Der offene Knopf

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Die Rezeption des Hotels liegt still und verlassen in dem flauen Licht der Deckenspots, als Wilma den Aufzug verlässt. Ihr Schlüsselchip klemmt zwischen Zeigefinger und Daumen, das Plastikrechteck warm von der Handfläche, die es die letzten Stunden umschlossen hat. Der Tag sitzt noch in ihren Schultern, in den Waden, in dem leisen Pochen hinter der rechten Schläfe, das seit der letzten Autobahnraststätte nicht mehr verschwinden will. Drei Termine, zwei Stunden Fahrt, ein Mittagessen, das aus einem belegten Brötchen und einem Kaffee bestand, den sie am Stehtisch im Empfangsbereich eines Kunden getrunken hat. Ihre Füße drücken gegen das Leder der Pumps, die sie seit sieben Uhr morgens trägt. Sie spürt jeden Schritt des Tages in den Ballen, in den Zehen, die sich unter dem schmalen Schnitt der Schuhe zusammengequetscht haben.

Eigentlich sollte sie auf ihr Zimmer gehen. Duschen. Die

Beine hochlegen. Die Notizen vom letzten Termin durchgehen. Stattdessen bleibt sie vor der Glastür stehen, die zur Bar führt, und blickt hindurch. Die Bar ist klein, sechs Barhocker aus dunklem Holz, drei niedrige Ledersessel an einem Fenstertisch, an der Rückwand ein Regal mit Flaschen, die im gedimmten Licht bernsteinfarben schimmern. Zwei Gäste sitzen an der Theke, beide mit Getränken vor sich, beide in ihr eigenes Display vertieft. Niemand spricht. Die Musik kommt leise aus versteckten Lautsprechern, ein Jazzklavier, das sich langsam durch ein Standardthema windet.

Wilma schiebt die Tür auf. Die klimatisierte Luft empfängt sie wie ein kühler Vorhang, ein Wechsel von dem drückenden Sommerschwüle-Luftgemisch des Hotelflurs, das sich in ihren Kragen gesetzt hat. Sie riecht Zedernholz, den süßlichen Hauch von Wein, der aus dem Schenkbecken aufsteigt, und darunter etwas Zitrusartiges, ein Reinigungsmittel vielleicht, das über die Holzplatte gewischt wurde. Die Barhocker sind höher, als sie gedacht hat. Sie stemmt sich hinauf, der Stoff ihrer Anzughose spannt über den Oberschenkeln, und für einen Moment muss sie sich mit einer Hand auf der Theke abstützen, bis sie sitzt. Der Hocker dreht sich einen halben Zentimeter unter ihr, und sie korrigiert ihre Position, zieht die Beine an, richtet den Rücken.

Ihre grauen Haare sind kurz geschnitten, am Genau etwas länger, an den Seiten akkurat gefast. Das Silbergraue fällt in feine Strähnen, die sie morgens mit etwas Schaum in Form gebracht hat, die sich aber im Laufe des Tages leicht gelöst haben. Eine Strähne hängt über der Stirn, und sie streicht sie mit dem Handrücken zurück, eine Bewegung, die so automatisch ist wie das Atmen. Ihre Bluse ist schlicht, dunkelblau, aus einer leichten Baumwollmischung, die sich über den Schultern glatt legt. Der Kragen ist geschlossen, der oberste Knopf sitzt genau an der Kehle, ein schmaler Knopf aus hellem Plastik, der das feine Häkchen der Knopfleiste durchgreift. Sie trägt keinen Schmuck außer einer schmalen Uhr am linken Handgelenk, deren Lederband die Farbe von altem Kaffee hat.

Die Barkeeperin bemerkt sie sofort. Sie kommt von der Rückwand der Bar, wo sie Gläser sortiert hat, und geht auf Wilma zu. Das weiße Hemd ist über den Oberkörper gespannt, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, und die dunkle Schürze bindet sie enger um die Taille, als sie hinter dem Tresen Position bezieht. Ihr Gesicht ist schmal, die Haut um den Mund von kleinen Lachfältchen durchzogen, die sich vertiefen, wenn sie lächelt.

„Was darf ich Ihnen bringen?“

„Einen Weißwein. Trocken, wenn Sie haben.”

Die Barkeeperin nickt, dreht sich um, greift nach einer Flasche aus dem Kühlregal. Das Klicken des Korkenziehers, das leise Gluckern, mit dem der Wein ins Glas fließt, das feine Klimpern, als der Glasrand die Holzplatte berührt. Wilma umfasst den Stiel, hebt das Glas, neigt es leicht. Der Wein ist blassgelb, fast grünlich im Licht, und er riecht nach Pfirsich und etwas Grasigem, einem Geruch, der sich von der Zedernholzatmosphäre der Bar abhebt

wie eine andere Stimme in einem ruhigen Gespräch. Sie nimmt einen Schluck, lässt den Wein über die Zunge rollen, bevor sie schluckt. Die Säure beißt leicht, dann kommt die Frucht, weich und rund.

Das Glas steht kaum eine Minute vor ihr, da vibriert das Handy in der Innentasche ihrer Jacke. Sie zieht es hervor, entriegelt das Display. Die Nachricht leuchtet auf.

