Sturm und Stille
Veröffentlicht amDie letzten Kilometer bergauf hatten meine Beine gefordert, doch als ich mein Fahrrad vor dem kleinen Bergcafé abstellte und auf die sonnige Terrasse trat, wusste ich sofort, dass sich jede einzelne Schweißperle gelohnt hat. Die Luft hier oben schmeckt nach Stein und Kräutern, nach etwas Verwittertem und Echtem, das man in der Stadt nie findet. Ich stütze die Hände auf die Oberschenkel und atme tief ein, während mein Puls langsam aus dem Rhythmus der Pedale zurückkehrt.
Die Terrasse ist klein, vielleicht acht Tische, umgeben von Lavendel in verwitterten Tonkübeln und einem Geländer aus grauem Holz, über das sich wilde Rosen ranken. Darunter liegt das Tal – grüne Wiesen, dunkle Waldstreifen, ein Fluss, der in der Nachmittagssonne wie ein zersprungener Spiegel schimmert. Ich ziehe meine Lesebrille aus der Brusttasche me Leinenhemdes und setze sie auf, um die Aussicht besser erfassen zu können, als könnte ich durch schärfere Konturen begreifen, was vor mir liegt.
„Schön, nicht wahr?” Die Stimme kommt von der Tür zum Café. Ich drehe mich um und sehe eine Frau Mitte fünfzig, die ein Tablett mit Gläsern balanciert. Sie hat das wettergegerbte Gesicht jemanden, der jeden Sommer hier oben verbringt. Braune Haut, Lachfalten um die Augen, kurze dunkle Haare, die vom Wind zerzaust sind. Ihr Schürzenband ist über der Hüfte doppelt verknotet.
„Wunderschön”, antworte ich und merke, wie mein Mundwinkel sich hebt. „Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, oben zu sein.”
Sie stellt das Tablett ab und winkt mich zu einem Tisch am Geländer. „Der Beste für die Aussicht. Sie kommen mit dem Rad?”
Ich nicke und lasse mich auf dem Stuhl nieder, der unter meinem Gewicht leicht knarrt. Die Sonnenstrahlen liegen warm auf meinen Schultern, durch den Leinenstoff spüre ich die Hitze wie eine zweite Haut. Mein Körper ist noch feucht vom Schweiß, und der Wind, der hier oben weht, kühlt die feuchten Stellen an meinem Nacken und unter meinen Armen.
„Was darf ich Ihnen bringen? Kuchen haben wir – Zwetschgen-Marzipan und Zitronen-Lavendel. Beides heute Morgen gebacken.”
„Zitronen-Lavendel”, sage ich. „Und einen Kaffee. Großen, bitte.”
Sie nickt und verschwindet im Café. Ich lehne mich zurück und streiche mir über den kurzen Grauschopf an meinem Kopf. Die Haare fühlen sich an wie der Flor auf einem Pfirsich, kurz und weich, und ich mag die Art, wie der Wind darüber streicht. Es ist einer der wenigen Eitelkeiten, die ich mir erlaube – dieser Schnitt, der mein Gesicht rahmt, ohne zu verbergen.
Auf der Terrasse sitzen noch andere Gäste. Ein älteres Paar am Nebentisch, beide siebzig oder älter, teilt sich ein Stück Kuchen mit zwei Gabeln. Die Frau hat weiße Haare, die zu einem Zopf geflochten sind, und der Mann trägt eine Wanderausstattung, die so ist wie er selbst. Sie reden leise miteinander, und ich sehe, wie sie ihm Krümel von der Wange wischt, mit einer Geste, die tausendmal geübt ist.
Am anderen Ende der Terrasse sitzt ein junges Paar. Anfang zwanzig, vielleicht. Sie haben die Finger ineinander verschlungen und starren sich an, als wäre alles andere verschwunden. Das Mädchen hat rote Haare und Sommersprossen, der Junge trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck einer Band, die ich nicht kenne. Ich beobachte sie einen Moment lang und spüre ein Echo in meiner Brust – nicht Sehnsucht, eher Erinnerung. Das Gefühl, als wäre alles neu und möglich.
