In der Bar

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Die Barkeeperin holt die Flasche aus dem Kühlregal. Sie gießt langsam, der Wein rinnt in einem dünnen Strahl ins Glas, und sie hält die Flasche in einem Winkel, der genau genug ist, um den Tonfall zu kontrollieren, mit dem der Wein die Glaswand trifft. Sie stellt die Flasche ab, schiebt das Glas über die Holzplatte zu Wilma, und dabei streifen ihre Finger die Oberfläche des Tresens, ein paar Zentimeter von Wilmas Hand entfernt. Wilma sieht die Finger, die kurzen, gepflegten Nägel, den schmalen Silberring am Ringfinger, der im Licht aufblitzt. Dann zieht die Barkeeperin die Hand zurück.

Das Handy vibriert.

Ines: „Neue Bilder in der Gruppe. Schau dir das zweite an.”

Wilma öffnet die Gruppenansicht. Das erste Bild ist ein Textbeitrag, jemand fragt nach Treffmöglichkeiten in der Nähe von Köln. Das zweite Bild lädt, der Fortschrittsbalken kriecht über das Display.

Dann erscheint es. Eine Frau, fotografiert von oben, der Blick in die Kamera gerichtet, der Mund leicht geöffnet, die Lippen glänzend, als wären sie gerade befeuchtet. Sie trägt ein Top, das tief ausgeschnitten ist, und die Brüste drücken sich gegen den Stoff, die Konturen der Brustwarzen durch das Material sichtbar. Darunter der Text: „Wer schreibt mir, was er mit mir anstellen würde?”

Wilma spürt, wie sich die Wärme im Unterleib verdichtet. Sie blickt kurz auf, die Barkeeperin ist drei Hocker entfernt, poliert wieder ein Glas, und diesmal schaut sie nicht herüber. Wilma wendet sich wieder dem Display zu. In der Gruppe hat jemand auf das Bild geantwortet: „Ich würde dich auf den Rücken legen und dir die Beine breit machen.” Ein anderer: „Schöne Titten. Mehr zeigen.”

Sie wechselt zu Ines.

Wilma: „Gesehen.”

Ines: „Gut, oder?”

Wilma: „Gut.”

Ines: „Bist du noch allein in der Bar?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Die Barkeeperin noch da?”

Wilma blickt auf. Die Barkeeperin hat das Glas abgestellt, steht jetzt mit verschränkten Armen am Regal, den Blick auf ihr eigenes Handy gerichtet. Sie tippt etwas, vielleicht eine Nachricht, vielleicht liest sie nur. Ihr Gesicht ist entspannt, die Lachfältchen sind geglättet, die dunklen Augen bewegen sich über das Display.

Wilma: „Ja. Sie steht am anderen Ende.”

Ines: „Gut. Dann kommt die zweite Aufgabe.”

Wilma wartet. Die drei Punkte erscheinen auf dem Display, tanzen, verschwinden. Die Barkeeperin steckt ihr Handy in die Tasche der Schürze und beginnt, die Flaschen im Regal umzustellen. Sie dreht eine Flasche um, sodass das Etikett nach vorne zeigt, dann die nächste. Wilma betrachtet ihre Hände, wie sie die Flaschen greifen, die Finger, die sich um die Flaschenhälse schließen, die kontrollierten, präzisen Bewegungen.

Die Nachricht kommt.

Ines: „Streich dir mit der Hand über den Hals. Langsam. Von unten nach oben. Und lass die Hand oben liegen, auf der Haut, wo der Knopf jetzt offen ist.”

Wilma liest die Nachricht. Sie liest sie noch einmal. Dann blickt sie auf ihre Hände, die auf der Holzplatte liegen, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel kurz und unlackiert. Die rechte Hand löst sich von der Platte, hebt sich, und Wilma führt sie an ihren Hals. Die Fingerspitzen berühren die Haut unter dem Kinn, dort, wo der Knochen ansetzt, und sie beginnt, die Hand nach unten zu führen. Langsam, wie Ines es geschrieben hat. Die Fingerspitzen gleiten über die Haut, über den Halsansatz, über das Schlüsselbein, das jetzt frei liegt, weil der Knopf offen ist. Sie spürt ihre eigene Berührung, die Wärme der Finger auf der kühleren Haut, und sie spürt, wie sich die Haare an den Armen aufrichten, eine Gänsehaut, die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen ausbreitet.