Ines: „Na, Frau Geschäftsreisende? Schon brav auf dem Zimmer? 😇”

Wilma lächelt. Ines ist 35, trägt ihre blonden Haare kurz, fast bubikopfkurz, mit einzelnen Strähnen, die sie in einem kräftigeren Blond tönt, sodass ihr Kopf im Sonnenlicht aussieht, als hätte jemand Goldtropfen auf Bernstein verteilt. Sie hat dieses Talent, aus dem düstesten, langweiligsten Moment eine Pointe zu ziehen, und ihre Nachrichten lesen sich oft wie Sprechblasen aus einem Comic, dessen Zeichner einen besonders guten Tag hat. Wilma kennt sie seit vier Jahren, seit einem Seminar in Hamburg, bei dem sie sich in der ersten Kaffeepause über den Referenten lustig gemacht und in der Mittagspause beschlossen haben, dass man das öfters tun müsse. Seitdem schreiben sie täglich. Manchmal banalitäten, manchmal Dinge, die niemand mitlesen sollte.

Wilma: „Nein. Hotelbar. Ein Glas Wein. Ganz harmlos.”

Die Antwort kommt sofort. Drei Punkte tanzen, dann der Text.

Ines: „Du und harmlos? 😂 Das möchte ich sehen.”

Wilma tippt zurück.

Wilma: „Glaube mir. Ich sitze hier wie eine Großmutter auf ihrem Feierabendglas.”

Ines: „Du bist keine Großmutter. Du bist eine Geschäftsfrau mit geheimem Doppelleben. Das ist was anderes.”

Wilma presst die Lippen zusammen, um nicht laut zu lachen. Sie greift nach ihrem Glas, nimmt einen weiteren Schluck, und während sie das Glas absetzt, ploppt eine neue Benachrichtigung auf. Nicht von Ines. Von einer Gruppe.

Die Gruppe heißt „Mixed & Free”, ein Name, der so unspezifisch klingt, dass er jedem, der zufällig auf ihr Display blickt, wie ein beruflicher Verteiler oder ein Hobbyforum vorkommen dürfte. In Wirklichkeit ist es eine Telegram-Gruppe mit 47 Mitgliedern, in der Bilder geteilt werden, die man nicht am Frühstückstisch zeigen würde. Wilma ist seit acht Monaten dabei, Ines hat sie eingeladen, mit dem Kommentar: „Schau dir das an. Du wirst es hassen. Oder lieben. Wahrscheinlich beides.”

Sie öffnet die Gruppe. Die letzten Nachrichten sind eine Mischung aus Text und Bild. Ein Mann hat ein Foto gepostet, das ihn auf einem Bett zeigt, das Laken bis zur Hüfte gezogen, der Oberkörper nackt, die Muskulatur unter der Haut wie ein reliefartiges Muster. Darunter ein Kommentar einer Frau: „Schöner Anblick. Mehr davon.” Ein weiteres Bild zeigt eine Frau, die sich mit dem Handy selbst fotografiert hat, im Spiegel eines Badezimmers. Sie trägt einen String, nichts sonst, und ihr Gesicht ist zur Hälfte vom Haar verdeckt. Die Caption lautet: „Vor dem Meeting. Wer will mich ablenken?”

Wilma scrollt langsam. Ihr Daumen wischt über das Display, und sie hält das Handy nah an ihren Körper, den Bildschirm zur Bar gewandt, sodass niemand, der hinter ihr steht, die Bilder sehen kann. Sie blickt auf. Links. Der Mann zwei Hocker weiter hat sein Gesicht im Handy versenkt, tippt etwas, sein Wein steht unberührt. Rechts. Die Frau am Ende der Bar steht auf, greift nach ihrer Tasche, geht zur Tür. Die Bar ist jetzt fast leer. Nur sie und der Mann am anderen Ende und die Barkeeperin, die Gläser poliert.

Wilma blickt zurück auf das Display. Ein neues Bild ist erschienen. Eine Frau, diesmal ohne Gesicht, nur der Unterleib, die Schenkel gespreizt, die Finger einer Hand zwischen den Beinen, der Rand eines schwarzen Slips zur Seite gezogen. Der Kommentar darunter: „Feierabend. Brauche Gesellschaft.”

Wilma schluckt. Der Wein, den sie gerade getrunken hat, liegt warm in der Magengegend, und das Bild auf dem Display erzeugt eine ganz andere Wärme, eine, die tiefer sitzt, die sich in den Unterleib senkt wie ein Tropfen Tinte in Wasser. Sie schließt die Gruppenansicht, wechselt zurück zu Ines.

Wilma: „In der Gruppe wird gerade wieder fleißig gepostet.”

Ines: „Hab ich gesehen. Das Bild von der Spiegelfrau war gut. Hat mir gefallen.”

Wilma: „Du hast also schon zugeschaut.”

Ines: „Ich schaue immer zu. Das ist der Sinn der Gruppe. 😈”

Ines schickt ein Emoji hinterher, ein Teufelchen mit dreieckigem Schwanz, das grinst. Wilma betrachtet es einen Moment zu lang, dann steckt sie das Handy neben ihr Weinglas auf die Holzplatte, Bildschirm nach unten.