Die Cafébesitzerin bringt meinen Kuchen und den Kaffee. Der Kuchen ist ein kleines Kunstwerk: gelbe Creme zwischen hauchdünnen Böden, mit kandierten Lavendelblüten verziert. Der Kaffee dampft in einer Tasse, die aussieht, als wäre sie aus demselben verwitterten Ton gemacht wie die Pflanzkübel. Ich nehme einen Bissen, und der Geschmack von Zitrone und Lavendel explodiert auf meiner Zunge, süß und herb zugleich, wie ein Sommerabend in flüssiger Form.
Ich schaue über das Tal, während ich esse. Ein Wanderweg schlängelt sich den Hang hinunter, und ich kann zwei Figuren erkennen, die dort unten gehen, klein wie Spielzeugfiguren. Der Himmel ist blau, aber am Horizont sammeln sich Wolken, die wie graue Tinte aussehen, die sich langsam über das Blau zieht. Ich blinzle und betrachte sie genauer, aber sie sind noch weit weg, und die Sonne brennt noch immer warm auf meiner Haut.
„Schön, dass Sie allein unterwegs sind.” Die Stimme kommt von meinem Tisch, und ich zucke zusammen. Eine Frau steht neben meinem Stuhl, schlank und groß, mit dunklem Haar, das ihr über die Schultern fällt. Sie trägt ein langes, dunkelrotes Kleid und hat etwas an sich, das sich nicht sofort benennen lässt – eine Art von Ruhe, die nicht passiv ist, sondern gewählt. Ihre Augen sind braun, fast schwarz, und sie betrachten mich mit einer Aufmerksamkeit, die mir warm und kühl zugleich über die Haut läuft.
„Allein zu sein heißt nicht, einsam zu sein”, antworte ich und wische mir den Mund mit der Serviette ab. „Aber setzen Sie sich gern, wenn Sie möchten.”
Sie lächelt, und das Lächeln verändert ihr Gesicht – nicht weicher, sondern offener, als würde eine Tür aufstoßen, die vorher verborgen war. Sie zieht den Stuhl gegenüber zurück und setzt sich mit einer Bewegung, die an fließendes Wasser erinnert. „Ich bin Eleonora”, sagt sie. „Und Sie?”
„Misttueck.”
„Misttueck.” Sie spricht meinen Namen aus, als würde sie ihn probieren, wie ich den Kuchen probiert habe. Langsam, mit Aufmerksamkeit. „Das ist ein Name, den man sich merkt.”
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, also hebe ich meine Kaffeetasse und trinke einen Schluck. Der Kaffee ist stark und heiß, und ich spüre, wie er sich durch meine Kehle wärmt. Eleonora bestellt bei der Cafébesitzerin einen Tee und lehnt sich dann zurück, um mich zu betrachten. Nicht aufdringlich, aber auch nicht versteckt. Sie schaut mich an, wie man ein Bild in einem Museum betrachtet – mit dem Wunsch zu verstehen, was man sieht.
„Sie sind Radfahrerin”, sagt sie. Keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Unter anderem.”
„Und was noch?”
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Sie fragen direkt.”
„Ich habe nicht viel Zeit für Umschweife.” Sie nimmt den Tee entgegen, den die Cafébesitzerin ihr bringt, und hält die Tasse mit beiden Händen, als wärme sie sich an einem Feuer. „Also – was noch?”
Ich lehne mich zurück und spüre, wie sich mein Gewicht auf dem Stuhl verteilt, wie das Holz meine Form annimmt. „Ich schreibe. Geschichten, hauptsächlich. Und ich lese. Und ich versuche, das Leben zu betrachten, als wäre es eine Geschichte, die ich noch nicht zu Ende geschrieben habe.”
Eleonora nickt langsam. „Das ist eine schöne Art, es zu sehen.” Sie nimmt einen Schluck Tee und schaut über das Tal. „Ich male. Und ich sammele Momente, wie andere Menschen Briefmarken sammeln.”
Wir sitzen eine Weile schweigend da, aber es ist kein unangenehmes Schweigen. Es ist das Schweigen zwischen zwei Menschen, die die Stille als Sprache akzeptieren. Ich beobachte die Wolken am Horizont, die näher gekommen sind, und merke, dass sie nicht mehr so blaugrau aussehen wie vorhin. Sie sind dunkler geworden, fast violett, und sie ziehen sich zusammen wie eine Faust, die sich ballt.
