Der erste Befehl im Kerzenschein
Veröffentlicht amDie Luft im Festzelt riecht nach gebrannten Mandeln, Schweinebraten und Bier, das in Strömen fließt – süßlich, hopfig, mit einem Unterton von verschütteter Hefe, der sich in den Holzbrettern des Bodens festgesetzt hat. Ich stehe am Eingang und beobachte, wie die Menge nach drinnen drängt. Trachten, Dirndl, Lederhosen, überall. Die Blaskapelle dröhnt ein Marschlied, die Bässe vibrieren im Brustkorb. Es ist laut, es ist grell, es ist genau das, was ich an diesem Abend brauche.
Ich trage mein Dirndl – dunkelgrün, mit feiner Silberstickerei am Mieder, die Schnürung sitzt fest, aber nicht zu eng. Ich kenne meinen Körper. Mit 56 weiß ich, was mir steht und was nicht. Meine grauen Haare sind kurz geschnitten, praktisch, ein bisschen frech – sie passen zu mir. Unkompliziert. So wie ich bin.
Neben mir steht sie. Meine Begleiterin. Sie ist jünger, deutlich jünger, und sie trägt ihr
Dirndl so, wie ich es ihr gesagt habe – das Mieder etwas fester geschnürt, als sie es selbst gewählt hätte, die Schürze gerade, kein einziges Fältchen, das nicht dort sein sollte. Sie hat sich herausgeputzt, und sie sieht gut aus. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sie das für mich getan hat.„Heute benehmen wir uns”, sage ich, bevor wir das Zelt betreten. Ich drehe mich zu ihr, und meine Stimme ist ruhig, aber sie trägt den Ton, den sie kennt. Den Ton, der keinen Spielraum lässt.
Sie lacht. „Natürlich.”
Ich sage nichts. Ich sehe sie nur an.
Ihr Lachen verklingt. Sie erkennt den Blick – den Blick, der sagt: Ich meine es ernst. Der Blick, der sagt: Du weißt, was passiert, wenn du nicht aufpasst.
„Okay. Ich benehme mich.”
„Schon besser.”
Ich nicke, und wir gehen hinein.
Das Festzelt ist ein Rausch aus Licht und Lärm. Wir finden einen Platz an einer der langen Holztische, quetschen uns zwischen feiernde Gruppen, die bereits tief in ihren Maßkrügen stecken. Ein Kellner schiebt sich vorbei, das Tablett balancierend, und ich hebe zwei Finger. Zwei Maß. Die Krüge landen vor uns, der Schaum läuft über den Rand, und ich nehme den ersten Schluck. Kalt, bitter, perfekt.
Meine Begleiterin – ich nenne sie hier nicht beim Namen, das ist nicht nötig, nicht in diesem Moment – sitzt neben mir, ihre Schulter berührt meine, und sie ist nah genug, dass ich den Duft ihres Haars riechen kann. Shampoo mit etwas Vanille. Darunter der feine Schweiß des vollen Zelts, die Körperwärme, die sich zwischen all diesen Menschen staut.
Wir trinken. Wir singen mit, wenn die Kapelle die alten Lieder spielt, die jeder kennt. Wir lachen über die Betrunkenen, die auf den Bänken tanzen und dabei ihre Krüge verschütten. Und mit jedem Schluck Bier löst sich etwas in der Luft zwischen uns – die Spannung, die immer da ist, wenn wir zusammen sind, die unsichtbare Linie zwischen dem, was wir in der Öffentlichkeit zeigen, und dem, was hinter geschlossenen Türen passiert.
Nach der zweiten Maß lehnt sich meine Begleiterin zu mir. „Darf ich noch einen?”
Ich lasse den Krug in meiner Hand sinken und drehe den Kopf zu ihr. Sie trägt den Ausschnitt ihres Dirndls so, dass ihre Brüste leicht gedrückt werden, das Dekolleté tief genug, um Blicke zu ziehen, aber nicht so tief, dass es billig wirkt. Ihr Gesicht ist leicht gerötet vom Bier und von der Hitze im Zelt, ihre Lippen glänzen noch vom letzten Schluck. Sie sieht mich an, und ich sehe, wie ihre Pupillen sich leicht weiten, als mein Blick den ihren trifft.
„Einen”, sage ich.
„Danke.”
Sie sagt es ohne Zögern, ohne Ironie. Einfach: Danke. Als hätte ich ihr eine Erlaubnis erteilt, die sie brauchte. Weil sie sie braucht.
Ich wende mich wieder dem Tisch zu, nehme einen weiteren Schluck, und für einen Moment ist es still zwischen uns – so still, wie es im Festzelt überhaupt sein kann. Die Musik spielt weiter, die Menschen brüllen und lachen, aber zwischen uns beiden ist diese Blase, diese
Kapsel aus Bedeutung, die nur wir verstehen.Eine Weile später wird der Platz neben uns frei. Eine Frau steht vor uns, hält ihren Krug in beiden Händen und sieht fragend auf den leeren Platz.
„Ist hier noch frei?”
Ich schätze sie auf Mitte dreißig. Lange Haare, dunkelblond, die in weichen Wellen über ihre Schultern fallen. Ein hübsches Gesicht – hohe Wangenknochen, volle Lippen, Augen, die neugierig hin und her wandern. Ihr Dirndl ist blau, sitzt gut an ihr, und sie trägt es mit einer Unbekümmertheit, die mir sofort auffällt. Sie ist entspannt, offen, aber nicht aufdringlich.
„Klar”, sage ich und deute auf den Platz. „Setz dich.”
Sie setzt sich, und ihre Schulter streift beim Hinsetzen kurz die meine. Warm. Ein Hauch von Parfüm – etwas Blumiges, Jasmin vielleicht, gemischt mit dem Biergeruch, der überall hängt.
„Kathi”, sagt sie und streckt die Hand aus.
Ich schlage ein. Ihr Händedruck ist fest, selbstbewusst. „Wilma.”
Sie wendet sich meiner Begleiterin zu, und auch dort gibt es ein kurzes Vorstellen. Dann hebt Kathi ihren Krug.