Die Barkeeperin steht am anderen Ende des Tresens. Sie wischt die Holzplatte mit einem Tuch ab, in langsamen, gleichmäßigen Bewegungen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Dabei blickt sie auf. Ihr Blick wandert über die leeren Hocker, die Gläser, die Flaschen, und bleibt an Wilma hängen. Nur eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann wendet sie sich wieder dem Tuch zu, taucht es in das Spülbecken, wringt es aus.

Wilma greift nach ihrem Glas. Der Wein ist kühl, die Säure beißt, und sie hält ihn einen Moment im Mund, bevor sie schluckt. Sie setzt das Glas ab, und das Handy vibriert. Ein dumpfer, taktiler Ton auf der Holzplatte, der das Weinglas ein Millimeter weit vibrieren lässt.

Ines: „Ich hab eine Idee. Wir spielen.”

Wilma: „Das klingt bei dir grundsätzlich gefährlich.”

Ines: „Quatsch. Ganz harmlos. Aufgaben. Du entscheidest immer selbst, ob du sie machst.”

Wilma betrachtet die Nachricht. Das Display spiegelt das Licht der Bar, und sie sieht ihren eigenen Daumen, der auf dem Touchscreen ruht. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich zugewandt, lehnt mit den Hüften gegen die Rückwand der Bar, die Arme verschränkt, und schaut in ihre Richtung. Nicht direkt auf Wilma, eher in die allgemeine Distanz, aber der Winkel ist eindeutig. Wilma nimmt einen Schluck Wein. Der Wein ist wärmer geworden, die Säure weicher, die Frucht kommt jetzt deutlicher durch.

Wilma: „Na gut. Eine.”

Drei Punkte erscheinen. Wilma wartet. Die Punkte verschwinden, kommen wieder, verschwinden. Dann kommt die Nachricht.

Ines: „Öffne einen Knopf an deiner Bluse. Nur einen. Danach legst du das Handy weg und schaust der Barkeeperin beim nächsten Mal direkt in die Augen.”

Wilma blickt auf ihre Bluse. Der Kragen sitzt dicht am Hals, der oberste Knopf genau über dem Schlüsselbein. Der zweite Knopf ist weiter unten, dort, wo die Bluse sich leicht wölbt über dem Ansatz der Brüste. Der dritte ist tiefer, dort, wo der Stoff sich von der Haut löst und die Bluse fällt. Sie liest die Nachricht noch einmal. „Du spinnst”, murmelte sie leise, so leise, dass die Worte nicht über die Holzplatte hinauskommen. Der Mann am anderen Ende der Bar rückt sein Weinglas zurecht, steht auf, lässt einen Schein auf der Theke liegen und geht. Die Tür schließt sich hinter ihm. Jetzt ist sie allein an der Bar.

Trotzdem wandert ihre Hand langsam zum obersten Knopf. Ihre Finger betasten das Plastikrechteck, das durch das Knopfloch gefädelt ist. Sie spürt den Stoff der Bluse unter den Fingern, die Baumwolle, die sich über den Tag hinweg gelockert hat, die Falte, die sich unter dem Kragen gebildet hat. Daumen und Zeigefinger fassen den Knopf. Klick. Der Knopf gleitet durch das Loch, der Kragen öffnet sich, und ein Streifen Haut wird sichtbar, der Halsansatz, das Schlüsselbein, die feine Linie, wo die Haut heller ist, weil die Sonne sie nie erreicht hat.

Wilma legt das Handy neben ihr Weinglas. Bildschirm nach unten. Sie richtet den Rücken, und die offene Bluse bewegt sich, der Kragen weicht ein Stück zur Seite, der Streifen Haut wird minimal breiter. Sie greift nach ihrem Glas, trinkt, und der Wein rinnt kühler hinunter als zuvor, als hätte die Geste etwas verändert, eine Temperatur, einen Rhythmus.

Die Barkeeperin hat sich bewegt. Sie steht jetzt drei Hocker weiter, diesmal auf der gleichen Seite der Bar, näher an Wilma. Sie hat ein Glas in der Hand, poliert es mit dem Tuch, hält es gegen das Licht, dreht es, poliert weiter. Ihre Bewegungen sind langsam, präzise, und sie schaut nicht herüber. Aber sie hat sich näher aufgestellt. Wilma bemerkt das. Sie bemerkt auch, dass die Barkeeperin die Schultern anders hält als zuvor, leicht zurückgenommen, die Brust angehoben, als würde sie sich dehnen, ohne sich tatsächlich zu dehnen.

Wilma blickt auf ihr Weinglas. Der Wein spiegelt das Licht der Bar, eine , gekrümmte Reflexion der Deckenspots, die sich bewegt, wenn sie das Glas anhebt. Sie trinkt. Setzt ab. Die Barkeeperin hat das Glas abgestellt und kommt näher. Zwei Hocker. Einer. Sie steht direkt vor Wilma, die Hände auf der Holzplatte, das Tuch über der Schulter.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?”

Ihre Stimme ist dunkler, als Wilma erwartet hat, mit einem leichten Hauch von etwas, das nach Süßholz klingt, vielleicht ein Bonbon, das sie vorher im Mund hatte. Wilma blickt auf. Die Barkeeperin hat dunkle Augen, das Braun so tief, dass es im Licht der Bar fast schwarz wirkt. Kleinste Lachfältchen an den Augenwinkeln, die sich nicht vertiefen, weil sie nicht lächelt. Sie wartet.