Das ältere Paar steht auf und zahlt. Die Frau winkt mir zu, als wir uns sehen, ein kurzes, warmes Nicken, das wie ein Gruß unter Gleichgesinnten wirkt. Dann gehen sie, langsam, Hand in Hand, den Weg hinunter, und ich sehe ihnen nach, bis sie um eine Kurve verschwinden.
„Sie beneiden sie”, sagt Eleonora.
Ich schaue sie an. „Wie kommen Sie darauf?”
„Die Art, wie Sie ihnen nachgeschaut haben. Die Art, wie Ihre Finger auf der Tischkante lagen, als Sie sich bewegten. Wie jemand, der etwas will, das er nicht hat.”
Ich spüre, wie mein Nacken warm wird, und es liegt nicht an der Sonne. „Vielleicht”, sage ich. „Oder vielleicht betrachte ich sie einfach als Geschichte, die sich zu Ende erzählen lässt.”
Eleonora lächelt, und in diesem Lächeln liegt etwas, das mich an etwas erinnert, das ich nicht benennen kann. Etwas Altes, Vertrautes, wie der Geruch eines Buches, das man lange nicht gelesen hat.
Der Wind frischt auf. Ich spüre ihn zuerst an den Armen, wo die Härchen sich aufrichten, dann am Nacken, wo er unter meinen Kragen kriecht. Die Lavendelblüten in den Tonkübeln wiegen sich, und die Rosen am Geländer bewegen sich, als hätten sie plötzlich beschlossen zu tanzen. Ich schaue nach oben, und der Himmel, der vorhin noch blau war, ist jetzt ein seltsames Grau-Blau, wie ein Fleck, der sich ausbreitet.
„Das wird ein Gewitter”, sagt die Cafébesitzerin, die auf die Terrasse tritt und die Tischdecken anhebt, damit der Wind sie nicht wegträgt. „Ein kräftiges noch dazu. Sie sollten reingehen.”
Eleonora steht auf und blickt zum Himmel. Ihr dunkelrotes Kleid flattert im Wind, und für einen Moment liegt es eng an ihrem Körper, zeichnet die Konturen ihrer Hüfte und ihrer Taille nach, bevor es sich wieder füllt. Ich sehe es, und ich sehe, dass sie es bemerkt, dass ich es sehe, und keiner von uns sagt etwas dazu.
Das junge Paar auf der anderen Seite der Terrasse hat es auch gemerkt. Das Mädchen mit den roten Haaren steht auf und hält sich ihr T-Shirt fest, als der Wind daran zieht. Ihr Freund sammelt ihre Sachen ein – Handy, Sonnenbrille, eine Tasche – und sie gehen ins Café, das Mädchen voraus, der Junge hinterher, als könnte er sie beschützen vor dem, was kommt.
Ich stehe auf und nehme meine Brille ab, um sie in der Tasche zu verstauen. Mein Leinenhemd flattert, und ich halte es fest, während ich zum Café gehe. Die Luft hat sich verändert – sie ist kühler, feuchter, und sie riecht nach Regen, der noch nicht da ist, aber kommt. Es ist ein Geruch, den ich liebe, der nach etwas Neuem schmeckt, nach Veränderung.
Im Café ist es warm und dunkel. Die Wände sind aus Stein, wie ein alter Stall, und an ihnen hängen Bilder – Landschaften, abstrakte Formen, eine Fotografie des Tals bei Nacht. Die Cafébesitzerin hat Kerzen angezündet, nicht aus Romantik, sondern weil das Licht hier drinnen weich ist und die Lampen nicht ausreichen. Es riecht nach Kaffee und Holz und etwas Süßem, das aus der Küche kommt.
Eleonora steht an einem Fenster und schaut hinaus. Ich stelle mich neben sie, und für einen Moment stehen wir schweigend da und sehen, wie der Himmel sich verändert. Die Wolken sind jetzt schwarz, nicht mehr grau, und sie bewegen sich schneller, als Wolken sich bewegen sollten. Es sieht aus, als hätte jemand die Zeit beschleunigt.
Der erste Donnerschlag kommt wie ein Peitschenhieb. Ich zucke zusammen, und Eleonora dreht den Kopf und schaut mich an, und in ihren dunklen Augen sehe ich ein Glitzern, das nicht Angst ist, sondern etwas anderes. Etwas, das an Erregung grenzt.