„Auf einen guten Abend.”
Wir stoßen an. Das Glas klirrt. Die Blaskapelle spielt weiter.
Es dauert nicht lange, bis Kathi erzählt. Sie redet schnell und offen, die Worte fließen so mühelos wie das Bier, das sie trinkt. Sie ist 36, hat zwei , und – das sagt sie mit einem halben Lachen, das nicht ganz echt klingt – sie ist seit drei Wochen geschieden.
„Drei Wochen”, wiederhole ich.
„Drei Wochen.” Sie nimmt einen großen Schluck. „Und ich feiere das, glaub mir.”
„Dann bist du heute also auf Freiheitstour”, stelle ich fest und lasse ein Grinsen auf mein Gesicht.
Kathi hebt ihren Krug. „So ungefähr.”
Ich mag sie. Sie hat etwas Ungefiltertes an sich, eine Direktheit, die nicht unhöflich, aber ehrlich ist. Sie sagt, was sie denkt, und sie fragt, was sie wissen will. Das erkenne ich schnell.
Die drei von uns finden einen Rhythmus. Wir trinken, wir reden, wir lachen über die absurdesten Dinge – über den Mann drei Reihen weiter, der versucht, auf dem Tisch zu tanzen und dabei fast in einen Krug fällt; über das Lied, das die Kapelle zum dritten Mal spielt, als hätte ihr Repertoire nur drei Titel; über Kathis Erzählungen von ihrem Ex-Mann, die immer lustiger werden, je mehr sie trinkt.
Meine Begleiterin lacht mit, trinkt mit, singt mit. Aber sie wirft mir Blicke zu. Kurze, fast unmerkliche Blicke, die jeder andere für zufällig halten würde. Ich nicht. Ich weiß, was sie fragen. Ich weiß, dass sie auf meine Antwort wartet, auf ein Zeichen, das ihr sagt, dass sie weitermachen darf. Oder aufhalten soll.
Ich nicke, kaum merklich. Sie lächelt und trinkt weiter.
Nach einer Weile stelle ich fest, dass mein Krug leer ist. Ich stelle ihn ab und will aufstehen. Meine Begleiterin hat ihren eigenen Krug noch halb voll vor sich stehen, aber sie will offensichtlich mitkommen – sie beginnt aufzustehen, ihren Krug in der Hand, und dann passiert es.
Ich sage nichts. Ich schaue nur auf ihren Krug. Dann zu ihr. Ein Blick, der nicht einmal eine Sekunde dauert.
Sie setzt sich wieder. Nimmt den Krug mit. Bleibt sitzen.
Es ist eine Kleinigkeit. Eine Geste, die zwischen uns funktioniert wie ein Code, den nur wir entschlüsseln können. Aber Kathi hat es gesehen.
„Was war das denn gerade?”, fragt sie, und ihre Stimme ist neugierig, ein bisschen amüsiert, aber vor allem: wach.
Ich wende mich ihr zu und lasse mein Gesicht neutral erscheinen. „Was?”
„Dieser Blick.”
Meine Begleiterin grinst. Sie kennt dieses Spiel. Sie genießt es, wenn jemand anderes es bemerkt – nicht, weil sie sich entlarvt fühlt, sondern weil es die Spannung erhöht. Weil es sichtbar macht, was sonst im Verborgenen bleibt.
„Welcher Blick?”, fragt sie, und ihr Grinsen wird breiter.
Kathi zeigt mit dem Finger von meiner Begleiterin zu mir. „Genau der! Du guckst sie an und plötzlich macht sie, was du willst.”
Ich lehne mich zurück. Das Holz der Bank drückt gegen meinen Rücken, und ich spüre die Vibration der Musik durch den Boden, durch die Tischplatte, durch alles. Ich nehme einen langsamen Atemzug und betrachte Kathi. Ihr Gesicht ist noch geröteter als vorhin, ihre Augen glänzen, und sie hat sich ein wenig vorgebeugt, als wäre sie plötzlich näher dran an etwas, das sie nicht ganz einordnen kann.
„Vielleicht ist sie einfach gut erzogen”, sage ich.
Kathi sieht von mir zu meiner Begleiterin und wieder zurück. Ihre Augenbrauen heben sich. „Aha.”
Das Thema wäre damit erledigt. Sie nimmt einen Schluck, ich nehme einen Schluck, die Musik spielt weiter. Aber ich sehe, wie Kathi die Lippen presst, wie ihre Augen zwischen uns hin und her wandern, wie sie nachdenkt. Sie lässt es nicht los.
Und je später der Abend wird, desto weniger Mühe geben wir uns, es zu verbergen.
Es passiert wieder, eine halbe Stunde später. Meine Begleiterin will noch eine Maß bestellen. Sie wendet sich an mich.
„Darf ich noch einen?”
Kathi, die gerade einen Schluck nehmen wollte, friert ein und dreht den Kopf. Ihre Augen werden größer.
Ich lasse mir Zeit. Ich nehme einen Schluck von meinem eigenen Bier, stelle den Krug ab, wische mit dem Daumen über meinen Mund. Meine Begleiterin wartet. Sie fragt nicht noch einmal. Sie wartet einfach.
„Einen”, sage ich.
„Danke.”
Kathi starrt uns beide an. Ihr Mund öffnet sich, schließt sich wieder. Dann legt sie ihren Krug auf den Tisch, etwas fester als nötig.
„Moment mal. Sie fragt dich wirklich um Erlaubnis?”
Ich lächle. Es ist kein breites Lächeln, kein amüsiertes. Es ist das Lächeln, das ich verwende, wenn ich weiß, dass ich die Kontrolle über ein Gespräch habe – und die andere Person noch nicht einmal bemerkt hat, dass sie sich darin bewegt.
„Manchmal.”
„Warum?”
Diesmal antwortet meine Begleiterin. Sie wendet sich Kathi zu, und ihre Stimme ist ruhig, klar, ohne Spott. „Weil ich das mag.”
