Verborgene Begierde – In den Fängen der Technik (Kapitel 1-7)
Veröffentlicht amMit dieser Geschichte habe ich den Beginn meiner Karriere als Pornodarstellerin verarbeitet. Natürlich habe ich einige der Geschehnisse dramaturgisch angepasst. Aber im Großen und Ganzen kann dieses Werk schon beinahe als autobiografisch angesehen werden – und Melissa als mein Spiegelbild. Viel Spaß beim Lesen!
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Worum geht’s?
Melissa kämpft gegen ihre Schulden. Als eine Freundin versucht, sie in die Erotikindustrie einzuführen, lehnt sie ab – vor allem wegen ihrer Abneigung gegen Sex mit fremden Menschen. Doch als sie von einem lukrativen Filmprojekt erfährt, ändert sich alles: Sex mit einer Maschine.
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1.
Biep! Biep! Biep!
Das Piepen der Kasse klang hektisch. Die Kassiererin riss die Produkte über den Scanner, als würde sie mit Akkordlohn bezahlt werden. Eine ältere Dame, wahrscheinlich in den späten Achtzigern, hatte aufgrund dieser Geschwindigkeit ihre Probleme damit, die Einkäufe in einer der beiden Stofftaschen
Melissa kaute unterdessen nervös auf ihrer Unterlippe. Sie wäre als Nächste an der Reihe. Aufgeregt betrachtete sie die Produkte, die sie selbst auf das Band gepackt hatte und rechnete das zusammen, was sie in wenigen Minuten bezahlen musste.
Biep! Biep!
Mit einer energischen Handbewegung zog die Kassiererin eine Packung Toastbrot über den Scanner.
»Vierundvierzig glatt«, raunte sie der alten Dame entgegen, ohne den Blick zu heben. Sie zog den Warentrenner vom Band, nur um diesen mit Wucht in die Gleitschiene zu pfeffern, an dessen Ende er mit einem hohlen Knall auf einen seiner Artgenossen traf.
Verdammt!, dachte Melissa und verlor für einen Moment den Überblick. Sie hatte sich verzählt.
Während die betagte Frau mit zittrigen Händen das geforderte Geld aus einer Altdamenhandtasche kramte, begann sie abermals zu zählen. Drei Euro, fünf Euro fünfzig, sieben Euro …
Nach einer Weile kniff sie die Augen zusammen. Das würde knapp werden. Ein kalter Schauer zog durch ihren Körper und Schweiß trat auf ihre Stirn. Bitte!
Die alte Dame hatte den Bezahlvorgang abgeschlossen und beförderte die eilig und schlecht gepackten Beutel in einen Korb, der an ihrem Gehwagen befestigt war. Sie setzte sich ächzend in Bewegung. Auf wackeligen Beinen trat Melissa einen Schritt vor und begrüßte die Verkäuferin mit einem gespielt fröhlichen Lächeln, das diese mit einem recht gleichgültigen Nicken beantwortete.
Ware um Ware zog die Kassiererin über den Scanner, während Melissa alles in eine große Papiertüte verstaute. Der Betrag auf dem Kassendisplay wuchs stetig und blieb bei etwas unter dreißig Euro stehen. Noch bevor die Angestellte die Summe nennen konnte, kam Melissa ihr zuvor.
»Mit Karte, bitte.«
»Hm«, antwortete die Frau abwesend und tippte etwas auf ihrem Display ein. Das Kartenlesegerät erwachte zum Leben. Zögerlich hielt sie ihre Bankkarte seitlich an das Gerät. Ein bestätigendes Piepen erklang, dann begann eine Sanduhr auf dem Anzeigegerät zu rotieren. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Der Vorgang zog sich quälend in die Länge. Eigentlich muss die Freigabe längst da sein, dachte sie. Der Moment der Wahrheit war da. Unter dem wissenden Rasen ihres Herzens spuckte das System ein rotes X aus, das mahnend auf dem Display prangte.
»Hat nicht geklappt«, schmatzte die Kassiererin achselzuckend. Versuchen Sie es noch einmal.
Melissa tat wie ihr geheißen, obwohl sie wusste, dass auch ein zweiter, dritter und gar vierter Anlauf auf dasselbe Ergebnis bringen würde. Ein unerträglicher Kloß bildete sich in ihrer Kehle, als das rote X erneut aufleuchtete. Sie wollte verschwinden, sich auflösen, unsichtbar werden. Sie schloss die Augen und seufzte. Die Blicke der umstehenden Menschen bohrten sich wie Nadeln in ihren Rücken. Hinter ihr hörte sie einen Mann genervt Stöhnen. Sie sah ihn an und fühlte sich in diesem Moment unendlich klein. Klein und gescheitert.
»Ist die Karte defekt?«, raunte die Kassiererin gleichgültig. »Haben Sie eine andere?«
»Nein«, wisperte Melissa. »Nur diese.«
»Manchmal hilft es, wenn man die Karte über die Bluse zieht.«
Die Angestellte machte Anstalten, nach dem Zahlungsmittel zu greifen, doch Melissa war schneller. »Schon gut«, flüsterte sie. Sie spürte die Blicke der umstehenden Menschen, die auf ihr lagen, sich in sie hineinbohrten und durchlöcherten. Dann setzte etwas in ihr aus und sie spurtete los, ließ die Einkäufe und verdutzt dreinguckende Kunden hinter sich.
Als sie den Ausgang erreichte, knarzten die Lautsprecher los: »Storno an Kasse drei. Herr Delling, Storno an Kasse drei.«
2.
Melissa eilte durch die Straßen. Warme Sommerluft umgab sie. Der frühabendliche Himmel hatte sich zugezogen und erste Regentropfen fanden ihren Weg auf den aufgeheizten Asphalt Hamburgs, auf dem sie schnell verdunsteten. In der Ferne grollte Donner und kündigte ein Gewitter an. Doch das war ihr egal. Ihre Gedanken kreisten um das, was vor wenigen Minuten im Supermarkt passiert war.
Sie schämte sich. Denn es war kein Kartendefekt, der ihren Einkauf ruiniert hatte. Nein. Das wäre akzeptabel gewesen. Tatsächlich war sie schlicht und ergreifend pleite. Pleite wie eine Kirchenmaus, vielleicht sogar schlimmer. Am Vortag hatte ihr Konto einen müden Stand von -456 € aufgewiesen. Obwohl ihr Banklimit noch nicht ganz erschöpft war, hatte die Bank heute ihren Einkauf abgelehnt. Vermutlich war über Nacht eine Abbuchung eingegangen, die den verbliebenden Spielraum aufgefressen hatte.
Melissa zermarterte sich den Kopf, was um alles in der Welt sie unternehmen konnte, um den jämmerlichen Füllstand ihres Kühlschranks aufzubessern.
Auf ein Gehalt konnte sie dabei nicht hoffen, denn ein solches würde nicht kommen.
Ein Tropfen lief ihr übers Gesicht – eine Träne, dachte sie. Doch als der Regen zunahm, fühlte sie sich, als ob selbst der Himmel ihre Last teilte, als würde das dunkle Gewölk ihre Verzweiflung verstärken. Der Blitz, der über die Dächer zuckte, ließ sie zusammenzucken. War es der Donner oder ihr eigenes Herz, das so laut schlug? Sie war wie betäubt, fühlte sich bereits mit ihren zweiundzwanzig Lebensjahren gescheitert.
Dabei war bis vor wenigen Monaten alles gut gewesen. Sie hatte eine abgeschlossene Ausbildung als Mechatronikerin in der Tasche und verdiente gut. So gut, dass sie einen hohen, vierstelligen Betrag an Rücklagen ansparen konnte, der eines Tages als Anzahlung für ein Auto dienen sollte. Doch dann kam ein massiver Anstieg der Energiepreise und machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Werkstatt, in der sie arbeitete, konnte trotz guter Auftragslage plötzlich nicht mehr zahlen, und Personal wurde abgebaut. Melissa, der man dank ihres jungen Alters die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnete, musste ihren Spind räumen.
Zunächst war sie zuversichtlich gewesen, schnell wieder in Lohn und Brot zu kommen, doch es gelang ihr nicht. Ihre Rücklagen schmolzen rasch, denn die teure Mietwohnung, die sie von ihrer verstorbenen Tante übernommen hatte, fraß gierig das, was ihr Portemonnaie herzugeben vermochte.
Wieder schoss ein unangenehmer Schauer durch ihren Körper. Die Miete! Auch diese war in den nächsten Tagen fällig. Der Staat zahlte nur einen geringen Teil der Rate, weil ihre Wohnung als zu groß galt.
Melissa dachte zurück an die Zeiten, als sie stolz ihre erste Gehaltsabrechnung in den Händen hielt. Damals war sie jemand – eine junge Frau mit Perspektiven. Und jetzt? Ein Niemand mit Schulden und einem Kühlschrank voller Nichts. Das Gefühl der Scham kroch wie ein eiskalter Schatten in ihr hoch.
Sie schluckte. Nun war sie sich sicher, dass sie weinte. Sie würde ihr Zuhause aufgeben müssen. Und das war das, was sie mit aller Kraft zu verhindern versucht hatte. Denn die Wohnung war das letzte, das wirklich allerletzte, was ihr von ihrer Tante geblieben war, nachdem diese plötzlich und unerwartet an Krebs verstorben war. Jedes Mal, wenn sie durch die Tür trat, roch sie noch das Parfum ihrer Verwandten, ein Hauch von Apfelsine und Zimt, der ihr zeigte, dass das Zuhause noch immer ein Ort voller Erinnerungen war. Der Gedanke, all das aufzugeben, schnürte ihr die Kehle zu.
Unter ihr Schluchzen und Wehklagen, das einige Passanten dazu nötigte, sich zu ihr umzudrehen, mischte sich der Klingelton ihres Smartphones. Mit zitternden Händen zog sie es aus ihrer Jeans. Das Profilbild von Lara, Melissas bester Freundin, prangte auf dem Display.
»Ja?«, schniefte sie, nachdem sie das Gespräch angenommen hatte. Eine kurze Stille folgte.