Der Regen kommt. Nicht langsam, nicht allmählich, sondern auf einmal, als hätte jemand einen Eimer ausgeleert. Ich sehe, wie das Wasser in Strömen vom Dach fällt, wie die Terrasse in Sekunden überschwemmt ist, wie die Lavendelblüten in den Tonkübeln sich unter der Wucht biegen. Der Wind heult, und die Fenster klirren, und der Donner rollt, nicht mehr einzelne Schläge, sondern ein kontinuierliches Grollen, das den Boden vibrieren lässt.
„Da kommen wir nicht mehr raus”, sagt die Cafébesitzerin, die hinter dem Tresen steht und die Kaffeemaschine abdreht. „Zumindest nicht in nächster Zeit. Die Straße runter ist bei so einem Regen lebensgefährlich.”
Ich schaue zu meinem Fahrrad, das draußen am Gestell steht und schon triefend nass ist. Der Regen prasselt darauf, und das Wasser läuft in kleinen Bächen über den Rahmen, als würde das Rad weinen. Ich sehe Eleonora an und zucke mit den Schultern. „Sieht so aus, als hätte ich eine Weile Zeit.”
„Gut”, sagt sie. „Dann haben wir Zeit, uns kennenzulernen.”
Die Cafébesitzerin – ich erfahre später, dass sie Hilde heißt – fängt an, Flaschen aus einem Regal hinter dem Tresen zu holen. „Kaffee macht bei dem Wetter keinen Sinn mehr”, sagt sie. „Ich mache Wein auf. Roter. Spätburgunder. Hilft gegen das Donnerwetter.”
Sie stellt Gläser auf den Tresen und gießt ein, und der Wein ist dunkel und schwer, wie flüssiger Rubin. Ich nehme ein Glas und trinke, und der Wein ist trocken und warm und schmeckt nach Beeren und Erde und etwas, das ich nicht benennen kann. Eleonora trinkt neben mir, und unsere Ellbogen berühren sich am Tresen, und keiner von uns weicht zurück.
Das junge Paar sitzt in einer Ecke und teilt sich ein Stück Kuchen, das Hilde ihnen gebracht hat. Sie kichern und flüstern, und der Junge hat seinen Arm um das Mädchen gelegt, als wäre das Gewitter eine Gelegenheit, näher zusammenzurücken. Ich beobachte sie und frage mich, ob sie wissen, wie selten solche Momente sind – Momente, in denen die Welt einen hereinholt und sagt: Bleib.
Ein Mann betritt das Café. Er kommt von draußen, triefend nass, und schüttelt sich wie ein Hund. Er ist groß, breitschultrig, mit grauem Haar, das vom Regen platt an seinem Kopf liegt. Er trägt eine Wanderausrüstung – Stiefel, Regenjacke, Rucksack – und hat ein Gesicht, das von Wind und Sonne gezeichnet ist, tiefbraun, mit Falten, die wie Trockentäler aussehen.
„Verdammt”, sagt er und wässert den Steinboden mit Regen, der von seiner Jacke tropft. „Das kam schnell.”
„Setzen Sie sich”, sagt Hilde. „Hier, ans Feuer.” Sie zeigt auf einen Kamin in der Ecke, den ich vorher nicht bemerkt habe. Er ist klein, aus Feldsteinen gemauert, und Hilde zündet ihn an, und die Flammen züngeln hoch und werfen tanzende Schatten auf die Wände.
Der Mann setzt sich, und Eleonora und ich tun es ihm gleich. Wir sitzen um den Kamin, auf Stühlen, die Hilde herbeigeschafft hat, und der Wein wärmt mich von innen, während das Feuer mich von außen wärmt. Der Mann heißt Konrad, erfahre ich, und er ist Lehrer im Ruhestand, der jeden Sommer hier wandert.
„Und Sie?” fragt er mich. „Was bringt Sie hierher?”
„Das Fahrrad”, sage ich. „Und der Wunsch, etwas zu sehen, das ich noch nicht kenne.”
Er nickt, als verstünde er. „Ich komme seit zwanzig Jahren hierher. Jedes Jahr zur gleichen Zeit. Und jedes Mal sehe ich etwas Neues.”
Hilde bringt eine Suppe – heiß, mit Gemüse aus ihrem Garten – und Brot, das sie am Morgen gebacken hat. Wir essen am Kamin, und der Regen prasselt draußen gegen die Fenster, und der Donner rollt, aber hier drinnen ist es warm und sicher und es riecht nach Essen und Feuer und Wein.