Wilma hält ihren Blick. Diesmal nicht wegsehen, nicht auf das Glas, nicht auf die Holzplatte, nicht auf das Handy. Sie blickt in die dunklen Augen der Barkeeperin und spürt, wie sich etwas in ihrem Brustkorb zusammenzieht, nicht unangenehm, eher wie ein Muskel, der sich dehnt, nachdem er lange angespannt war. Sie spürt den offenen Kragen ihrer Bluse, den Streifen Luft, der auf die freigelegte Haut trifft, kühl und präsent.

„Im Moment nicht, danke.”

Die Worte kommen ruhig, die Stimme so gleichmäßig, wie sie es bei Kundenbesprechen gelernt hat, in Verhandlungen, in Momenten, in denen der Puls schneller schlägt, als der Tonfall verraten darf. Die Barkeeperin hält den Blick noch eine Sekunde, dann lächelt sie. Die Lachfältchen vertiefen sich, die Mundwinkel ziehen sich nach oben, und für einen Moment legt sich etwas über ihr Gesicht, das nicht nur Höflichkeit ist. Dann nickt sie, greift nach dem Tuch auf ihrer Schulter, wischt über die Holzplatte vor Wilma, ohne dass dort etwas zu wischen wäre, und geht zurück zum anderen Ende der Bar.

Wilma atmet aus. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hat. Der Wein im Glas ist fast leer, ein letzter Schluck, der die Wand des Glases benetzt. Sie greift nach dem Handy, dreht es um. Das Display leuchtet. Eine Nachricht von Ines. Und darunter, in der Gruppenansicht, zwei neue Bilder.

Sie öffnet Ines’ Nachricht zuerst.

Ines: „Und? Wie war der Blick? 😏”

Wilma blickt auf. Die Barkeeperin steht am anderen Ende der Bar, den Rücken zu ihr gewandt, sortiert Flaschen in das Regal. Ihre Schulterblätter zeichnen sich unter dem weißen Hemd ab, wenn sie die Arme hebt. Wilma betrachtet die Bewegung, die Art, wie das Hemd sich spannt und löst, wie die Schürze sich um die Taille legt. Sie blickt auf das Display.

Wilma: „Du stellst komische Fragen.”

Ines: „Das war keine Antwort. Ich frage nochmal: Wie war der Blick?”

Wilma zögert. Ihre Finger schweben über der Tastatur, und sie spürt das Pochen in der Schläfe, das seit dem Morgen da ist, aber jetzt einen anderen Rhythmus hat, schneller, flacher. Sie tippt.

Wilma: „Sie hat dunkle Augen.”

Ines: „Aha. Und?”

Wilma: „Und sie hat nicht weggeschaut.”

Ines: „Natürlich hat sie nicht weggeschaut. Du bist eine attraktive Frau, die gerade einen Knopf geöffnet hat und ihr in die Augen geschaut hat. Was soll sie tun, wegrennen?”

Wilma legt das Handy auf die Bar. Sie greift nach dem Glas, trinkt den letzten Schluck, und der Wein rinnt leer durch den Glasboden. Sie stellt das Glas ab, und es klingt heller als zuvor, das leere Glas auf dem Holz, ein klarer, kurzer Ton. Die Barkeeperin dreht sich um, blickt auf das leere Glas, blickt auf Wilma.

„Noch eins?”

„Bitte.”

Die Barkeeperin holt die Flasche aus dem Kühlregal. Sie gießt langsam, der Wein rinnt in einem dünnen Strahl ins Glas, und sie hält die Flasche in einem Winkel, der genau genug ist, um den Tonfall zu kontrollieren, mit dem der Wein die Glaswand trifft. Sie stellt die Flasche ab, schiebt das Glas über die Holzplatte zu Wilma, und dabei streifen ihre Finger die Oberfläche des Tresens, ein paar Zentimeter von Wilmas Hand entfernt. Wilma sieht die Finger, die kurzen, gepflegten Nägel, den schmalen Silberring am Ringfinger, der im Licht aufblitzt. Dann zieht die Barkeeperin die Hand zurück.

Das Handy vibriert.

Ines: „Neue Bilder in der Gruppe. Schau dir das zweite an.”

Wilma öffnet die Gruppenansicht. Das erste Bild ist ein Textbeitrag, jemand fragt nach Treffmöglichkeiten in der Nähe von Köln. Das zweite Bild lädt, der Fortschrittsbalken kriecht über das Display. Dann erscheint es. Eine Frau, fotografiert von oben, der Blick in die Kamera gerichtet, der Mund leicht geöffnet, die Lippen glänzend, als wären sie gerade befeuchtet. Sie trägt ein Top, das tief ausgeschnitten ist, und die Brüste drücken sich gegen den Stoff, die Konturen der Brustwarzen durch das Material sichtbar. Darunter der Text: „Wer schreibt mir, was er mit mir anstellen würde?”

Wilma spürt, wie sich die Wärme im Unterleib verdichtet. Sie blickt kurz auf, die Barkeeperin ist drei Hocker entfernt, poliert wieder ein Glas, und diesmal schaut sie nicht herüber. Wilma wendet sich wieder dem Display zu. In der Gruppe hat jemand auf das Bild geantwortet: „Ich würde dich auf den Rücken legen und dir die Beine breit machen.” Ein anderer: „Schöne Titten. Mehr zeigen.”

