Café
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Die Luft im Café Léandre riecht nach frisch gemahlenen Bohnen und warmer Milch, ein schwerer, süßlicher Duft, der sich mit dem Aroma von karamellisiertem Zucker vermischt. Ich sitze an meinem Stammplatz am Fenster, die Beine übereinandergeschlagen, den linken Knöchel über dem rechten, und beobachte die Straße durch die beschlagene Scheibe. Meine Pumps — schwarzes Leder, Stilettoabsätze, zwölf Zentimeter, so spitz, dass man damit Löcher in Parkett bohren könnte — ruhen auf dem Quersatz des kleinen messingnen Tisches. Ich trage sie heute nicht für irgendjemanden. Ich trage sie, weil sie mir gehören wie der Atem unter meinen Rippen.
Der Barista, ein junger Typ mit kurzem Bart und Tätowierungen an den Unterarmen, bringt meinen dritten Espresso. Er stellt die Tasse ab, ohne sie zu klirren zu lassen, und ich nicke ihm zu. Er kennt mich. Er weiß, dass ich meinen Kaffee schwarz
trinke, dass ich keinen Zucker will, dass ich es nicht mag, wenn jemand die Tasse zu schnell absetzt und Spritzer auf die Untertasse rieseln. Er hat das in den letzten sechs Monaten gelernt. Ich komme hierher, wann ich will, setze mich, wohin ich will, und die Welt ordnet sich um mich herum an. So funktioniert das.Ich bin zweiundvierzig Jahre . Ich habe ein Leben lang dafür gebraucht, mir diesen Raum zu erobern — nicht das Café, sondern den Raum, den ich einnehme, wenn ich einen Raum betrete. Die Art, wie mein Rücken gerade ist, wie meine Schultern nach hinten und unten ziehen, wie mein Kinn leicht angehoben ist, als würde ich jederzeit bereit sein, jemandem direkt ins Gesicht zu schauen und ihm zu sagen, was ich von ihm halte. Mein Haar ist dunkel, fast schwarz, geschnitten auf Kinnlänge, mit einem leichten asymmetrischen Pony, der mir immer wieder über die rechte Augenbraue fällt. Ich trage einen dunkelgrauen Wickelpullover, der tief genug ausgeschnitten ist, um das Schlüsselbein und den Ansatz meiner Brüste zu zeigen, aber nicht so tief, dass es billig wirkt. Darunter ein schwarzer BH mit Spitze, den man erahnen kann, wenn das Licht richtig fällt. Ein dunkler Bleistiftrock, der bis knapp über die Knie reicht. Strümpfe mit Naht. Und die Schuhe. Immer die Schuhe.
Ich trinke den Espresso in einem Zug. Die Bitterkeit liegt wie Tinte auf der Zunge. Ich stelle die Tasse ab und überprüfe mein Handy. Keine Nachrichten, die mich interessieren. Ein Meeting um vier, eine Galerie-Eröffnung um sieben. Dazwischen nichts. Zeit, die ich mir nehme wie ein Geschenk, das ich mir selbst mache.
Die Tür des Cafés geht auf, und ein Luftzug streift meine nackte Wade unter der Strumpfnaht. Ich schaue auf.
Sie kommt herein wie jemand, der nicht weiß, wohin er gehört. Mitte, vielleicht Anfang zwanzig, schmal, mit hellem Haar, das ihr in einer unordentlichen Pferdemähne über die Schulter fällt. Sie trägt eine zu große Jeansjacke über einem weißen T-Shirt, einen abgewetzten Rucksack über der linken Schulter, und weiße Sneaker, die schon mal weiß waren. Sie bleibt einen Moment stehen, als hätte sie die Tür hinter sich versehentlich geschlossen bekommen und wüsste jetzt nicht, wie sie wieder rauskommt. Ihre Augen — blaugrau, fast durchscheinend — scannen den Raum. Sie suchen nach etwas. Einem freien Tisch. Einer Möglichkeit. Einer Erlaubnis.
Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn schon tausendmal gesehen. Bei Frauen, die noch nicht wissen, was sie sind. Bei Frauen, die es ahnen, aber es niemandem sagen können. Bei Frauen, die in der Welt herumirren wie Stimmgabeln, die nach dem richtigen Klang suchen, ohne zu wissen, dass sie selbst der Klang sind.
Sie entdeckt den einzigen freien Tisch — den neben meinem. Zwei Stühle, ein winziger Abstand zwischen uns. Sie zögert, dann setzt sie sich, den Rucksack vor sich auf den Tisch wie eine Barriere. Ihre Finger — kurz geschnittene Nägel, kein Lack, ein dünner Silberring am Mittelfinger der rechten Hand — krallen sich in die Träger des Rucksacks.
Der Barista kommt zu ihr. Sie bestellt
einen Cappuccino, und ihre Stimme ist leise, fast brüchig, als würde sie sich dafür entschuldigen, dass sie überhaupt etwas bestellt. Ich drehe den Kopf leicht in ihre Richtung, ohne sie direkt anzusehen. Ich beobachte sie im Randfeld meines Blicks. Die Art, wie sie auf ihrem Stuhl sitzt — zusammengezogen, die Schultern nach vorne gezogen, als wollte sie weniger Platz einnehmen. Die Art, wie ihre Sneaker auf den Boden tippen, unruhig, rhythmisch, wie ein Herzschlag, der sich beruhigen will und es nicht schafft.Der Cappuccino kommt. Sie wickelt die Hände um die Tasse, als würde sie sich an ihr wärmen, obwohl es draußen nicht kalt ist. Sie bläst auf die Milchschaumkrone, und ich sehe, wie ihre Lippen sich dabei formen — voll, weich, ein bisschen trocken von der Heizungsluft im Café. Sie beißt sich auf die Unterlippe, dann lässt sie los. Ihr Blick wandert durch den Raum, und für einen Sekundenbruchteil streift er mich. Ich erlaube ihm nicht, hängen zu bleiben. Ich wende mich ab, schaue wieder auf die Straße, aber ich spüre den Nachhall ihres Blicks wie einen Fingerabdruck auf meiner Wange.
Ich hole mein Handy aus der Tasche und lege es auf den Tisch, Bildschirm nach oben. Eine Geste, die nichts bedeutet und alles. Ich warte. Nicht auf sie. Ich warte auf nichts. Aber ich bin mir ihrer Anwesenheit bewusst, so wie man sich der Anwesenheit einer bestimmten Note in einem Parfüm bewusst ist — nicht dominant, aber präsent, ein Unterton, der den ganzen Raum verändert.
Zwei Minuten vergehen. Drei. Sie trinkt ihren Cappuccino in kleinen Schlucken, und ich höre das Tappen ihres Löffels auf der Untertasse, als sie den Schaum umrührt, den sie eigentlich schon längst nicht mehr umrühren müsste. Sie macht es, weil ihre Hände etwas zu tun brauchen. Weil sie nervös ist. Weil sie in einem Café sitzt, das sie nicht kennt, in einer Stadt, die sie vielleicht auch nicht kennt, und weil sie nicht weiß, was sie hier soll.
Ich drehe den Kopf und sehe sie direkt an.
Es passiert langsam. Sie bemerkt es nicht sofort. Sie starrt in ihre Tasse, rührt, rührt. Dann spürt sie es — den Druck meines Blicks, wie man einen Blick spürt, der einen berührt. Sie schaut hoch, und unsere Augen treffen sich. Ich nicke. Ein minimales Nicken, kaum mehr als ein Heben des Kinns um einen Millimeter. Sie errötet. Es beginnt am Hals, breitet sich nach oben aus, erreicht die Wangen, die Ohren. Sie wendet den Blick ab, schnell, wie jemand, der eine Kerze anstarrt und sich am Licht verbrennt.
Ich lächle. Nicht breit. Ein Mundwinkel, der sich hebt. Mehr nicht.