Kathi sagt für einen Moment gar nichts. Sie starrt meine Begleiterin an, dann mich, dann wieder meine Begleiterin. Ihre Finger umkrampfen den Krug, und ich sehe, wie ihr Daumen über den Henkel streicht – eine nervöse Geste, unwillkürlich, aber verräterisch. Sie nimmt einen Schluck. Ein großer Schluck, fast die halbe Maß.
„Okay …”
Sie schaut mich an. Direkt. Ihre Augen sind anders als vorhin – nicht mehr nur neugierig, sondern fokussiert. Konzentriert. Als hätte sie etwas entdeckt, das sie genauer untersuchen will.
„Jetzt werde ich neugierig.”
„Das”, sage ich, „kann gefährlich werden.”
Ich halte ihren Blick, und ich sehe, wie sich etwas in ihrem Gesicht verändert. Die Unbekümmertheit ist noch da, aber darunter bildet sich etwas anderes. Ein Flackern. Die Lippen, die sich kurz öffnen und wieder schließen. Die Zunge, die über die Unterlippe streicht – schnell, vielleicht unbewusst. Kathi ist nicht mehr nur amüsiert. Kathi ist fasziniert.
Die Blaskapelle spielt ein langsames Lied, und um uns herum wird die Stimmung weicher, sentimentaler. Einige Paare halten sich an den Händen, andere singen mit Tränen in den Augen. Wir drei singen nicht. Wir sitzen an unserem Tisch, und zwischen uns ist etwas gewachsen, das nichts mit dem Bier zu tun hat.
Kathi beginnt, Fragen zu stellen. Fragen, vorsichtig, als würde sie ein Tier füttern, von dem sie nicht weiß, ob es beißt.
„Wer von euch beiden bestimmt?”
Ich lächle. „Was denkst du?”
„Du.”
„Dann brauchst du nicht zu fragen.”
Sie lacht, aber es ist ein anderes Lachen als vorhin. Leiser. Nachdenklicher.
„Gibt es Regeln?”
„Natürlich gibt es Regeln.”
„Musste sie gehorchen?”
Ich antworte nicht sofort. Ich wende mich meiner Begleiterin zu und sehe sie an. Lange. Sie erwidert meinen Blick, und ich sehe, wie sich ihre Haltung verändert – wie sie sich aufrichtet, die Schultern zurücknimmt, den Kopf leicht senkt. Nicht vor den anderen im Zelt. Für mich.
„Immer”, sage ich, ohne den Blick von meiner Begleiterin abzuwenden.
Kathi zieht hörbar die Luft ein. Ein kurzes, scharfes Geräusch, fast wie ein Keuchen.
Ich antworte nicht auf alles, was Kathi fragt. Ich lasse Fragen offen stehen, ich weiche aus, ich gebe Andeutungen, die mehr verschweigen als sie verraten. Und genau das macht, was ich erwartet habe: Kathi wird nicht müde. Sie will mehr wissen. Sie beugt sich vor, wenn ich spreche. Ihre Augen folgen meinen Händen, wenn ich den Krug hebe, wenn ich abstelle, wenn ich kurz die Hand meiner Begleiterin berühre – eine flüchtige Berührung auf dem Handrücken, kaum sichtbar, aber Kathi sieht es jedes Mal.
Irgendwann kündigt die Blaskapelle das letzte Lied an. „Ein Prosit der Gemütlichkeit” zum Abschluss, und das Zelt bebt unter dem Gesang. Wir stehen auf, heben die Krüge, singen mit. Kathi hakt sich bei meiner Begleiterin ein und singt lauter als alle anderen, und für einen Moment sind wir einfach drei Frauen, die einen guten Abend hatten.
Dann schließt das Zelt. Die Menge strömt nach draußen, in die kühle Nachtluft, die nach Bier und gebrannten Mandeln und Herbst riecht. Die Laternen am Weg leuchten orange, und überall stehen Gruppen, die nicht nach Hause wollen. Das ist das Gefühl, das der Oktoberfestabend hat, wenn er endet – diese Weigerung, aufzuhören.
„Bar?”, fragt Kathi.
Ich sehe meine Begleiterin an. Sie steht neben mir, ihre Arme vor der Brust verschränkt, und sie schaut mich an. Sie weiß, dass die Frage nicht an sie gerichtet war. Sie wartet.
„Bar”, entscheide ich.
Kathi grinst. „Bar.”
Wir gehen. Der Weg von den Festwiesen zu den umliegenden Bars ist belebt, laut, chaotisch – Menschen, die singen, die torkeln, die sich an den Armen festhalten. Kathi hakt sich bei mir ein, ihre Hand ruht in meiner Armbeuge, und ich spüre die Wärme ihrer Finger durch den Stoff meines Dirndls.
„Ich will jetzt aber wirklich wissen, wie dieses Spiel funktioniert”, sagt sie. Ihre Stimme ist nah an meinem Ohr, und ich rieche das Bier in ihrem Atem, den Jasmin ihres Parfüms, und darunter etwas anderes – den warmen, lebendigen Geruch einer Frau, die aufgeregt ist.
„Welches Spiel?”
„Du weißt genau, was ich meine.”
Ich bleibe stehen. Einfach so, mitten auf dem Weg. Meine Begleiterin, die zwei Schritte vorausgegangen ist, bemerkt es, dreht sich um und kommt zurück. Kein Wort. Keine Frage. Sie kommt einfach zurück, weil ich stehen geblieben bin.
Kathi hat es gesehen. Ihr Mund öffnet sich, aber ich komme ihr zuvor.
„Komm mal her”, sage ich zu meiner Begleiterin.
Sie tritt vor mich. Ich streiche über das Dirndl an ihrer Schulter, richte eine Falte im Stoff, die sich gebildet hat. Eine Geste, die nichts mit der Falte zu tun hat. Eine Geste, die sagt: Du gehörst zu mir. Eine Geste, die Kathi sieht und die sie für einen Moment verstummen lässt.
„So”, sage ich und nehme die Hand von der Schulter.
Dann wende ich mich Kathi zu. Sie steht immer noch bei mir eingehakt, und ich löse mich sanft aus ihrer Umklammerung, drehe mich zu ihr, trete einen halben Schritt näher. Wir stehen dicht beieinander. Dichter, als es für eine flüchtige Bekanntschaft nötig wäre.
