich glaube schon. Aber das muss zwei oder drei Jahre her sein.«
Für einen Moment stand Ekel in Kajas Gesicht geschrieben. Galt dieser Sperma im Allgemeinen oder der Tatsache, dass sie einst welches von ihrem Ex im Mund hatte?
»Steht er darauf?«
Sie grinste. »Gibt es einen Kerl, der nicht darauf steht?«
Daniel überlegte, kam aber zu demselben Schluss. »Aus meiner Sicht nicht, nein. Aber ich kann nicht für alle Männer sprechen. Wie ist es so?«
»Eigentlich voll eklig. Wie rohes Eiweiß, nur warm und glibberig. Hat irgendwie nen Touch von Maronen.«
»Maronen?«
Daniel prustete vor Lachen. »Also damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.«
»Ist aber wirklich so. Kannst es ja selbst mal probieren!«
»Sicherlich nicht.«
Jetzt lachten beide. »Darauf einen Sonderschnaps?«, schlug Daniel vor. Sie nickte. Einen Moment später tanken sie. Er spürte seinen Kopf selig schwanken, der Alkohol hatte unlängst seine Wirkung entfaltet.
»Du bist dran«, sagte sie und reichte ihm das Spielgerät. Er würfelte eine Sechs.
»Bingo!«, rief er freudig und schob das allmählich klebrige Glas über das Spielfeld. »Dein Vorsprung schmilzt weiter!«
»Ist nur ne Momentaufnahme.«
»Nur noch vier Felder«, setzte er seinen Triumph fort.
»Lies lieber vor!«, forderte sie. Ihm wäre beinahe entgangen, dass er auf einem roten Bereich gelandet war. Sie grinste fies.
»Oh, auch diese Karte hatten wir bereits«, frohlockte er, die Stimme zitternd vor Vorfreude. »Jetzt habe ich dich!«
Kajas siegessichere Miene schmolz dahin, Daniels breites Grinsen schien sie zu verunsichern. »Was … was steht drauf?«
»Bestimme einen Spieler, der ein Kleidungsstück deiner Wahl auszieht.«
Jetzt hatte er sie. Er hatte den Tiger erlegt. Nun würde sie nichts mehr schützen. Sie wusste es, das sah er an ihren verunsichert hin und her huschenden Augen, die abwechselnd ihn und die Karte ansahen.
»Du weißt, was jetzt kommt?«, säuselte er. Kaja schwieg. Sie wusste es genau. »Weg mit dem BH!«
Sie biss sich auf die Lippen. Für einen Moment wirkte es so, als wolle sie sich zur Flucht aufmachen. Sie drehte ihren Oberkörper ein Stück in Richtung Tür, ob bewusst oder unbewusst vermochte er nicht zu deuten. Doch dann atmete sie tief aus, schloss die Augen und nickte. In einer langsamen Bewegung griff sie nach hinten und löste den Verschluss. Sofort erschlaffte der weiße Stoff und rutschte ein Stück herunter. Daniels Penis pochte erregt. Kaja hielt sich schützend einen Arm vor die Brust, während sie mit der freien Hand den BH abzog und zu Boden fallen ließ. Es hatte etwas Magisches, sie so vor sich zu sehen. So wunderschön, mit makelloser Haut und ohne störenden Stoff. Ihm gefiel ihre Unsicherheit, die Art, wie sie einen ihrer intimsten Körperteile zu schützen versuchte.
»Du kannst den Arm nicht die ganze Zeit so halten«, erklärte Daniel ruhig. Kaja biss sich abermals auf die Unterlippe, dachte nach und seufzte. Dann ließ sie den Arm sinken. Zum Vorschein kamen die schönsten Brüste, die er jemals gesehen hatte. Ob dies wirklich so war oder der Magie des Momentes geschuldet war, spielte in dieser Situation keine Rolle. Fakt war, dass ihre Brustwarzen klein und von einem zarten Braun waren, umgeben von einem schmalen Warzenhof. Wie gerne würde er sie berühren, sie sanft drücken und ihre Wärme spüren. Auch das Wesen in seiner Hose hatte ähnliche Gedanken und drückte sich gegen den Stoff.