»Weinst du?«, erklang die Stimme Laras sorgenvoll. Melissa antwortete nicht. »Ist etwas passiert?«
»Nein«, log sie kleinlaut. »Alles gut.«
»Erzähl das dem Weihnachtsmann«, lehnte ihre Freundin ab. »Raus mit der Sprache!«
Sie zögerte für einen Moment. Dann begann sie zu berichten, was im Supermarkt zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen passiert war. Wie elendig sie sich unter den Blicken der Kunden und Angestellten gefühlt hatte. Wie der Stornoausruf in ihrer Brust geschmerzt hatte. »Und weißt du was? Nächste Woche ist die verfickte Miete fällig!«
Lara schwieg für einen Moment. Dann begann die Frau am anderen Ende der Leitung, die normalerweise vor Selbstsicherheit nur so überquoll, scheu zu reden. »Also weißt du, ich könnte dir noch einmal aufhelfen.«
»Nein!«, entgegnete Melissa scharf und ballte die freie Hand zur Faust. »Nein, Lara. Nicht schon wieder. Du hast mir erst …«
»Ich kann dir noch mehr geben als die tausend Euro neulich!«
»Ich will das nicht, Lara. Mehr Schulden ziehen mich nur tiefer rein.«
»Schwachsinn. Du musst nicht nur an die Schulden denken, sondern auch an dich und deinen Kühlschrank. Ohne Scheiß. Eine halbverhungerte bekommt nirgends einen neuen Job. Und du bist ohnehin schon so dürr.«
»Ich bin nicht dürr«, erwiderte Melissa pikiert. Sie war schlank, was bei ihrer Größe von gut einen Meter achtzig besonders auffiel, aber dürr bestimmt nicht.
»Wortklauberei«, konterte Lara. »Fakt ist, dass du dir einen leeren Kühlschrank nicht erlauben kannst.«
Melissa grummelte säuerlich. »Okay, stellen wir uns vor, ich bekäme wieder nen Tausender von dir. Was bringt mir dieser? Der ist schneller weg, als mein Konto Miete oder Abbuchung buchstabieren kann. Es bringt also nichts. Und außerdem will ich mir wirklich nichts mehr leihen. Wirklich! Da verhungere ich lieber.«
»Und verlierst deine Wohnung.«
Melissa schluckte. »Zur Not auch das«, log sie mit aufgesetzter Entschlossenheit. »Das ist besser, als von links und rechts ständig Geld anzunehmen, ohne dieses jemals zurückzahlen zu können.«
In der Leitung herrschte Stille. Die Freundinnen schwiegen. Die Zeit verging, ohne dass das Gespräch fortgesetzt wurde. Und doch legten sie nicht auf. Nach gut vier Minuten war es Lara, die das Schweigen durchbrach.
»Hast du über das nachgedacht, was ich dir neulich vorgeschlagen habe?«
»Was meinst du?«
Lara seufzte. »Du weißt genau, was ich meine.«
Das wusste Melissa wirklich. Pornos.
»Ich will das nicht, das weißt du …«
Wieder erklang ein lautes Seufzen, dieses Mal genervter als zuvor. »Schatz, dir zu helfen ist nicht einfach. Du willst keine Geld nehmen, das man dir freundschaftlich anbietet. Du willst nicht deine arschteure Wohnung aufgeben. Du willst keine Minijobs annehmen …«
»Die mir überhaupt nichts bringen! Mit den paar Piepen komme ich auch nicht über die Runden.«
»Und du willst auch sonst nichts tun!«, setzte Lara unbeeindruckt fort. »Ich habe dir schon oft gesagt, wie hübsch du bist. Ich kennen kaum eine zweite Frau, die so tolles, blondes Haar hat wie du. Die eine solche top Figur hat, wenn auch vielleicht mit ein oder zwei Kilos zu wenig. Du könntest dir vor der Kamera ein paar gute Euros verdienen, ohne viel Zeit aufzuwenden. Und wenn eines Tages bessere Zeiten anbrechen, hörst du einfach auf damit. Glaube mir, ich weiß wovon ich spreche.«
Das wusste Lara wirklich. Denn sie war schon seit gut drei Jahren als Pornodarstellerin und Webcammodel unterwegs. Und das mit wachsendem Erfolg. Aus irgendeinem Grund standen die Männer, ihre Fans, auf sie – eine Frau in den späten zwanzigern, mit knallrot gefärbten Haaren, dezent aufgespritzten Lippen und prallem C-Körbchen mit italienisch-deutschem Charme, der aus ihren Augen sprühte.
Lara passte in das von ihr gewählte Leben. Melissa hingegen nicht.
»Ich habe doch noch nicht einmal Titten«, schimpfte sie. »Und überhaupt, diese Branche ist nichts für mich.«
»Das weiß man erst, wenn man es einmal versucht hat«, entgegnete Lara. »Und hör bitte auf, ständig über deine Möpse zu schimpfen. Es gibt viele Männer, die auf Skinnys stehen. Geh mal auf so eine doofe Pornoseite und sieh dir an, wie viele Videos es in diesen Kategorien gibt!«
»Du hast leicht reden, Lara«, wetterte Melissa. Doch waren ihre Brüste nicht die einzigen Gründe für ihre ablehnende Haltung gegenüber der Schmutzfilmindustrie. Das, was sie hauptsächlich davon abhielt, sich vor der Kamera ficken zu lassen, war schlicht und ergreifend die Tatsache, dass sie sich nicht von fremden Männern berühren lassen wollte.
»Ich will mich nicht vor fremden Männern ausziehen – und schon gar nicht vor Millionen von Zuschauern.«
Sie hörte, wie Lara tief durchatmete, als würde sie zum hundertsten Mal ein Argument entkräften müssen. »Es geht nicht um irgendwelche Typen, Melissa. Es geht um dich. Vielleicht könntest du das auch so sehen: Du kannst das tun, um dir zu helfen, um unabhängig zu bleiben. Und das ist nur ein Tipp. Ich kann von den Gagen mehr als nur gut leben.«
Melissas Gedanken kreisten. »Mag sein, dass ich voreingenommen bin. Vielleicht habe ich bislang nur schlechte Pornos gesehen. Aber die, die ich kenne, reichen, um mich abzuschrecken.«
»Aber warum denn genau? Was ekelt dich daran? Was hast du gesehen?«
Melissa überlegte. In ihren Gedanken explodierten Bilder von verschwitzten, dicken Männerleibern, überaus behaart und unförmig, die über zierliche Frauen hinweg walzten und ihre komisch krummen Penisse in diese bohrten. Kaum hatte sie ihre Meinung ausgesprochen, lachte Lara lauthals auf.
»Du kennst wirklich nicht viele Pornos!«
»Hm.«
»Du musst dir mal die guten ansehen. Die aus renommierter und hochwertiger Produktion. Glaub mir – das ist nicht, wie du denkst. Da sind keine haarigen, widerlichen Typen. Wir sind alle Profis.«
Sie stockte, suchte nach den richtigen Worten. »Ich kenne die Männer, mit denen ich arbeite. Keine unangenehmen Berührungen. Klar, es ist Arbeit, aber sie verstehen mich – sie respektieren mich.«
Melissa schnaubte leise. Wie konnte so etwas überhaupt Respekt beinhalten? Und doch, Laras ruhige Stimme machte es fast … akzeptabel. Trotzdem sträubte sich das misstrauische Wesen tief in ihrer Seele.
»Blödsinn …«
»Hast du mal einen meiner Filme gesehen?«
»Nein«, antwortete Melissa knapp. Und das war die Wahrheit. Sie hörte sich zwar regelmäßig Laras Geschichten von den Produktionstagen an, doch eines ihrer Video hatte sie nie angeklickt. Irgendwie brachte sie es nicht über sich, ihre beste Freundin zu sehen, wie sie sich des Geldes wegen verscherbelte, benutzt und vollgespritzt wurde, wie es bei fast jedem ihrer Filme geschah.
Wieder entstand ein längeres Schweigen. Abermals war es Lara, die es brach.
»Also nur mal als Information am Rande. Ich bekomme mittlerweile mit vier bis fünf Drehs im Monet so viel, dass es ein sehr gutes Gehalt ersetzt. Und dazu kommen noch die Gelder von meiner Website, den Fanportalen und Webcamshows. Es geht mir mit diesem Lebensstil sehr, sehr gut, Süße, und das kannst du auch haben. Ich habe Kontakte und kann dir ein Casting besorgen. Du musst es nur wollen.«
Ein Teil von Melissa wollte Lara anschreien, wollte sich wehren gegen die Idee, ihre Werte und Prinzipien zugunsten der Überlebensnotwendigkeit über Bord zu werfen. Hatte sie sich nicht immer geschworen, sich von niemandem verbiegen zu lassen? Aber die Realität schien stärker. Ihre Prinzipien gegen die Notlage … ein ungleicher Kampf. Und doch war die Verlockung von so viel Geld eine kurze Überlegung wert. Ein kleiner, spitzzüngiger Gedanke flüsterte in ihr Ohr, dass sie zumindest mit Nacktheit kein Problem hatte. Saunabesuche und Aufenthalte an FKK-Stränden kosteten ihr nie Überwindung. Aber Sex vor einer Kamera mit Millionen von notgeilen Menschen als Zuschauer vor den Bildschirmen? Das war etwas anderes. So kam sie wieder zu demselben Schluss.
»Nein. Ich werde nicht mit fremden Männern schlafen. Basta.«
»Okay. Und hast du schon einmal an Lesbensex…«
Melissa unterbrach sie. »Und mit Frauen erst recht nicht.«
Sie spürte, wie sie rot wurde und legte auf, noch bevor Lara antworten konnte. Der Regen wurde stärker, prasselte schwerer. Tropfen perlten auf ihrem Gesicht und vermischten sich mit den Tränen, die nun unaufhaltsam flossen. Was sollte sie tun? Das Gewitter schien über ihr und in ihr zu toben, als sie langsam weiterging, allein, unter einem Himmel, der ebenso dunkel war wie ihre Sorgen und Gedanken.
3.
Melissa schlief unruhig und schreckte immer wieder aus schweißgebadeten Träumen hoch. In ihnen verspotteten die Menschen sie wegen ihrer Geldnot, während Lara im Hintergrund Geldscheine zählte und aufreizend grinsend in Dessous posierte.
Der Morgen begann so wie der vorherige – mit einem flauen Gefühl im Magen. Das lag nicht nur an dem Hunger, der sie plagte, sondern an der Belastung, die ihre finanzielle Situation seit Monaten verursachte.
Müde trat sie vor den Spiegel, musterte ihr Gesicht, das trotz der Sorgen jung wirkte, und die großen, grünen Augen, die ihr jetzt fast fremd vorkamen. Ihre Blicke glitten tiefer, blieben an den feinen Erhebungen ihres Körpers hängen, die sich unter dem dünnen Stoff des Nachthemds abzeichneten. Sie rümpfte die Nase und machte sich nicht die Mühe, die Unzufriedenheit über ihre Kurven vor dem Spiegel Ausdruck zu verleihen.
Ihr Smartphone vibrierte. Müde betrachtete sie das Display, das zwei Chatnachrichten von Lara anzeigte. Sie entsperrte das Gerät und öffnete den Messenger. Es handelte sich um eine Sprachnachricht, sowie um einen Link, der auf eine Kleinanzeigenseite zu führen schien. Melissa tippte das Audiofile an.
