Kaja – Spiel mit mir (Kapitel 1-5)
Veröffentlicht amWorum geht es?
Kaja ist in einer gescheiterten Ehe gefangen. Als sie ihren Mann dabei erwischt, wie er es sich zu einem Bild ihrer besten Freundin besorgt, findet sie endlich die Kraft, sich von ihm zu trennen. Trotz der wiedererlangten Freiheit ist sie am Ende.
Zum Glück lernt sie Daniel kennen. Als sie herausfindet, dass dieser als Spieledesigner sein Geld verdient und derzeit an einem erotischen Brettspiel arbeitet, beschließt sie, ihr neues Leben mit einem verruchten Highlight zu beginnen. Sie fordert ihn heraus und betritt eine Welt der Sinnlichkeit.
Und jetzt: Viel Spaß :-*
—
1.
Ich liebe den Sommer!
Daniel konnte an nichts anderes denken. Er stand am geöffneten Fenster und spürte die Wärme, die sich wie eine Decke um seinen Körper legte. Es duftete nach trockenem Gras, das, wenn die Temperaturen weiterhin so blieben, wie sie seit gut einer Woche waren, bald verdorren würde. Aber das war ihm egal. Regnen würde es früh genug,
Er ließ seinen Blick schweifen, sah hinab und beobachtete die des Mieters eine Etage unter ihm, wie sie durch den Garten und um Büsche flitzten. Dabei bespritzten sie sich gegenseitig mit Wasserpistolen. Ihr Lachen erfüllte die Nachbarschaft mit Leben, was von gedämpfter Musik und dem Plätschern der vielen Pools im Umkreis zusätzlich untermalt wurde. Herrlich!
Das Fauchen und Zischen seiner Kaffeemaschine riss Daniel aus seinen Gedanken. Er wandte sich um, schlurfte an zahlreichen Umzugskartons vorbei in die Küche und holte sich eine Tasse aus dem Hängeschrank über der Spüle. Diesen befüllte er mit dem dampfendem Schwarz, fügte einen irrwitzig kleinen Schuss Milch hinzu und kehrte zu dem Fenster zurück. Dort begrüßte ihn ein zaghafter Windhauch, der eine Spur Lavendel in seine Nase trug.
Unter ihm erklang eine strenge Männerstimme. Die hielten abrupt inne und horchten. Daniel konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, doch sofort spurteten die Kleinen ins Haus und waren verschwunden.
»Wahrscheinlich Mittagessen«, flüsterte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Punkt zwölf. Und als wäre diese Uhrzeit das Maß aller Dinge, kam die Nachbarschaft allmählich zur Ruhe. Die Musik verstummte, das Plätschern ringsherum verebbte. Bald hörte man nur das Rauschen der nahen Bundesstraße, an dessen Rand sich das Neubaugebiet befand, in dem Daniel eine , aber feine Zweizimmerwohnung ergattert hatte.
Zuerst war ihm diese Gegend mit ihren gepflegten Gärten, den akkurat gestutzten Hecken und Musterfamilien – Vater, Mutter, , Haus, Auto und Hund – als Inbegriff deutscher Spießigkeit erschienen. Aber er hatte sich schon nach wenigen Tagen an das moderne Leben im Norden Hamburgs gewöhnt. Und ja, mittlerweile schätzte er diese Spießigkeit sogar, auch wenn der Rebell und kreative Freigeist in ihm es nur schwer zugeben konnte. Aber es war eine tolle Gegend. Die Menschen grüßten sich und man konnte des Nachts ohne Angst die Straßen passieren. Perfekt.
Sein Blick fiel auf einen Gartenabschnitt, der zum Nebenhaus rechts von ihm gehörte. Dort saß eine blonde Frau an einem runden Tisch, ihr gegenüber ein hagerer Mann mit zerzaustem Haar, dessen Augen auf das Display eines Smartphones geheftet waren. Seine Kleidung, bestehend aus Jogginghose und Kapuzenpulli, erinnerte an nerdige Teenager und wollte nicht so recht zu den warmen Temperaturen passen. Die Frau hingegen war adäquat gekleidet und trug ein gelbes, ärmelloses Top und eine farblich passende Bikinihose.
Das Paar wechselte offenbar kein Wort miteinander. Sie hatte sich zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Körpersprache drückte eindeutig aus, dass sie unzufrieden war.
»Pappnase«, flüsterte Daniel. Er würde, wenn eine solche Augenweide vor ihm saß, das Handy zur Seite legen. Sie beobachten. Mit ihr sprechen, frech-charmante Sprüche bringen, etwas Nettes sagen. Verstohlen sah er sich um und prüfte, ob aus den umliegenden Fenstern jemand sein Starren beobachtete. Fehlanzeige. Also sah er sich die Dame genauer an.
So weit er es erkennen konnte, war sie nicht sonderlich groß, was aufgrund ihrer sitzenden Position aber schwer zu beurteilen war. Ihr blondes Haar fiel locker auf die Schulter. Sie war schlank und hatte weiche Gesichtszüge, zumindest sah dies aus der Entfernung so aus.
Plötzlich erhob sich der Mann, das Handy noch immer vor Augen. Er sagte etwas, formte mit seinem Mund für Daniel unhörbare Worte und ging ins Haus. Die Frau sah ihm emotionslos hinterher. Sie gähnte herzhaft und nippte im Anschluss an einem Glas, in dem ein gelber Inhalt schwappte.
Daniel nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse. Der Kaffee schmeckte gut, schön stark und befriedigte seinen Drang nach Koffein. Die Minuten vergingen, das Trinkgefäß leerte sich zunehmend. Er überlegte, was er mit seinem freien Samstag anfangen sollte, denn er könne ja nicht den ganzen Tag am Fenster stehen und in die Welt hinaus starren. Als er sich gerade abwenden wollte, passierte etwas in seinem Sichtfeld und sein Blick flog in den Garten des Paares zurück.
Der Mann hatte das Haus wieder verlassen und trat an seine Partnerin heran. Er hatte einen klobigen Rucksack geschultert und trug eine Laptoptasche. Hektisch beugte er sich hinab und drückte der Frau einen Kuss auf die Stirn. Sie reagierte kaum, zumindest konnte Daniel keine ausgeprägte Gefühlsregung erkennen. Dann steuerte er zielstrebig ein Gartentor an, öffnete es und betrat den öffentlichen Weg dahinter. Schon bald bog er um eine Ecke und war außer Sicht.
Womöglich geht er zur Arbeit, mutmaßte Daniel. Die Frau des Mannes – er nannte ihn aufgrund seiner langen Haare nun Zottel – verharrte dagegen in völliger Regungslosigkeit. Dann griff sie nach ihrem Glas, leerte es in einem Zug. Sie erhob sich. Sein Verdacht, dass sie eher klein als groß war, bestätigte sich. Sie schlenderte durch den Garten, betrachtete einige der Pflanzen und hob etwas auf, das Daniel erst auf dem zweiten Blick als Federball erkannte. Sie wog das weiße Spielgerät in den Händen.
Unterdessen schien die Familie in der Erdgeschosswohnung unter Daniel ihr Mittagsessen beendet zu haben. Mutter, Vater und die durchquerten mit geschulterten Taschen und in Badekleidung gehüllt ihren Garten und verließen es, wie ihr Zottel einige Minuten zuvor, ebenfalls durch ein Gartentor. Sie bogen nach links und gingen, so mutmaßte Daniel, zu dem Badesee, der nur wenige hundert Meter abseits des Neubaugebietes lag. Die Idee war gut – das musste er zugeben. Vielleicht würde er es ihnen später gleichtun. Doch zunächst wollte er die Frau beobachten, denn er gestand sich ein, dass er sie gerne ansah. Sie gefiel ihm, und so lange sie ihn nicht bemerkte, konnte er den einen oder anderen Blick riskieren.
Sie hatte in der Zwischenzeit einen Schläger aufgetrieben, mit dem sie den Federball mit eleganten Bewegungen in der Luft hielt. Sie spielte gut, wenn man das Spielen ohne Partner denn als solches bezeichnen konnte. Der Ball berührte nie den Boden und sie schaffte es, ihn in einem engen Radius um sich selbst zu bespielen. Aber jede Serie riss einmal – so auch in diesem Moment. Sie traf den Federball unsauber, er prallte am Rahmen des Schlägers ab und flog als Querschläger in rundem Bogen über den Maschendrahtzaun aufs Nachbargrundstück. Er kam fast direkt unter Daniels Fenster auf dem sterbenden Grün zum Erliegen.
Der Frau entfuhr ein undeutlicher Fluch. Sie ließ das Sportgerät fallen und ging zum Zaun herüber. Sie lehnte sich vor und versuchte, in das Haus ihrer Nachbarn zu sehen.
»Hallo?!«, rief sie. Daniel trat einen halben Schritt zurück, um nicht von ihr entdeckt zu werden. »Susanne? David?«
Keiner antwortete. Wie auch. Susanne, David und die Kids waren nicht zu Hause. Daniel wunderte sich, dass sie das Fortgehen der Familie nicht bemerkt hatte. So dicht – und doch so fern. Niemand achtet auf den anderen.