Eleonora sitzt neben mir, und ich spüre ihre Nähe wie eine körperliche Sache, wie eine Wärme, die nicht vom Feuer kommt. Wenn sie sich bewegt, um ihr Glas zu holen oder Brot zu nehmen, streift ihr Arm meinen, und die Berührung ist wie ein elektrischer Funke, der sich von meiner Haut durch meinen ganzen Körper zieht. Ich versuche, nicht darauf zu achten, aber mein Körper achtet darauf, ob ich will oder nicht.
„Sie schreiben”, sagt sie, und es ist keine Frage. „Was schreiben Sie?”
Ich überlege, wie viel ich sagen soll. Normalerweise halte ich mich bedeckt, aber der Wein und das Feuer und das Gewitter haben etwas an mir gelöst, eine Schraube, die ich festgezogen halte. „Geschichten über Menschen”, sage ich. „Über das, was sie fühlen und nicht sagen. Über die Lücken zwischen den Worten.”
„Zeigen Sie mir eine.”
Ich schaue sie an. „Hier? Jetzt?”
„Warum nicht? Sie haben doch sicher etwas dabei.”
Ich habe etwas dabei. Ich habe immer etwas dabei. Ein kleines Notizbuch in der Satteltasche meines Fahrrads, aber das ist draußen im Regen. Aber ich habe auch mein Handy, und darauf sind Notizen, Fragmente, Anfänge von Geschichten, die ich noch nicht zu Ende erzählt habe. Ich hole es hervor und scrolle durch die Dateien, während Eleonora wartet, geduldig, mit einer Aufmerksamkeit, die mich nervös und beruhigt zugleich macht.
Ich finde etwas. Ein Fragment, das ich vor drei Wochen geschrieben habe, spät abends, als ich nicht schlafen konnte. Ich lese es vor, und meine Stimme klingt fremd in dem kleinen Café, über dem Prasseln des Regens und dem Knistern des Feuers.
Es ist eine Geschichte über eine Frau, die am Meer steht und auf etwas wartet, das sie nicht benennen kann. Sie wartet nicht auf einen Menschen, nicht auf ein Ereignis, sondern auf ein Gefühl, das sie einmal hatte und verloren hat. Die Wellen kommen und gehen, und sie steht da, und die Zeit vergeht, und sie fragt sich, ob das Gefühl zurückkommen wird oder ob sie es sich nur vorgestellt hat.
Als ich fertig bin, ist es still. Konrad schaut ins Feuer, und Hilde wischt den Tresen ab, aber ich sehe, dass sie zugehört hat. Das junge Paar hat aufgehört zu kichern. Und Eleonora schaut mich an, und in ihren Augen sehe ich etwas, das mich den Atem anhalten lässt.
„Das ist schön”, sagt sie. „Und traurig.”
„Schön und traurig sind nicht dasselbe”, sage ich.
„Nein”, antwortet sie. „Aber sie leben im selben Haus.”
Der Abend kommt, oder vielmehr, die Dunkelheit kommt, denn bei dem Gewitter ist der Übergang fließend. Hilde macht mehr Licht an, und das Café verwandelt sich von einem Zufluchtsort am Tag zu einem Zufluchtsort in der Nacht. Sie kocht – Nudeln mit einer Soße, die nach Tomaten und Basilikum und etwas duftet, das ich nicht identifizieren kann – und wir essen, und der Wein fließt, und die Gespräche werden persönlicher.
Konrad erzählt von seiner Frau, die vor fünf Jahren gestorben ist. Er spricht ohne Wehmut, aber mit einer Wärme, die verrät, dass der Schmerz verarbeitet ist, nicht verschwunden, aber zu etwas geworden, das er tragen kann. „Sie hat diesen Ort geliebt”, sagt er. „Jedes Jahr komme ich hierher, und jedes Mal fühlt es sich an, als würde ich sie wiederfinden.”
Das junge Paar – sie heißen Mira und Jonas – hört zu, und Mira hat Tränen in den Augen, die sie nicht versteckt. Jonas hält ihre Hand, und ich sehe, wie sein Daumen über ihren Handrücken streicht, langsam, beruhigend.