Ich wende mich wieder der Scheibe zu, trinke meinen Espresso, der längst leer ist, und bewege stattdessen die leere Tasse hin und her, bis sie einen sanften Ton auf der Untertasse macht. Das Metall des Löffels klingt dagegen. Ich beobachte die Straße. Eine Frau mit Kinderwagen. Ein alter Mann mit Hut. Ein Hund, der an eine Laterne pinkelt. Nichts von Bedeutung.
Aber in meiner Randwahrnehmung bewegt sich etwas. Sie — die junge Frau neben mir — hat ihren Rucksack zur Seite geschoben. Sie sitzt etwas aufrechter. Hat sie sich unbewusst aufgerichtet, weil ich sie angesehen habe? Hat ihr Körper beschlossen, mehr Platz einzunehmen, weil jemand sie bemerkt hat? Ich weiß es nicht. Aber ich sehe es.
Der Barista kommt, um ihren leeren Cappuccino abzuräumen, und fragt, ob sie noch etwas möchte. Sie zögert. Ich nutze den Moment.
„Der Cappuccino ist hier empfehlenswert”, sage ich, ohne sie anzusehen. Meine Stimme ist ruhig, tief für eine Frau, mit einer leichten Rauchigkeit, die vom vielen Sprechen kommt. „Aber der Espresso ist besser.”
Sie schaut mich an. Ich sehe es aus dem Augenwinkel — ihr Kopf dreht sich in meine Richtung, und ich spüre, wie ihre Aufmerksamkeit auf mir liegt wie eine warme Hand.
„Ich… ja. Okay. Einen Espresso, bitte”, sagt sie zum Barista. Ihre Stimme ist diesmal etwas fester. Ein bisschen.
Der Barista nickt und geht. Stille zwischen uns. Aber es ist keine leere Stille. Es ist eine Stille, die etwas enthält, das wächst, wie Teig, der in einer Schüssel aufgeht. Ich lasse sie wachsen. Ich halte nichts fest und dränge nichts vor. Ich warte.
Der Espresso kommt. Sie greift nach der Tasse, und ihre Finger berühren die meinen — nicht ganz, beinahe, ein Streifen von Wärme, der in der Luft zwischen unserer Haut hängen bleibt. Sie zuckt nicht zurück. Sie friert ein. Eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann nimmt sie die Tasse und hebt sie zum Mund.
„Sie kommen hier oft her”, sagt sie. Keine Frage. Eine Feststellung.
„Jeden Tag”, antworte ich. Ich drehe mich jetzt zu ihr, langsam, und lege den Arm über die Stuhllehne. Meine Haltung öffnet sich in ihre Richtung, ohne dass es offensichtlich wäre. Meine Brüste drücken sich gegen den Stoff des Pullovers, und ich sehe, wie ihr Blick — unwillkürlich, schnell, wie ein Reflex — dorthin gleitet und dann wieder zurück zu meinem Gesicht. Sie errötet wieder. Diesmal dunkler.
„Ich bin hier neu”, sagt sie. „In der Stadt. Ich kenne niemanden.”
„Das ändert sich.”
Sie schaut mich an. Ihre Augen sind größer, als ich dachte. Das Blaugrau hat goldene Sprenkel um die Pupille, die ich erst jetzt sehe, in diesem Licht. Sie hat Sommersprossen, wenige, verstreut über die Nase. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, als würde sie gleich etwas sagen, aber es kommt nicht.
„Wie heißt du?”, frage ich.
„Leni”, sagt sie. „Und Sie?”
„Victoria”, sage ich. „Aber wir können beim Du bleiben.”
Sie nickt, und ich sehe, wie ihre Hände sich um die Espressotasse legen, fest, als würde sie sich an etwas festhalten. Ihr Blick wandert von meinem Gesicht zu meinem Hals zu meinen Schultern und dann — unweigerlich — hinunter zu meinen Schuhen. Den Blick kann ich deuten. Ich kenne ihn, seit ich zwanzig war. Es ist der Blick, der sagt: Ich will das sein. Oder: Ich will das berühren. Oder: Ich will jemanden sein, der so etwas trägt und so etwas ist.