»Hey Süße!«, begann Lara mit fröhlicher Stimme. »Du hast mir deine Abneigung gegenüber gewisser Filme zwar deutlich zum Ausdruck gebracht …«
Sie seufzte und konnte sich denken, auf was die Nachricht hinauslaufen würde, »aber ich habe trotzdem meine Fühler ausgestreckt. Und tadaaaa, ich habe etwas gefunden, das selbst dich prüde Kartoffel interessieren könnte.«
Melissa runzelte die Stirn. Eine prüde Kartoffel? Sie schnaubte und wandte sich brummend ab. Ihr Blick fiel in den Badezimmerspiegel. Sie schob ihre Haare strenger nach hinten und sah ihre grimmig verzogene Stirnfalte – doch ganz abschütteln konnte sie Laras Worte nicht. Bin ich wirklich so verklemmt?
Wieder wanderte ihr Blick zum Handy. Sie biss die Zähne zusammen und griff grimmig nach der Zahnbürste. Fast schon stur wischte sie Laras Vorschlag aus ihren Gedanken und hielt die Bürste unter das kalte Wasser, als ob die Kälte auch ihr Bewusstsein abkühlen könnte. Aber das verdammte Handy lag da immer noch und glimmte in der Dunkelheit des Badezimmers. Vielleicht ist der Link auch nur Blödsinn … oder ein Witz? Sie putzte sich hastig die Zähne. Dann schaute sie erneut auf das Handy, als ob es sie mit einem stummen Drängen verspottete.
Was ist das wohl für ein Link? Widerwillig spuckte sie aus, reinigte die Bürste und schnappte sich das Smartphone. „Ach, was soll’s,“ murmelte sie, fast trotzig. Sie entsperrte es, öffnete den Messenger und klickte auf Laras Link, den Atem flach haltend – als ob sie damit eine Grenze überschritt. Die Anzeige, die sich aufbaute, ließ ihre Augen aufblitzen. Kategorie Erotik.
„Aha, typisch Lara,“ murmelte Melissa skeptisch, während sie die Annonce las. „Eine besondere Anfrage, alles klar. Was jetzt, Gangbang oder irgendwas völlig Abstruses?“ Sie grinste und schüttelte sachte den Kopf. Aber als sie weiterlas, runzelte sie die Stirn und stutzte.
Für neuartiges Themenformat in der Pornosektion werden Darstellerinnen gesucht. Gute Vergütung. KEIN SEX.
»Kein Sex?«, las Melissa erneut und musste an die erotischen Clips denken, die nachts auf diversen TV-Kanälen liefen.
Was muss die Darstellerin mitbringen?
Neben der Bereitschaft, Sextoys zu nutzen, sollte die Interessentin keine Abneigung gegenüber Vaginal- und Analaktivitäten vorweisen.
»Hm«, grübelte Melissa. Klingt irgendwie doch nach Sex.
Klartext: Es handelt sich um ein im deutschen Raum innovatives Format, in dem die Darstellerin vom Produzenten interviewt wird. So erfährt der spätere Betrachter etwas von der Frau und lernt sie kennen. Dabei spielen erotische und versaute Themen eine große Rolle. Das Besondere ist, dass diese während des Interviews in einem Bett liegt und Sex hat.
»Ha! Ich wusste es!«
Aber nicht im herkömmlichen Sinne und mit einem menschlichen Partner. Nämlich mit einer Sexmaschine.
Mit einer was?, dachte Melissa und ihr Mund klappte herunter. Sie las den letzten Absatz erneut. Tatsächlich stand da Sexmaschine. Sie lachte heiser auf. Was hatte Lara ihr da nur zugeschickt?
Während die Darstellerin Fragen beantwortet, wird sie von jener Maschine »Bearbeitet«. Dazu wird regelmäßig per Glücksrad bestimmt, ob dies vaginal oder anal stattfindet.
Zur Sexmaschine: bei dem Prachtstück handelt es sich um ein Gerät, das in variabler Geschwindigkeit mit einer Stange hervorstößt, die mit einem Dildo (Achtung: Normalformat) an der Spitze ausgestattet ist. Solche Maschinen erfreuen sich steigender Beliebtheit, vor allem im Bereich des BDSM, aber auch in privaten Haushalten sind sie häufiger zu finden.
Melissa traute ihren Augen nicht. Ein solcher Trend war definitiv an ihr vorbeigegangen.
Wenn du, werte Interessentin, auf eine wahrhaft besondere Erfahrung aus bist, so zögere nicht, dich bei mir zu melden. Dein Interesse soll mit 750€ pro Videosession vergütet werden.
Aufwand: Zirka drei Stunden (inklusive Vorgespräch und Vertragsabschluss).
Bonus: Im Erfolgsfall (> 5 Millionen Klicks) wird eine Sondervergütung von 500€ gewährt.
Melissa lachte schallend auf. Vor ihrem inneren Auge lag sie auf einem Bett, während, wie es in der Anzeige hieß, ein absurdes Metallgestell sie mit einem Dildo bearbeitete. Dies war mit absoluter Sicherheit ein Scherz von Lara. Etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen.
Sie wählte ihre Nummer. Es dauerte nur wenige Sekunden, bevor ihre Freundin den Anruf entgegennahm.
»Jaaa?«, fragte sie gedehnt und mit einer unüberhörbaren Spur von Neugier in der Stimme. »Hast du den Link geöffnet?«
»Aber sowas von«, knurrte Melissa. »Wirklich lustig.«
»Das ist kein Witz!«, protestierte Lara. »Gleich nach unserem Gespräch habe ich Marc angerufen – du weißt schon, der Regisseur meiner ersten Filme. Er hat einen Bekannten, der das Format leitet und jemanden wie dich sucht.«
»Jemanden wie mich? Für eine Fickmaschine?«, Melissa konnte ein Lachen kaum unterdrücken.
Lara lachte mit. »Nenn es nicht so, wenn du ihn anrufst! Aber ja, der Typ ist seriös. Der weiß, was er tut. Und vergiss nicht: 750 Euro. Für drei Stunden!«
»Lara…«, begann Melissa zweifelnd, aber sie spürte, dass Laras Worte Eindruck hinterließen. »Glaubst du wirklich, dass ich bei ihm anrufe?«
»Noch nicht. Aber du darfst mich gerne eines Besseren belehren.«
Sie konnte das breite Grinsen ihrer Freundin förmlich durch das Telefon sehen. »Vergiss es.«
»Überlege es dir einfach. Der Typ ist professionell und sehr einfühlsam. Er hat mich auch schon ein paar Mal gefilmt und ich empfand ihn immer als sehr angenehm. Kein widerlicher Typ, sondern ein Normalo, Quais ein Typ von nebenan.«
»Lara …«
»Denk darüber nach, ich muss auch auflegen. Schminken und so. Du weißt, Camshow. Das Business muss laufen. Also bis bald.«
In der nächsten Stunde kam Melissa das Gespräch mit Lara sowie die Onlineanzeige von Minute zu Minute unglaubwürdiger vor und sie fragte sich, ob all das wirklich passiert oder nur Auswüchse ihrer Fantasie gewesen waren.
Nein, der Moment war echt gewesen. Echt und skurril. Womöglich sollte sie den Kontakt zu Lara einschränken. Sie scheint zu sehr in ihrem Pornosumpf festzustecken.
Quatsch!
Sie war ihre beste Freundin, und das schon seit dem .
Plötzlich quietschte die Klappe ihres Postschlitzes und Papier fiel zu Boden. Melissa trotte durch den Flur, dessen alter Dielenboden ein herrlich knarrendes Geräusch verlauten ließ. Ihr sackte das Herz in die Hose, als sie die roten Umschläge sah. Ohne die Briefe zu öffnen, wusste sie, was sie erwartete.
Eine halbe Stunde später saß sie auf dem Boden, die Forderungen in Gesamthöhe von knapp sechshundert Euro zerrissen um sie verteilt. Verzweifelt griff sie nach dem Handy. Mit bebender Hand tippte sie auf Laras Link und wartete – diesmal, ohne wegzusehen.
4.
»Florian Tüchs am Apparat«, drang es auf dem Telefon.
»Ähm«, stammelte Melissa. »Mein Name ist Melissa. Melissa Roggenmann.«
»Hallo Melissa. Ganz kurz vorweg und der Einfachheit halber: ist du okay?«
Der Mann am anderen Ende der Leitung hatte eine tiefe, sympathische Stimme. Sie klang locker und aufgeschlossen.
»Ja. Klar, gerne.«
»Super. Das gefällt mir. Wie kann ich dir helfen?«
»Nun«, begann sie zögerlich. Wie zum Teufel beginnt man ein solches Gespräch? »Ich melde mich wegen deiner Anzeige.«
»Ah, klasse. Wie war noch gleich dein Name? Melissa …«
»Roggenmann.«
»Die Freundin von Lara?«
»Ja, genau die.«
Irgendwie war es seltsam zu hören, dass ein Pornoproduzent, und wie sollte sie ihn anders nennen, ihren Namen kannte. Sie war drauf und dran, wieder aufzulegen.
»Lara meinte, dass du dich für mein Projekt interessieren könntest. Da musste ich natürlich sofort die Anzeige an sie weiterleiten.«
Was sollte Melissa darauf antworten? Interesse hatte sie nun wirklich keines. Es war die Not, die sie zu diesem Anruf getrieben hatte. Unter normalen Umständen würde sie Menschen wie Florian Tüchs meiden.
»Ähm, ja. Deswegen rufe ich an.«
»Du brauchst wirklich nicht nervös zu sein. Ich bin kein Buhmann oder dergleichen. Ich versuche, meine Produktionen locker und freundschaftlich aufzuziehen. Easy peasy, wie man sagen würde.«
Melissa konnte nicht erklären warum, aber sie glaubte seinen Worten. Er klang absolut aufrichtig – und genau diese Aufrichtigkeit konnte sie in ihrer Situation gut gebrauchen.
»Also. Normalerweise läuft es so, dass ich den Interessentinnen eine Mail schicke mit der Rohfassung einer Art Expose, die sie ausgestaltet an mich zurücksenden soll. Mit Fotos und einigen Infos. Damit ich beurteilen kann, ob die Dame zu meinem Programm passt. Aber in deinem Fall können wir den Prozess abkürzen.«
Melissa war verwundert. »Wieso das? Also, nicht dass ich mich beschweren will, aber …«
»Lara hat mir den Namen deines Instagram Profils mitgeteilt. Ich konnte vorab schon recherchieren.«
Hitze stieg in ihr Gesicht. Sie wusste nicht, ob sie diesen Vorgang gutheißen sollte. Aber so war Lara halt. Datenschutz kannte sie nicht – und ein Socialmediaprofil ist nun mal öffentlich.