„Du beobachtest ziemlich genau.”
„Ja”, sagt Kathi, und ihre Stimme ist leiser als vorhin. Direkter. Ohne die Lautheit des Festzelts, die alles überdeckt hat, klingt sie anders – konzentrierter.
„Warum?”
Kathi zuckt mit den Schultern. Eine abwehrende Geste, halbherzig, die sie selbst nicht glaubt. Dann grinst sie, und das Grinsen ist nicht mehr das betrunkene, ausgelassene von vorhin. Es ist etwas anderes. Es ist das Grinsen einer Frau, die etwas entdeckt hat und nicht weiß, ob sie davor weglaufen oder tiefer hineingehen soll.
„Weil ich es irgendwie spannend finde.”
„Was genau?”
Kathi sieht zu meiner Begleiterin. Sie betrachtet sie – nicht wie eine Konkurrentin oder eine Freundin, sondern wie jemand, der ein Rätsel betrachtet, das er lösen will. Ihre Augen wandern von den Händen, die ruhig nebeneinander hängen, über das Dirndl, das ich gerade gerichtet habe, zu dem Gesicht, das ruhig und geduldig wartet.
„Dass sie das einfach macht.”
Ich trete einen Schritt näher an Kathi. Wir stehen jetzt so nah, dass ich den Atem auf meiner Haut spüre. Warm, etwas unregelmäßig.
„Vielleicht macht sie es nicht einfach.”
Kathi schluckt. Ich sehe es – die Bewegung in ihrem Hals, das Adamäpfchen, das sich hebt und senkt.
„Vielleicht gefällt es ihr.”
Kathi blickt wieder zwischen uns hin und her. Ihre Zunge streicht über die Unterlippe, langsamer als vorhin. Bewusster.
„Und dir?”, fragt sie.
Ich lächle. Nichts sonst. Nur das Lächeln.
Kathi atmet aus. Ein langer, langsamer Atemzug, der etwas zittert am Ende.
Wir gehen weiter zur Bar. Es ist eine Bar, etwas abseits der Hauptstraße, und sie ist noch nicht so voll wie die anderen. Drinnen ist es warm, das Licht gedämpft, die Musik leiser als im Festzelt – ein Jazzpianist, der etwas Latin-Jazz spielt, die Bässe tief und weich. Wir finden hinten eine Sitzecke, ein Ledersofa und zwei Sessel um einen niedrigen Tisch. Kathi setzt sich mir gegenüber, meine Begleiterin neben mich.
Die Sitzecke ist abgegrenzt durch eine halbhohe Wand und einige Pflanzen, die nicht sehr echt aussehen, aber genug Sichtschutz bieten. Plötzlich ist unser Gespräch privat. Intim. Die Geräusche der Bar – Gläserklirren, Stimmen, das Klavier – sind noch da, aber sie sind weit weg.
Wir bestellen. Kathi einen Gin Tonic, ich einen Wein, meine Begleiterin das Gleiche. Die Getränke kommen, und für einen Moment trinken wir schweigend. Kathi betrachtet ihr Glas, dreht es in der Hand, lässt das Eis klirren. Ich sehe, wie sie nachdenkt. Wie sie die Worte sammelt, die sie sagen will.
Nach dem ersten Schluck stellt sie ihr Glas ab und lehnt sich vor.
„Also gut. Eine Frage.”
„Nur eine?”, lächle ich.
„Vorerst.”
Ihre Augen wandern zu meiner Begleiterin, die ruhig neben mir sitzt, das Glas in beiden Händen, und wartet.
„Wenn du ihr jetzt etwas sagst – macht sie es dann wirklich?”
Ich schaue zur Seite, zu meiner Begleiterin. Sie erwidert meinen Blick. In ihren Augen sehe ich das, was ich kenne – die Bereitschaft, das Vertrauen, das stille Einverständnis, das zwischen uns existiert, seit wir uns gefunden haben. Sie wartet auf ein Wort von mir. Nicht aus Pflicht. Aus Verlangen.
Dann wende ich mich wieder Kathi zu.
„Das hängt davon ab, was ich ihr sage.”
Kathi atmet ein. Ich sehe, wie ihre Brust sich hebt unter dem Stoff ihres Dirndls, wie das Mieder sich spannt, wie ihre Finger sich um das Glas fester schließen.
„Zeig es mir.”
Ich hebe eine Augenbraue. „Du möchtest eine Vorführung?”
Kathi lacht, aber es ist ein kurzes, unsicheres Lachen, das in ihrer Kehle stecken bleibt. Gleichzeitig – und das sehe ich deutlich, weil das Licht hier gedämpft ist, aber nah genug – breitet sich Röte von ihrem Hals aus. Sie wird warm. Unter der Oberfläche. An einer Stelle, die sie vielleicht selbst noch nicht ganz verstanden hat.
„Vielleicht.”
Ich nehme einen kleinen Schluck von meinem Wein. Der rote Wein ist trocken, ein wenig herb, und er schmeckt nach einem Abend, der sich in eine Richtung bewegt, die ich kommen sah, seit Kathi das erste Mal nach unserem Blickwechsel gefragt hat. Ich stelle das Glas ab. Langsam. Bewusst.
„Interessant.”
Ich wende mich meiner Begleiterin zu. Meine Stimme verändert sich – nicht lauter, nicht schärfer, aber klarer. Präziser. Die Stimme, die sie kennt.
„Steh bitte einmal auf.”
Sie steht auf. Sofort. Ohne Zögern, ohne Frage. Das Leder des Sofas knarrt leise, als sie sich erhebt, und sie steht vor uns, aufrecht, die Hände an der Seite, das Dirndl in Ordnung, die Haare glatt. Sie sieht mich an, wartend.
„Dreh dich.”
Langsam dreht sie sich. Einmal, ganz herum. Ich beobachte sie nicht – ich beobachte Kathi. Und ich sehe, was ich sehen will.