Ich bewege meinen Fuß, den rechten, den mit dem Stiletto, der auf dem Quersatz des Tisches ruhte, und setze ihn auf den Boden. Das Klicken des Absatzes auf dem Holz ist scharf, durchdringend, wie ein kleiner Peitschenhieb in der Stille des Cafés. Leni zuckt zusammen. Nicht vor Schreck. Vor etwas anderem. Etwas, das ihr durch den Körper fährt wie ein Stromstoß.
Ich sehe es. Ich sehe, wie ihre Finger sich fester um die Tasse legen. Wie ihre Schultern sich anspannen. Wie ihr Atem für einen Moment aussetzt und dann wieder einsetzt, schneller, flacher.
„Tolle Schuhe”, sagt sie, und ihre Stimme ist gepresst, als würde sie die Worte durch eine enge Öffnung pressen.
„Danke.” Ich sage es so, als hätte sie mir einen Fakt mitgeteilt, kein Kompliment. „Ich trage nichts anderes.”
Sie schaut auf meine Schuhe, dann an mir hoch, bis zu meinem Gesicht. Es ist ein langer Blick, der über meine Waden streicht, die Naht der Strümpfe, die Knie, die Oberschenkel, die vom Rock verdeckt werden, die Hüfte, die Taille, die Brüste, den Hals, die Lippen. Es ist ein Blick, der mich auszieht, ohne mich zu berühren, und ich erlaube es. Ich halte ihn aus, ohne zu blinzeln.
„Bist du hier, um jemanden zu finden?”, frage ich.
Sie zögert. „Ich… ich weiß nicht. Ich bin hier wegen eines Praktikums. Für ein Jahr. Ich kenne niemanden.”
„Dann kennst du jetzt jemanden.”
Sie lächelt, und es ist ein Lächeln, das ihr Gesicht verändert. Die Sommersprossen tanzen. Die Wangen heben sich. Die Augen werden schmaler, und für einen Moment sieht sie aus wie ein , das ein Geschenk bekommen hat, das es nicht erwartet hat.
Ich trinke meinen letzten — vierten — Espresso und bestelle einen für sie. Wir sitzen nebeneinander und reden über die Stadt, über das Viertel, über die Galerie, in der ich arbeite. Sie studiert Kunstgeschichte, erfahre ich, und ihr Praktikum ist im Stadtmuseum. Sie hat keine Ahnung, was sie nach dem Studium machen will. Sie hat keine Ahnung, was sie jetzt will. Ich höre zu und stelle Fragen, die nicht oberflächlich sind, aber auch nicht intim. Ich frage nach ihrem Lieblingsmaler — sie nennt Bacon, und ich nicke anerkennend. Ich frage nach dem letzten Buch, das sie gelesen hat — es ist ein Briefwechsel zwischen Anaïs Nin und Henry Miller. Ich hebe eine Augenbraue, und sie errötet wieder.
„Ich lese gerne… intime Dinge”, sagt sie, und ihr Blick fällt auf ihre Hände.
„Das ist nichts, wofür man sich schämen muss”, sage ich. Meine Stimme ist jetzt etwas tiefer, etwas leiser. Der Abstand zwischen uns ist kleiner geworden, ohne dass einer von uns sich bewegt hat. Es ist die Schwerkraft der Konversation, die uns zusammengesogen hat.
Ich strecke meine Beine unter dem Tisch aus, und mein rechter Stiletto berührt ihren Fuß. Ihren Sneaker. Sie zieht nicht zurück. Ich auch nicht. Wir bleiben so sitzen, mein Absatz gegen ihren Fuß, und ich spüre die Wärme durch den Stoff hindurch.
„Du bist sehr selbstbewusst”, sagt sie, und es klingt wie eine Frage, die sie sich selbst stellt.
„Ich bin genug, um es zu sein.”
„Du bist nicht .”
„Ich bin zweiundvierzig.”
Ihre Augen weiten sich. Nicht weil das ist, sondern weil sie es nicht erwartet hat. Sie schaut mich an, als würde sie mich neu sehen, als würde sie mich jetzt erst wirklich sehen. Und in diesem Moment — ich spüre es — verschiebt sich etwas in ihr. Die Art, wie sie auf ihrem Stuhl sitzt, verändert sich. Die Schultern gehen zurück. Der Rücken wird gerader. Die Knie öffnen sich einen Zentimeter. Es ist, als würde sie sich mir anbieten, ohne zu wissen, was sie anbietet.