Eleonora erzählt von ihren Reisen. Sie hat in Marokko gelebt, in Indien, in Portugal, und sie spricht über diese Orte, als wären sie Menschen, die sie gekannt und verloren hat. „Ich male, was ich sehe”, sagt sie. „Aber ich male nicht, was da ist. Ich male, was fehlt.”
Ich trinke meinen Wein und spüre, wie er mich lockert, wie er die Kanten abrundet, die ich den ganzen Tag über mich gelegt habe. Eleonora sitzt neben mir, und ihre Schulter berührt meine, und ich frage mich, ob sie es spürt – diese Anziehung, dieses Ziehen, das nicht körperlich ist, aber es auch ist. Es ist wie ein Magnet, der nicht stark genug ist, um mich zu bewegen, aber stark genug, um mich festzuhalten.
Hilde kommt mit einer Flasche Schnaps – selbst gebrannt, aus Zwetschgen – und schenkt jedem ein. „Auf das Gewitter”, sagt sie. „Und auf die Menschen, die es hereingebracht hat.”
Wir trinken, und der Schnaps brennt in meiner Kehle und wärmt meinen Magen, und ich lache, weil es gut ist, weil es einfach ist, weil es ein Moment ist, der sich nicht wiederholen lässt.
Der Regen lässt nicht nach. Hilde schaut auf ihr Handy und schüttelt den Kopf. „Die Straßen sind überschwemmt. Bis morgen früh kommt hier niemand raus.”
„Dann bleiben wir”, sagt Konrad, und es klingt wie eine Entscheidung, die er schon oft getroffen hat. „Hier oben gibt es ein kleines Hotel. Drei Zimmer. Hilde, hast du?”
Hilde nickt. „Ich rufe Frau Berger an. Die hat sicher noch was frei.”
Sie telefoniert, und während sie spricht, schaue ich Eleonora an. Sie schaut zurück, und in dem flackernden Licht des Kamins sind ihre Augen nicht mehr braun, sondern golden, wie Honig im Sonnenlicht. Mein Herz schlägt schneller, und ich sage mir, dass es der Wein ist, der Schnaps, die Wärme, aber ich weiß, dass es nicht stimmt.
„Zimmer sind da”, sagt Hilde. „Zwei. Eins für die jungen Leute, eins für…” Sie schaut mich an, dann Eleonora, dann wieder mich. „Na, ihr zwei könnt euch das teilen, oder?”
Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen steigt. Eleonora lächelt, langsam, und in ihrem Lächeln liegt etwas, das ich nicht lesen kann. „Ich habe nichts dagegen”, sagt sie. „Wenn Misttueck nichts dagegen hat.”
„Ich habe nichts dagegen”, sage ich, und meine Stimme ist ruhiger, als ich mich fühle.
Mira und Jonas nehmen das andere Zimmer und verschwinden mit einem Gutenachtgruß, der fröhlich und ein bisschen betrunken klingt. Konrad entscheidet sich, im Café zu übernachten, auf einer Couch, die Hilde für ihn herrichtet. Er legt sich hin, die Hände hinter dem Kopf, und schläft ein, als hätte er es tausendmal getan.
Das Zimmer ist klein, unter dem Dach, mit schrägen Wänden und einem Fenster, durch das ich den Regen sehe, der gegen das Glas peitscht. Es gibt ein Bett, breit genug für zwei, mit einer weißen Tagesdecke, die nach Lavendel riecht. Eine Kommode, ein Spiegel, ein Stuhl. Mehr nicht.
Eleonora schließt die Tür hinter uns, und das Geräusch des Regens wird leiser, gedämpfter, als wären wir in einer anderen Welt. Sie zieht ihre Schuhe aus und stellt sie unter die Kommode, und ich sehe, wie sie ihre Zehen krümmt, als hätte sie Kälte, obwohl es hier warm ist.
Ich setze mich auf die Bettkante und schaue zu, wie sie ihr Haar löst, das sie in einem losen Zopf getragen hat. Es fällt über ihre Schultern, dunkel und schwer, und sie streicht es mit den Fingern durch, und die Bewegung ist so natürlich und gleichzeitig so intim, dass ich wegschauen muss.
„Misttueck”, sagt sie, und mein Name in ihrem Mund klingt anders als in meinem eigenen. Weicher, runder, wie eine Frucht, die reif ist.