Erneut rief sie die Namen der Eltern. Keine Reaktion. Sie hielt inne und sah sich verstohlen um. Dann überstieg sie den etwa hüfthohen Maschendrahtzaun und schlich im Anschluss durch den Nachbarsgarten, nahm den Ball auf und kehrte um. Sie hob ein Bein und wollte über den Zaun steigen, als sie plötzlich innehielt. Daniel konnte nicht erkennen, was der Grund dafür war. Sie nestelte an ihrer Bikinihose herum und fluchte. Er kniff die Augen zusammen und wagte sich ein Stück vor, sah neugierig hinab. Und dann verstand er, worin ihr Problem bestand. Sie hing fest, eine der überstehenden Drahtschlaufen des Zauns hatte sich in dem Textil verheddert. Er grinste amüsiert. Sowas hatte er noch nie gesehen.
»Verdammt … noch … mal!«, schimpfte sie und sah sich verunsichert um. Ihre Finger versuchten verzweifelt, sie aus der Misere zu befreien, doch es schien ausweglos. Ihr Blick glitt abermals ins Haus, als könne sie durch puren Blickkontakt einen Bewohner heraufbeschwören. Nur funktionierte es nicht.
»Scheiße«, zeterte sie und zerrte an dem Hindernis, sodass der Zaun zappelte und wackelte. Sie versuchte, durch einen Schritt zurück dem Draht zu entkommen, aber es half nichts. Verärgert hielt sie inne. Und dann passierte es. Sie sah sich um und direkt zu ihm hinauf. Mist! Er hatte sich so an dem Schauspiel festgeguckt, dass er seine Deckung vergessen hatte.
Als sie ihn entdeckte, lief ihr Gesicht rot an. Daniel versuchte, so zu wirken, als wäre er erst vor Sekunden am Fenster erschienen.
»Alles okay?«, rief er mit gespielter Gleichgültigkeit.
Sie stöhnte genervt und warf den Federball, den sie noch immer hielt, zurück auf ihr Grundstück und sah frustriert zu Boden. »Ich hänge an diesem beschissenen Zaun fest.«
Ihr Gesicht färbte sich zart rosa. Es war ihr augenscheinlich unangenehm und peinlich.
»Hm. Ich sehe es. Kann ich Ihnen helfen?«
Dabei könnte sie doch einfach die Hose ausziehen, überlegte Daniel und musste zugeben, dass dieser Gedanke ein toller war. Nur würde sie, erst recht, weil er aus dem Fenster zu ihr hinab sah, wahrscheinlich eine andere Lösung bevorzugen. Wieder zerrte sie an der Bikinihose.
»Da hat sich so ein Drahtende im Stoff verhakt«, erklärte sie. »Ich kriege es nicht rausgezogen. Haben Sie eine Schere, die Sie mir herunterwerfen können?«
»Na klar!«, antwortete Daniel. »Einen Moment.«
Er eilte in die Küche und suchte die Schere. Doch dort, wo sie normalerweise lag und auf ihren Einsatz wartete, war sie nicht. Er zog alle Schubladen auf, wühlte durch loses Besteck, aber sie war unauffindbar. Sein Blick glitt suchend über die Arbeitsfläche und den Küchentisch, auf dem Zeichenpapier, teure Farbstifte und Musterzeichnungen von Figuren in einem absoluten Chaos ausgebreitet waren. Die Schere war wie vom Erdboden verschluckt.
»Mist«, murmelte er enttäuscht. Er hätte gerne einen Pluspunkt bei der Nachbarin gesammelt. Aber das Mistding musste irgendwo im Umzugschaos untergegangen sein. Erst gestern Abend hatte er drei Kartons ausgepackt, und da war die Schere noch an Ort und Stelle gewesen.
Er ging in das Schlafzimmer. Dort, wo am Vorabend das Auspacken stattgefunden hatte, fand er nur die auseinandergebauten Pappverpackungen – und wieder keine Schere.
Frustriert kehrte er an das Fenster zurück. Die Frau war noch immer gefangen und starrte hoffnungsvoll zu ihm hinauf.
»Tut mir leid«, rief er hinab. »Ich finde die Schere nicht.«
Sie wirkte enttäuscht und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. »Macht nichts. Ich schaffe das schon.«
Daniel hielt einen Moment inne und überlegte. Er könnte zu ihr heruntergehen. Sicherlich würden sie zu zweit eine Lösung finden. Wäre ihr Problem nur nicht so … pikant. Der Draht hatte sich, so weit er es erahnen konnte, direkt zwischen den Beinen verhakt – dort, wo sich Frau nicht gerne von einem Fremden anfassen lies. Und ohne sie zu berühren würde er ihr nicht helfen können.
Sie riss und zerrte fluchend. Dann sah sie wieder zu ihm auf.
»Können Sie runterkommen?«
Ihre Stimme klang konsterniert.
»Nun«, setzte Daniel zu einer Antwort an und rang mit sich, auf der Suche nach einer Ausrede. Aber die Hilflosigkeit, die in ihrem Gesicht geschrieben stand, ließ ihn einknicken. »Ja, na klar. Einen Moment …«
Er schloss das Fenster und trat eilig vor den Spiegel, der im Flur neben der Haustür angebracht war. Er zupfte sein Shirt zurecht, zog das Schnürband seiner Hose zu und schlüpfte in Sportschuhe. Dann griff er den Türschlüssel, verstaute ihn in der Hosentasche und eilte hinaus.
Das breit angelegte Reihenwohnhaus mit seinen gut vierzig Wohneinheiten auf vier Etagen hatte er rasch umrundet. Schnellen Schrittes eilte er den Weg entlang, der an die Gartenzäune der Parterrewohnungen grenzte und erreichte das Tor, das in den Garten der vierköpfigen Nachbarsfamilie führte. Da er wusste, dass die Familie ausgeflogen war, bemühte er sich nicht, erst einmal um Erlaubnis zu bitte. Er trat auf die Blondine zu, die ihm erwartungsvoll und verlegen ansah. Eine dezentes blassrosa zog sich über ihr Gesicht, das jetzt, wo er sie von nahem sah, feine Sommersprossen aufwies.
»Danke«, murmelte sie beschämt. Ihre zarte, recht Nase war gepierct. Sie hatte osteuropäische Gesichtszüge und roch angenehm nach einem fruchtigen Parfüm. »Das ist mir so peinlich!«
»Muss es nicht«, entgegnete Daniel und wusste nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er vermied es, direkt auf ihren Schritt zu starren, beäugte stattdessen den Maschendrahtzaun und seine zugegeben sehr schlecht verarbeiteten Drähte, die auf Kammhöhe grob miteinander verwirbelt waren. Kein Wunder, dass sie dort hängengeblieben ist.
»Ich heiße Kaja«, sagte sie plötzlich und riss ihn aus seinen Gedanken. »Wir kennen uns noch nicht. Aber ich glaube, dass ich dich neulich beim Bäcker gesehen habe.«
»Vielleicht«, murmelte er. »Da kaufe ich oft. Ich heiße Daniel.«
Kaja lächelte zaghaft. Dann sah sie hinab und zog demonstrativ den Zaun ein Stück von sich weg, sodass sich der Stoff ihrer Bikinihose spannte.
»Wie du siehst«, erklärte sie kleinlaut, »hängt die Hose fest.«
Jetzt war Daniel dazu gezwungen, einen genaueren Blick auf das Geschehen zu werfen. Und tatsächlich: Dort, wo der Draht den Stoff zu fassen bekommen hatte, standen dutzende Fasern ab, die Kaja bei ihren Versuchen, sich vom Zaun zu befreien, herausgerissen hatte. Das Textil lag locker an ihrer Haut. Daniel wurde heiß, als er an das dachte, was sich dahinter verbarg. Eine freche Hitze entflammte zwischen seinen Lenden. Er zwang sich, seine Gedanken auf das Problem zu konzentrieren.
»Ich habe schon gezogen wie eine Irre, aber da muss eine Art Widerhaken sein, irgendeine kaputte Stelle, die sich im Gewebe verfangen hat.«
Demonstrativ zog sie erneut. Nichts passierte, außer dass sich der Stoff ihrer Hose spannte und die Konturen ihrer Schamlippen erahnen ließ. Die Hitze steigerte sich.
»Kannst du mir helfen?«, fragte sie und plötzlich verwandelte sich das Rosa in ihrem Gesicht in etwas rotes. »Ich weiß, dass … die Stelle doof ist.«
»Ach, nicht so schlimm«, winkte er übertrieben sorglos ab. »Das wird schon. Wie soll …«
Er überlegte, wie er die Sache angehen konnte.
»Egal, Hauptsache, ich komme hier endlich los.«
Doch ihre Stimme klang weicher als zuvor. So egal schien es ihr nicht zu sein. Aber sie hatte recht. Sie musste befreit werden.
»Vielleicht, wenn du hier etwas ziehst«, murmelte sie und zog demonstrativ den Stoff nach oben, was die Ausprägung ihrer Schamlippen begünstigte, »siehst du bestimmt mehr, als ich.«
Daniel zögerte zunächst, doch dann nahm er seinen Mut zusammen und klemmte den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Er spürte die Wärme, die von Kaja ausging und selbst die sommerlichen Temperaturen toppte. Er zog.