Kathi lacht zuerst, ein kurzes, amüsiertes Lachen, das automatisch kommt, weil die Situation absurd ist – zwei Frauen in einer Bar, und eine dreht sich im Kreis wie auf Kommando. Aber das Lachen verklingt schnell. Sehr schnell. Und dann bleibt Kathis Blick an ihr hängen. Er klebt an der Art, wie sie sich dreht – nicht eilig, nicht provokativ, sondern ruhig. Kontrolliert. An der Art, wie ihre Schultern gerade sind, wie ihr Rücken sich wölbt, als sie sich dreht, wie das Dirndl ihre Taille betont, die Brüste hebt, die Hüfte akzentuiert. Kathi sieht eine Frau, die sich präsentiert. Nicht weil sie es muss. Weil sie es will. Weil sie es für mich tut.
Kathi schluckt. Ihre Hand greift nach ihrem Glas, aber sie trinkt nicht. Sie hält es nur fest, als brauchte sie etwas, an dem sie sich festhalten kann.
„Und jetzt?”, fragt sie. Ihre Stimme ist leiser als je zuvor an diesem Abend.
Ich sehe Kathi an. Meine Begleiterin steht noch, wartet, und ich habe ihr nicht gesagt, dass sie sich setzen darf. Das ist Absicht.
„Jetzt bist du dran.”
Kathis Lächeln verschwindet. Nicht plötzlich, nicht dramatisch – es löst sich auf, wie sich Eis in warmem Wasser auflöst. Langsam, Schicht für Schicht.
„Ich?”
„Du wolltest doch wissen, wie unser Spiel funktioniert.”
„Ja …”
Ich beuge mich zu ihr. Unsere Gesichter sind nah, und ich sehe die feinen Schweißperlen an ihrem Haaransatz, die kleinen Falten um ihre Augen, die sich spannen, die Pupillen, die dunkel und groß sind. Ich rieche den Gin an ihrem Atem, den Jasmin an ihrem Hals, und ich sehe, wie ihre Lippen sich leicht öffnen, als ich näher komme.
„Dann bekommst du für heute deine erste Regel.”
Stille.
Das Klavier spielt weiter. Gläser klirren irgendwo. Menschen reden, lachen. Aber in unserer Sitzecke, hinten in der Bar, hinter den falschen Pflanzen und der halbhohen Wand, ist es still. Kathi starrt mich an. Ihre Finger haben das Glas losgelassen. Ihre Hände liegen auf dem Tisch, die Finger leicht gespreizt, als wüssten sie nicht, wohin sie gehören.
Ich warte. Ich habe nichts gesagt, was sie nicht ablehnen könnte. Sie könnte lachen. Sie könnte den Kopf schütteln und sagen: Nein, das ist mir zu viel. Sie könnte aufstehen und gehen. Sie könnte das Ganze als Scherz abtun und das Thema wechseln. Sie könnte all das tun, und ich würde es akzeptieren, ohne eine Frage zu stellen.
Sie tut nichts davon.
Sie fragt: „Welche?”
Ich lächle.
Genau diese Antwort habe ich hören wollen.
Die Kunst des Wartens
„Welche?”
Kathi sieht mich erwartungsvoll an. Ihre Finger liegen flach auf dem Tisch, die Spitzen leicht gespreizt, als hätte sie sich gerade innerlich aufgerichtet. Das blaugeblümte Dirndl spannt sich über ihrem Brustkorb, wo die Atmung schneller geht, als sie wahrscheinlich glaubt.
Ich antworte nicht sofort.
Lisa steht noch immer neben dem Tisch. Seit ich ihr befohlen habe aufzustehen und sich zu drehen, habe ich ihr nicht erlaubt, sich wieder zu setzen. Sie weiß das. Natürlich weiß sie das. Ihre Hände hängen ruhig an den Seiten, die Fingerspitzen berühren die Naht ihres Dirndlrocks. Kein Zappeln. Kein Seitenblick zur Sitzbank. Sie wartet, wie sie es gelernt hat, und aus ihrem Gesicht ist nichts zu lesen — diese vollkommene, glatte Leere, die erst dann Risse bekommt, wenn ich es will.
Und inzwischen weiß es auch Kathi.
Ich sehe, wie ihr Blick kurz zu Lisa wandert. Eine flüchtige Bewegung, kaum mehr als ein Lidschlag, aber sie registriert, dass Lisa noch steht. Dass Lisa seit mehreren Minuten steht. Dass das kein Zufall ist.
Ich nehme einen Schluck von meinem Wein. Das Glas klingt leise, als ich es auf dem dunklen Holz absetze. Im Hintergrund spielt das Saxophon eine langsame Phrase, die sich durch den Rauch der Bar schleicht wie etwas, das nicht eilt.
„Deine erste Regel ist ganz einfach”, sage ich schließlich. „Wenn du etwas über uns wissen möchtest, fragst du nicht Lisa. Du fragst mich.”
Kathi zieht die Augenbrauen hoch. Die linke zuerst, dann die rechte. Ein Gesicht, das sie wahrscheinlich seit der Schulzeit macht, wenn etwas zu leicht erscheint.
„Das ist alles?”
„Für den Anfang.”
Sie grinst. Das breite, schnelle Grinsen, das sie im Festzelt schon hatte, als wir das erste Mal angestoßen haben. „Das bekomme ich hin.”
„Das werden wir sehen.”
Ich wende mich Lisa zu. Ihr Blick trifft sofort meinen, und ich sehe das kaum merkliche Heben ihres Kinns — eine Frage, die sie nicht stellen muss, weil ich sie schon lese.
„Du darfst dich wieder setzen.”
„Danke, Wilma.”
Die Worte kommen leise, gleichmäßig. Nicht demütig im Sinne von klein. Demütig im Sinne von: Ich weiß, wem ich das sage, und ich sage es mit voller Absicht.
Kathi hört diesmal sehr genau hin. Ihr Kopf dreht sich ein paar Grad, als würde sie den Klang von Lisas Stimme abtasten, nach einer Nuance suchen, die erklärt, warum eine erwachsene Frau sich für das Hinsetzen bedankt.