Ich schaue auf. Sie steht vor mir, und von hier unten sehe ich die Konturen ihres Körpers unter dem dunkelroten Kleid – die Rundung ihrer Hüften, die Linie ihrer Taille, die Form ihrer Brüste, die sich unter dem Stoff abzeichnen, wenn sie atmet. Mein Mund wird trocken, und ich nehme einen Schluck Wasser von dem Glas, das auf der Kommode steht.
„Ich wollte dich fragen”, sagt sie, und das „du” kommt so natürlich, als hätten wir uns schon lange gekannt. „Die Geschichte, die du erzählt hast. Die Frau am Meer. Wartet sie auf etwas Vergangenes oder auf etwas Kommendes?”
Ich überlege. „Ich weiß es nicht”, antworte ich. „Ich habe die Geschichte nicht zu Ende geschrieben.”
Eleonora setzt sich neben mich, und die Bettkette gibt unter unserem Gewicht nach, und unsere Oberschenkel berühren sich, und ich spüre ihre Wärme durch den Stoff meiner Hose. „Vielleicht”, sagt sie, „wartet sie auf beides. Auf etwas, das war, und auf etwas, das werden könnte. Vielleicht sind das dasselbe.”
Ich drehe den Kopf und schaue sie an, und sie ist nah, so nah, dass ich den Wein auf ihrem Atem riechen kann, und etwas Blumiges, das ihr Parfum ist oder ihre Haut oder beides. Unsere Gesichter sind nah, und ich sehe die feinen Linien um ihre Augen, die Narbe an ihrer Augenbraue, die Art, wie ihr Mund leicht geöffnet ist, als würde sie auf etwas warten.
Aber ich warte nicht. Ich bewege mich nicht. Ich sitze da und spüre, wie die Spannung zwischen uns wächst, wie sich etwas aufbaut, das ich nicht benennen kann, und ich frage mich, ob es das ist, worauf die Frau am Meer gewartet hat.
Eleonora hebt die Hand und legt sie auf meine, die auf der Bettdecke liegt. Ihre Finger sind kühl und trocken, und die Berührung ist leicht, fast nichts, aber sie reicht, um meinen Puls zu beschleunigen. „Du musst nicht allein sein”, sagt sie. „Nicht heute Nacht.”
Ich schaue auf unsere Hände, ihre auf meiner, und ich spüre, wie sich etwas in mir entspannt, eine Anspannung, die ich so lange gehalten habe, dass ich vergessen hatte, dass sie da ist. „Ich weiß”, sage ich. „Aber ich kenne dich kaum.”
„Manchmal”, sagt sie, „kennt man sich in einer Nacht besser als in Jahren.”
Der Donner rollt draußen, und das Licht flackert, und für einen Moment sind wir in Dunkelheit gehüllt, und in der Dunkelheit spüre ich ihre Hand auf meiner, spüre ich ihre Wärme, spüre ich, wie sich etwas zwischen uns bewegt, das nicht mehr aufzuhalten ist.
Dann kommt das Licht zurück, und ich stehe auf, und sie steht auf, und wir stehen uns gegenüber in dem kleinen Zimmer unter dem Dach, und ich weiß, dass dieser Moment ein Wendepunkt ist, eine Gabelung in der Straße, und dass es kein Zurück gibt.
„Gute Nacht, Eleonora”, sage ich, und meine Stimme ist leiser, als ich will.
Sie lächelt, und diesmal ist das Lächeln nicht geheimnisvoll oder wissend, sondern einfach, offen, verletzlich. „Gute Nacht, Misttueck.”
Wir legen uns ins Bett, jede auf ihrer Seite, mit einem Abstand zwischen uns, der gleichzeitig Abstand und Brücke ist. Ich liege auf dem Rücken und schaue an die Decke, und ich höre ihren Atem, der sich verlangsamt, und ich spüre, wie sich meine eigene Atmung an ihre anpasst, wie zwei Instrumente, die sich aufeinander einstellen.
Der Regen prasselt gegen das Fenster, und der Wind heult, und der Donner rollt, aber hier in diesem Bett, in diesem Zimmer, in dieser Nacht, bin ich nicht allein. Und als ich einschlafe, denke ich an die Frau am Meer, und ich frage mich, ob sie endlich aufgehört hat zu warten.