»Kannst du das Bein etwas … zur Seite schieben, nur ein Stück. Dann komme ich vielleicht heran …«
Sie tat wie ihr geheißen und hob das Bein ein paar Zentimeter an. Er spürte, wie sie eine Hand auf seine Schulter legte, um das Gleichgewicht besser halten zu können.
»Nun mach schon«, drängte sie, als er zögerte. Er atmete tief aus und ergriff mit der freien Hand an die Stelle, an der der Draht eingedrungen war. Dort war es sehr warm. Gar heiß. Er kam nicht herum, mit seinem Handrücken die Innenseite ihrer Oberschenkel zu berühren, die so verdammt weich und zart waren.
Zwischen seinen Beinen erwachte etwas zum Leben und er hoffte, dass Kaja es nicht bemerken würde. Eine verruchte Hitze zog sich durch sein Gesicht und er war sich sicher, dass er puterrot anlief. »Gleich … ist es geschafft.«
Ein Reißen erklang, als Daniel den Stoff vom Draht zu ziehen versuchte. Dann, nach einem kräftigen Ruck, war sie frei. Sie taumelte einen kleinen Schritt zurück.
»Gott sei Dank«, frohlockte sie. Er stemmte zufrieden seine Hände in die Hüften. Kaja stieg über den Zaun und war endlich wieder auf ihrer Seite. »Du hast mir den Tag gerettet.«
Die Röte in ihrem Gesicht hatte Bestand. Sie warf einen sehnsüchtigen Blick zu ihrem Haus.
»Kein Problem«, sagte Daniel. Eine peinliche Stille entstand.
»Ähm. Wohnst du schon lange hier?«, durchbrach sie diese als erste.
»Circa zwei Wochen. Seit wann leben du und dein … Freund schon hier?«
Kaja lachte. »Knapp ein halbes Jahr. Und mein Freund ist eigentlich mein Mann.«
Bei den letzten beiden Worten verfinsterte sich ihre Miene für den Bruchteil einer Sekunde.
Huch? Ärger im Paradies? Hat Zottel etwas ausgefressen?
»Nun, ich muss mal wieder«, sagte sie und warf abermals einen Blick zurück. »Ich habe einiges zu tun.«
Daniel nickte wohlwollend. »Dann mal los.«
»Vielen Dank noch einmal.«
Kaja lächelte ihn an. Es war die Art Lächeln, die einem das Herz schmelzen ließ.
Sie drehte sich um und schritt zielstrebig auf die offenstehende Terrassentür zu.
Er musste etwas sagen. Irgendeinen Gag zum Abschied bringen. Das würde ihn sicherlich gut in ihrer Erinnerung halten.
»Pass in Zukunft auf Zäune auf. Diese Viecher sind böse!«
Sie hielt inne und musterte ihn für einen Moment. Anschließend lachte sie, noch viel wärmer als zuvor. »Ich werde es versuchen.«
Sie ging ins Haus.
»Hm«, seufzte Daniel und stemmte die Hände in die Hüfte. Dann drehte er sich um und verließ nachdenklich das Grundstück. In seinem Kopf flatterten die letzten Szenen der Begegnung mit Kaja auf und ab. Ihr Lächeln. Ihre blonden Haare. Die Sommersprossen. Ihre … Bikinihose, so warm, so … weich. Die Schamlippen, die sich unter dem gespannten Stoff abgezeichnet hatten …
Was für ein toller Tag. Das Aufstehen hatte sich gelohnt. Er liebte den Sommer.
2.
Kaja lag im Bett und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen war es stockfinster und sie konnte die zirpenden Grillen hören, die sich der Geräuschintensität nach in Scharen in den umliegenden Büschen und Gräsern versammelt haben mussten. Die Gerüche von Sommer und Grillfleisch lagen in der Luft, irgendwo in der Ferne spielte Musik.
Die Schlafzimmertür knarrte und sie wandte ihren Blick vom Fenster ab. Maik hatte den Raum betreten.
»Hey«, begrüßte er sie knapp. »War das ein Tag. Ich bin rotzefertig.«
»Hm«, antwortete sie. Ihre Miene verfinsterte sich, wie so oft, wenn er von der Arbeit zurückkam. Wie geht es dir, Schatz?! Wie war dein Tag, Schatz?!
Nein, in seiner Welt gab es nur sich selbst. Sie wusste es. Und sie war keinen Deut besser. Auch das wusste sie. Smalltalk verläuft in zwei Richtungen. Nur hatte sie keine Kraft mehr, nein!, keine Lust mehr, sich tiefgründig mit ihm zu unterhalten. Beide dachten nur an sich und ihre eigenen Probleme. Ihre Ehe war so tot, wie sie es nur sein konnte. Der Versuch, mit dem Umzug in ein neues Haus frischen Wind in die eingeschlafene Beziehung zu bringen, war gescheitert.
Maik stand vor dem bodentiefen Wandspiegel und fuhr sich mit einer Hand durch das schulterlange Haar. Sie fröstelte. Wie sie seine Haare hasste! Waren sie einst modern geschnitten gewesen, so hatte er sie in den letzten beiden Jahren erbarmungslos wachsen lassen. Kaja hatte nichts gegen Langhaarfrisuren bei Männern, aber ihr Gatte hatte es geschafft, seinen Look durch einen Pflegeboykott zu ruinieren. Seine Haare wirkten vernachlässigt, verfilzt und total verlottert. Bäh!
»Wie war es auf der Arbeit?«, zwang sie sich mit kühler Stimme zu fragen. Und das nicht, weil es sie interessierte, sondern, weil sie am Ende, wenn die Ehe endgültig aus war, sagen konnte, dass sie es bis zum Schluss mit Interesse versucht hatte. Taktik.
Sie biss sich frustriert auf die Unterlippe. Diese Gedanken waren falsch. Dieses Taktieren innerhalb einer Beziehung war absolut verwerflich und kindisch. Sie wusste es. Und doch schaffte sie es nicht, sich über ihre Frustration hinwegzusetzen.
»Das würdest du nicht verstehen«, antwortete er beiläufig und wandte sich zu ihr um.
Wut stieg in ihr hoch.
»Versuch es doch einmal«, sagte sie bissig. »So dumm bin ich nicht!«
»So war das nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass es zu kompliziert ist, um es ohne Kontext zu verstehen. Computerzeugs halt.«
Sie taxierte ihn mit einem ernsten Blick, dann wandte sie sich ihrem Smartphone zu. Soll er doch an seine blöden Computer denken, dachte sie wütend und scrollte durch ihren Newsfeed. Soll er doch seine beschissenen Computer heiraten.
»Schläfst du jetzt?«, wollte er beiläufig wissen.
»Nein, ich sitze wach im Bett und rede mit dir.«
Er rollte mit den Augen. »Das ist mir schon klar. Aber was machst du im Anschluss? Gehst du noch einmal ins Bad oder in die Küche?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Eher nicht. Ich schalte bald das Licht aus.«
»Dann schlaf gut«, murmelte er und verließ das Schlafzimmer. Kaja hörte am Ende des Flures, wie die Badezimmertür ins zufiel.
Schlaf gut, wiederholte sie im Geiste. Wütend scrollte sie durch ihre Social Media Kanäle und als diese nichts mehr hergaben, schloss sie das Gerät an ein Ladekabel an und legte es auf den Nachttisch. Sie schaltete die Nachttischlampe aus. Dunkelheit breitete sich aus. Nur das Licht, das unter dem Türspalt des Badezimmers hervorquoll, warf einen gelben Schein in den Flur. Kaja stöhnte genervt. Hätte ihr Göttergatte nicht wenigstens die Schlafzimmertür zu machen können?
Wut kochte in ihr hoch. Wie sie diesen Kerl allmählich verachtete. Diesen ungepflegten, schlappschwänzigen Nichtsnutz, der es Nichteinmal schaffte, Türen vernünftig zu schließen. Jede noch so Tat von ihm genügte mittlerweile, um böse über ihn zu denken. Dabei hatte ihre Beziehung so verheißungsvoll begonnen, war voller Liebe, Freundschaft und … Kaja ballte die Hände zu Fäusten. Das war lange her gewesen. Monate, gar Jahre.
Sie spürte, wie die Müdigkeit nach ihr griff und sie tiefer in die Matratze zog. Sie warf der offenen Tür einen finsteren Blick zu. Sei es drum. Es geht auch so.
Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf den frisch bezogenen und gut riechenden Bettbezug. Dachte an den Tag, an den Sommer. Doch dann machte ihr Herz einen gequälten Sprung, als ihr die Peinlichkeit wieder einfiel, die ihr beim Übersteigen des Zaunes passiert war. Wie tölpelhaft sie versucht hatte, sich zu befreien. Wie erst dieser junge Mann, Daniel, sie aus ihrer misslichen Lage hatte retten können.
Sie spürte Hitze in ihr Gesicht steigen, als sie sich an seine Berührungen erinnerte. Sein Handrücken hatte ihre Beine berührt, seine Finger beinahe noch mehr, wäre der Stoff ihres Bikinihöschens nicht gewesen …
Ja, der liebe Mann, nein, der Held des Tages, war ein Hübscher. Und zuvorkommend. Gepflegt, mit ordentlich frisierten Haaren, wie es sich gehörte. Nicht so wie ihr … Ehemann.