Ich lege den Kopf leicht schief und betrachte sie. Nichts Verstecktes. Ein offener, langsamer Blick, der ihr Gesicht abfährt, ihren Hals, ihre Brüste unter dem T-Shirt — klein, vielleicht ein B-Cup, die Brustwarzen unter dem Stoff leicht sichtbar, vielleicht von der Kälte der Klimaanlage, vielleicht von etwas anderem. Ich halte den Blick nicht fest. Ich lasse ihn fließen, wie Wasser, das über Steine läuft.
„Was für Kunst machst du?”, fragt sie, um das Gespräch am Laufen zu halten, um die Stille zu füllen, die zu voll geworden ist.
„Ich kuratiere”, sage ich. „Ich hänge Bilder auf. Ich entscheide, was gesehen wird und was nicht. Ich bestimme die Reihenfolge. Den Abstand. Die Beleuchtung.” Ich mache eine Pause. „Ich mag Kontrolle.”
Das Wort hängt zwischen uns. Kontrolle. Es ist ein Wort, das in diesem Café, bei Espresso und Milchschaum und dem Klappern von Tellern, nach etwas klingt, das nicht hierhergehört. Aber es passt. Es passt, weil es die Wahrheit ist, und weil Leni es hört und es nicht weghört.
Ihre Finger zittern, als sie die Tasse absetzt. Ein minimales Zittern, kaum sichtbar, aber ich sehe es. Ich sehe alles.
„Ich muss gehen”, sage ich und stehe auf. Mein Stuhl schiebt sich über den Boden, ein kratzendes Geräusch. Ich stehe jetzt über ihr, und sie schaut hoch, und von dieser Perspektive aus sieht sie meinen Körper, wie er sich aufbaut — die Beine in den Strümpfen, die Pumps, die mich noch größer machen, den Rock, der meine Hüfte umschließt, den Pullover, der meine Taille und meine Brüste zeichnet. Ich stehe da, und sie schaut hoch wie jemand, der in die Sonne schaut.
Ich greife in meine Tasche und ziehe eine Visitenkarte heraus. Schwarz, matt, mit silberner Prägung. Victoria Lindholm. Kuratorin. Galerie Nord. Eine Nummer. Eine E-Mail.
Ich lege sie auf den Tisch, zwischen uns. Nicht vor sie. Zwischen uns.
„Wenn du dich für Kunst interessierst”, sage ich, „komm in die Galerie. Heute Abend. Eröffnung. Sieben Uhr.”
Sie nickt, und ihre Hand bewegt sich zur Karte, aber sie nimmt sie nicht. Sie lässt sie liegen, als würde sie sie berühren, wenn ich gegangen bin.
Ich drehe mich um und gehe. Meine Absätze auf dem Holzboden — tak, tak, tak, tak — schneiden durch das Cafégeräusch wie eine Melodie, die sich von allem anderen abhebt. Ich spüre ihren Blick auf meinem Rücken, auf meinen Beinen, auf meinen Schuhen. Ich gehe nicht schnell. Ich gehe so, wie ich immer gehe: mit der Gewissheit, dass der Raum mir gehört, dass der Boden mir gehört, dass jeder Schritt ein Akt der Besitznahme ist.
An der Tür drehe ich mich um. Sie sitzt noch da, die Hände auf dem Tisch, die Karte zwischen ihnen. Sie schaut mich an, und ich sehe — in ihrem Gesicht, in der Art, wie ihre Lippen leicht geöffnet sind, in der Art, wie ihre Finger sich strecken, als wollten sie etwas greifen, das nicht da ist — ich sehe das Verlangen. Nicht nach mir. Nicht sexuell. Noch nicht. Sondern das Verlangen, das man hat, wenn man jemanden findet, der etwas hat, das man selbst nicht hat, und man will es haben, man will es sein, man will es berühren und es nie wieder loslassen.