Sie wechselt zu Ines.

Wilma: „Gesehen.”

Ines: „Gut, oder?”

Wilma: „Gut.”

Ines: „Bist du noch allein in der Bar?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Die Barkeeperin noch da?”

Wilma blickt auf. Die Barkeeperin hat das Glas abgestellt, steht jetzt mit verschränkten Armen am Regal, den Blick auf ihr eigenes Handy gerichtet. Sie tippt etwas, vielleicht eine Nachricht, vielleicht liest sie nur. Ihr Gesicht ist entspannt, die Lachfältchen sind geglättet, die dunklen Augen bewegen sich über das Display.

Wilma: „Ja. Sie steht am anderen Ende.”

Ines: „Gut. Dann kommt die zweite Aufgabe.”

Wilma wartet. Die drei Punkte erscheinen auf dem Display, tanzen, verschwinden. Die Barkeeperin steckt ihr Handy in die Tasche der Schürze und beginnt, die Flaschen im Regal umzustellen. Sie dreht eine Flasche um, sodass das Etikett nach vorne zeigt, dann die nächste. Wilma betrachtet ihre Hände, wie sie die Flaschen greifen, die Finger, die sich um die Flaschenhälse schließen, die kontrollierten, präzisen Bewegungen.

Die Nachricht kommt.

Ines: „Streich dir mit der Hand über den Hals. Langsam. Von unten nach oben. Und lass die Hand oben liegen, auf der Haut, wo der Knopf jetzt offen ist.”

Wilma liest die Nachricht. Sie liest sie noch einmal. Dann blickt sie auf ihre Hände, die auf der Holzplatte liegen, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel kurz und un lackiert. Die rechte Hand löst sich von der Platte, hebt sich, und Wilma führt sie an ihren Hals. Die Fingerspitzen berühren die Haut unter dem Kinn, dort, wo der Knochen ansetzt, und sie beginnt, die Hand nach unten zu führen. Langsam, wie Ines es geschrieben hat. Die Fingerspitzen gleiten über die Haut, über den Halsansatz, über das Schlüsselbein, das jetzt frei liegt, weil der Knopf offen ist. Sie spürt ihre eigene Berührung, die Wärme der Finger auf der kühleren Haut, und sie spürt, wie sich die Haare an den Armen aufrichten, eine Gänsehaut, die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen ausbreitet.

Die Hand liegt oben. Auf der Haut, wo der Knopf offen ist. Wilma lässt sie dort, die Finger locker, die Handfläche leicht auf dem Brustbein. Die Bluse hat sich weiter geöffnet, der Streifen Haut ist breiter, und wenn sie nach unten blickt, sieht sie den Ansatz der Brüste, die Wölbung, die unter dem Stoff der Bluse beginnt, den weißen Rand des BHs, der sich durch die Öffnung schiebt.

Sie blickt nicht nach unten. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht. Sie steht am Regal, die Hände an den Seiten, und sie schaut. Direkt auf Wilma. Direkt auf die Hand, die auf dem Brustbein liegt. Direkt auf den offenen Kragen, den Streifen Haut, den Rand des BHs.

Wilma hält den Blick. Die Barkeeperin hält den Blick. Keine von beiden bewegt sich. Die Jazzmusik aus den Lautsprechern hat einen neuen Takt eingesetzt, ein Saxophon jetzt, das eine langsame, geschwungene Linie zieht. Wilma spürt, wie sich ihre Brust unter der Hand hebt und senkt, wie die Atemzüge tiefer werden, langsamer, als würde sie versuchen, den Rhythmus der Musik aufzunehmen. Die Barkeeperin bewegt sich nicht. Ihre Augen sind dunkel, die Lachfältchen sind verschwunden, und ihr Mund ist leicht geöffnet, die Lippen entspannt.

Dann bricht die Barkeeperin den Blick. Sie wendet sich ab, greift nach einer Flasche, stellt sie um, greift nach der nächsten, und ihre Bewegungen sind schneller als zuvor, weniger kontrolliert, die Schultern höher gezogen.

Wilma nimmt die Hand vom Hals. Sie greift nach dem Weinglas, trinkt, und der Wein rinnt kühler hinunter, als hätte die Berührung der eigenen Haut eine Temperatur erzeugt, die sich jetzt mit dem Wein verbindet. Das Handy vibriert.

Ines: „Und? Hast du es gemacht?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Wie war es?”

Wilma zögert. Ihre Finger liegen auf dem Display, der Daumen bereit zum Tippen, aber sie findet die Worte nicht sofort. Sie blickt auf. Die Barkeeperin steht am Regal, den Rücken zugewandt, aber sie hat sich nicht weiter bewegt. Sie steht einfach da, die Hände an den Flaschen, aber sie sortiert nicht. Sie wartet.

Wilma: „Sie hat zugesehen.”

Ines: „Die Barkeeperin?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Gut. Sehr gut. Und? Wie hat es dir dabei?”

Wilma liest die Frage, und ihre Finger bewegen sich über das Display, tippen, löschen, tippen wieder. Sie blickt auf das leere Glas vor ihr, auf die Holzplatte, auf das Handy. Sie blickt auf den offenen Kragen ihrer Bluse, den Streifen Haut, der jetzt im Licht der Bar liegt, sichtbar für jeden, der vorbeigeht. Niemand geht vorbei. Die Bar ist leer, außer ihr und der Barkeeperin.