»Zum Tittenfick zu klein, nicht wahr?«, riss sie ihn aus seinem Starren. Sie hatte ihr Lächeln wiedergefunden, wenn auch umgeben von einem ausgeprägten Rot, das einem soliden Sonnenbrand alle Ehre gemacht hätte. Er legte den Kopf schief und sah sie tadelnd an.
»Du nun wieder. Daran misst man keine schönen Brüste.«
» Titten sind Titten.«
»Du brauchst mehr Selbstvertrauen!«, sagte er eindringlich. »Wirklich, du solltest dir keine Sorgen machen. Sie sind wunderschön.«
Kaja lächelte verlegen und sah ihm in die Augen. »Danke.«
11.
Durch das angekippte Wohnzimmerfenster drang ein Windhauch hinein. Er strich über Kajas Haut und hinterließ ein angenehm kühles Kribbeln, das im krassen Gegensatz zu der Hitze stand, die sie in diesem Moment empfand.
Sie war nackt, zumindest teilweise. Daniel konnte ohne Hindernis ihre Brüste betrachten. Und obwohl sie eine leidenschaftliche Saunagängerin war und somit mit fremden Blicken klarkommen müsste, war es in dieser Situation etwas anderes. In der Sauna war jeder nackt, ob schön oder nicht. Es herrschte ein unausgesprochenes Abkommen darüber, die Menschen zwar wahrzunehmen, aber nicht anzustarren. Natürlich gab es auch dort Ausnahmen, doch hielten sich diese zumeist in Grenzen.
Aber hier, in Daniels Wohnzimmer, einer ihr bis vor kurzem fremden Umgebung, spielte Nacktheit eine entscheidende Rolle. Zumindest so lange, wie das Spiel andauerte. Das Anstarren mit erotischem Hintergrund war ein elementarer Bestandteil.
Kajas Gesicht brannte vor Scham. Die letzte Stunde war ein wahrhaftes Auf und Ab der Gefühle gewesen. Momente purer Lust und Selbstverwirklichung wurden durch schamvolle und peinliche Situationen abgelöst. Bisher hatte sich all das aber in Grenzen gehalten, doch mit dem Wegfall des BHs war das Spiel schärfer geworden. Zum Glück hatte Daniel richtig auf ihre Verunsicherung reagiert. Obwohl sie die Größe ihrer Brüste kaum beeinflussen konnte, war ihr B-Körbchen schon immer ein schwarzer Fleck in ihrem Wohlbefinden gewesen. Gut, ihre Oberweite hing nicht und hatten eine, wie sie fand, schöne Form. Doch etwas ausladender hätten sie gerne sein können. Um so angenehmer war es, dass ihr Gegenüber sie nicht mit enttäuschten Blicken malträtierte. Im Gegenteil. Er starrte sie unverhohlen an. Und in seinen Augen lag nichts Negatives. Sie enthielten eine animalische Gier – und diese stärkte ihr Selbstvertrauen.
»Würfelst du?«, fragte Daniel. Er lallte leicht. Der Likör tat das, was er tun sollte.
»Klar«, sagte Kaja und griff nach dem Spielgerät. Sie hielt einen Moment inne und sah ihn an. »Du glotzt ja richtig.«
»Es lohnt sich ja auch.«
Sie würfelte eine Drei und erreichte mit ihrem Glas ein Fragefeld. Sie nahm die Karte auf und schluckte. Die Frage hatte es in sich.
»Hattest du schon einmal Analsex?«
Sie sah Daniel in die Augen, er starrte erwartungsvoll zurück. Das Thema war mindestens genau so intim wie das Entblößen von Brüsten.
»Du musst die Frage nicht beantworten«, sagte er mitfühlend und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Kaja winkte ab.