Sie öffnete die Augen und verengte sie zu Schlitzen, die geöffnete Schlafzimmertür und das vom Bad ausgehende Licht fest im Blick. Die verdammte Tür hatte geschlossen zu sein!
Mit einer energischen Bewegung riss sie die Bettdecke hinunter und sprang auf. Schnellen Schrittes durchquerte sie das Schlafzimmer und hatte ihre Hand schon auf der Türklinke, als sie ihren Plan änderte. Wenn sie die bequeme Wärme ihres Bettes verlassen musste, dann sollte Maik es auch mitbekommen. Wütend stampfte sie zum Bad und ohne zu klopfen riss sie die Tür auf.
»Mach beim nächsten Mal die Schlafzimmertür …«, doch weiter kam sie nicht.
»Kaja!«, schrie Maik auf, der erschrocken am Boden auf einem Badteppich hockte, den Rücken an die Duschwand gelehnt. Er war nackt, zumindest untenherum. Sein Penis ragte steif nach oben. In der Hand hielt er sein Tablet, auf dessen Display eine entblößte Frau zu sehen war. Sie traute ihren Augen nicht.
»Man!«, schrie er und sprang auf, während sein Schwanz, von dichtem Lockenwuchs umgeben, hin und her schwankte.
»Wichst du dir einen?!«, stammelte sie perplex. Mit diesem Bild hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Aber gut, da zwischen ihnen seit Monaten nichts mehr im Bett lief, war es logisch, dass er seinen Ausgleich woanders suchte. Nur hatte er es bis dato immer gut vor ihr verheimlichen können.
»Verdammt, klopf doch gefälligst!«, jammerte er. Plötzlich fiel sein Tablett herunter und landete mit dem Display nach unten vor Kajas Füßen. Bevor er die Gelegenheit dazu bekam, hob sie es hastig auf. Sie wollte sehen, zu welchem Typ Frau er es sich besorgte. Welche Sie es schaffte, seine Libido zu aktivieren.
Er versuchte, ihr mit fahrigen Fingern das Gerät zu entreißen, doch es war zu spät. Sie hatte das Weib auf dem Display gesehen – und sofort erkannt. Nur konnte das nicht sein! Um Gottes willen, das war nicht möglich!
Ihr blickten die vertrauten Augen ihrer besten Freundin Michelle entgegen.
Perplex starrte sie auf das Bild, während Maik noch immer versuchte, sein Tablet zu erhaschen.
»Gib es mir!«, zeterte er. Kaja trat einen Schritt zurück und gebot ihm mit erhobener Hand, den Mund zu halten.
»Woher hast du dieses Bild?«, fragte sie, während tausende Fragen durch ihren Kopf rasten. Hatten die beiden eine Affäre? War Michelle der Grund, warum es zwischen ihnen nicht mehr lief? Und warum kam ihr dieses Foto so … merkwürdig bekannt vor? Dieses Lächeln hatte sie an ihr schon irgendwo gesehen …
»Das geht dich nichts an!«
Kaja verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Maik taumelte benommen zurück, im Gesicht ein knallroter Abdruck. »Woher hast du dieses Foto?!«
Sie schrie aus voller Kehle, getrieben von tiefgründiger Scham. Er starrte sie entgeistert an und rieb sich die Stelle, an der sie ihn erwischt hatte. Wieder hob sie die Hand zum Schlag.
»Schon gut«, jammerte er. »Schon gut!«
Kaja konnte die Antwort kaum erwarten. Von ihr würde so viel abhängen, so wie zum Beispiel das Verhältnis zu Michelle und der Stand ihrer und Maiks Ehe. War dies endlich der finale Grund, diesen Kerl zu verlassen?
»Und?«
»Das ist ein Deepfake«, erklärte er mit bebender Stimme. Er klang wie ein Mädchen, ein weinerliches, verängstigtes Frauenzimmer. »Der Kopf ist mittels KI auf einen anderen Körper gesetzt worden.«
Kaja verstand erst nicht, doch dann setzten sich seine Worte zusammen und ergaben einen Sinn. Sie dachte von sich, dass sie vor Wut schreien würde. Dass sie Ausrasten und um sich schlagen würde. Dass sie ihre verletzte Ehre mit Gewalt wiederherstellen musste. Aber es kam anders. Sie lachte. Sie lachte schallend auf und legte all ihre Abscheu, all ihren Hass, den sie mittlerweile für Maik empfand, in die nächsten Worte.
»Du bist ein jämmerlicher Wichser«, begann sie mit erstaunlich ruhiger Stimme. »Dass du so etwas nötig hast! Dass du …«
Sie hielt inne, starrte in seine vor Verwunderung und Scham aufgerissenen Augen.
»Es ist vorbei!«, flüsterte sie. »Es ist vorbei. Und weißt du was? Es ist mir egal!«
Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte davon. Hinter sich hörte sie noch seine flehenden Rufe, aber das Knallen der Haustür schnitt diese jäh ab. Eine angenehm kühle Sommerluft empfing Kaja, die frei wie eine Feder in die Nacht spazierte.
3.
Kies knirschte unter Kajas weißen Chucks. Sie schlenderte gedankenverloren einen breiten Weg entlang, der sie um den örtlichen Badesee in Rufweite zur Neubausiedlung führte. Auf der Wiese zu ihrer rechten saßen junge Menschen in munter schwatzenden Gruppen zusammen. Es roch nach Gegrilltem und Tabak. Das Wasser links von ihr schwappte leise an das grasbewachsene Ufer.
Alles andere als leise hingegen waren Kajas Gedanken, die wütende Kreise durch ihren Kopf zogen und ein heilloses Durcheinander hinterließen.
Dieser Mistkerl! Dieser miese Schlappschwanz! Dieser Betrüger!
Der Standpunkt, dass eine Trennung von Maik ihr egal sei, war einer nüchternen Tatsache gewichen: Sie hatte sich etwas vorgemacht. Aber nicht aus dem Grund, weil sie ihn liebte und nicht verlieren wollte. Ha! Nein. Sie fühlte sich gedemütigt und verraten. Wie lange schon hegte er diese Zuneigung gegenüber Michelle bereits? War jene Zuneigung der Grund dafür, dass die Beziehung schleichend den Bach heruntergegangen war?
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Und obwohl sie schnell über ihre Wange wischte, konnte Kaja nicht verbergen, dass zumindest für einen Moment eine Träne auf der Haut glitzerte.
Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche, entsperrte es und tippte auf das Telefonicon, so wie sie es in den letzten Minuten oft getan hatte. Ihr Finger verharrte über der Nummer von Michelle. Sie wollte mit ihr sprechen. Musste mit ihr sprechen. Selten hatte sie die Aufmunterung ihrer besten Freundin so gebraucht, wie in diesem Moment. Und doch brachte sie es nicht fertig, den Anruf zu tätigen. Zu tief war Michelle in das verwickelt, was Kaja auf dem Display von Maiks Tablet gesehen hatte, wenn auch ohne eigenes Zutun. Seufzend steckte sie ihr Handy ein. Sie würde es schon noch schaffen, sie anzurufen, aber sie musste erst einmal eine Nacht drüber schlafen.
Schlafen. Als ob. Der Gedanke an Schlaf war so weit weg wie eine intakte Beziehung zu Maik. Kaja würde in dieser Nacht kein Auge schließen können, denn es galt an vieles zu denken. Ein Leben, das bis vor einer Stunde noch zu zweit geführt worden war, musste geteilt werden. Es galt zu klären, was mit dem Haus passierte würde. Wer bekam das Auto? Wer den Fernseher, das Sofa, das Bett … Nur bei dem Tablet wusste Kaja genau, dass sie niemals einen Anspruch darauf erheben würde. Bei dem Gedanken an Maiks Sperma, das im Beisein der Fakefotos von Michelle auf dem Gehäuse des Gerätes gelandet und somit auch auf an ihre Hände gelangt war, wenn sie es nutzte, ließ sie erschaudern.
Vor ihr gabelte sich der Weg. Während er links erneut um den See herumführte, führte der andere Zweig zur Neubausiedlung. Kaja stoppte seufzend. Sie gestand sich ein, dass sie irgendwann den Weg nach Hause antreten musste. Es würde ihr nichts bringen, den See ein sechtes Mal zu umrunden. Sie atmete tief durch. Und einer spontanen Eingebung folgend fasste sie einen Entschluss. Sie würde all ihre Enttäuschung und Wut bündeln und dazu nutzen, Maik auf das Sofa im Wohnzimmer zu verbannen. Im Schlafzimmer hatte er nichts mehr zu suchen. Im Anschluss würde sie versuchen, zu schlafen, denn ausgeruht dachte es sich besser. Morgen würde sie überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen würden.
Vielleicht vertrieb sie ihren Göttergatten auch ganz aus dem Haus – seine Mutter wohnte nur eine halbe Stunde entfernt und er würde dort sofort unterkommen können. Das würde gut passen, denn so könnte er der Rentnerin erklären, wie er die Ehe mit ihrer Lieblingsschwiegertochter in den Sand gesetzt, beziehungsweise, gewichst hatte.
Entschlossen und mit wachsender Aufbruchsstimmung ging sie los. Als sie das Wohngebiet erreichte, passierte sie die Neubauten, welche sich glichen wie ein Ei dem anderen. Nur ihr Gartentor, im Gegensatz zu denen der Nachbarn grün statt schwarz lackiert, brachte etwas Varianz hervor.