Wilma: „Es hat mir gefallen.”

Ines: „Sehr gut. 😈 Dann bist du bereit für die dritte Aufgabe.”

Wilma betrachtet die Nachricht. Das Teufelchen-Emoji am Ende, der Schwanz, der grinsende Mund. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht, und sie steht jetzt in der Mitte der Bar, direkt vor ihr, die Hände auf der Holzplatte, den Blick auf Wilma gerichtet. Sie lächelt. Die Lachfältchen vertiefen sich, die Mundwinkel ziehen sich nach oben, und die dunklen Augen haben einen Glanz, der nicht nur Höflichkeit ist, der tiefer sitzt, der wärmer ist.

Wilma legt das Handy auf die Bar. Bildschirm nach unten. Sie richtet den Rücken, und die offene Bluse bewegt sich, der Kragen weicht ein Stück zur Seite, der Streifen Haut wird minimal breiter. Sie greift nach ihrem Glas, trinkt, und der Wein rinnt kühler hinunter als zuvor, als hätte die Geste etwas verändert, eine Temperatur, einen Rhythmus.

Die Barkeeperin hat sich bewegt. Sie steht jetzt drei Hocker weiter, diesmal auf der gleichen Seite der Bar, näher an Wilma. Sie hat ein Glas in der Hand, poliert es mit dem Tuch, hält es gegen das Licht, dreht es, poliert weiter. Ihre Bewegungen sind langsam, präzise, und sie schaut nicht herüber. Aber sie hat sich näher aufgestellt. Wilma bemerkt das. Sie bemerkt auch, dass die Barkeeperin die Schultern anders hält als zuvor, leicht zurückgenommen, die Brust angehoben, als würde sie sich dehnen, ohne sich tatsächlich zu dehnen.

Wilma blickt auf ihr Weinglas. Der Wein spiegelt das Licht der Bar, eine , gekrümmte Reflexion der Deckenspots, die sich bewegt, wenn sie das Glas anhebt. Sie trinkt. Setzt ab. Die Barkeeperin hat das Glas abgestellt und kommt näher. Zwei Hocker. Einer. Sie steht direkt vor Wilma, die Hände auf der Holzplatte, das Tuch über der Schulter.

„Darf ich Ihnen noch etwas bringen?”

Ihre Stimme ist dunkler, als Wilma erwartet hat, mit einem leichten Hauch von etwas, das nach Süßholz klingt, vielleicht ein Bonbon, das sie vorher im Mund hatte. Wilma blickt auf. Die Barkeeperin hat dunkle Augen, das Braun so tief, dass es im Licht der Bar fast schwarz wirkt. Kleinste Lachfältchen an den Augenwinkeln, die sich nicht vertiefen, weil sie nicht lächelt. Sie wartet.

Wilma hält ihren Blick. Diesmal nicht wegsehen, nicht auf das Glas, nicht auf die Holzplatte, nicht auf das Handy. Sie blickt in die dunklen Augen der Barkeeperin und spürt, wie sich etwas in ihrem Brustkorb zusammenzieht, nicht unangenehm, eher wie ein Muskel, der sich dehnt, nachdem er lange angespannt war. Sie spürt den offenen Kragen ihrer Bluse, den Streifen Luft, der auf die freigelegte Haut trifft, kühl und präsent.

„Im Moment nicht, danke.”

Die Worte kommen ruhig, die Stimme so gleichmäßig, wie sie es bei Kundenbesprechungen gelernt hat, in Verhandlungen, in Momenten, in denen der Puls schneller schlägt, als der Tonfall verraten darf. Die Barkeeperin hält den Blick noch eine Sekunde, dann lächelt sie. Die Lachfältchen vertiefen sich, die Mundwinkel ziehen sich nach oben, und für einen Moment legt sich etwas über ihr Gesicht, das nicht nur Höflichkeit ist. Dann nickt sie, greift nach dem Tuch auf ihrer Schulter, wischt über die Holzplatte vor Wilma, ohne dass dort etwas zu wischen wäre, und geht zurück zum anderen Ende der Bar.

Wilma atmet aus. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hat. Der Wein im Glas ist fast leer, ein letzter Schluck, der die Wand des Glases benetzt. Sie greift nach dem Handy, dreht es um. Das Display leuchtet. Eine Nachricht von Ines. Und darunter, in der Gruppenansicht, zwei neue Bilder.

Sie öffnet Ines’ Nachricht zuerst.

Ines: „Und? Wie war der Blick? 😏”

Wilma blickt auf. Die Barkeeperin steht am anderen Ende der Bar, den Rücken zu ihr gewandt, sortiert Flaschen in das Regal. Ihre Schulterblätter zeichnen sich unter dem weißen Hemd ab, wenn sie die Arme hebt. Wilma betrachtet die Bewegung, die Art, wie das Hemd sich spannt und löst, wie die Schürze sich um die Taille legt. Sie blickt auf das Display.

Wilma: „Du stellst komische Fragen.”

Ines: „Das war keine Antwort. Ich frage nochmal: Wie war der Blick?”