Die Hand liegt oben. Auf der Haut, wo der Knopf offen ist. Wilma lässt sie dort, die Finger locker, die Handfläche leicht auf dem Brustbein. Die Bluse hat sich weiter geöffnet, der Streifen Haut ist breiter,

und wenn sie nach unten blickt, sieht sie den Ansatz der Brüste, die Wölbung, die unter dem Stoff der Bluse beginnt, den weißen Rand des BHs, der sich durch die Öffnung schiebt.

Sie blickt nicht nach unten. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht. Sie steht am Regal, die Hände an den Seiten, und sie schaut. Direkt auf Wilma. Direkt auf die Hand, die auf dem Brustbein liegt. Direkt auf den offenen Kragen, den Streifen Haut, den Rand des BHs.

Wilma hält den Blick. Die Barkeeperin hält den Blick. Keine von beiden bewegt sich. Die Jazzmusik aus den Lautsprechern hat einen neuen Takt eingesetzt, ein Saxophon jetzt, das eine langsame, geschwungene Linie zieht. Wilma spürt, wie sich ihre Brust unter der Hand hebt und senkt, wie die Atemzüge tiefer werden, langsamer, als würde sie versuchen, den Rhythmus der Musik aufzunehmen. Die Barkeeperin bewegt sich nicht. Ihre Augen sind dunkel, die Lachfältchen sind verschwunden, und ihr Mund ist leicht geöffnet, die Lippen entspannt.

Dann bricht die Barkeeperin den Blick. Sie wendet sich ab, greift nach einer Flasche, stellt sie um, greift nach der nächsten, und ihre Bewegungen sind schneller als zuvor, weniger kontrolliert, die Schultern höher gezogen.

Wilma nimmt die Hand vom Hals. Sie greift nach dem Weinglas, trinkt, und der Wein rinnt kühler hinunter, als hätte die Berührung der eigenen Haut eine Temperatur erzeugt, die sich jetzt mit dem Wein verbindet. Das Handy vibriert.

Ines: „Und? Hast du es gemacht?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Wie war es?”

Wilma zögert. Ihre Finger liegen auf dem Display, der Daumen bereit zum Tippen, aber sie findet die Worte nicht sofort. Sie blickt auf. Die Barkeeperin steht am Regal, den Rücken zugewandt, aber sie hat sich nicht weiter bewegt. Sie steht einfach da, die Hände an den Flaschen, aber sie sortiert nicht. Sie wartet.

Wilma: „Sie hat zugesehen.”

Ines: „Die Barkeeperin?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Gut. Sehr gut. Und? Wie hat es dir dabei?”

Wilma liest die Frage, und ihre Finger bewegen sich über das Display, tippen, löschen, tippen wieder. Sie blickt auf das leere Glas vor ihr, auf die Holzplatte, auf das Handy. Sie blickt auf den offenen Kragen ihrer Bluse, den Streifen Haut, der jetzt im Licht der Bar liegt, sichtbar für jeden, der vorbeigeht. Niemand geht vorbei. Die Bar ist leer, außer ihr und der Barkeeperin.

Wilma: „Es hat mir gefallen.”

Ines: „Sehr gut. 😈 Dann bist du bereit für die dritte Aufgabe.”

Wilma betrachtet die Nachricht. Das Teufelchen-Emoji am Ende, der Schwanz, der grinsende Mund. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht, und sie steht jetzt in der Mitte der Bar, direkt vor ihr, die Hände auf der Holzplatte, den Blick auf Wilma gerichtet. Sie lächelt. Die Lachfältchen vertiefen sich, die Mundwinkel ziehen sich nach oben, und die dunklen Augen haben einen Glanz, der wärmer ist.

Wilma greift nach dem Handy. Sie entsperrt das Display, und die Nachricht von Ines leuchtet ihr entgegen, die drei Punkte, die andeuten, dass Ines bereits tippt, dass die nächste Aufgabe schon auf dem Weg ist. Wilma hält den Blick der Barkeeperin noch einen Moment, dann senkt sie die Augen auf das Display, und ihre Finger umfassen das Handy, fest genug, dass das Plastik des Cases unter ihrem Griff leicht nachgibt.

Die Barkeeperin räumt das leere Weinglas ab, und ihre Finger streifen dabei über die Holzplatte, genau an der Stelle, wo Wilmas Hand lag. Die Berührung ist zufällig, beiläufig, aber sie dauert einen Moment zu lang, als wäre die Hand zögerlich, sich zurückzuziehen. Dann geht die Barkeeperin zum anderen Ende der Bar, und ihre Schritte sind gleichmäßig, der Rhythmus eines Menschen, der gelernt hat, in einer Bar zu gehen, als würde er über Wasser wandern.

Wilma blickt auf das Display. Ines’ Nachricht ist angekommen

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