Lisa setzt sich neben mich auf das weiche Leder der Sitzbank. Der Stoff ihres Dirndls säuselt, als sie sich anlehnt. Ich lege meine Hand auf ihr Knie. Keine große Geste. Einfach meine Hand, die dort liegt, wo der Stoff des Dirndls auf bloße Haut trifft — knapp über dem Knie, wo der Rock aufhört und ihr Bein beginnt. Meine Handfläche spürt die Wärme ihrer Haut, den leichten Druck des Muskels darunter, der sich nicht anspannt, weil er gelernt hat, still zu bleiben, wenn ich ihn berühre.
Trotzdem folgt Kathi meiner Hand mit den Augen.
Sie tut es nicht demonstrativ. Nicht mit offenem Starren. Aber ihr Blick gleitet von Lisas Gesicht hinab zu meiner Hand, bleibt dort einen Moment — einen Moment zu lang, um zufällig zu sein — und kehrt dann zu meinem Gesicht zurück. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, und das Wort, das sie gleich sagen wird, formt sich schon, bevor sie es ausspricht.
„Also”, sage ich. „Du wolltest eine Vorführung.”
Kathi greift nach ihrem Glas. Der Gin Tonic schwappt kaum merklich, als sie es anhebt — die Eiswürfel haben längst geschmolzen, und der Drink ist wässrig und lauwarm, aber sie nimmt trotzdem einen Schluck, als brauche sie etwas zu tun mit den Händen.
„Ja.”
„Dann darfst du jetzt eine Frage stellen.”
Sie überlegt. Ihre Zunge schiebt sich gegen die Innenseite ihrer Wange, ein Denkmuster, das ich schon im Festzelt beobachtet habe. Sie ist jemand, der Worte formt, bevor er sie freigibt. Meistens.
Dann lehnt sie sich vor, und das Grinsen ist zurück. „Was ist das Peinlichste, das Lisa für dich schon machen musste?”
Lisa lacht sofort. Ein kurzes, echtes Lachen, das aus ihrem Bauch kommt und ihre Schultern schüttelt. Sie dreht den Kopf zu Kathi, und in ihrem Gesicht liegt etwas Warmes, fast Amüsiertes — als wäre die Frage nicht peinlich, sondern charmant in ihrer Direktheit.
Ich dagegen sehe Kathi an.
Nur sie. Mein Blick bewegt sich nicht. Mein Gesicht bewegt sich nicht.
„Falsche Frage.”
Kathis Grinsen friert ein. Nicht die Bewegung — die Bewegung stirbt zuerst. Dann das Lächeln, das wie ein Nachbeben noch eine Sekunde in ihren Mundwinkeln zittert, bevor es stillsteht.
„Warum?”
„Weil du Lisa gerade etwas gefragt hast.”
Für einen Augenblick versteht sie nicht. Ich sehe es in ihren Augen — die Verwirrung, die sich wie eine Falte zwischen ihren Brauen sammelt. Sie schaut zu Lisa. Zurück zu mir. Die Falte vertieft sich.
Dann fällt der Groschen.
„Ach Scheiße.”
Lisa muss lachen. Diesmal leiser, in sich hinein, die Hand vor dem Mund.
Ich nicht.
„Die Regel besteht seit ungefähr dreißig Sekunden.”
Kathi wird rot. Nicht das zarte Rosa, das manchmal über Wangen kriecht. Ein echtes, sattes Rot, das an ihrem Hals beginnt und aufsteigt wie eine Flut, die sich über ihr Kinn schiebt, ihre Wangen ergreift, bis es sich unter ihren Augen sammelt. Die feinen Äderchen an ihren Schläfen zeichnen sich ab.
„Okay. Stimmt.”
„Und Regeln, die nichts bedeuten, brauche ich nicht.”
Jetzt wird ihr Lächeln unsicherer. Die Mundwinkel zucken, als wüssten sie nicht mehr, in welche Richtung sie gehören. Kathi greift nach ihrem Glas, stellt es wieder ab, greift noch einmal — eine Bewegung, die nicht mehr selbstbewusst ist, sondern nach Halt sucht.
„Bekomme ich schon eine Strafe?”
Interessant.
Sie hätte fragen können: Was passiert jetzt? Das wäre die normale Frage. Die Frage, die jemand stellt, der nicht weiß, woran er ist. Die Frage, die Kontrolle abgibt und gleichzeitig zurückfordert: Sag mir, was du mit mir machst.
Stattdessen hat sie selbst dieses Wort gewählt. Strafe. Ein Wort, das eine Vorstellung enthält — die Vorstellung, dass es eine Konsequenz gibt, dass sie verdient ist, dass sie erwartet wird.
Lisa schaut mich an. Ich spüre ihren Blick seitlich, ohne ihn zu erwidern. Auch sie möchte wissen, was ich daraus mache. Ihre Finger haben sich leicht auf meinem Knie bewegt, ein kaum spürbares Anspannen, das wie ein Atemzug kommt und geht.
„Nein”, sage ich.
Kathi wirkt beinahe enttäuscht. Die Linien um ihren Mund lösen sich, und für einen Moment sieht sie aus wie jemand, der auf einen Schritt gewartet hat und jetzt feststellt, dass der Boden unter ihm nicht nachgibt. Enttäuschung ist nicht ganz richtig — es ist eher eine Leere, die dort entsteht, wo eine Erwartung war. Ihre Schultern sinken um einen halben Zentimeter.
„Noch nicht.”
Das verändert ihren Gesichtsausdruck sofort wieder. Die Schultern richten sich auf. Ihre Augen werden schmaler, nicht vor Angst, sondern vor Aufmerksamkeit. Ihr Mund öffnet sich ein Stück, und die Zungenspitze wandert über ihre Unterlippe, ein schnelles, unbewusstes Feilen, als würde sie den Geschmack der Worte abschmecken, die sie gleich hören will.
Ich lehne mich zurück. Das Leder der Sitzbank knarrt leise unter meinem Gewicht.
„Du bekommst eine Aufgabe.”
„Welche?”