Wilma zögert. Ihre Finger schweben über der Tastatur, und sie spürt das Pochen in der Schläfe, das seit dem Morgen da ist, aber jetzt einen anderen Rhythmus hat, schneller, flacher. Sie tippt.

Wilma: „Sie hat dunkle Augen.”

Ines: „Aha. Und?”

Wilma: „Und sie hat nicht weggeschaut.”

Ines: „Natürlich hat sie nicht weggeschaut. Du bist eine attraktive Frau, die gerade einen Knopf geöffnet hat und ihr in die Augen geschaut hat. Was soll sie tun, wegrennen?”

Wilma legt das Handy auf die Bar. Sie greift nach dem Glas, trinkt den letzten Schluck, und der Wein rinnt leer durch den Glasboden. Sie stellt das Glas ab, und es klingt heller als zuvor, das leere Glas auf dem Holz, ein klarer, kurzer Ton. Die Barkeeperin dreht sich um, blickt auf das leere Glas, blickt auf Wilma.

„Noch eins?”

„Bitte.”

Die Barkeeperin holt die Flasche aus dem Kühlregal. Sie gießt langsam, der Wein rinnt in einem dünnen Strahl ins Glas, und sie hält die Flasche in einem Winkel, der genau genug ist, um den Tonfall zu kontrollieren, mit dem der Wein die Glaswand trifft. Sie stellt die Flasche ab, schiebt das Glas über die Holzplatte zu Wilma, und dabei streifen ihre Finger die Oberfläche des Tresens, ein paar Zentimeter von Wilmas Hand entfernt. Wilma sieht die Finger, die kurzen, gepflegten Nägel, den schmalen Silberring am Ringfinger, der im Licht aufblitzt. Dann zieht die Barkeeperin die Hand zurück.

Das Handy vibriert.

Ines: „Neue Bilder in der Gruppe. Schau dir das zweite an.”

Wilma öffnet die Gruppenansicht. Das erste Bild ist ein Textbeitrag, jemand fragt nach Treffmöglichkeiten in der Nähe von Köln. Das zweite Bild lädt, der Fortschrittsbalken kriecht über das Display. Dann erscheint es. Eine Frau, fotografiert von oben, der Blick in die Kamera gerichtet, der Mund leicht geöffnet, die Lippen glänzend, als wären sie gerade befeuchtet. Sie trägt ein Top, das tief ausgeschnitten ist, und die Brüste drücken sich gegen den Stoff, die Konturen der Brustwarzen durch das Material sichtbar. Darunter der Text: „Wer schreibt mir, was er mit mir anstellen würde?”

Wilma spürt, wie sich die Wärme im Unterleib verdichtet. Sie blickt kurz auf, die Barkeeperin ist drei Hocker entfernt, poliert wieder ein Glas, und diesmal schaut sie nicht herüber. Wilma wendet sich wieder dem Display zu. In der Gruppe hat jemand auf das Bild geantwortet: „Ich würde dich auf den Rücken legen und dir die Beine breit machen.” Ein anderer: „Schöne Titten. Mehr zeigen.”

Sie wechselt zu Ines.

Wilma: „Gesehen.”

Ines: „Gut, oder?”

Wilma: „Gut.”

Ines: „Bist du noch allein in der Bar?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Die Barkeeperin noch da?”

Wilma blickt auf. Die Barkeeperin hat das Glas abgestellt, steht jetzt mit verschränkten Armen am Regal, den Blick auf ihr eigenes Handy gerichtet. Sie tippt etwas, vielleicht eine Nachricht, vielleicht liest sie nur. Ihr Gesicht ist entspannt, die Lachfältchen sind geglättet, die dunklen Augen bewegen sich über das Display.

Wilma: „Ja. Sie steht am anderen Ende.”

Ines: „Gut. Dann kommt die zweite Aufgabe.”

Wilma wartet. Die drei Punkte erscheinen auf dem Display, tanzen, verschwinden. Die Barkeeperin steckt ihr Handy in die Tasche der Schürze und beginnt, die Flaschen im Regal umzustellen. Sie dreht eine Flasche um, sodass das Etikett nach vorne zeigt, dann die nächste. Wilma betrachtet ihre Hände, wie sie die Flaschen greifen, die Finger, die sich um die Flaschenhälse schließen, die kontrollierten, präzisen Bewegungen.

Die Nachricht kommt.

Ines: „Streich dir mit der Hand über den Hals. Langsam. Von unten nach oben. Und lass die Hand oben liegen, auf der Haut, wo der Knopf jetzt offen ist.”

Wilma liest die Nachricht. Sie liest sie noch einmal. Dann blickt sie auf ihre Hände, die auf der Holzplatte liegen, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel kurz und unlackiert. Die rechte Hand löst sich von der Platte, hebt sich, und Wilma führt sie an ihren Hals. Die Fingerspitzen berühren die Haut unter dem Kinn, dort, wo der Knochen ansetzt, und sie beginnt, die Hand nach unten zu führen. Langsam, wie Ines es geschrieben hat. Die Fingerspitzen gleiten über die Haut, über den Halsansatz, über das Schlüsselbein, das jetzt frei liegt, weil der Knopf offen ist. Sie spürt ihre eigene Berührung, die Wärme der Finger auf der kühleren Haut, und sie spürt, wie sich die Haare an den Armen aufrichten, eine Gänsehaut, die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen ausbreitet.