Kaja legte sie die Hand auf die Klinke, hielt inne und unterdrückte ein leises Schluchzen. Sie musste stark sein. Ihren Plan durchziehen. Sich keine Schwäche anmerken lassen. Leichter gesagt als getan. Sie drohte zu scheitern. Ihre neu gewonnene Kraft hatte sie verlassen.
Traurig glitt ihr Blick über den von der Sonne gequälten Rasen. In regelmäßigen Abständen positionierte Gartenleuchten verbreiteten einen warmen, gelben Schein, der sich auf die Zierpflanzen legte, die sie in akribischer Arbeit in die Erde gebracht hatte. Das Licht ließ die Blätter und Hälse der Blumen lange Schatten werfen. Auf dem Gartentisch lagen noch immer der Federball samt Schläger, die sie am Tag benutzt hatte, um sich die Langeweile zu vertreiben, bis …
Sie erinnerte sich an die peinliche Situation, als sich ihr Bikinihöschen im Zaun verfangen hatte. Ihr Blick glitt hinauf zu den Fenstern der Wohnung von Daniel, der ihr bei diesem ungewöhnlichen Problem geholfen hatte. Bei ihm brannte Licht. Es musste sich, wenn sie sich den baugleichen Grundriss ihres Hauses vor Augen führte, um die Küche handeln.
Er war nett gewesen, überlegte sie und erinnerte sich an die schüchterne Sorgfalt, die er bei der Lösung ihres Problems an den Tag gelegt hatte, und an die Berührungen, die ihm sichtlich schwergefallen waren. Auch sie hatte es befremdlich gefunden, dass er sie an den Oberschenkeln und ja, irgendwie an die Schamlippen berührt hatte, wenn gleichermaßen mit einer Lage Stoff dazwischen.
Warum eigentlich? Warum war es ihr unangenehm gewesen?
In Anbetracht der Umstände, dass sie nunmehr in Trennung lebte, war sie eine freie Frau. Sie konnte es sich erlauben, diese Berührungen als angenehm zu empfinden – oder redete sie sich dies nur ein? Streng genommen war die Beziehung zu Maik in jenem Moment der Not nicht beendet gewesen. Erst einige Stunden später hatte sie den Schlussstrich gezogen. Aber was war dieser Anflug von Anstand noch wert? Was konnte sie sich davon kaufen, wenn sie das Erlebte verdrängte und in ihrer Erinnerung einschloss?
Nichts. Gar nichts.
In diesem Moment trat Daniel vor das Fenster. Kaja zuckte erschrocken zusammen, doch er stand mit dem Rücken zu ihr und hatte sie nicht gesehen. Er beugte sich vor und betrachtete etwas, das sich vor ihm befand. Hinter einem seiner Ohren klemmte ein Stift. Nachdem er einige Sekunden reglos verharrte, richtete er sich auf und hielt ein großes Stück Papier vor sich hoch, das mit allerhand Farben verziert war. Sie konnte nicht erkennen, was genau darauf gezeichnet war, doch sah es aus wie eine Landkarte, wie eine … Schatzkarte. Daniel legte das Blatt wieder ab, kratzte sich am Kopf, zog den Stift hinter seinem Ohr hervor und ließ ihn über die Zeichnung gleiten. Während er mit feinen Bewegungen etwas zeichnete, musterte sie seinen Körperbau, der ihr erst in diesem Moment so richtig aufgefallen war.
Er hatte ein breites Kreuz, über dem sich ein weißes T-Shirt spannte. Seine Oberarme waren muskulös und strahlten eine Kraft aus, die ihr baldiger Exmann selbst in seinen besten Zeiten nie besessen hatte. Schade, dass ich ihn nicht ganz sehen kann, dachte Kaja.
Mit einem Mal explodierte ein Wunsch in ihrem Inneren. Sie durfte nicht zulassen, dass das kurze Treffen am Zaun das einzige zwischen ihnen gewesen war. Sie musste ihn wiedersehen und in Gänze zu betrachten.
Und wenn er dir gefällt, dann nimmst du ihn dir!
Diesen Auftrag gab sie sich selbst. Sie durfte es. Sie hatte das Recht dazu. Denn sie war eine freie Frau, mit einem Ex, der keine Ansprüche an sie und ihr zukünftiges Liebesleben anzumelden hatte.
Aber wie sollte sie es anstellen? Sie konnte kaum bei ihm klingeln und klischeegetreu nach einer Tasse Zucker fragen – oder?
Warum eigentlich nicht? Was wäre daran verwerflich? Wer eine Dame in Not von einem fiesen Zaun zu retten wusste, würde auch verleihbaren Zucker im Hause haben.
Das Licht erlosch. Kaja war so in Gedanken verloren gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie Daniel den Raum verlassen hatte. Seine Wohnung lag in vollkommener Dunkelheit da. Egal, wie sie es anstellen würde, ihm einen Besuch abzustatten, sie würde sich gedulden und ihr Vorhaben in den neuen Tag verschieben müssen. Und das war gut so. In diesem Moment zählten andere Dinge. Ein Kampf musste gekämpft werden.
4.
Daniel stand am geöffneten Küchenfenster und sah gedankenverloren nach draußen. In seiner linken Hand hielt er eine dampfende Tasse, aus der er wie ferngesteuert trank. Es war Nachmittag und für einen Kaffee eigentlich viel zu heiß. Der Sommer hatte sich im Vergleich zum Vortag noch gesteigert und malträtierte Land und Leute mit Temperaturen jenseits der dreißig Grad. Doch Koffein war wichtig und mehr als nur ein Lebenselixier für Daniel.
Mit der freien Hand fuhr er sich durch das schweißnasses Haar und berührte dabei den Zeichenstift, den er sich hinter sein Ohr geklemmt hatte. Neben ihm auf dem Küchentisch, der derzeit mehr Kreativ- als Essbereich war, stapelten sich Dutzende Zeichnungen. Sie enthielten Abbildungen von Personen im Stil amerikanischer Comics der siebziger Jahre, die in verschiedenen Perspektiven dargestellt wurden. Dazu gesellten sich Illustrationen von Würfeln und Spielfiguren, die an die Bestandteile von Brettspielen erinnerten.
Ein lauter Knall riss ihn aus seiner Ruhe. Das Geräusch kam vom Nachbargrundstück schräg unter ihm. Dem Krach folgten Kleidungsstücke, die mit Wucht aus der geöffneten Terrassentür in den Garten geworfen wurden. Daniel hob verwundert eine Augenbraue. Als sich unter die fliegenden Textilien laute, weibliche Schreie mischten, dämmerte ihn, was dort gerade los war.
Zottel hatte Ärger. Und davon offenbar eine Menge.
Dieser Gedanke bestätigte sich, als eine Reisetasche auf dem Rasen landete und mit der Öffnung nach oben liegenblieb. Nur zwei Sekunden später stolperte der hagere Mann hinterher. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren, seine Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Er wirkte, als hätte er eine äußerst ungemütliche Nacht gehabt, seine dunklen Augenringe waren selbst aus der Entfernung deutlich zu sehen.
»Kaja, nun hör auf mit dem Scheiß!«
Er gestikulierte verzweifelt in Richtung der Tür und faltete die Hände, als würde er um Gnade flehen. In letzter Sekunde zog er seinen Kopf zur Seite, so dass er einer Laptoptasche ausweichen konnte, die um sich selbst rotierend an ihm vorbei flog.
»Fick dich, Maik!«
»Oh oh Zottel, was hast du getan?«, flüsterte Daniel und beobachtete gebannt, wie der Mann angestrengt weiteren Geschossen auswich und dabei einen, dank seiner schlaksigen Statur, lustigen Tanz vollführte.
»Sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich will dich hier nicht mehr sehen!«
Ein lauter Knall folgte. Die Wucht, mit der die Terrassentür ins Schloss geworfen wurde, ließ selbst die Gläser in Daniels Küchenschrank leise klirren.
»Nun komm!«, rief Zottel, der an die Tür herangetreten war und dann, als er sich seiner Situation bewusst wurde, nervös in die Nachbargärten spähte. In sein blasses Gesicht mischte sich ein zartes Rosa, als er Daniel bemerkte, der den entwürdigenden Sachverhalt verfolgte.
»Mach die Tür auf!«, flehte er mit deutlich leiserer Stimme. Er klopfte, doch Kaja ließ sich nicht erweichen. Die Tür war zu, Zottel ausgesperrt. Als auch die Nachbarin, die unter Daniel wohnte, ins Freie trat und zu dem Quell des Lärms hinübersah, hielt er inne. Was folgte, war eine peinliche Stille.
»Meiner Frau geht es nicht so gut«, erklärte er kleinlaut. »Schlimme Phase gerade.«
Zottel versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen, was ihm aber misslang.
»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte die Nachbarin vorsichtig, obwohl ihrem verhärteten Gesicht anzusehen war, dass sie eigentlich etwas anderes im Sinn hatte.