Ich nicke. Ein minimales Nicken, wie vorhin. Und dann gehe ich.
Draußen auf der Straße bleibe ich stehen. Die kühle Luft streift mein Gesicht. Ich schließe die Augen für einen Moment und atme ein. Ich rieche Kaffee, Abgase, den leichten Duft meines eigenen Parfüms — Iris, Patschuli, etwas, das nach nasser Erde riecht. Ich öffne die Augen und lächle.
Ich weiß, dass sie kommen wird. Heute Abend. Sie wird in der Galerie stehen, in ihren zu großen Klamotten, und sie wird nicht wissen, wie sie sich verhalten soll. Und ich werde da sein. Ich werde sie sehen. Ich werde sie ansehen, wie ich sie im Café angesehen habe, und sie wird erröten, und ihre Finger werden zittern, und ihre Knie werden weich werden, und sie wird nicht wissen warum.
Aber ich werde es wissen.
Ich gehe die Straße hinunter, meine Absätze auf dem Asphalt, tak, tak, tak, und jeder Schritt ist eine Entscheidung, und jede Entscheidung ist meine.
Im Café, weiß ich, sitzt Leni noch da. Ihre Hände auf dem Tisch. Die Karte zwischen ihnen. Sie wird sie nehmen, schließlich. Sie wird sie in ihre Jeansjackentasche stecken, und sie wird den ganzen Tag mit dem Bewusstsein herumlaufen, dass es jemanden gibt, der sie gesehen hat. Wirklich gesehen. Nicht ihre Oberfläche, nicht ihr Lächeln, nicht ihre Höflichkeit. Sondern das, was darunter liegt. Das Zittern. Das Verlangen. Die Sucht, bemerkt zu werden.
Und ich werde warten. Nicht wie jemand, der wartet. Wie jemand, der weiß, dass das Warten belohnt wird.
Die Galerie ist dunkel, als ich ankomme. Ich schließe auf, gehe hinein, schalte das Licht ein. Die Bilder an den Wänden — abstrakte, Öl auf Leinwand, in Tönen von Rot und Schwarz und Gold — erwachen zum Leben. Ich gehe langsam durch den Raum und justiere die Spots, einen nach dem anderen, bis jedes Bild genau so beleuchtet ist, wie ich es will. Jeder Winkel. Jeder Schatten. Meine Entscheidung.
Ich gehe ins Hinterzimmer, ziehe den Pullover aus und streife das T-Shirt an, das ich in meiner Tasche habe. Ein schwarzes, enges, mit einem tiefen V-Ausschnitt. Ich frisiere mich vor dem Spiegel — ein bisschen Rouge, etwas Mascara, ein dunklerer Lippenstift, der meine Lippen betont wie ein roter Streifen an einer weißen Wand. Ich ziehe die Pumps nicht aus. Die Pumps bleiben an. Die Pumps bleiben immer an.
Um halb sieben kommen die ersten Gäste. Ich stehe an der Bar, ein Glas Sekt in der Hand, und empfange sie. Händedrücke, Wangenküsse, Komplimente über die Ausstellung. Ich nicke, lächle, antworte. Aber meine Aufmerksamkeit ist nicht hier. Meine Aufmerksamkeit ist bei der Tür.
Um fünf nach sieben geht sie auf.
Leni steht im Türrahmen, und sie sieht anders aus als vorhin im Café. Sie hat sich umgezogen — nicht vollständig, aber genug. Ein dunkles Kleid, einfach, knielang, mit schmalen Trägern. Darüber immer noch die Jeansjacke, als könnte sie sich nicht ganz davon trennen. Und an den Füßen — ich schaue runter, und ich halte inne — Low Heels. Schwarz. Vielleicht fünf Zentimeter. Nichts im Vergleich zu meinen. Aber es ist ein Versuch. Ein Signal. Ein: Ich habe mir Mühe gegeben. Ich will, dass du es bemerkst.
Ich bemerke es.