Die Hand liegt oben. Auf der Haut, wo der Knopf offen ist. Wilma lässt sie dort, die Finger locker, die Handfläche leicht auf dem Brustbein. Die Bluse hat sich weiter geöffnet, der Streifen Haut ist breiter, und wenn sie nach unten blickt, sieht sie den Ansatz der Brüste, die Wölbung, die unter dem Stoff der Bluse beginnt, den weißen Rand des BHs, der sich durch die Öffnung schiebt.

Sie blickt nicht nach unten. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht. Sie steht am Regal, die Hände an den Seiten, und sie schaut. Direkt auf Wilma. Direkt auf die Hand, die auf dem Brustbein liegt. Direkt auf den offenen Kragen, den Streifen Haut, den Rand des BHs.

Wilma hält den Blick. Die Barkeeperin hält den Blick. Keine von beiden bewegt sich. Die Jazzmusik aus den Lautsprechern hat einen neuen Takt eingesetzt, ein Saxophon jetzt, das eine langsame, geschwungene Linie zieht. Wilma spürt, wie sich ihre Brust unter der Hand hebt und senkt, wie die Atemzüge tiefer werden, langsamer, als würde sie versuchen, den Rhythmus der Musik aufzunehmen. Die Barkeeperin bewegt sich nicht. Ihre Augen sind dunkel, die Lachfältchen sind verschwunden, und ihr Mund ist leicht geöffnet, die Lippen entspannt.

Dann bricht die Barkeeperin den Blick. Sie wendet sich ab, greift nach einer Flasche, stellt sie um, greift nach der nächsten, und ihre Bewegungen sind schneller als zuvor, weniger kontrolliert, die Schultern höher gezogen.

Wilma nimmt die Hand vom Hals. Sie greift nach dem Weinglas, trinkt, und der Wein rinnt kühler hinunter, als hätte die Berührung der eigenen Haut eine Temperatur erzeugt, die sich jetzt mit dem Wein verbindet. Das Handy vibriert.

Ines: „Und? Hast du es gemacht?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Wie war es?”

Wilma zögert. Ihre Finger liegen auf dem Display, der Daumen bereit zum Tippen, aber sie findet die Worte nicht sofort. Sie blickt auf. Die Barkeeperin steht am Regal, den Rücken zugewandt, aber sie hat sich nicht weiter bewegt. Sie steht einfach da, die Hände an den Flaschen, aber sie sortiert nicht. Sie wartet.

Wilma: „Sie hat zugesehen.”

Ines: „Die Barkeeperin?”

Wilma: „Ja.”

Ines: „Gut. Sehr gut. Und? Wie hat es dir dabei?”

Wilma liest die Frage, und ihre Finger bewegen sich über das Display, tippen, löschen, tippen wieder. Sie blickt auf das leere Glas vor ihr, auf die Holzplatte, auf das Handy. Sie blickt auf den offenen Kragen ihrer Bluse, den Streifen Haut, der jetzt im Licht der Bar liegt, sichtbar für jeden, der vorbeigeht. Niemand geht vorbei. Die Bar ist leer, außer ihr und der Barkeeperin.

Wilma: „Es hat mir gefallen.”

Ines: „Sehr gut. 😈 Dann bist du bereit für die dritte Aufgabe.”

Wilma betrachtet die Nachricht. Das Teufelchen-Emoji am Ende, der Schwanz, der grinsende Mund. Sie blickt auf. Die Barkeeperin hat sich umgedreht, und sie steht jetzt in der Mitte der Bar, direkt vor ihr, die Hände auf der Holzplatte, den Blick auf Wilma gerichtet. Sie lächelt. Die Lachfältchen vertiefen sich, die Mundwinkel ziehen sich nach oben, und die dunklen Augen haben einen Glanz, der wärmer ist.

Wilma greift nach dem Handy. Sie entsperrt das Display, und die Nachricht von Ines leuchtet ihr entgegen, die drei Punkte, die andeuten, dass Ines bereits tippt, dass die nächste Aufgabe schon auf dem Weg ist. Wilma hält den Blick der Barkeeperin noch einen Moment, dann senkt sie die Augen auf das Display, und ihre Finger umfassen das Handy, fest genug, dass das Plastik des Cases unter ihrem Griff leicht nachgibt.

Die Barkeeperin räumt das leere Weinglas ab, und ihre Finger streifen dabei über die Holzplatte, genau an der Stelle, wo Wilmas Hand lag. Die Berührung ist zufällig, beiläufig, aber sie dauert einen Moment zu lang, als wäre die Hand zögerlich, sich zurückzuziehen. Dann geht die Barkeeperin zum anderen Ende der Bar, und ihre Schritte sind gleichmäßig, der Rhythmus eines Menschen, der gelernt hat, in einer Bar zu gehen, als würde er über Wasser wandern.

Wilma blickt auf das Display. Ines’ Nachricht ist angekommen.

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Kallematz19
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14 Std. vor

Was ist so interessant an der Geschichte das der Text wiederholt wird?

Baldeagle
Erfahren
15 Std. vor

Bitte lass die Geschichte hier nicht enden.

2
0
Würde mich über Ihre Gedanken freuen, bitte kommentieren Sie.x