»Nein, schon gut«, wiegelte Zottel ab und riss sich aus seiner Starre. »Ich fahre in den Urlaub, das haben wir geklärt. Dann kann meine Frau sich ausruhen und erholen. Ich muss nur noch … packen.«
Demonstrativ hob er die leere Reisetasche auf und hielt sie hoch. Die Nachbarin schüttelte ungläubig den Kopf und verschwand im Haus. Auch Daniel schickte sich an, in eine andere Richtung zu gucken, während Zottel im Zickzack durch seinen Garten stolperte und Kleidungsstücke aufsammelte.
*
Das Schrillen der Türklingel riss Daniel aus dem Schlaf. Er lag auf seinem Sofa, in der Hand hielt er die Fernbedienung. Das Fernsehgerät zeigte die Zusammenfassung eines Fußballländerspiels. Er wunderte sich darüber, dass er geschlafen hatte, denn hatte er nicht beabsichtigt. Gähnend fuhr er sich durchs Haar, streckte sich und griff nach dem Stift, der neben ihm in einer der Sofaritzen lag und klemmte ihn sich wie gewohnt hinter das Ohr. Die Türklingel läutete erneut.
»Ja, ja!«, murmelte er und erhob sich schwerfällig. Er schlurfte in den Flur bis hin zur Wohnungstür und sah durch den Spion. Er erblickte Sommersprossen und blondes Haar. Kaja.
Was will die denn von mir?, dachte er verwundert und legte die Stirn in Falten. Seine Nachbarin betätigte abermals die Klingel. Als er gerade die Tür öffnen wollte, hielt er inne. Hektisch sah er an sich herunter. Er trug ein schlichtes, weißes Shirt sowie eine unspektakuläre, graue Shorts. Ein Seitenblick in den Spiegel verriet ihm, dass sein Haar verwuschelt war, doch das konnte er schnell mit ein paar hastigen Handgriffen richten.
Geht schlimmer, dachte er und öffnete die Tür.
»Hi!«, begrüßte Kaja ihn. Sie hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und grinste Daniel freundlich an. Sie trug ein weißes Top, das kurz geschnitten war und einen flüchtigen Blick auf ihren Bauchnabel zuließ, sowie einen knapp knielangen, fliederfarbenen Rock. Ihre Füße steckten in leichten Sandalen. »Habe ich dich geweckt, oder brauchst du immer so lange, um die Tür zu öffnen?«
»Erwischt«, antwortete er und rang sich ebenfalls zu einem Lächeln durch. In diesem Moment erinnerte er sich daran, dass sie vor wenigen Stunden ihren Mann aus dem Haus geworfen hatte. Er war verwirrt. Was könnte sie von ihm wollen?
»Was kann ich für dich tun?«
»Ich bin hier, um mich zu beschweren«, gab sie forsch zurück. Ihr Grinsen wich einem ernsten Gesichtsausdruck. Abermals legte Daniel seine Stirn in Falten. Seine Gedanken rasten. Hatte er irgendetwas angestellt? Eigentlich hatte er bei dem bisher einzigen Zusammentreffen mit Kaja etwas Gutes getan, in dem er sie von dem Zaun befreit hatte – oder etwa nicht? Was ist ihr Problem? Hatte sie erfahren, dass er den Streit zwischen ihr und Zottel bemerkt hatte? Das er ihren Mann in dieser peinlichen Situation angestarrt hatte wie einen Affen im Zoo? Wenn ja, würde das bedeuten, dass die beiden sich wieder vertragen hatten?
»Ich verstehe nicht …«
Erst in diesem Moment bemerkte er, dass sie in ihrer freien Hand einen Gegenstand verbarg. Ein gelbes Teil, aus Stoff und …
Schon hielt sie ihm das fragwürdige Objekt direkt vors Gesicht. Es war ein Bikinihöschen, das Bikinihöschen. Das freche Ding, das sich am Vortag im Zaun verfangen hatte.
»Du hast sie kaputt gemacht«, erklärte sie streng und deutete auf abstehende Fasern und Risse im Textil. Daniel war wie vor dem Kopf geschlagen. Er sah sie und das Kleidungsstück abwechselnd an. War das ihr Ernst? Wie undankbar konnte ein Mensch eigentlich sein?
Doch als Daniel sich anschickte, zu protestieren, zerfiel ihre grimmige Miene und sie prustete los. »Hast du mir echt geglaubt, dass ich dich deswegen anmachen würde?«
Seine Verwirrung war perfekt. Und ja, er traute dieser Frau, die ihren Mann mit Kleidung, Koffern und Computertaschen abwarf, so einiges zu.
»Ich verstehe wirklich nicht.«
»Na ja, du bist neu hier und ich wollte dich gerne besser kennenlernen. Und irgendwie fehlte mir ein angemessener Vorwand, um bei dir zu klingeln. Da dachte ich, dass es etwas antiquiert wäre, plump nach Zucker oder Mehl zu fragen. So kam mir die Idee mit dem Höschen.«
Jetzt war es Daniel, der erleichtert auflachte. »Aber ist das Kennenlernen eines Menschen nicht Vorwand genug, um zu klingeln? Wozu diese aufwendige Geschichte?«
Kaja hielt inne, ihr Lachen gefror. »Oh, du hast recht. Irgendwie unnötig.«
Sie wirkte peinlich berührt. Scheinbar hatte sie sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie einen Besuch bei ihm erklären konnte.
»Willst du einen Kaffee trinken?«, fragte er, um ihr weitere Scham zu ersparen. »Oder etwas Kaltes?«
Sie lächelte, ihr breites Grinsen kehrte zurück. »Gerne.«
5.
»Jetzt sehe ich deine Küche auch mal aus dieser Perspektive«, erklärte Kaja und setzte sich an den Küchentisch, nachdem Daniel ihr einen Stuhl angeboten hatte. »Ich konnte von unten durchs Fenster bisher nur die Decke und den oberen Teil des Kühlschrankes sehen.«
»Sehr viel mehr hat sie auch nicht zu bieten«, scherzte ihr Gastgeber und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Dabei drehte er ihr seinen Rücken zu, was Kaja die Möglichkeit bot, seinen Körper zu mustern. Denn das war etwas, das sie am Vortag aufgrund der Aufregung verpasst hatte.
Daniel konnte eine ausgeprägte Schulterpartie sein Eigen nennen. Zudem wirkten seine Beine kräftig, was vermuten ließ, dass er Fußball spielte. Solche Muskeln bekam Mann nicht vom Sitzen vor einem Computer, so wie ihr baldiger Ex. Bei dem Gedanken an Maik verfinsterte sich ihr Blick und tief in ihr flammte ein wütendes Kribbeln auf. Sie durfte nicht an diesen Taugenichts denken. Er war weit weg und sie hatte etwas anderes im Sinn.
Kajas Blick fiel auf Daniels Po, der selbst unter der locker sitzenden Hose fantastisch aussah. Nicht zu groß und auf keinen Fall zu klein. Zum Anbeißen. Das wütende Kribbeln verwandelte sich in etwas freundliches und wohltuendes.
»Mit Milch?«, fragte er und warf ihr über die Schulter ein Lächeln zu. Sie nickte. Als ihr seine strahlend grünen Augen auffielen, die sie an Moos erinnerten, steigerte sich die Wärme abermals. Er ist hübsch, dachte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie war mit sich selbst im Reinen. Erstens hatte sie sich getraut, Daniel aufzusuchen, und hatte mit ihrer Selbsteinladung, denn nur so konnte man es nennen, vollen Erfolg gehabt. Zweitens war sie stolz darauf, dass sie ein schlechtes Gewissen Maik gegenüber erfolgreich unterdrücken konnte. Er hatte es nicht besser verdient. Und außerdem hatte sie die Beziehung zu ihm beendet. Vom amtlichen Status ihrer Ehe einmal abgesehen, war sie im Recht. Und die Scheidung würde in einem Jahr durch sein – spätestens.
Daniel kam mit zwei dampfenden Tassen Kaffee an den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.
»Weiß oder weiß?«, fragte er und hielt ihr die vollkommen identischen Pötte hin. Sie überlegte gespielt und tat so, als würde ihr die Wahl schwerfallen.
»Weiß«, sagte sie und deutete auf die Rechte.
»Puh!«
»Wieso puh?«
»Die andere ist zufällig meine Lieblingstasse. Zum Glück hast du dich nicht für sie entschieden.«
Kaja starrte ihren Gegenüber einen Moment lang an, dann lachten beide zeitgleich los. Humor hat er, stellte sie zufrieden fest. Im Gegensatz zu Maik, der nur Witze brachte, die Informatiker verstehen konnten, sie hingegen nicht.
Während sie und Daniel den ersten Schluck tranken, entstand ein angenehmes Schweigen. Kaja fühlte sich in der Gegenwart ihres Nachbarn direkt wohl, und das, obwohl sie bisher kaum mehr als eine Handvoll Sätze miteinander geredet hatten.
Sie sah sich in der Küche um. Das baugleiche Design, das sie aus ihrem Haus kannte, unterschied sich nur in der Farbe von ihrem. Während ihre Schränke eine natürliche Eichenoptik aufwiesen, waren Daniels in einem matten weiß lackiert, was dem Raum in Kombination mit dem Aluminiumgrauen Kühlschrank etwas Steriles verlieh. Zumindest wäre es so gewesen, wenn nicht überall gerahmte Bilder hängen würden, die nicht nur Farbe, sondern Style an die Wände brachten.