»Kurzum – wenn du möchtest, kannst du gerne in mein Studio kommen und wir besprechen den Rest. Da können wir auch das vertragliche Regeln.«
Melissa ging während des Gesprächs nervös in ihrem kleinen Wohnzimmer auf und ab. Der Raum wirkte fast drückend auf sie, das Licht gedämpft, die Stapel unbezahlter Rechnungen auf dem Tisch wirkten wie stumme Mahnungen. Sie wischte fahrig über ihre Stirn und wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während sie in das leise Knistern in Florians Stimme am Telefon lauschte.
»Klingt gut«, log Melissa. Nach wie vor wollte sie das Gespräch am liebsten beenden. Ja, sogar das Handy wegzuwerfen war eine Option. Aber sie tat es nicht.
»Vorweg die Frage, ob du die Anzeige im Detail gelesen hast. Damit meine ich im Grunde, ob du dem Konzept des Formates zustimmst. Neulich hatte ich eine junge Frau im Studio, die den Text nicht so gründlich studiert hatte und letztendlich wieder gegangen ist, weil ihr die Anforderungen nicht zugesagt haben.«
Natürlich nickte sie, als könnte er das durchs Telefon sehen. »Ja, ich habe die Anzeige gelesen. Und verstanden.«
»Wunderbar. Das freut mich. Also, jetzt müssen wir nur einen Termin finden. Wie spontan bist du?«
Ich bin arbeitslos – also sehr spontan, dachte sie mit einem Anflug von Selbstironie. »Ich habe Zeit.«
»Heute Nachmittag?«
Melissas Herz stoppte beinahe. Heute? Was? So schnell? Ohne Zeit, sich an den Gedanken dessen, was ihr bevorstünde, zu gewöhnen?
Ihr Mund übernahm wie ferngesteuert das Gespräch. Ihr Hirn dagegen war betäubt.
»Das würde passen.«
»Fantastisch. 16 Uhr?«
»Hm, ja.«
»Alles klar. Ich freue mich. Meine Adresse schreibst du dir am besten gleich einmal auf.«
Florian diktierte Straße und Hausnummer.
»Und eins noch: Mach dir keinen Stress. Ich weiß, das Ganze klingt für die meisten erstmal schräg. Aber am Ende geht es nur um Spaß und Authentizität. Klingt seltsam, aber so ist es. Ich freue mich sehr auf unser Kennenlernen.«
Dann war das Gespräch beendet und Melissa stand eine Weile mit dem Handy in der Hand still da. Ihre Gedanken rasten.
Habe ich mich gerade wirklich zu einem Pornodreh angemeldet? Sie biss sich auf die Lippe, spürte ihr Herz flattern.
Dieser Gedanke war so absurd wie außerirdisch. Und doch war er real. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als die Realität dessen, was sie gerade vereinbart hatte, einsickerte. Sie atmete ein, zwei Mal tief durch und ihre Finger klammerten sich an das Handy, als hinge ihr Leben davon ab.
»Oh Gott!«, rief sie plötzlich. Sie stürmte ins Bad vor den Spiegel. »Oh Gott!«
Sie sah an sich hinab. Sie würde bald vor der Kamera stehen! Oh Gott! Sie würde bald alle Hüllen fallen lassen. Oh Gott! Sie würde bald Sex mit einer Maschine haben. Oh Gott, oh Gott! In ihrer Panik fluteten tausende Gedanken ihren Kopf. Die meisten schrien, dass sie dem Termin fernbleiben sollte. Andere hingegen brüllten, dass dies ein schlechtes Licht auf Lara werfen würde, die für sie den Kontakt hergestellt hatte. Wieder andere protestierten in Anbetracht von Melissas negativen Kontostandes.
Auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Ihr wurde schlagartig klar, dass sie sich noch um sich kümmern musste. Sie rannte voller Aufregung in das Bad. Ich muss duschen!, dachte sie. Und, herrje, rasieren. Und was noch? Hilfe!
5.
Punkt 16 Uhr stand Melissa vor dem Grundstück, das zu der am Telefon durchgegebenen Adresse passte. Doch dabei musste es sich um einen Fehler handeln. Es handelte sich nicht um ein zwielichtiges, heruntergekommenes Gebäude, wie man es erwartet hätte, wenn man ein Pornostudio darin vermutete. Nein. Es war ein schlichtes, gepflegtes Einfamilienhaus, das sich inmitten eines Wohngebietes befand. Verunsichert glich sie die notierte Anschrift mit der Hausnummer ab. Siebzehn. So wie es sein sollte. Sie sah sich um. Hatte sie sich in der Straße geirrt? Sie konnte kein Schild entdecken, da sie zu weit von irgendwelchen Querstraßen oder Kreuzungen entfernt war.
Melissa zog ihr Smartphone heraus und öffnete eine Karten-App. Nein, es bestand kein Zweifel. Der blaue Punkt, der sie auf der Map darstellte, befand sich in der richtigen Straße.
»Hm …«
Zögerlich drückte sie die Klinke des Gartentores herunter und betrat das Grundstück. Auf dem Weg zur Haustür passierte sie ein bunt angelegtes Blumenbeet, in dem Wasser in einer Vogeltränke glitzerte. Schmetterlinge und Hummeln umschwirrten in Scharen einen üppigen Lavendelbusch, von dem ein kräftiger Duft ausging und an toskanische Sommernächte erinnerte. Melissas Verunsicherung wuchs. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Wenn sie an ein Pornostudio dachte, hatte sie, zugegeben, voller Vorurteile, einen schmierigen Hinterhof im Sinn, der sich irgendwo im Stadtteil St. Pauli oder Umgebung in einer unscheinbaren Nebenstraße befand. Doch das Einfamilienhaus erinnerte sie eher an das gepflegte Domizil eines Rentnerpaares, das Zeit, Leidenschaft und einen grünen Daumen aufbringen konnte.
Sie erreichte die Haustür, neben der ein Briefkasten angebracht war. Dieser trug nicht nur den Namen Florian Tüchs, sondern auch den seines Studios. Sie war an der richtigen Adresse.
Melissa biss sich auf die Unterlippe. Soll ich wieder gehen? Irgendwie passt das alles nicht zusammen.
Doch dann kam ihr ein neuer, mahnender Gedanke. Warum zum Teufel freust du dich nicht einfach darüber, dass es hier sauber und etwas spießig ist? Willst du etwa einen versifften Hinterhof? Nein, das wollte Melissa nicht. Also atmete sie tief ein, sammelte ihren Mut und klingelte.
Es dauerte nicht lange, bis sich hinter den Glasscheiben jemand bewegte und die Tür geöffnet wurde. Im Rahmen stand ein Mann, der sie warm und voller Freude anlächelte. Er war Mitte dreißig, hatte braunes Haar, kurz geschnitten und zur Seite gekämmt. Sein Gesicht wurde von einem Vollbart eingerahmt, dessen Konturen ordentlich gepflegt waren.
»Schön, dass du gekommen bist«, sprach er und lächelte erobernd. Eine anregender, floral verzaubernder Duft ging von ihm aus. »Hattest du eine angenehme Fahrt?«
Melissa nickte stumm und bemühte sich, trotz ihrer Verunsicherung ein adäquates Lächeln zustande zu bringen.
»Na dann, komm gern herein«, sagte er und wies in den Flur. »Hier draußen ist es doch viel zu heiß.«
Sie folgte ihm in den Flur.
Florian hatte sich legere gekleidet, trug eine dunkle, kurze Hose und ein weißes Shirt. Seine Füße steckten in schwarzen Sneakersocken. Eine Wahl, die perfekt in den Sommer passte. Wieder hatte sie etwas anderes erwartet – mehr Bling-Bling und Leder, doch zum Glück ist es nicht eingetreten. Sein Auftreten vermittelte den Eindruck, als wäre er, wie es Lara schon sagte, ein normaler Typ von nebenan.
Er führte sie in einen großen, L-förmig angeordneten Raum, der Küche, Diningroom und Wohnzimmer zugleich war. Auf einem ausladenden Esstisch aus Holz, an dem acht Stühle an den langen Seiten aufgestellt waren, lagen Stapel mit Papieren. Zwischen den Papierstapeln standen Schüsseln voller Kekse, die zum Naschen einluden. Eine etikettlose Wasserflasche und zwei umgedrehte Gläser rundeten den gastfreundlichen Eindruck ab.
»Setz dich, bitte«, forderte er sie auf und wies auf einen Stuhl in der Mitte. »Kaffee oder Tee?«
Melissa verneinte kopfschüttelnd. Sie hätte für einen Kaffee zwar morden können, sie wollte jedoch vorerst die anspruchslose Besucherin geben. »Ein Wasser genügt.«
»Irgendwie hast du ja auch recht«, antwortete Florian mit einem Lächeln auf den Lippen, der schon auf halben Wege zur Kaffeemaschine war und dann kehrtmachte. »Kaffee ist nicht gut fürs Herz.«
Er setzte sich auf einen Stuhl, der ihrem gegenüber stand. Nebenbei füllte er die Gläser mit dem Wasser und reichte ihr eines.
»Danke.«
»Also, wie gesagt«, begann er, während Melissa einen Schluck trank, »freue ich mich sehr darüber, dass du hier bist und dass es so kurzfristig geklappt hat.«
Sie nickte und zwang sich zu einem Lächeln. Noch immer rebellierten in ihrem Kopf die Unsicherheit und der Wunsch, all das abzubrechen und aus der Wohnung zu flüchten.
»Ich möchte dich bei mir willkommen heißen. Wie du dir bestimmt schon gedacht hast, arbeite ich hier nicht nur, sondern lebe auch in diesen vier Wänden. Das Haus ist so groß, dass es Wohnraum und Arbeitsfläche zugleich beherbergt.«
»Hm.«
»Bevor wir uns ums vertragliche Kümmern, möchte ich gerne wissen, ob du Erfahrungen mit erotischen oder pornografischen Jobs hast.«
»Öhm, nein«, antwortete Melissa kleinlaut. »Das alles hier ist neu für mich.«
Florian lächelte sie aufbauend an. »Das macht nichts. Ich verspreche dir, dass ich mein Bestes geben werde, um es dir so angenehm wie möglich zu gestalten.«
»Ist es ein Nachteil, wenn ich unerfahren bin?«
»Nein, nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil sogar. Für mein Projekt eignet sich ein sogenannter Erstie ganz besonders. Ich hatte nur gefragt, um abzuklären, wie ausführlich ich die Vorgänge erklären muss.«
Er zwinkerte ihr zu, auf eine Weise, die so warm und sympathisch war, dass Melissa unwillkürlich grinsen musste
»Erstie klingt witzig.«
»Verleiht der Sache etwas Lockerheit, findest du nicht?«
Sie nickte. Ihr Fluchtgedanke schwand. Wenn Florian das Ganze weiterhin so fürsorglich leitete, würde sie den Dreh womöglich durchziehen können.