»Ich kneife nicht«, erklärte sie und versuchte Kraft auszustrahlen. »Regeln sind Regeln.«
»Das stimmt, aber auch diese können aufgeweicht werden.«
»Auch später in der App?«
Daniel lachte. »Nein, die App ist knallhart, der Code kennt kein Pardon. Aber in der Testphase ginge es.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte bereits Analsex. Mehrfach sogar.«
Er nickte. »Auch mit deinem Ex?«
»Ja. Er hatte da einen Fetisch. Aber er hat es nicht allzu oft eingefordert.«
Daniel lachte. »Bestimmt das obligatorische Geschenk zum Geburtstag und Herrentag.«
»Nein, das war eher spontan.«
»Und …«, hakte er vorsichtig nach. »Magst du es?«
»Hm«, antwortete Kaja. »Es ist okay, denke ich. Mit der entsprechenden Vorbereitung. Von selbst würde ich es aber nicht vorschlagen. Hattest du schon? Also als aktiver Part?«
Daniel zögerte zunächst, als überlegte er, ob er diese Frage beantworten wollte, ohne dass das Spiel ihn dazu aufgefordert hatte.
»Ja, schon. Meine Ex Melanie war da sehr offen.«
Kaja lachte grunzend auf. »Im wahrsten Sinne des Wortes! Also stehst du drauf?«
»Schon. Aber nur, wenn der Partner Bock drauf hat. Wenn nicht und sie nur Zwang und Schmerz empfindet, törnt mich das eher ab als an.«
Sie nickte und glitt in ihrer Erinnerung zurück in das Schlafzimmer ihrer und Maiks alten Wohnung. Sonnenlicht flutete den in Pastellfarben eingerichteten Raum. Kaja kniete in dem breiten Bett, den Kopf und die Brust auf ein flaches Kopfkissen gestützt, unter das sie ihre Arme geschoben hatte. Ihren Po hatte sie in die Höhe gereckt, so dass Maik sich an diesem vergnügen konnte. Sie erinnerte sich an das Schmatzen des Gleitgels und das Gefühl seines Zeigefingers, der sich mit sanftem Druck auf ihren Anus legte und sich langsam seinen Weg ins Innere suchte. Er hatte den Finger vor und zurück geschoben. Schmerz hatte Kaja dabei nicht empfunden. Dieser kam erst, als er den Mittelfinger hinzunahm. Aber er hielt sich in Grenzen. Zwei Finger gingen noch. Als es dann ernst wurde, krallte sie sich in das Laken. Maiks Penis war nicht der Größte, aber unverhältnismäßig breit gewesen.
»Mehr Gel!«, hatte sie gefordert, als er versuchte, diesen in sie einzuführen. Nachdem er das Kühle Gleitmittel auf ihr Arschloch aufgetragen hatte, linderte es zumindest für einen Moment das, was sie empfand. Doch dann legte er den Penis erneut an und drückte. Langsam, aber unnachgiebig. Sie spürte deutlich, wie sein bestes Stück Millimeter um Millimeter tiefer eindrang. Sie stöhnte leise und biss sich auf die Unterlippe. Dann, als der Widerstand überwunden und die Eichel mit vollem Umfang eingedrungen war, stieß sie einen stummen Schrei aus.
Maik ging vorsichtig zur Sache, penetrierte sie mit kurzen Hüben, während seine Hände ihr Gesäß fest im Griff hatten. Regelmäßig gab er Spritzer Gleitgel hinzu.
»Darf ich schneller?«, keuchte er und obwohl Kaja es am liebsten bei dem Tempo belassen hätte, stimmte sie zu. Sie kannte Maik, er brauchte Geschwindigkeit, um zu kommen. Wenn er sie nur langsam fickte, würde der Schmerz nie vergehen. Wenn er jedoch zulegte, war ihr Unwohlsein zwar größer, würde aber ein baldiges Ende nach sich ziehen. So biss sie die Zähne zusammen, während er nicht nur schneller, sondern auch tiefer zur Sache ging. Und tatsächlich, es dauerte keine zwei Minuten, bevor er anfing zu stöhnen. Also ein jäher Urschrei das Schlafzimmer erfüllte und sein Becken ruckartige Stöße ausführte, war es geschafft. Er zog seinen Penis heraus und ließ sich auf die Seite fallen. Auch Kaja hatte sich gedreht. Maiks Sperma, so unglaublich heiß, lief dabei aus ihr heraus. Sie schob eine Hand zwischen ihre Pobacken und spürte das Pochen, das der Akt bei ihr hinterlassen hatte.