»Du magst solche Zeichnungen?«, fragte sie und deutete auf eine Collage von Männern und Frauen, die mal im Comic-, mal im Mangastil dargestellt waren. Einige von ihnen posierten wie Superhelden. Manche trugen ausgefallene Kostüme, andere hingegen, meist Damen, waren nackt gezeichnet. Doch war es nicht das primitiv pornografische Nackt, es hatte eher etwas Elegantes, Künstlerisches, Erwachsenes. Insgesamt waren es über vierzig Zeichnungen, die in der Küche ihren Platz gefunden hatten.
»Ja, das kann man so sagen. Ich habe es gerne bunt.«
»Wer hat sie gezeichnet?«
Kaja fiel auf, dass die Bilder im Großem und Ganzem denselben Stil aufwiesen, was auf einen einzigen Künstler hinwies. Daniel grinste verlegen. »Die sind von mir.«
Ihr klappte die Kinnlade herunter. »Was, alle?«
Er nickte bescheiden. »Alle. In meinen anderen Zimmern hängen noch mehr.«
»Wow!«
Kaja war beeindruckt. Dieser Mann wurde immer interessanter. Ein echter Künstler, ein Profi am Stift. »Verdienst du damit dein Geld? Also mit dem Zeichnen?«
Er nickte. Ein Ausdruck von Stolz schlich sich in sein Gesicht. Seine Augen leuchteten, als sie über seine Werke huschten.
»Zumindest teilweise. Ich zeichne nicht ausschließlich, aber die Kunst an sich füllt meinen Kühlschrank.«
»Das musst du erklären. Bist du Comiczeichner?«
Daniel lachte amüsiert. »Nein, keine Comics.«
»Sondern?«
»Das ist etwas umfangreich zu erklären. Zum Beispiel kann man mich mieten. Für Events oder dergleichen. Ich komme dahin und porträtiere die Gäste und Teilnehmer. Je nach Wunsch mal detailliert und ernst, mal witzig, grotesk und absichtlich übertrieben.«
»So wie die Zeichner auf der Kirmes, die jeden vermeintlichen Makel eines Menschen in eine lustige Karikatur umwandeln?«
»Zum Beispiel, ja. Das ist aber nur ein Zubrot. Ein Nebenverdienst, den ich allerdings liebe, da ich mit vielen Personen in Kontakt komme und direkt sehen kann, wie sie auf meine Kunst reagieren.«
Kaja nickte beeindruckt. »Das klingt toll. Ich bin richtig neidisch auf dein Talent. Mehr als krüppelige Strichmännchen bringe ich nicht zu Stande.«
»Besser als nichts«, lachte Daniel, wobei sich feine Fältchen an seinen Augen zeigten.
»Hauptberuflich bin ich aber Spieledesigner.«
Kaja zog interessiert eine Augenbraue hoch. »Für Computerspiele?«
»Nein, keine Computerspiele. Mein Bruder, seine Frau und ich haben ein kleines Start-up gegründet. Wir denken uns Brettspiele aus, die wir in eine Handyapp verwandeln und verkaufen. Während die beiden als Softwareingenieure die Codes schreiben und die App zum Laufen bringen, kümmere ich mich um das Design und die Spielidee.«
»Klingt spannend«, sagte Kaja. Für einen Moment fühlte sie sich an ihren Ex erinnert, der als Programmierer sein Geld verdiente und Computer in seinen Lebensmittelpunkt gestellt hatte. Doch bei Daniel verhielt es sich anders. Er war ein Künstler, ein Kreativer. Das krasse Gegenteil zu Maik. Plötzlich dachte sie an den vorherigen Abend und seiner Erscheinung im Fenster zurück. Ihr fiel ein, dass er etwas hochgehalten hatte, dass wie eine bunte Landkarte ausgesehen hatte. Ein Spielplan. Nein, ein Brettspiel. Es ergab alles einen Sinn.
»Wenn du willst, zeige ich dir etwas von meiner Arbeit«, schlug Daniel vor. Kaja nickte begeistert.
»Komm mit ins Wohnzimmer, da liegt der ganze Kram.«
Sie betraten, mit den Kaffeetassen in der Hand, die Wohnstube. Sie lag direkt neben der Küche und hatte eine rechteckige Form. An einer der kurzen Seiten befand sich die Balkontür, da, wo in Kajas baugleicher Wohnung die Terrassentür war. Auch an den Wänden des Wohnzimmers gab es dank diverser Zeichnungen viel Farbe zu bestaunen. An der Seite, die dem Fernsehgerät gegenüberstand, waren sogar großformatige Werke angebracht. Das Sofa, L-förmig und aus einem grauen Stoff, verströmte einen Duft nach neuem Textil und Holz. Der gläserne Sofatisch war von diversen, unordentlich angehäuften Grafiken übersäht.
»Ziemlich chaotisch, ich weiß«, murmelte Daniel, der Kaja mit einer Handbewegung dazu aufforderte, sich zu setzen. »Aber so entspreche ich wenigstens dem Klischee eines Künstlers.«
Sie lachte verhalten und musterte interessiert die Figuren, die er erschaffen hatte. Dabei handelte es sich unter anderem um Tiere, die übertrieben niedlich dargestellt waren.
»Arbeitet ihr an einer App für ?«
Er nickte. »Ein Brettspiel für das Grundschulalter. Das Konzept dahinter ist Spiel und Spaß mit einem Quäntchen Lerneffekt. Das Oberthema sind Waldtiere und Pflanzen.«
Kaja nickte. »Darf ich?«
Sie griff nach einem Blätterstapel und sah ihn durch. Er enthielt auf jedem Bild dasselbe Tier, einen Fuchs, der aber in verschiedenen Posen und Stimmungen dargestellt war.
»Das ist der Erklärfuchs. Er leitet die durch das Spiel und daher braucht er unterschiedliche Versionen, die an den entsprechenden Stellen im Game aufploppen.«
Sie trank den letzten Schluck Kaffee und stellte die leere Tasse auf den Tisch, peinlich darauf bedacht, ja keines der Papiere zu berühren.
»Macht ihr ausschließlich Spiele für ?«
»Nein«, begann Daniel zu erklären. »Das ist das Erste. Insgesamt haben wir vier Apps veröffentlicht, alle für Teenager. Aber wir testen uns aus und wollen das Portfolio erweitern.«
»Also auch mal etwas für Menschen in unserem Alter?«
»Ist in Planung, ja.«
»Ein Lernspiel?«
Daniel lachte und verschluckte sich an seinem Getränk. »Nein, das nun wirklich nicht.«
»Wieso?«
»Ach, schon gut.«
Noch immer kam er aus dem Grinsen nicht heraus.
»Jetzt will ich es aber wissen«, lockte Kaja und setzte ein, wie sie meinte, aufreizenden und ehrlich interessierten Gesichtsausdruck auf.
»Ist ein Geheimnis«, zwinkerte Daniel. »Top Secret.«
Kaja zog eine Schnute. Die Neugier, welche sie nie gut unter Kontrolle hatte, hinterließ ein unbefriedigtes Kribbeln. »Ach, komm schon. Du hast mich auf die Fährte gesetzt und kannst keinen Rückzieher mehr machen.«
Er schüttelte standhaft den Kopf und zwinkerte ihr entschuldigend zu. »Sei mir nicht böse. Ist ein Geheimnis. Aber jetzt musst du auch mal etwas von dir erzählen. Wir reden die ganze Zeit nur über mich.«
Es entstand eine Stille, in der Daniel wahrscheinlich erwartete, dass Kaja einen Vortrag startete. Aber sie wusste nicht, wie sie beginnen sollte.
»Darf ich dir eine Frage stellen?«, nahm er ihr die Pflicht ab. Sie nickte. »Geht es dir gut? Ich habe mitbekommen, wie dein Mann, nun …«
»Von mir aus dem Haus gejagt wurde?«
Daniel nickte sichtlich verunsichert.
»Sagen wir es mal so. Er ist nur noch auf dem Papier mein Mann. Aber das werde ich in Angriff nehmen.«
Ihr Gegenüber schluckte, sah nervös an ihr vorbei und kaute auf seiner Unterlippe. »Sorry, ich wollte nicht …«
»Schon gut. Es ist okay, wie es gelaufen ist. Um ehrlich zu sein, war dieser Schlussstrich lange überfällig.«
»Du hast also wirklich Schluss gemacht?«
Lag da etwa Hoffnung in seiner Stimme? Sie klang etwas höher als zuvor.
»Japp. Habe ihn rausgeworfen und zu seiner Mutter geschickt. Seinen Computer und somit seinen wichtigsten Schatz hat er dabei. Und sein beschissenes Tablett ebenso. Dieses Ding will ich nie wieder im Haus haben.«
»Darf ich fragen, was passiert ist?«
Kaja zögerte. Wie ehrlich sollte, nein, wollte sie sein? Eigentlich ging ihm der Niedergang ihrer Ehe nichts an. Aber da all das hier, das Treffen eines Fremden unter erfundenem Vorwand, unfassbar spannend für sie war und zur Frustbewältigung diente, konnte sie sich ruhig darauf einlassen, mit offenen Karten zu spielen. Also nickte sie und begann zu erklären, wie kaputt das Eheleben doch war und wie ihre nackte, beste Freundin letztlich der Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Daniel hörte gebannt zu und stellte gezielte Zwischenfragen. Kaja musste sich eingestehen, dass es ihr ein angenehmes Gefühl vermittelte, sich endlich aussprechen zu können. Dass er im Grunde ein Fremder war, störte sie nicht mehr. Nach einer guten halben Stunde war er auf dem aktuellsten Stand.