»Ich nenne dir die wichtigsten Eckpunkte des Jobs«, sagte er und reichte ihr einen mehrseitigen Vertrag. »Und dann hast du in Ruhe Zeit, dir alles durchzulesen.«
Darauf folgend erklärte er in kurzen Worten das, was bereits in der Anzeige gestanden hatte. Vergütung, Anforderungen und dergleichen wurden lückenlos präsentiert.
»Zum Ablauf: Nachdem du unterschrieben hast, gehen wir in die Maske. Dort bekommst du aber nur etwas Puder ins Gesicht. Du hast dich ja bereits so zurechtgemacht, dass keine aufwendigen Schminkschritte notwendig sind.«
Melissa fasste dies als Kompliment auf. Dabei hatte sie sich nicht viel geschminkt. Lediglich Wimperntusche und einen dezenten Lippenstift hatte sie aufgelegt. Das war ihr Stil – minimalistisch und trotzdem überzeugend. Ganz im Gegensatz zu Lara, die sich, obwohl sie es eigentlich nicht nötig hatte, stets aufwändig in Szene setzte.
»Anschließend gehen wir ins Studio I. Da mache ich ein paar Probeaufnahmen und stelle die Beleuchtung ein. Das ist notwendig, um herauszufinden, welches Licht dir am besten steht.«
Melissa nickte. Bis dahin ist alles ganz harmlos, dachte sie.
»Danach interviewe ich dich zum ersten Mal. Aber es handelt sich dabei nur ein paar harmlose Fragen. Die Zuschauer können dich so kennenlernen. Eine Art Vorspiel sozusagen. Wichtig ist, dass du authentisch bist. Soll bedeuten, dass du nicht lügen solltest. Das merken die Kunden und das spiegelt sich im schlimmsten Fall auf die Bewertung des Videos wider. Das wäre schlecht. Daher bitte ich dich, immer möglichst nah an der Wahrheit zu bleiben. Allerdings gibt es zwei Punkte, bei denen du lügen darfst. Niemanden geht es etwas an, wie du in Wirklichkeit heißt oder wo du wohnst. Daher kannst du diese Punkte gerne so anpassen, wie es dir beliebt.«
»Okay, verstehe.«
»Im Anschluss daran kommen wir zum Hauptteil und ins Studio II. Da wartet dann die Maschine auf dich.«
Melissas Herz machte einen seltsamen Satz und ihr wurde warm. Der Fluchtgedanke, der besiegt gewesen schien, meldete sich mit einem energischen Räuspern zurück. Die Maschine – fast hätte sie diese vergessen. Sie hatte eine Präsenz, von der Melissa sich vorstellte, dass sie summte, vibrierte, lebte
Lauf, so schnell du kannst!
Aber sie blieb. Das Geld war zu verlockend. 750€ plus 500€ Prämie im Falle eines Erfolges des Videos konnten ihre Probleme zwar nicht lösen, aber es war ein erster Schritt, um die Zeit bis zu einer Neueinstellung als Mechatronikerin zu überbrücken. Im Hintergrund hatte sie drei Bewerbungen laufen, die nur noch vom potentiellen Arbeitgeber beantwortet werden mussten. Einer der drei würde sie schon nehmen – da hatte sie ein gutes Gefühl.
»Wann muss ich mich … ausziehen?«
Die Nervosität in ihrer Stimme war unüberhörbar. Doch Florian lächelte sie warm an und etwas ihrer inneren Unruhe schwand. »Am Ende des ersten Interviews. Aber wir haben da einen Kniff, um es unseren Modells einfacher zu gestalten.«
»Wir?«
»Ach, das habe ich ganz vergessen. Ich habe eine Mitarbeiterin. Sie übernimmt die Maske und später den Videoschnitt. Während der Aufnahmen assistiert sie mir.«
»Oh«, stöhnte Melissa. Mit einer zweiten Person hatte sie nicht gerechnet. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, hätte sie daran denken können. Welche Filmproduktion kam schon mit einer ausführenden Kraft alleine aus – es gab doch so viele Aufgaben zu erfüllen.
»Ein Trick, um das Eis zu brechen«, erklärte Florian, als wäre es das Natürlichste der Welt. »Ist, dass wir uns gleichzeitig mit dir ausziehen. Wir stellen sozusagen gleiche Umstände her. Das macht es dir leichter, dich zu entspannen.«
Melissa runzelte die Stirn, konnte sich aber denken, warum das funktionieren könnte. Die Vorstellung, dass alle gleich „entblößt“ wären, nahm ihr einen Teil ihrer Angst. Vielleicht war es gar nicht so absurd, wie es klang. Lara hatte das schließlich auch mal erwähnt, oder?
»Es hat fast immer geholfen«, fügte Florian hinzu und lächelte brüderlich. »Es ist unser Weg, den Druck zu nehmen.«
»Okay«, gab sie kleinlaut, aber mit etwas mehr Selbstvertrauen zurück. »Klingt gut.«
»Wenn du dich unwohl fühlst, können wir jederzeit abbrechen. Das ist dann wirklich nicht schlimm. Auf dein Wohlbefinden kommt es an. Keiner wird böse, solltest du abbrechen. Nur die Gage müssen wir in einem solchen Fall einbehalten.«
»Okay, ich habe verstanden. Das ist nur fair.«
Ihr Gegenüber lächelte zufrieden.
»Okay, nun, da wir das Gröbste besprochen haben, lasse ich dich ein paar Minuten mit dem Vertrag allein. Dann kann es auch schon losgehen.«
Er ließ sie mit den Worten, dass er ins Studio ginge und ein das Shooting vorbereiten würde, mit ihrem rasenden Herzen zurück. Sie grübelte. Überlegte, welches Gefühl in ihr die Oberhand hatte. War es die Angst vor dem, was da auf sie zukommen würde? War es die Scham, sich trotz der Liebe zur Freizügigkeit nackt zu zeigen? Sie wusste es nicht. Ein Gefühl, das neu dazugekommen war, verwirrte sie zusätzlich. Etwas in ihr war neugierig geworden. Neugierig und erregt.
Melissa starrte auf den Vertrag, ihre Hände ruhten zitternd auf dem Papier. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu den Keksen auf dem Tisch. Sie griff eine Weile nicht zu, doch schließlich nahm sie einen und biss mechanisch ab, nur um sich abzulenken. Der Geschmack war süß, aber sie registrierte ihn kaum.
»Okay, Melissa«, murmelte sie leise zu sich selbst und rieb ihre schwitzigen Handflächen an der Jeans. »Du kannst das.«
6.
Nach der Vertragsunterschrift führte Florian Melissa in die Maske, einen stilvoll eingerichteten Raum. Weiß getünchte Wände reflektierten das warme Licht der Deckenleuchten, und elegante Aktfotografien zogen Melissas Blicke magisch an. Ein zarter Hauch von Vanille lag in der Luft, und aus einem kleinen Radio erklang sanft eine spanische Melodie, die die Atmosphäre beruhigend untermalte.
Sie setzte sich an einen Schminktisch und betrachtete sich in einem großen Spiegel, der vor ihr aufgestellt war. Nur einen Moment später klopfte es an der Tür und eine Frau, klein, kurvig, mit langen braunen Haaren, die sie mit einer energischen Bewegung nach hinten warf, trat ein.
»Das ist meine Mitarbeiterin Jenny«, stellte Florian sie vor. Die Frau kam mit federnden Schritten zum Schminktisch und reichte Melissa die Hand. Jenny schenkte ihr ein Lächeln, das sie mit seiner Wärme überraschte. Es war kein aufgesetztes Lächeln, sondern eines, das ihre innere Unruhe für einen Moment zum Schweigen brachte – fast so, als würde Jenny mit ihrem Blick sagen: Ich halte dich. Sie platzierte sich hinter Melissa, so dass beide nun in den Spiegel sehen konnten.
»Nur ein bisschen Puder, das reicht vollkommen«, meinte Jenny mit einem leichten Schmunzeln, während sie Melissas Schultern sanft drückte. »Was meinst du, Haare offenlassen oder ein schicker Dutt? Ich kann beides, aber ehrlich gesagt – Dutts sind mein Spezialgebiet.«
»Einen Dutt, bitte.«
»Gerne.«
Jenny begann zärtlich an Melissas Haaren zu arbeiten. Der süßliche Duft ihrer Nähe ließ Melissa unwillkürlich die Luft anhalten – ein sanfter Kontrast zu ihrem eigenen unaufgeregten Stil. Sie zog unauffällig an ihrem weißen Topsaum, der locker über ihrer Jeans lag, als wäre sie sich plötzlich bewusst, wie schlicht sie wirkte im Vergleich zu der schwarzen Eleganz der Maskenbildnerin.
»Dein erstes Mal?«, fragte sie konzentriert, während sie die letzten Strähnen zurechtzupfte und ihr Werk prüfend im Spiegel betrachtete. Melissa nickte.
»Bist du aufgeregt?«
»Und wie«, antwortete sie energisch. »Mein Herz rast richtig.«
Jenny lächelte. »Das ist normal. Und vollkommen okay. Du darfst aufgeregt sein.«
Nachdem der Dutt gebunden war, bekam sie das angekündigte Puder. Die Maskenbildnerin arbeitete gewissenhaft und ließ sich Zeit, während sie ein lockeres Gespräch mit Florian über eingegangene Post und Verträge führte. Der Produzent lehnte lässig an einer Wand und nickte interessiert. Melissa hingegen schwieg und hörte interessiert zu. Sie stellte fest, dass es sie beruhigte, wenn sie dem Dialog der beiden lauschen konnte.
»Das hätten wir«, verkündete Jenny. Abermals legte sie die Hände auf Melissas Schultern ab und streichelte sie sogar ein wenig. Unter anderen Umständen wären ihr die Berührungen einer fremden Frau wahrscheinlich unangenehm gewesen, doch in diesem Fall verlieh es ihr Kraft und vermittelte ein Gefühl der Sicherheit. Sie freute sich still darüber, dass Florian und Jenny eine derart einfühlsame und professionelle Art an den Tag legten.
»Bevor wir zum Interview kommen«, sagte der Produzent und trat neben die Frauen, »willst du vielleicht noch etwas trinken? Jetzt, wo der Vertrag unterschrieben ist, kann ich dir Wein oder Sekt anbieten. Hilft gegen die Aufregung.«
Melissa wollte abermals verneinen, entschied sich jedoch dagegen. Etwas flüssiger Mut konnte definitiv nicht schaden. »Ein Sekt wäre schön.«
»Ich kümmere mit drum«, sagte Jenny und verließ die Maske. Florian führte Melissa derweil ins Nebenzimmer, das ebenfalls in hellen Farben gehalten war. An der Rückwand hing eine breite Leinwand, vor der ein bequem anmutender Sessel mit beiger Polsterung und Armlehnen stand. Im Raum waren an verschiedenen Orten große Leuchten platziert, wie man sie aus Fotostudios kannte. Auf einem Stativ, das etwa zwei Meter vor dem Sessel aufgebaut war, thronte eine hochwertig anmutende Kamera.