Ich wende mich von der Bar ab und gehe durch den Raum, auf sie zu. Meine Schuhe auf dem Steinboden der Galerie — tak, tak, tak — übertönen alles andere. Die Gäste treten zur Seite, ohne es zu merken, als würde sich eine unsichtbare Gasse vor mir öffnen. Ich bleibe vor Leni stehen, nah, näher als üblich, und sie schaut zu mir hoch. Mit den Low Heels ist sie vielleicht eins-sechzig. Ich bin eins-fünfundsiebzig, plus die zwölf Zentimeter. Sie muss den Kopf weit zurücklegen, um mir ins Gesicht zu schauen, und ich sehe, wie sich ihr Hals dabei streckt, wie die Sehnen unter der Haut sich anspannen, wie das Kleid sich über ihren Brüsten spannt, weil sie die Schultern zurückzieht.
„Du bist da”, sage ich.
„Du hast mich eingeladen”, sagt sie, und ihre Stimme ist leise, aber sie zittert nicht mehr.
Ich strecke die Hand aus und berühre ihren Arm, knapp über dem Ellbogen. Meine Finger auf ihrer nackten Haut. Sie ist warm. Kühler als ich erwartet habe, aber warm. Ich spüre, wie sich ihre Muskeln unter meiner Berührung anspannen — ein kurzes Zucken, dann ein Loslassen, als würde ihr Körper entscheiden, sich meiner Hand anzupassen.
„Komm”, sage ich. „Ich zeige dir die Bilder.”
Ich führe sie durch die Galerie, meine Hand noch immer auf ihrem Arm. Ich erkläre die Bilder — nicht die Fakten, nicht die Kunstgeschichte, sondern das, was ich darin sehe. Die Spannung. Die Gewalt. Die Schönheit, die aus dem Zerfall entsteht. Ich spreche leise, so dass sie näher an mich stehen muss, um mich zu hören. Und sie kommt näher. Mit jedem Bild, das ich erkläre, kommt sie einen Schritt näher, bis ihre Schulter meine Schulter berührt, bis ich ihren Atem auf meinem Arm spüre, bis ihre Hüfte meine Hüfte streift, wenn sie sich bewegt.
Vor dem letzten Bild — einem großen, abstrakten Werk in tiefem Rot, fast Schwarz, mit goldenen Linien, die sich wie Narben über die Leinwand ziehen — bleibe ich stehen. Sie steht neben mir, und wir schauen das Bild an.
„Was siehst du?”, frage ich.
Sie zögert. „Ich sehe… Schmerz. Und etwas, das danach kommt.”
„Und was kommt danach?”
Sie dreht den Kopf und schaut mich an. Nicht das Bild. Mich. Und in ihren Augen — den blaugrauen mit den goldenen Sprenkeln — sehe ich etwas, das mich nicht überrascht, das mich aber trotzdem trifft wie eine warme Hand auf kalter Haut. Sehnsucht. Nicht nach Sex. Nicht nach Liebe. Nach Führung. Nach jemandem, der ihr sagt, wo sie langgeht. Nach jemandem, der sie sieht und sie nicht wegschaut.
„Das weiß ich nicht”, sagt sie. „Ich hoffe, dass jemand es mir zeigt.”
Ich schaue sie an. Lange. So lange, dass sie anfangen müsste, unruhig zu werden. Aber sie wird nicht unruhig. Sie hält meinen Blick aus, und ich sehe, wie ihre Pupillen sich weiten, wie die goldene Farbe um die Iris verschwindet, wie ihre Lippen sich leicht öffnen und sich wieder schließen, als würde sie nach Luft schnappen, die sie nicht bekommt.
Ich hebe die Hand und lege sie an ihre Wange. Meine rechte Hand. Meine Finger auf ihrer Haut, mein Daumen auf ihrem Wangenbein. Sie schließt die Augen. Nicht sofort. Langsam, wie ein Vorhang, der sich senkt. Und als ihre Augen geschlossen sind, atmet sie aus — ein langes, bebendes Ausatmen, als würde sie etwas ablegen, das sie seit langem trägt.