»Starker Tobak«, grummelte er nachdenklich und sah sie mitleidig an. »Aber du hast richtig gehandelt.«
Sie nickte langsam. In ihren Augen brannten aufkommende Tränen und sie spürte, dass ihre Wangen glühten. »Ich werde es überstehen. Die nächsten Tage werden schwer. Irgendwann muss ich anfangen, unsere Sachen aufzuteilen. Wenn das erstmal geschafft ist, kann Ruhe einkehren.«
»Und das Haus?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Gehört uns beiden.«
Daniel sah sie eine Weile lang an und musterte ihr Gesicht. Dann kam ihm offensichtlich eine Idee. »Trinkst du Wein?«
Kaja nickte. »Alles, wenn es hilft.«
Er verstand und erhob sich. Sekunden später war er im Flur verschwunden. Während es in der Küche gläsern klimperte, sah sie sich weiter um. Unter der Glasoberfläche des Tisches war noch eine zweite Ebene eingezogen. Auch diese enthielt hunderte Zeichnungen, die zu zentimeterhohen Türmen aufgestapelt waren. Neben den Papieren lagen Zeichenstifte, Anspitzer in diversen Größen und eine Menge Farbstaub, wahrscheinlich Abrieb der Stifte. Sie zog einen Stapel hervor, auf dessen oberstem Blatt eine attraktive Blondine abgebildet war. Sie trug ein enges Kleid, hatte eine üppige Oberweite und ihr Gesicht zeigte einen erotischen Blick. Ein Blick, der dem Betrachter versprach, dass heute Nacht alles möglich war.
Sie blätterte durch die Zeichnungen. Auf jedem der Blätter war die gleiche Dame porträtiert, nur in unterschiedlichen Posen. Kaja schluckte, als sie eine Skizze fand, auf der die Frau vollständig nackt gezeichnet war. Sie blätterte weiter. Zu der Nackten gesellte sich schließlich ein unverhüllter Mann und … gewisse Aktivitäten, die beide miteinander ausübten. Sex, Sex und noch mehr Sex. Vaginal, oral und anal. Alles, was das Zeichnerherz begehrte.
»Die solltest du eigentlich nicht sehen«, riss Daniels Stimme sie aus ihrer Recherche. Er stand im Türrahmen, in der Hand zwei bauchige und großzügig mit Rotwein gefüllte Gläser, in der anderen die passende Flasche. Sie hätte erwartet, dass er über ihre Neugier verärgert war, doch sein Gesichtsausdruck blieb neutral, gar interessiert.
»Für welches Spiel ist diese Dame mit ihrem Freund gedacht? Kindertauglich ist es aber sicherlich nicht.«
Daniel seufzte. Dann kam er zu ihr herüber, überreichte ihr ein Glas und hielt ihr seines zum Anstoßen entgegen. Es klirrte leise.
»Diese Dame gehört zu dem Spiel, das wir für Erwachsene entwickeln.«
Kaja grinste zufrieden. Das Geheimnis war gelüftet. »Ein erotisches Gesellschaftsspiel also?«
»Hm«, überlegte Daniel. »Erotik ist ein ziemlich harmloser Begriff für das, was wir geplant haben. Es wird eher ein Trinkspiel für Erwachsene. Ein sehr«, er zögerte kurz, als suchte er nach dem richtigen Begriff. »Ein sehr interaktives Brettspiel, sozusagen.«
»Jetzt spann mich nicht auf die Folter. Erzähl mal etwas davon.«
Er wirkte verunsichert. Kaja biss sich auf die Unterlippe. War sie zu forsch vorgegangen? Immerhin war sie gerade erst dabei, Daniel genauer kennen zu lernen. Wahrscheinlich dachte er, sie sei aufdringlich und unhöflich. Ein schlechtes Gewissen plagte sie. Kribbelte in ihrer Brust wie Dutzende Ameisen auf der Suche nach Zucker. Aber sie konnte nicht anders. Etwas in ihr, sei es ihre durch Maik gekränkte Eitelkeit, oder der Wunsch nach Neuem, zwang sie dazu, das Thema weiter zu hinterfragen. Und plötzlich war sie sich sicher, dass die Ameisen keinen Zucker suchten – sondern einen Kick, eine frische Erfahrung, etwas Heißes.
»Na ja«, begann Daniel zögerlich zu erklären. »Es ist halt ein Brettspiel. Wer die Strecke zuerst abschreitet, gewinnt. Doch zwischendurch gibt es gewisse Felder, die etwas von dem Spieler verlangen.«
»Zum Beispiel?«
»Du bist ziemlich neugierig«, sagte er und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Schon mal etwas von Betriebsspionage gehört?«
»Erwischt. Ich arbeite eigentlich für einen euerer Konkurrenten und soll eure Spielidee klauen.«
Kaja zog ihr Smartphone hervor und tat so, als würde sie Notizen darauf eingeben. »Erotisches Brettspiel mit sexy Karikaturen und Aufgaben. Idee aufgreifen und als Eigenentwicklung vermarkten.«
Daniel prustete los vor Lachen. Als er sich beruhigt hatte, hielt er ihr erneut sein Glas entgegen. »Darauf stoßen wir an. Konkurrenz belebt das Geschäft.«
Die Gläser klirrten. Der Wein schmeckte fantastisch.
»Was passiert denn nun, wenn ein Spieler eines dieser Felder trifft?«
»Du gibst wirklich nicht auf, was?«
Kaja schüttelte den Kopf. Daniel seufzte.
»Okay, ich erzähle es dir. Es kann aber sein, dass ich dich im Anschluss umbringen muss.«
»Das Berufsrisiko einer Spionin.«
»Eigentlich ist es ganz simpel. Es gibt drei Arten von Feldern. Das eine Feld zwingt dich, eine Frage zu beantworten. Am Anfang des Spiels sind sie eher harmlos, steigern sich aber bis zum Ende in ihrer Brisanz. Ein anderes verlangt von dir, etwas zu tun. Das Prinzip gleicht dem der Fragefelder. Zu Beginn ist es simpel, dann wird’s ernst. Der dritte Feldtyp ist ein Trinkfeld. Alkohol macht das Spiel leichtgängiger.«
In Kajas Brust kribbelte es erregt. In ihr explodierte ein Wunsch, während sie erst die Bilder der nackten Figuren, dann Daniel musterte. Sie wünschte sich, und das hätte sie von sich niemals erwartet, ein solches Spiel zu spielen. Und das nicht mit irgendwem.
»Hast du das Spiel schon getestet?«
Er zog verwundert eine Augenbraue hoch. »Natürlich nicht. Das ist bisher auch nur ein Konzept mit groben Spielplanzeichnungen und Ausführungen der Aktionen und Bildern. Wieso fragst du?«
Den letzten Satz sprach er in einem skeptischen Ton aus. Kaja antwortete nicht direkt. Stattdessen betrachtete sie sein Weinglas, das beinahe leer war. Dann fiel ihr Blick auf die Flasche, die am Rand des Tisches stand.
»Darf ich?«, fragte sie und deutete darauf. Er nickte. Sie schenkte beiden so viel Wein ein, dass die Flasche leer und die Gläser randvoll waren. Er beobachtete sie dabei. Still und aufmerksam. Ob er ahnte, was in ihr vorging? Er wirkte verunsichert. Aber nicht auf die unangenehme Art und Weise. Nicht so, als würde seine nächste Aktion die Flucht sein. Beziehungsweise, ihr Rausschmiss aus seiner Wohnung. Nein, seine Haltung hatte etwas Offenes an sich. Verunsichert, aber offen.
Kaja nahm ihren Mut zusammen und hielt ihm sein Glas vor das Gesicht. »Lass und noch einen Schluck trinken.«
»Okay …«, sagte er langsam. Dann, nachdem beide getrunken hatten, sprach sie die Worte aus, die ihr das Ameisenkribbeln in ihrer Brust ihr befahlen.
»Spiel mit mir!«
—
Bald geht es weiter – bleib gespannt!
Deine Kim :-*
—
Lust auf mehr von mir?
Dann besuche doch meinen Blog – er ist nur einen Klick weit entfernt.
Dieser enthält spannende Artikel über mein “Treiben” als Erotikautorin, Pornodarstellerin und Produzentin. Außerdem warten dort weitere Geschichten – zum Beispiel “Das Fotoshooting”. Natürlich kostenlos 🙂
Und ja, leider muss ich es mal wieder erwähnen: OHNE Werbung und Kostenfallen.
Wo du den Blog findest?
kim-f-wolf.de
Uuuuund tadaaa: Ich bin jetzt auch auf Instagram und mache dort meine ersten Schritte: kim.lust.und.buchstaben
:-*

Du hast definitiv mehr als nur ein Talent! Gefällt mir persönlich sehr gut, Dein Schreibstil sowie die Art der Handlung.
Hi Kim,
super geschrieben..gefällt mir, warte auf den nächsten Teil..