»Kaja?«
Daniel sah sie amüsiert an. »Träumst du?«
Sie schüttelte sich. »Ich war in Gedanken.«
Gänsehaut belegte ihre Arme. Doch entstand diese nicht aus Kälte oder Erregung. Vielmehr war sie ein Zeugnis von Ekel, der sie bei dem Gedanken an Sex mit Maik erfüllte. Hätte ich mich ihm nur nie so grenzenlos hingegeben, dachte sie frustriert. Es ist alles umsonst gewesen.
»Ich hatte gefragt, ob wir noch einen Schluck trinken wollen, bevor es weitergeht?«
Kaja sah ihn fragend an, dann kehrte ihr Geist ins Hier und Jetzt und zu ihrem Spiel zurück. »Klar, gerne.«
Sie tranken Likör. Daniel schmiss den Würfel und schob seine Figur Sekunden später ein mickriges Feld voran. Er stöhnte enttäuscht. »Wenigstens darf ich eine Karte ziehen.«
Er nahm eine Aktionskarte auf. Kaja beobachtete, wie er stumm las und mit den Lippen Worte formte.
»Laut vorlesen!«, forderte sie. Er lachte.
»Gerne!«
Er räusperte sich gekünstelt. Das Lächeln, das über seine Lippen flog, verhieß nichts Gutes. »Alle Spieler ziehen etwas aus.«
Kaja sah an sich hinab. Sie trug nur noch ihren Rock und Unterwäsche. Daniel hatte kaum mehr am Leib. Entschlossen und mit einem siegessicheren Gesichtsausdruck stand er auf und zog sich ungeniert seine Hose hinunter. Darunter kam, oh Überraschung, eine weitere, schwarze Shorts zum Vorschein, hinter der sich die Konturen eines erigierten Penis abzeichneten. Kaja grinste neugierig, während sie sein bestes Stück betrachtete. Er bemerkte, wie sie ihn anstarrte. Sie musste die Situation überspielen und zwang sich zu einem munteren Lachen. »Wer trägt bei diesen Temperaturen Boxershorts?«
»Na, ich!«, gab er knapp zurück. »Und nun du!«
Sie warf ihm einen bösen Blick zu. Aber sie hatte keine Wahl. Sie stand langsam auf, löste zwei Knöpfe auf der Vorderseite des fliederfarbenen Rockes und spürte sofort, wie die Spannung um ihre Hüfte nachließ. Der Stoff glitt von allein an ihr herunter und offenbarte nackte Haut, sowie einen weißen Tanga mit viel Spitze. Hastig setzte sie sich wieder hin, während Daniel sie mit Blicken verspeiste. Nun war sie fast vollständig entkleidet. Zudem näherte sich das Spiel dem Ende, denn die Figuren hatten einen beträchtlichen Teil des Weges bereits hinter sich gelassen. Wie passend, dachte sie. Nicht nur klamottentechnisch stand bald das Finale an. Sie zählte zwischen ihrer und seiner Spielfigur einen Abstand von sechs Feldern. Mit etwas Glück würde sie diesen über die Ziellinie bringen können. Aber bis dahin konnte, und das bezeugten einige rote und blaue Spielfelder, noch vieles passieren.
12.
Daniels Glied pulsierte vor Lust. Nun saß ihm Kaja beinahe vollständig entkleidet gegenüber. Er betrachtete gierig ihre Brüste, die so wunderschön und verlockend waren. Weiter unten schützte lediglich ein winziges Stückchen Stoff ihr intimstes Heiligtum vor seinen Blicken. Wäre das Leben ein Comic, würden ihm das Herz aus der Brust springen und Speichel aus dem Mund laufen.
Mit vor Erregung zitternder Hand ergriff er den Würfel und ließ ihn mehr schlecht als recht über den Tisch holpern. Er zeigte eine Fünf. Bingo. Ein guter Wurf.
»Ähm«, unterbrach Kaja ihn, als er seine Spielfigur vorwärts schob. »Du bist nicht dran.«
Daniel legte die Stirn in Falten. Dann überkam es ihn. Er hatte doch erst gewürfelt. »Sorry«, murmelte er kleinlaut und schob sein Glas auf die alte Position zurück. Sie lächelte ihn aufreizend an.