Kaum hatten die beiden den Raum betreten, folgte ihnen Jenny, die drei Sektgläser mitbrachte. Sie reichte jeweils eines an Florian und Melissa.
»Auf ein aufregendes Erlebnis«, lobte der Produzent gut gelaunt. Sie stießen an. Der Sekt rann angenehm prickelnd Melissas Kehle herunter. Sofort spürte sie eine Wärme, die sich in ihrem Magen ausbreitete. Mit einer einladenden Handbewegung forderte Florian sie dazu auf, es sich auf dem Sessel bequem zu machen.
Sie ließ sich nieder und schlug nervös die Beine übereinander. Die Hitze, die von den Leuchten ausging, legte sich wie eine Decke über sie.
»Die Beleuchtung ist alles«, erklärte Florian, ein Hauch von Stolz in seiner Stimme. Er schob die erste Lampe zur Seite und trat an die nächste heran, prüfte dabei akribisch das Spiel von Licht und Schatten. »Jedes Detail zählt.« Für einen Moment verweilte sein Blick auf Melissa – wie ein Künstler, der bereit war, den Pinsel anzusetzen.
Während sie den Produzenten bei seiner Arbeit beobachtete, schien ihr Herz schneller und lauter zu schlagen, als es sollte – wie ein Trommelschlag, der nicht enden wollte. Eine unangenehme Hitze stieg ihr vom Hals bis zu den Wangen, und sie spürte, wie die Röte sich wie ein leuchtendes Signal auf ihrem Gesicht ausbreitete.
»Ich glaube, so kann man es lassen.«
Florian trat hinter das Stativ, drückte ein paar Knöpfe und die Kamera erwachte zum Leben. Dann sah er Melissa freundlich an. »Bist du bereit? Brauchst du noch etwas?«
»Nein, ich bin bereit.«
»Gut. Also, wir starten nun mit dem Interview. Wichtig dabei ist, dass du versuchen musst, die Kamera zu ignorieren. Es wirkt unecht, wenn du die ganze Zeit in die Linse starren würdest. Denn du redest nicht mit der Kamera, sondern mit mir. Daher gucke mich an. Tue einfach so, als wäre das Gerät nicht hier und wir würden uns normal unterhalten.«
Der hat gut reden.
»Ich versuche es.«
»Sehr gut. Und denk daran: lügen darfst du bei deinem Namen und Wohnort. Ansonsten bitte nur die Wahrheit.«
»Oder etwas, das nah dran ist«, ergänzte Jenny, die sich auf einem Klappstuhl neben der Tür niedergelassen hatte.
»Okay.«
»Wir beginnen direkt. Das wirkt zugegebener Maßen ziemlich überhastet, aber wir fügen dem Video später noch ein Intro hinzu.«
Florian drückte einen Knopf an der Kamera. Ein roter Punkt begann zu leuchten. Ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass es jetzt ernst wurde.
Nun passiert es also, dachte Melissa und ihr Herz schlug Purzelbäume. Das geht jetzt aber wirklich schnell! Der Produzent trat einen Schritt zur Seite und sah sie an.
»Heute hat uns der Sommer einen heißen Tag beschert. Während uns ein frischer Wind verwehr geblieben ist, bekamen wir Besuch von einer jungen Dame, die mehr als nur eine angenehme Brise ist. Magst du uns deinen Namen verraten?«
Melissa setzte ein Lächeln auf und nickte. Zugleich bereute sie ihre Aktion. Wer nickte schon bei einer solchen Frage? Wenigstens hatte sie es geschafft, Florian anzusehen, und nicht die Kamera, deren rotes Leuchten am Rande ihres Sichtfeldes hartnäckig um Aufmerksamkeit warb.
»Ich heiße Larissa Roth.«
Bei genauerer Betrachtung hätte sie ein Pseudonym wählen können, das mehr von ihrem echten Namen abwich. Doch dafür war es nun zu spät.
»Hallo Larissa«, antwortete Florian. »Schön, dass du hier bist. Aus welcher Stadt kommst du?«
»Aus Schwerin«, gab Melissa mit angestrengt ruhiger Stimme zurück. Sie hatte diese Stadt gewählt, da sie dort viele tolle und emotionale Urlaubserinnerungen gesammelt hatte.
»Oh, Schwerin«, schwärmte der Produzent. »Dort gibt es fantastische Seen.«
Melissa nickte. »Und das Schloss ist auch sehr schön.«
»Sicherlich sehr romantisch.«
»Ja. Dort wird oft geheiratet und gefilmt.«
Melissa wusste nicht, warum sie das sagte. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, etwas sagen zu müssen, um ihre Nervosität zu überspielen.
»Stichwort heiraten: bist du single oder in festen Händen?«
»Single.«
»Und wie , wenn ich das so plump fragen darf?«
»Ich bin zweiundzwanzig.«
»Im Gegensatz zu mir also ein junger Hüpfer.«
Melissa lächelte mit rasendem Herzen.
»Erzähle mal etwas über dich. Was machst du beruflich, was unternimmst du in deiner Freizeit?«
»Ähm, ich bin Kfz-Mechatronikerin«, begann sie zu erklären. Dass sie derzeit arbeitslos war, behielt sie für sich. »Und manchmal kellnere ich nebenbei, aber das nur unregelmäßig. Und sonst, ja, sonst bin ich viel draußen und laufe gern.«
»Und wie steht es mit den Badeseen?«
Melissa lachte. »Oh ja, ich bade natürlich, so oft es geht. Unsere Seen haben den einen oder anderen Strandabschnitt. Dort kann man, wenn das Wetter mitspielt, schöne Stunden verbringen.«
»Das würde ich wohl auch machen. Und du meintest gerade, dass du läufst? Also Ausdauersport?«
»Ja. Ich gehe zwei, wenn es klappt drei Mal in der Woche laufen.«
»Hast du schon einmal einen Marathon absolviert?«
»Einen«, berichtete Melissa. »Und ein Zweiter ist mein Ziel. Ich würde gerne einen unter drei Stunden schaffen.«
»Nicht das ich mich damit auskenne, aber das klingt nach einer guten Zeit.«
»Das auf jeden Fall. Nichts, womit man einen Marathon gewinnen kann, aber trotzdem gut.«
»Du hast wirklich eine sportliche Ausstrahlung«, bemerkte Florian, seine Stimme warm und neutral. »Man sieht, dass du viel läufst. Das ist beeindruckend.«
Melissa spürte abermals, dass sie errötete. »Danke.«
»Magst du aufstehen und dich zeigen? Liebe Zuschauer, es erwartet Sie ein Augenschmaus.«
»Klar, gerne«, log sie. Nun hatte sie doch einmal verunsichert in die Kamera gesehen. Aber Florian schien sich nicht daran zu stören. Melissa erhob sich langsam, die Knie leicht zittrig, und legte unsicher die Hände an die Seiten. Ihre Augen huschten für einen Moment zur Kamera, bevor sie wieder den Produzenten ansah, der sie ruhig erwartete.
»Dreh dich doch bitte einmal um dich selbst.«
Sie tat, wie ihr geheißen und drehte sich langsam. Dabei spürte sie deutlich, wie ihre Beine zitterten. Hoffentlich sah sie später auf dem Video nicht so belämmert aus, wie sie sich fühlte.
»Definitiv keine Couchpotato«, bewertete der Produzent das, was er sah. »Sportlich, sportlich!«
»Ich gebe mir Mühe.«
Melissa kam sich dumm vor. Hätte sie nichts Gescheiteres auf das Lob erwidern können?
»Wie bereitest du dich auf dein Training vor? Hast du ein Ritual?«
»Das eigentlich nicht. Mir ist nur wichtig, dass die Strecke interessant und abwechslungsreich ist. Manchmal laufe ich am See, manchmal im Wald. Nur selten direkt bei mir in der Nachbarschaft und auch nur dann, wenn ich keine Zeit für lange Wege zum Trainingsort habe.«
»Also läufst du direkt los?«
»Na ja, nicht direkt. Zuerst dehne ich mich. Das ist wichtig.«
»Kannst du das mal vormachen?«
Melissa konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dies war in der Tat ein seltsames Interview.
»Klar.«
Sie wählte eine simple Dehnübung, bei der sie das rechte Knie anwinkelte, den Fuß griff und nach oben zog. Es entstand ein Zug in ihrem Oberschenkel. Sie schwankte leicht. Bloß nicht vor der Kamera das Gleichgewicht verlieren! Normalerweise hatte sie keine Probleme damit, in dieser Position ihre Balance zu halten. Aber die Aufregung und das Gläschen Sekt ließen sie das eine oder andere Mal schwanken.
»Normalerweise kann ich das besser«, kommentierte sie und kehrte in eine bequeme Haltung zurück.
»Ich wäre umgefallen«, lachte Florian und zwinkerte ihr zu. »Gibt es nicht noch diese Position, bei der die Sportlerin ein Bein auf einer Erhöhung ablegt?«
»Ja«, antwortete Melissa. »Das ist eine Übung für die hintere Oberschenkelmuskulatur.«
»Kannst du sie vormachen? Nutze ruhig den Sessel hinter dir.«
Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich dem Sitzmöbel zu. Natürlich konnte sie die Übung demonstrieren. Das war zumindest etwas, bei dem sie sich, von den leichten Gleichgewichtsstörungen abgesehen, wohl fühlte.
»Es wäre schön, wenn du dazu die Jeans und das Top ausziehen könntest. So können wir deinen Körper in Aktion bewundern.«
Oh Gott!
Da war er also, der Moment, in dem es ans Eingemachte ging. Mit einem Mal begriff Melissa, dass die Fragen zu den Dehnübungen nur ein geschicktes Manöver waren, um sie Schritt für Schritt an diesen Punkt zu bringen. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als die Erkenntnis einschlug. Das ist es also. Genau das, worüber du nachgedacht hast – und wovor du dich gefürchtet hast. Ihr Kopf fühlte sich heiß an, und sie hatte Mühe, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Doch eine andere Stimme in ihr flüsterte: Du bist schon so weit gekommen. Zieh das durch. Es ist nur ein Moment.
»Ähm. Na klar«, antwortete sie nach kurzem Zögern. Sie musste es tun. Denn genau dafür war sie hier. Die Zeit zur Flucht war abgelaufen. Sicherlich, sie könnte noch immer gehen. Dann gäbe es halt kein Geld. Aber sie war schon so weit gekommen, hatte so viel gewagt …
In ihren Augenwinkeln bemerkte sie, wie Jenny aufstand. Sie warf der Maskenbildnerin einen flüchtigen Blick zu und sah, wie diese sich ihrer Hose und dem Oberteil entledigte. Der Kniff, schoss es Melissa in den Kopf. Sie will mich unterstützen.