Ich deute auf Lisa. Nicht mit der Hand — nur mit einem Blick, der sich von Kathi löst und an Lisa hängen bleibt, als würde ich sie an eine Leine legen und Kathi die Schlaufe überreichen.
„Du möchtest wissen, wie sich das anfühlt, wenn jemand vorgeführt wird.”
Kathi nickt langsam. Ihr Kopf bewegt sich in einer einzigen, gemessenen Neigung, wie jemand, der einen Vertrag liest, bevor er unterschreibt.
„Dann führst du Lisa jetzt vor.”
Lisa dreht den Kopf zu mir. Die glatte Leere in ihrem Gesicht bekommt einen Riss — nicht Panik, nicht Widerstand, aber ein Flackern in ihren Augen, das mich sagt, dass sie das nicht erwartet hat. Ihre Lippen öffnen sich.
„Wilma?”
„Aufstehen.”
Lisa erhebt sich. Die Bewegung ist gleichmäßig, kontrolliert, als wäre jeder Millimeter ihres Körpers an Schnüren aufgehängt, die ich ziehe. Ihr Dirndl richtet sich, als sie steht, der Stoff glatt über ihrem Körper, und ihre Hände fallen wieder an die Seiten.
Ich schaue Kathi an.
„Du darfst ihr drei Anweisungen geben.”
„Ich?”
„Du.”
Kathi lacht nervös. Ein kurzes, scharfes Ausatmen, das mehr Geräusch als Freude ist. „Ich habe doch überhaupt keine Ahnung davon.”
„Dann wirst du kreativ.”
Sie sieht zu Lisa. Lisa wartet. Sie steht mit dem Rücken gerade, die Füße nebeneinander, und sieht Kathi an — nicht herausfordernd, nicht bittend, einfach wartend. Geduldig. Eine Geduld, die nicht aus Schwäche kommt, sondern aus etwas, das Kathi wahrscheinlich noch nicht ganz begreift.
Kathis Hände liegen auf dem Tisch. Ihre Finger trommeln einen schnellen, unregelmäßigen Rhythmus auf das Holz, bevor sie sich selbst dabei ertappt und aufhört.
Plötzlich hat sie eine Macht, mit der sie vor wenigen Stunden niemals gerechnet hätte.
„Okay…” Sie überlegt. Ihre Schultern sind hochgezogen, als würde sie sich gegen einen Wind lehnen. „Stell dich mal gerade hin.”
Lisa richtet sich noch weiter auf. Kaum merklich — zwei Zentimeter, vielleicht drei. Aber es ist da.
Kathi lacht. Ein unsicheres Lachen, das sie schnell wegschluckt. „Das ist irgendwie verrückt.”
Ich schüttele den Kopf.
„Kathi.”
„Was?”
„Wenn du ihr eine Anweisung gibst, entschuldigst du dich nicht dafür.”
Das Lachen verschwindet. Nicht langsam — es ist weg, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Kathis Gesicht wird ernst, und zum ersten Mal sehe ich etwas darin, das über den Spaß hinausgeht. Ihre Lippen pressen sich zusammen, und ihre Augen werden schärfer, als würde sie zum ersten Mal in diesem Abend die Dinge sehen, wie sie sind.
„Okay.”
Sie schaut Lisa erneut an. Diesmal länger. Ihr Blick wandert von Lisas Füßen über das Dirndl, die Taille, die Brust, das Gesicht, und zurück. Sie nimmt sie auf. Nicht als Konkurrentin, nicht als Fremde, sondern als etwas, das sie gerade zu lesen beginnt.
„Dreh dich langsam einmal um.”
Lisa dreht sich. Langsam, gleichmäßig, wie auf einem unsichtbaren Podest. Ihr Dirndl schwingt leicht, als ihr Körper sich um die eigene Achse bewegt, und das Licht der Kerze auf dem Tisch fängt ihre Silhouette ein, wirft einen Schatten, der über den Ledersitz huscht und verschwindet.
Kathi beobachtet sie. Und diesmal lacht sie nicht. Ihre Lippen sind geschlossen, ihre Augen folgen Lisas Bewegung wie jemand, der zum ersten Mal versteht, dass es hier um etwas geht, das größer ist als ein Spiel.
„Zweite”, sage ich.
Kathi wird mutiger. Die Schultern senken sich. Die Finger liegen ruhig auf dem Tisch.
„Geh bis zur Bar und wieder zurück.”
Lisa schaut mich an. Ein kurzer Blick, eine halbe Sekunde, in dem sie fragt: Du auch? Ich nicke. Kaum merklich, aber es genügt.
Sie geht. Ihre Schritte sind gleichmäßig, der Takt einer Frau, die weiß, dass sie beobachtet wird, und es nicht eilig hat. Der Dirndlrock schwingt bei jedem Schritt, und ihre Fersen klicken leise auf dem Holzboden — ein Geräusch, das im Jazz untergeht, aber für uns drei so laut ist wie ein Herzschlag.
Kathi verfolgt jeden ihrer Schritte. Ihr Kopf dreht sich, als Lisa an unserem Tisch vorbeigeht, und ihr Körper folgt, bis sie halb auf der Sitzbank kniet, um zu sehen, wie Lisa durch den Raum geht.
An der Bar stehen mehrere Gäste. Eine Gruppe Männer in Lederhosen, die ihre Krüge heben. Eine Frau mit rotem Hut, die mit dem Barkeeper flirtet. Niemand weiß, dass die Frau im Dirndl gerade eine Aufgabe erfüllt. Für alle anderen geht Lisa einfach durch den Raum — jemand, der einen Drink holt oder zur Toilette geht.
Aber für uns drei ist es etwas vollkommen anderes.
Als Lisa zurückkommt, bleibt sie vor Kathi stehen. Genau vor ihr, mit dem Gesicht zu ihr gewandt, die Hände an den Seiten, den Rücken gerade. Wartend.
„Noch eine”, erinnere ich sie.
Kathi denkt nach. Ihre Zunge schiebt sich wieder gegen die Innenseite der Wange, und ich sehe, wie sich etwas in ihrem Gesicht verändert — ein Gedanke formt sich, und mit ihm ein Ausdruck, den ich an ihr noch nicht gesehen habe. Nicht das freche Grinsen. Nicht die Nervosität. Etwas anderes.