»Das Blut ist wohl nicht mehr in deinem Kopf, was?«
Dabei nickte sie in Richtung seiner Boxershorts. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie deutlich sich sein Speer gegen das Gefängnis aus Stoff zur Wehr setzte.
»Öhm«, stammelte er und errötete. Kaja lachte. Ihr gefiel es offenbar, wie sie ihn mit ihrem Körper um den Verstand brachte. Daran bestand kein Zweifel. Er beschloss, mit offenen Karten zu spielen. »Natürlich ist das Blut woanders. Du bist einfach wunderschön.«
»Danke«, kicherte sie und wirkte gerührt. Sie offenbarte ein herzliches Lächeln, das sich nicht nur auf ihren Lippen zeigte, sondern auch in ihren Augen. Langsam nahm sie den Würfel auf und ließ ihn auf den Tisch fallen, ohne dabei den Blick von Daniel zu lösen. Anschließend schob sie ihre Spielfigur drei Felder vor. Er stöhnte enttäuscht, als sie lediglich auf einem Trinkfeld zum Stehen kam. »Wie langweilig.«
Sie tranken. Und synchron zum Spiel würde der Trinkspaß bald enden, denn die Flasche war so gut wie leer. Also würfelte er, ohne Zeit zu verlieren, während Kaja gierig den Kopf in den Nacken warf, um auch den letzten Tropfen aus dem Glas zu kriegen. Dabei wackelten ihre Brüste, was ihn so sehr ablenkte, dass er das Spielgerät neben den Tisch schmiss.
»Boden brennt!«, wiegelte sie die Sechs ab, die sich im Anschluss zeigte. »Noch einmal!«
»Du willst nur nicht, dass ich gewinne.«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Dein fieses Grinsen verrät es mir.«
Kaja wirkte pikiert. »Das ist kein fieses Grinsen. Nun mach endlich!«
Daniel tat, wie ihm geheißen. Eine Zwei.
»Yes!«, freute sie sich über die schwache Ausbeute. »So wird das nichts, mein Lieber!«
Tatsächlich lag er sieben Felder zurück und selbst eine gute nächste Runde würde an ihrer Führung nichts mehr ändern können. Schlimmer noch. Wenn sie mindestens eine Fünf würfelte, hatte sie gewonnen. Die Spielstraße war zu Ende. Er schluckte, schob die Figur vor und erreichte ein rotes Feld. Wenigstens das, dachte er und zog voller Erwartung eine Karte. Und diese enttäuschte ihn nicht.
»Eine Person deiner Wahl setzt sich auf deinen Schoß. Ihr küsst euch.«
»Na, für wen entscheide ich mich wohl«, lallte er und sah sich fragend zu allen Seiten um. »Hm. Ich nehme … Kaja!«
Die Auserwählte griente verlegen. »Ich? Damit hätte nun keiner gerechnet.«
»Tja. Was wäre das Leben ohne Überraschungen?«
Sie lachte und stand auf. »Arsch!«
Mit federnden Schritten kam sie um den Tisch und blieb vor ihm stehen. Sie sahen sich an. Dann betrachtete er ihre Brüste, ihren Bauchnabel, die sachten Abdrücke in der Haut, die der Saum des Rockes hinterlassen hatte und den Tanga, dessen Stoff so dünn war, dass man durch ihn die Schamlippen erkennen konnte.
Sie verschlang ihn ebenfalls mit Blicken. Erst seine Augen, im Anschluss die Brust, seinen Bauch, die Boxershorts … Dann setzte sie sich in einer fließenden Bewegung auf seinen Schoß, Gesicht an Gesicht. Ihre Haut war heiß, ihr Duft fruchtig. Er stöhnte auf, sie atmete tief und langsam. Sein Penis drückte mit aller Kraft nach oben und sie spürte das, da war er sich sicher.
»Du hast da was«, hauchte sie und machte mit der Hand eine flüchtige Bewegung in Richtung seines Beckens, stoppte jedoch. Wie sehr er sich wünschte, dass sie ihn endlich berühren würde.
Dann trafen Daniels und Kajas Lippen aufeinander. Ein Feuerwerk explodierte in seinem Mund. Denn es war nicht nur ein kurzes Aufeinandertreffen von Haut, nein, es war alles und viel mehr. Ihre Zungen rangen miteinander, während sich die Körper aneinanderpressten. Brust an Brust, Bauch an Bauch, Becken an Becken. Wärme wechselte von einem Leib in den anderen, das Wohnzimmer war erfüllt von leisem Schmatzen und Stöhnen.