Sie unterdrückte ein Seufzen, griff an die Unterseite ihres Tops und zog es mit beiden Händen hoch. Als der weiße Stoff ihr Gesicht verdeckte, schloss sie kurz die Augen und wappnete sich auf das Bevorstehende. Dann war es geschafft und sie ließ den Stoff auf den Stuhl fallen. Mit zittrigen Händen öffnete sie den obersten Knopf ihrer Jeans und zog im Anschluss den feinen Reißverschluss hinunter.
Sie spürte, wie tausende Augen auf ihr lagen. Augen, die sich irgendwo hinter der Linse der Kamera befanden und aus der Zukunft zu ihr glotzten. Sie gehörten den Abertausenden Männern, die sich bald das Video angucken würden. Ein kalter Schauer durchzuckte sie. Wie viele dieser Typen würden sich auf das, was sie sehen würden, einen runterholen?
Sie streifte sich die eng anliegende Hose herunter. Auch diese landete auf dem Stuhl. Trotz der Sommerwärme hatte sie Gänsehaut. Nun stand sie in Unterwäsche vor der Kamera. Nur ein weißes Set aus BH und Tanga, verziert mit eleganter Spitze, schützte sie vor kompletter Entblößung. Und diese war nur eine Frage der Zeit. Sie sah Florian an. Wieder zuckte ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde zur Kamera. Das rote Licht leuchtete munter.
»Nun die Übung?«, fragte sie kleinlaut und wandte sich zum Sessel um, nicht ohne vorher festzustellen, dass auch Jenny nur noch einen dunklen BH samt gleichfarbiger Panty trug.
»Bitte«, bestätigte der Produzent knapp. Mit einem zögerlichen Nicken trat Melissa an den Sessel. Ihre Finger streiften nervös den Stoff der Polsterung, bevor sie ein Bein hob und vorsichtig auf der Lehne ablegte. Sie zwang sich zu einer fließenden Bewegung, um ihre Unsicherheit zu überspielen, während sie die Dehnung so natürlich wie möglich wirken ließ.
»Danke dir«, sagte Florian nach einigen Sekunden, die sich anfühlten wie Minuten. Sie beendete die Übung. »Du kannst dich wieder setzen.«
Sie folgte seiner Anweisung, nahm Hose und Top auf und legte sie neben dem Stuhl auf dem Boden. Anschließend ließ sie sich nieder. Sie war unsicher, wie sie sich nun, da ein Großteil ihrer Kleidung nicht mehr da war, positionieren sollte. Sie entschied sich dafür, das schüchterne Mädchen zu geben, und überschlug die Beine.
»Fassen wir zusammen. Du bist zweiundzwanzig Jahre jung, kommst aus Schwerin, arbeitest im Handwerk, treibst Sport und weißt dadurch deinen Körper in Schuss zu halten.«
Sie nickte verlegen. »So könnte man es sagen.«
»Da wir dich nun besser kennen, nähern wir uns am besten dem eigentlichen Sinn unserer Zusammenkunft. Vorher würde ich dich bitten, auch deine Unterwäsche abzulegen.«
Melissas Körper war Eis und Feuer zugleich. Wie ferngesteuert bejahte sie seine Aufforderung, beugte sich vor, griff hinter sich und schnippte den Verschluss ihres BHs in einer lässigen Bewegung auf. Sie spürte sofort, wie die Spannung um ihre Brust nachließ. Zunächst war sie bemüht, den Stoff mit der freien Hand an Ort und Stelle zu halten, während die andere einen der Träger von ihrer Schulter streifte. Doch sie verstand, dass dies keinen Sinn hatte, dass sie in wenigen Sekunden so oder so mit freiem Oberkörper dasitzen würde. Warum das Unvermeidliche unnötig hinauszögern? Mit einem unhörbaren Seufzer entledigte sie sich des BHs. Der Stoff fiel leise zu Boden, und mit ihm ein Teil ihrer Unsicherheit – oder vielleicht ihrer Selbstachtung? Sie wusste es nicht.
Es war nicht das erste Mal, dass sie einem unbekannten Gegenüber ihre Brust entblößte. Es hatte sie nie gestört, wenn zum Beispiel Saunagäste ihre Oberweite mit den hellen Brustwarzen angafften. Und doch war es in diesem Moment etwas gänzlich Neues. Daran erinnerte sie stets das rote Leuchten der Kamera. Kann man dieses blöde Lämpchen nicht einfach abkleben?
Da Melissa es hinter sich bringen wollte, zog sie sich in einer fließenden Bewegung den Tanga herunter. Sie presste die Beine eng aneinander, damit die Kamera nichts erfassen konnte, was zwischen ihnen lag. Verunsichert warf sie einen Blick zu Jenny. Zu ihrer Überraschung war sie bereits nackt. Melissa hatte nicht mitbekommen, wie sie sich ausgezogen hatte. Weg war ihre Unterwäsche, frei lagen ihre üppigen, leicht hängenden Brüste. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Vagina zu verbergen.
Sie musste schmunzeln, als sie das recht auffällige Piercing entdeckte, das eine ihrer Schamlippen zierte. Ihr Blick glitt zu Florian. Genau wie seine Assistentin zeigte er plötzlich Haut, auch wenn er bislang nur das Shirt ausgezogen hatte.
Der Anblick Jennys nahm Melissa einen Teil ihrer Angst. Sie atmete tief ein, dann gab sie sich einen Ruck. Es würde ohnehin bald passieren. Sie ließ locker und schob ihre Beine etwas auseinander. Es war nicht weit, und doch sollte es der Kamera genügen, um ihren frisch rasierten Intimbereich festzuhalten und den späteren Zuschauern zu präsentieren.
»Bist du aufgeregt?«, fragte Florian und Melissa nickte hastig und zeigte einen schüchternen Blick. Sie hatte keine Lust darauf, die Taffe zu spielen. Sollten die Leute doch wissen, dass sie ein Erstie war.
»Hast du so etwas schon einmal gemacht?«
»Nein, noch nie.«
»Hand aufs Herz. Bist du neugierig, auf das, was kommt? Hast du Lust, etwas Neues zu entdecken?«
Sie überlegte kurz. Dann antwortete sie. »Irgendwie schon.«
Und zu ihrer Überraschung war es die Wahrheit. Ein wachsender Teil in ihr wollte lernen. Wollte sich ausprobieren. Wollte Grenzen austesten und sich weiterentwickeln.
»Dann darfst du dich auf das richtige Interview freuen.«
Florian zwinkerte. Er fummelte an der Kamera herum und das rote Licht erlosch.
»Wir sind raus«, kommentierte er. Sofort entspannte sie sich. Jenny kam zu ihr herüber, reichte ihr einen Bademantel und half ihr beim Überziehen. Melissa zog den weichen Stoff enger um sich, fühlte Jennys Hände, die sich sanft auf ihre Schultern legten. Die Sicherheit des Mantels mischte sich mit der Wärme des Sekts, und obwohl sie sich immer noch wie ausgesetzt vorkam, spürte sie etwas Unerwartetes: einen leisen Hauch von Stolz. Vielleicht, dachte sie, könnte sie das wirklich durchstehen.
»Möchtest du noch etwas trinken?«, fragte Jenny, die auf einen Bademantel verzichtet hatte und nackt geblieben war.
»Oh ja!«, antwortete Melissa hastig. »Noch einen Sekt, bitte!«
7.
»So, dann wollen wir mal«, sagte Florian feierlich und öffnete die Tür, die zum zweiten Studio führte. Melissas Anspannung stieg ins Unermessliche. Sie bildete sich ein, ihr Herz zu hören, wie es in blanker Aufregung vor dem, was da kommen möge, im Brustkorb auf und ab hüpfte. Hinter der Tür lag etwas, das auf dem ersten Blick mehr an ein Schlafzimmer als an ein Studio erinnerte. Doch in der Pornoindustrie war offenbar einiges anders.
»Komm herein, dann zeige ich dir alles«, erklärte der Produzent einfühlsam und lächelte sie an. Melissa trat ein.
An der Rückwand des quadratischen Raumes stand ein breites Doppelbett. Es war ausgestattet mit einem bordeauxroten Bettbezug. Am Kopfteil waren Dutzende Kissen in verschiedenen Rottönen und Größen platziert. Doch nicht das Bett erregte Melissas Aufmerksamkeit. Sondern das, was mittig davor stand. Sie schluckte. Die Sexmaschine.
Sie bestand aus einem länglichen Kasten aus Holz, der in edlem, schwarzen Klavierlack überzogen war. Der Kasten selbst stand in Matratzenhöhe auf einem Gestell aus Aluminiumstreben, die im Boden und am Bett verschraubt waren.
»Wir nennen sie Lucy«, sagte Florian mit einem Lächeln und klopfte leicht auf die glänzende Oberfläche des Kastens. Melissa zog die Augenbrauen hoch. Lucy? Für etwas, das so kalt und maschinell wirkte und zudem für männliche Aufgaben vorgesehen war?
»Du nennst sie so«, warf Jenny trocken ein, während sie die Tür hinter sich schloss. »Ich finde den Namen albern.«
»Okay, dann nenne ich die Maschine eben Lucy. Weiß nicht warum, hat sich so ergeben.«
Lucy hatte an der Seite, die zum Bett zeigte, eine schmale, etwa daumendicke Öffnung. Aus dieser ragte eine Metallstange heraus, an deren Spitze sich ein Gewinde befand. Auf halber Länge der Stange war eine Actioncam mit Klettverschluss befestigt worden.
Oh man, dachte Melissa. Sie wusste genau, was an dieser Spitze in wenigen Momenten seinen Platz finden würde. Jenny bemerkte ihren verunsicherten Blick sofort.
»Mach dir keine Sorgen, meine Liebe«, sagte sie und legte ihr die Hand auf den Arm. Ihre Stimme war weich, fast mütterlich, doch ihre Augen prüften ihren Schützling genau – wachsam, als wolle sie sicherstellen, dass dieser nicht bricht.
Unterdessen hatte Florian ein Glücksrad hervorgeholt, das etwa den Kreisdurchmesser eines Regenschirmes hatte. Das Rad montierte er so an einer seitlich am Bett angebrachten Vorrichtung, dass es auf Höhe der Matratze hing und, so vermutete Melissa, von ihr im Liegen bedient werden konnte.
Das Rad war in farblich unterschiedliche Felder unterteilt. Diese enthielten nur zwei Worte: Vaginal und anal, wobei Ersteres häufiger vertreten war.
»Schaffst du das?«, fragte Jenny einfühlsam. Florian stellte das Kamerastativ ein, während Melissa mit sich rang. Soll ich das wirklich tun? Gedanken jagten durch ihren Kopf: Angst, Neugier, Stolz – und der dringende Wunsch nach Geld.