Ich streiche mit dem Daumen über ihre Wange, langsam, und spüre die Wärme, die unter ihrer Haut steigt. Ich spüre den Puls an ihrem Kiefer, schnell, hämmernd, wie ein Vogel, der gegen einen Käfig schlägt.
„Ich könnte es dir zeigen”, sage ich. Meine Stimme ist leise, kaum mehr als ein Flüstern. „Aber du müsstest mir vertrauen. Und du müsstest gehorchen.”
Ihre Augen gehen auf. Sie schaut mich an, und ich sehe — in der Art, wie ihr Atem stockt, in der Art, wie ihre Hände sich an die Seiten pressen, in der Art, wie ihr Körper sich mir zuneigt, als würde sie von einer unsichtbaren Hand gezogen — ich sehe das Ja, bevor sie es ausspricht.
„Gehorchen?”, fragt sie, und ihre Stimme ist rau.
„Gehorchen.” Ich streiche mit dem Daumen über ihre Unterlippe. Sie ist trocken, warm, weich. „Du tust, was ich sage. Wenn ich es sage. Wie ich es sage.”
Sie atmet ein, und ich spüre, wie sich ihr Brustkorb hebt, wie sich ihre Brüste gegen den Stoff des Kleides drücken. Ihr Körper ist jetzt ganz auf mich ausgerichtet — die Füße in meiner Richtung, die Hüfte, die Schultern, der Blick. Alles. Sie ist ein Kompass, und ich bin Norden.
„Warum sollte ich dir gehorchen?”, fragt sie, aber es ist keine Herausforderung. Es ist eine Bitte. Eine Bitte um einen Grund. Einen letzten.
Ich beuge mich vor, bis mein Mund an ihrem Ohr ist. Mein Atem auf ihrer Haut. Ich sehe, wie sich eine Gänsehaut über ihren Hals ausbreitet, wie die feinen Härchen sich aufrichten, wie ihr Kopf sich leicht zu mir dreht, als würde sie sich meiner Stimme anbieten.
„Weil du es willst”, flüstere ich. „Weil du seit du in dieses Café gekommen bist, nichts anderes mehr willst.”
Sie zittert. Ihr ganzer Körper zittert, ein feines, unsichtbares Beben, das ich spüre, weil meine Hand noch immer an ihrer Wange liegt und ihre Wange unter meinen Fingern vibriert.
Ich trete einen Schritt zurück. Meine Hand fällt von ihrer Wange. Die Kälte, die an ihrer Stelle kommt, ist wie ein Schnitt.
„Überleg es dir”, sage ich. Meine Stimme ist wieder normal, laut, klar. Die Stimme der Kuratorin, nicht der Frau, die gerade ihr Ohr liebkost hat. „Du hast meine Nummer.”
Ich drehe mich um und gehe zu den Gästen zurück, die auf der anderen Seite der Galerie stehen und Sekt trinken und über Kunst reden. Ich grüße sie, lächle, plaudere. Als ob nichts passiert wäre.
Aber ich spüre ihren Blick in meinem Rücken. Brennend. Hungrierend. Und ich lächle.
Ich weiß, dass sie anrufen wird. Heute Nacht. Morgen. Spätestens übermorgen. Sie wird anrufen, und ihre Stimme wird zittern, und sie wird sagen: Victoria, ich… ich weiß nicht, was ich soll.
Und ich werde sagen: Komm. Jetzt. Und sie wird kommen.
Aber das ist später. Jetzt stehe ich hier, in meiner Galerie, in meinen zwölf Zentimeter hohen Stilettos, und ich trinke Sekt und plaudere mit Leuten, die ich nicht interessiere, und ich warte. Geduldig. Wie eine Spinne im Netz.
Und draußen, in der Nacht, geht Leni nach Hause, die Visitenkarte in der Jeansjackentasche, die Low Heels auf dem Asphalt, und sie weiß nicht, was sie gerade begonnen hat.
Aber ich weiß es.
Ich weiß es schon lange.
whow… sehr sehr erotisch geschrieben… viel Spannung im Schreibstil. Das gefällt mir sehr. Hoffe die Fortsetzung kommt.
GLG