Daniels Hände glitten an ihrem Rücken herunter bis hin zu ihrem Po. Er griff zu, nicht doll, aber stark genug, um seinen Drang nach Sex deutlich zu machen. Die Zeit verging, der Kuss jedoch nicht. Kaja vergrub ihre Finger in seinen Haaren. Es war wundervoll. So wundervoll, dass er den Stoff des Tangas packte und ein Stück herunter drückte. Sie machte Anstalten, dies zu unterbinden, und löste ihre Hände aus seinen Haaren. »Das … Spiel«, stöhnte sie.
»Scheiß auf das Spiel!«, keuchte Daniel, dem es alles abverlangte, die Fassung zu bewahren und nicht vor Geilheit zu zergehen.
Mit einem Ruck drehte sich Kaja in Richtung Tisch, griff den Würfel und pfefferte ihn ans andere Ende des Raumes. Dann wischte sie ihre Spielfigur mit einer fahrigen Bewegung ins Ziel.
»Gewonnen«, stöhnte sie und presste ihm einen feuchten Kuss auf. Sie stand auf, packte seine Hand und riss ihn mit sich. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Er wollte protestieren, doch sein zweites Gehirn schob ihm hastig einen Riegel vor. Es hatte recht. Daniel würde Kaja nicht an dem hindern, was sie mit ihm vorhatte.
»Wo ist dein Schlafzimmer?«, hauchte sie, während sie ihn durch das Wohnzimmer zog. Dem Alkohol und der Aufregung sei Dank stolperte er ihr tölpelhaft hinterher und stieß mit der Schulter gegen die halb geöffnete Tür.
»Rechts raus«, beantwortete er ihre Frage, doch da hatte sie unlängst die richtige Richtung eingeschlagen. Daniel war wie verhext. Am liebsten würde er sich kneifen, um zu prüfen, ob es sich bei dem, was gerade passierte, nur um einen fantastischen Traum handelte. Doch da fiel sein Blick ihren Rücken hinab auf ihren Po, der ihn mit jedem ihrer Schritte mehr und mehr hypnotisierte. Nein. Selbst, wenn es nur ein Traum war, so würde er ihn zu Ende träumen, komme da, was wolle.
Im Flur war es stockfinster. Kajas Körper wurde von der Nacht verschluckt. Nur der weiße Stoff des halb heruntergezogenen Tangas schimmerte hindurch und fungierte als eine Art Leuchtsignal, dem Mann folgen konnte.
Kaja öffnete die Tür des Schlafzimmers und zog Daniel hinein. Dann drehte sie sich in voller Bewegung zu ihm um, schlang ihre Arme um seinen Oberkörper und küsste ihn. Zungen umspielten einander, Hitze wurde ausgetauscht. Mit sanftem Druck schob er sie in Richtung seines Doppelbettes mit der ordentlich gemachten Bettdecke, die vom Mond, der mit all seiner Macht durch das Fenster schien, in silbriges Licht getaucht wurde.
Kaja stieß mit den Unterschenkeln gegen das Bettgestell und ließ sich langsam nach hinten fallen, während Daniel sie abfing. Sie lag auf dem Rücken, ihre Beine hingen halb über die Bettkante hinaus. Er schob eine Hand zwischen ihre Schultern, die andere unter ihren Po. Dann hob er sie in einer kräftigen Bewegung an und drückte sie nach vorn, sodass ihr Kopf bequem auf seinem Kissen Platz fand. Ihre Atmung ging schnell und er roch Lakritz, dem Likör sei Dank.
Er stützte sich über sie, während sie sich abermals in einen intensiven Kuss vertieften. Ihre Brüste berührten seine Brust. Er presste sein Becken auf das ihrige. Sie atmete laut aus, als stellte dieser Moment das magische Überschreiten einer unsichtbaren Grenze dar. Auch Daniel stöhnte. Erst recht, als Kaja ihre Finger in den Stoff seiner Shorts krallte.