»Du kannst jederzeit abbrechen«, sagte Jenny leise.
»Nein, ich ziehe das durch«, flüsterte sie schließlich. Die Maskenbildnerin streichelte ihr aufmunternd über die Wange. Melissa mochte diese Frau. So seltsam es war, dass die Angestellte als im Grunde fremde Person vollkommen nackt neben ihr stand, so tröstend war zugleich ihre Anwesenheit.
»Sag Bescheid, wenn es dir zu viel wird. Dann überlegen wir uns, wie wir dir am besten helfen können.«
»Danke.«
Zögernd trat Melissa näher, ihre Augen auf die glänzende Metallstange und die Kamera fixiert. Sie konnte die Kälte des Materials förmlich spüren, als hätte es bereits vor, jedes Detail von ihr festzuhalten – mehr, als sie selbst jemals wahrgenommen hatte.
»Soll ich dir das Set erklären?«, fragte Florian und trat an ihre Seite. Sie nickte.
»Also die Maschine sieht von innen komplizierter aus, als sie von außen den Eindruck macht. Kann uns aber egal sein. Wichtig ist: Sie kann in variabler Länge stoßen und ihre Geschwindigkeit stufenlos anpassen. Beides steuere ich mit dieser Fernbedienung.«
Er zog ein schmales Etwas aus der Hosentasche, das mit Knöpfen und zwei Drehreglern ausgestattet war. Kurzerhand legte er einen unauffälligen Kippschalter an Lucys Gehäuse um. Ein leises, elektrisches Fiepen erklang. Dann, als er einige Eingaben auf der Fernsteuerung machte, setzte sich die Stange fast geräuschlos in Bewegung und stieß in kurzen Hüben vor und zurück. Melissa stellten sich die Armhärchen auf und sie hatte das Gefühl, dass sie beobachtet wurde – nicht von Florian, nicht von Jenny, sondern von Lucy selbst, kalt und unnachgiebig.
Die Maskenbildnerin stand dicht neben ihr und legte ihr freundschaftlich, nein, mütterlich einen Arm um die Taille.
Nach einer weiteren Eingabe erhöhte sie die Stoßgeschwindigkeit. »Während des zweiten Interviews spiele ich etwas mit den Geschwindigkeiten und Hublängen. Aber sei unbesorgt, ich gebe darauf Acht, dass es zu dir passt.«
Zu mir passt? Wie meint er das?
»Damit meint er, dass er dir nur das zumutet, was du verkraften kannst.«
»Genau.«
Ob Melissa diese Antwort beruhigen konnte, wusste sie nicht. Woher sollte Florian wissen, wie viel sie vertrug? Das konnte er nicht. Aber, und da war sie sich sicher, hatte er dieses Spiel schon ein paar Male gespielt und konnte so auf gewisse Erfahrungswerte zurückgreifen.
»Wie viele Frauen haben bereits … mit Lucy gearbeitet?«, rang sie sich zu einer Frage durch.
»Du bist die Fünfte. Das Projekt ist noch neu. Die Videos dazu sind noch unveröffentlicht.«
»Hm.«
»Vier waren Ersties, so wie du. Nur eine Darstellerin hatte mit einer Hand voll Pornodrehs Erfahrung. Und alle haben wir gut durch den Dreh bekommen. Morgen kommt Darstellerin Numero sechs.«
Melissa schluckte. Aber sie fasste Mut. Sie war nicht die Erste. Und da sie sich selbst nicht für ein Mauerblümchen hielt, würde sie auch diesen Sex überstehen. Tatsächlich löste der Gedanke, dass sie mit einer Maschine, einem stumpfsinnigen Roboterverschnitt, eine Art Geschlechtsverkehr haben würde, ein Grinsen aus, was sie sogleich schockierte. Was passiert da gerade in mir?, dachte sie und biss sich auf die Unterlippe. Empfinde ich Vorfreude?
»Jenny, magst du ihr bitte die Dildos zeigen? Ich justiere das Licht etwas nach.«
Jetzt wird es spannend, dachte Melissa. Mit einem leisen Scharren zog Jenny eine rote Metallkiste unter dem Bett hervor. Als sie den Deckel öffnete, schlug Melissa ein Geruch nach Gummi und Reinigungsmitteln entgegen – steril, fast wie in einem Krankenhaus. Der Duft verstärkte die Unwirklichkeit des Moments.
In der Kiste Lage mehrere Dildos. Sie glichen sich, waren alle gleich lang und hatten denselben, hellen Hautton. Nur die Durchmesser waren unterschiedlich.
»Wir haben vier Stärken, aufsteigend in fünf Millimeter Schritten«, bestätigte Jenny ihre Gedanken. »Je nach Vorliebe der Darstellerin. Hast du schon einmal einen Dildo benutzt?«
Melissa nickte. »Zusammen mit meinem Exfreund.«
»Wie waren deine Erfahrungen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Es war ganz gut.«
»Auch anal?«
»Nein, das nicht.«
Sie wurde rot aufgrund dieser intimen Aussagen. Aber sie wusste, dass ihr an dieser Stelle nur Ehrlichkeit weiterhelfen konnte.
»Okay. Wie dick war dein Dildo?«
»Hm«, überlegte Melissa und betrachtete abwechselnd die Exemplare in der Kiste. »Nicht allzu dick, glaube ich. Also er hatte ein realistisches Maß.«
»Okay«, schloss Jenny und nahm die schmalste Penisnachbildung heraus. »Dann würde ich diesen empfehlen. Für Anfänger geeignet. Sollte dich beim Analverkehr nicht überfordern.«
»Darf ich mal anfassen?«
Jenny gab ihr den Dildo. Er war sehr weich und biegsam. Nicht so wie das Ding aus hartem Kunststoff, das sie einst kennengelernt hatte. Sie hoffte inständig, dass der künstliche Penis nach seiner letzten Benutzung ordentlich gereinigt worden war – doch in diesem Punkt musste sie dem Duo einfach vertrauen.
»Ich glaube, mit dem komme ich klar.«
»Wunderbar.«
Jenny ließ die Kiste mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden sinken und strich sich dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Finger zitterten nicht, als sie den Kunstpenis an der Stange befestigte – eine Routinehandlung, die Melissa fast neidisch machte. So souverän wollte sie auch wirken. Unwillkürlich verglich sie den Vorgang mit einem Agenten, der einen Schalldämpfer auf die Mündung einer Pistole schraubte. Wieder musste Melissa aufgrund dieses absurden Vergleichs schmunzeln. Neben ihrer Angst verspürte sie eine Art Aufbruchsstimmung, derer sie sich stetig sicherer wurde. Von ihrer Seite aus konnte es allmählich losgehen. Das Warten auf das bevorstehende Ereignis würde sie ansonsten bald in den Wahnsinn treiben.
»Leg dich gerne schon einmal hin und mache es dir bequem«, schlug Jenny vor und verwies auf das Bett. »Ich denke, dass wir gleich starten.«
»Soll ich mich wieder ausziehen?«, fragte Melissa, obwohl sie die Antwort kannte. Die Maskenbildnerin nickte.
Mit zittrigen Händen streifte sie sich den Bademantel ab. Sofort bekam sie am ganzen Körper eine Gänsehaut. Sie ließ sich auf das Bett nieder, krabbelte in die Mitte und legte sich flach auf den Rücken. Ohne auf ihre Blöße zu achten, richtete sie die Kissen unter ihrem Kopf so aus, dass sie bequem lag. Dann sah sie zu Lucy und das, was an ihrer Stange befestigt war. Der Dildo schwebte über dem Bettlaken, genau dort, wo er sie berühren und erobern würde. Melissa spürte ein Prickeln auf ihrer Haut, das wie ein Vorbote erschien – ein stiller Moment vor dem ersten Kontakt.
»Wir müssen die Hublänge einstellen«, murmelte Florian, der an ihrer Seite aufgetaucht war und sich über das Bett beugte. »Winkel bitte deine Beine an.«
Melissa folgte seiner Aufforderung.
»Nun spreiz sie bitte.«
Sie zögerte zunächst, doch dann tat sie dies. Langsam ließ sie die Beine zur Seite gleiten und entblößte alles, aber auch wirklich alles ihrer Weiblichkeit. Der Produzent bedankte sich, ohne sie oder ihren Intimbereich unangebracht lange anzustarren. Mit einem Druck auf die Fernbedienung fuhr er die Stange aus, bis die Spitze des Dildos über ihrem Venushügel hing. Dann verstellte er die Höhe der Stange, sodass das Sexspielzeug ihre Haut berührte und einen sanften Druck ausübte.
»Okay«, brummelte er und betrachtete das Ergebnis seiner Arbeit. »So lassen wir es für den Anfang.«
Er erhob sich wieder. »Also, jetzt die finale Erklärung.«
Er zeigte nach oben zur Decke. »Dort oben hängt eine Kamera.«
Diese war Melissa bis dato nicht aufgefallen.
»Dann gibt es eine Weitere auf Lucys Stange. Die hast du sicherlich schon gesehen. Und eine Handkamera dort auf dem Tisch für spontane, improvisierte Aufnahmen.«
Sie nickte.
»Last, but not least die Maincam auf dem Stativ.«
»Okay.«
»Zum Ablauf. Nach dem Start stelle ich dir ein paar Fragen mit zunehmend pikantem Inhalt. Das Glücksrad wird gedreht, wenn ich dich darum bitte. Je nachdem, was es anzeigt, wird entweder vaginal oder anal gearbeitet. Gleitgel bekommst du von Jenny.«
Nur einen Moment später hatte sie eine durchsichtige Tube in der Hand.
»Ich steuere die Maschine und du führst dir das Toy ein, es wird ganz vorsichtig passieren.«
Sie nickte nach jedem seiner Sätze.
»Die Geräte sind synchronisiert. Lucy und das Licht eingestellt. Wenn du dich gut und bereit fühlst, Melissa, können wir starten.«
Sie spürte, wie die Blicke des Pornoduos auf ihr lagen. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. Würde sie es durchziehen können? War sie stark genug dafür? Sie atmete tief ein und schloss die Augen. Ein letztes Mal flackerten Bilder in ihrem Kopf auf – ihr überzogener Kontoauszug, die verpassten Gelegenheiten, das leere Kühlschrankfach.
»Ich bin bereit.«
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Deine Kim :-*
Uuuuund tadaaa: Ich bin jetzt auch auf Instagram und mache dort meine ersten Schritte: kim.lust.und.buchstaben

Hallo Kim, gerade mit Deiner Einleitung finde ich persönlich die Geschichte sehr spannend sowie anregend geschrieben. Die Gefühlswelt ist praktisch erlebbar, ganz großartig!