»Weg damit!«, flüsterte sie und zog ihm in einer hastigen Bewegung die Hose so weit hinunter, dass sie auf Höhe der Knie hingen blieb. Feurige Luft begrüßte seinen Penis, der vor Aufregung zuckte. Jetzt ist der Moment gekommen, dachte er, stemmte sich auf die Knie und packte den Saum des Tangas. Es war ein Kinderspiel, ihr das letzte Stück der verbliebenen Kleidung vom Körper zu ziehen. Sie ließ es geschehen. Und dann lag sie nackt vor ihm. Er hatte es endlich geschafft. Für den Bruchteil einer Sekunde betrachtete er sie von oben bis unten. Als er ihre Muschi ansah, geschmückt mit einem fein getrimmten Schamhaarstreifen, überkam ihn ein Impuls. Er beugte sich hinab und begann, mit der Zunge ihre Schamlippen und den Kitzler zu verwöhnen. Kaja stöhnte wollüstig und vergrub eine Hand in seinen Haaren. Es schmerzte, als ihre Fingernägel über seine Kopfhaut kratzten, doch störte es ihn nicht. Im Gegenteil. In Kombination mit ihren Lauten der Lust trieb es ihm zu Höchstleistungen an und ließ seine Zunge ihre Magie ausspielen.
Es war einfach wundervoll. Er schwebte im siebten Himmel und genoss jede Sekunde, ihren Geschmack, das silbrige Licht des Mondes. Schlichtweg alles. Er liebte es, ihr einen unvergesslichen Moment zu bescheren.
Plötzlich zog sie ihn zu sich hoch. Er verstand sofort, beugte sich über sie und bevor er sich versah, berührte sie seinen Penis. Eine Woge der Geilheit schoss durch Daniels Körper und hinterließ nichts als kochendes Blut. Dann umschloss sie sein bestes Stück sanft mit einer Hand und führte ihn an sich heran.
»Kondom?«, stöhnte er.
»Pille«, antwortete sie knapp. Als seine Eichel Kajas Haut berührte und zielgerichtet von ihr zwischen ihre Beine gesteuert wurde, startete sein Motor. Er führte seinen Penis ein und verfiel direkt in rhythmische Bewegungen. Nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Und obwohl er sie erst seit wenigen Stunden kannte und es in diesem Moment ihr gemeinsames, erstes Mal war, harmonierten sie gut miteinander. Seine und ihre Bewegungen passten zusammen und ergänzten sich. Es war so vertraut, so eingespielt und doch neu und aufregend.
Sie verloren sich in ihrer Leidenschaft. Das Gefühl blanker Ekstase breitete sich in seinem Körper aus und er war sich sicher, dass Kaja genau so empfand. Sie vergrub ihre Fingernägel in seinen Pobacken, was ein angenehmes Stechen durch sein Gesäß jagte. Seine Nachbarin schien es zu mögen, den Sexualpartner mit leichten Schmerzen zu bedenken. Ihm war es nur recht. Er erhöhte ebenfalls die Intensität und stieß etwas stärker und tiefer zu. Kaja quittierte seine Leistung mit einem anschwellendem Stöhnen. Dann, nach vielen weiteren Stößen, ging ihre Atmung schneller. Abermals verstärkte sie den Griff um seinen Hintern und übernahm die Kontrolle, in dem sie begann, seine Stoßbewegungen zu steuern.
Sie steht kurz vor dem Orgasmus!, verstand er und gab sich ihrer Führung vollends hin. Sie zwang ihn, härter und in einem schnelleren Takt zuzustoßen. Ihr Oberkörper versteifte sich. Plötzlich drückten sich ihre Beine an seinen Körper, sie stöhnte laut auf und presste sein Becken so fest gegen das ihrige, das eine fortlaufende Bewegung fast unmöglich war. Aber auch nur fast. Während Kaja ihren Höhepunkt erreichte, arbeitete er weiter, nicht mehr so schnell und hart, aber konsequent. Dann erschlaffte ihr schweißnasser Körper und sie ließ sich tief in das Kissen sinken. Nach ein paar Sekunden verharrte er über ihr und küsste sie. Doch fertig war er noch lange nicht. Nachdem er ihr einen Moment zum Durchatmen gegeben hatte, stemmte er sich wieder auf die Knie. Sein Glied wurde von der kühlen Luft des Schlafzimmers empfangen. Kaja sah in abwartend an. Er legte die Hände in ihre Kniekehlen, führte die Beine zusammen und presste sie gegen ihren Oberkörper. Ihr Gesäß reckte sich dabei schutzlos in seine Richtung.
»Halt sie fest!«, kommandierte er und bedeutete ihr, die Beine mit den Händen in der Position zu bewahren. Sie tat es. Er beugte sich hinab und bearbeitete sie ein zweites Mal mit der Zunge, nur das er jetzt wilder zur Sache ging. Dann führte er seinen Penis wieder ein, stütze sich über sie und setzte sich in Bewegung.
Er liebte diese Stellung. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er kam. Auch Kaja musste dies an seinem intensiveren Stöhnen bemerkt haben. Und dann bahnte sich sein Höhepunkt endgültig an. Sperma wurde mobilisiert und ergoss sich in pulsierenden Schüben in die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte.
13.
Kaja lag auf der Seite und starrte aus dem Fenster, an dessen oberer Kante der Mond in voller Pracht am Himmel stand. Daniel hatte sich als großer Löffel dicht an sie geschmiegt und atmete leise in ihr Ohr. Sie wusste nicht, ob er schlief oder wie sie hinaus schaute. Aber das war auch nicht wichtig. Auch so war der Moment perfekt. Das Gefühl seiner nackten Haut und der von dieser ausgehenden Wärme ließ sie in seliger Ausgeglichenheit zurück. Sie musste lächeln, als ihr bewusst wurde, wie ein hartnäckiger Draht, der aus einem Maschendrahtzaun hervorlugte, sie und Daniel zusammengebracht hatte. Würde Kaja es jemandem erzählen, würde sie wahrscheinlich nur in ungläubige Gesichter starren.
Der Abend mit ihrem neuen Nachbarn hatte etwas in ihr bewegt. Obwohl sie in diesem Moment nicht sagen konnte, ob sie sich in ihn verliebt hatte oder überhaupt verlieben wollte, wusste sie wenigstens, dass ihr Leben nicht so schlecht war, wie sie es in ihrer an die Wand gefahrenen Ehe lange gedacht hatte.
Daniel schnarchte leise. Er schlief also doch, einen Arm fest um sie geschlungen. Sie genoss das Gefühl, von ihm beschützt zu werden. Empfand es als angenehm, dass seine Hand dabei auf einer ihrer Brüste ruhte. Selbst das Gefühl der Nässe zwischen ihren Beinen, das ein Überbleibsel seines Spermas war, blendete sie aus. Sie war glücklich. Sie war eine Frau. Eine Frau, die all ihren Mut zusammengenommen und Neues ausprobiert hatte. Etwas, das sie nur wenige Tage zuvor für absolut unmöglich gehalten hätte.
Sie hatte sich auf einen ganz und gar fremden Mann eingelassen. Hatte ihm dabei viele intime Details sowie ihren Körper preisgegeben. Hatte von Gefühlen, Neigungen und Erfahrungen berichtet, die sie selbst ihrer besten Freundin nicht erzählt hatte. Und am wichtigsten: Sie hatte es fertig gebracht, mit ihm zu spielen, ihm ihre wilde und selbstbewusste Seite zu zeigen. Dieses Wissen verlieh ihr eine große, innere Kraft. Und diese würde sie in den nächsten Wochen und Monaten brauchen. Denn es galt, ein gemeinsames Leben mit Maik auseinanderzudividieren, Besitztümer aufzuteilen, Finanzen zu regeln, Freunde und Familienmitglieder über das Scheitern ihrer Ehe aufzuklären. Es würde unzählige Fragen geben, viele Emotionen und Arbeit mitsamt schwierigem Papierkram. Doch am Ende würde sie gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen.
Daniel schnarchte erneut. Seine Hand bewegte sich kurz und er nuschelte etwas, das sie nicht verstand. Sie lächelte. Egal, wie schwer es werden würde, sie war eine starke Frau. Und sie war nicht allein.
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kim-f-wolf.de

Verdammt gut geschrieben,