Dann erscheint dieses Grinsen.
„Bleib genau dort stehen.”
Lisa bleibt.
Eine halbe Minute vergeht. Der Jazz spielt. Eine Gruppe am Nebentisch lacht. Das Klirren von Gläsern kommt von der Bar. Lisa steht. Reglos. Atmend, aber sonst nichts.
Dann eine weitere Minute.
Kathi nimmt einen Schluck. Von ihrem mittlerweile lauwarmen, wässrigen Gin, und ich sehe, wie ihre Hand dabei zittert — nicht viel, aber genug, um das Eis in ihrem Glas klirren zu lassen, obwohl es längst geschmolzen ist.
„Wie lange?”, fragt sie mich. Sie fragt nicht Lisa. Sie fragt mich. Die Regel sitzt bereits.
„Das entscheidest du.”
Jetzt versteht sie. Ich sehe es in ihrem Gesicht — der Moment, in dem der Groschen fällt, nicht als Gedanke, sondern als Gefühl. Ihre Augen werden größer, dann schmaler. Ihre Lippen öffnen sich und schließen sich wieder.
Es geht gar nicht darum, Lisa irgendetwas Spektakuläres machen zu lassen. Es geht nicht um den Gang zur Bar oder das Drehen um die eigene Achse. Es geht nicht um das, was Lisa tut.
Es geht darum, dass Lisa wartet. Auf Kathi.
Und dass Kathi plötzlich entscheiden darf. Dass eine andere Frau stillsteht, weil sie es gesagt hat. Dass die Zeit selbst — diese Minuten, die im normalen Leben einfach verstreichen — plötzlich Kathi gehören. Dass sie die Uhr in der Hand hält, und Lisa nicht weiß, ob es dreißig Sekunden werden oder zehn Minuten.
Sie lässt sich Zeit. Eine Minute. Vielleicht zwei. Der Jazz spielt eine neue Phrase, langsamer, mit einem Bass, der wie ein Pulsschlag unter den Noten liegt. Lisa steht. Atmet. Wartet. Ihr Gesicht ist wieder glatt, die Leere, die Kathi zum ersten Mal im Festzelt gesehen hat. Nicht weggetreten — anwesend, aber still. Wie ein See ohne Wind.
Dann sagt Kathi: „Du darfst dich wieder setzen.”
Lisa schaut nicht Kathi an. Sie schaut mich an.
Ein Moment, der länger dauert, als er sollte. Lisas Augen fragen nichts. Sie bestätigen. Sie warten auf das, was kommen muss, weil es immer kommt — mein Nicken, meine Erlaubnis, die über allem steht, auch über Kathis Anweisung.
Ich nicke.
Erst dann setzt Lisa sich. Neben mich, auf das Leder, das unter ihrem Gewicht nachgibt. Ihre Hand findet mein Knie, als sie sich setzt — eine Berührung, die kurz ist und doch sagt: Ich bin hier. Ich gehöre dir. Auch wenn eine andere gerade das Sagen hatte.
Kathi bemerkt es sofort.
„Moment.”
Ich lächle. Nicht breit. Nur eine Bewegung meiner Mundwinkel, die mehr sagt als ein Satz.
„Was?”
„Sie hat trotzdem auf dich gewartet.” Kathis Stimme ist leiser als zuvor. Die freche Schärfe ist weg. Was bleibt, ist etwas, das klingt wie Staunen, das sich selbst nicht eingestehen will.
„Natürlich.”
„Obwohl ich ihr die Aufgabe gegeben habe?”
„Du hast sie gegeben, weil ich es dir erlaubt habe.”
Kathi schweigt. Ihr Blick wandert von Lisa zu mir und bleibt hängen. Die Finger, die eben noch auf dem Tisch getrommelt haben, liegen jetzt still. Flach. Offen. Hände, die nicht mehr greifen, sondern liegen.
Zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich etwas in ihrem Gesicht, das über bloße Neugier hinausgeht. Es ist nicht Furcht. Es ist nicht Erregung — nicht im einfachen Sinne. Es ist das Gesicht einer Frau, die gerade begriffen hat, dass die Tür, durch die sie gegangen ist, nicht die Tür ist, durch die sie zurückgeht.
Sie beginnt das Prinzip zu verstehen.
Ich nehme mein Weinglas. Der Rotwein schimmert im Kerzenlicht, dunkel und schwer, und ich nehme einen langsamen Schluck, der nach Eiche und Beeren schmeckt und nach dem, was gleich kommt.
„Und jetzt”, sage ich, „machen wir es ein bisschen schwieriger.”
Kathi schluckt. Ich sehe ihren Adamsapfel — nein, sie hat keinen, aber ich sehe die Bewegung in ihrem Hals, das Anspannen und Lösen der Muskeln, als würde sie etwas hinunterschlucken, das nicht da ist.
„Für Lisa?”
Ich schüttele langsam den Kopf. Eine Bewegung, die ich ihr Zeit lasse zu lesen, weil sie es verdient.
„Nein.”
Ich sehe sie an. Direkt. Ohne Lächeln. Ohne Wärme, die trösten würde.
„Für dich.”
Das freche Grinsen ist plötzlich verschwunden. Nicht eingefroren — verschwunden. Wie etwas, das weggespült wird. Was bleibt, ist Kathis Gesicht ohne Maske, und es ist jünger als ich erwartet habe. Die Linien um ihre Augen sind weicher, ihre Lippen sind leicht geöffnet, und die Farbe, die eben noch gerötet war, zieht aus ihren Wangen, als würde sie von etwas zurückgezogen.
„Was soll ich machen?”
„Zunächst nur eine Kleinigkeit.”
Ich deute auf ihr fast leeres Glas. Der Gin Tonic darin ist nicht mehr als ein Schluck, verdünnt und warm, die Zitrone am Glasrand schon braun und welk.
„Du bestellst dir heute nichts mehr, ohne mich vorher zu fragen.”
Kathi starrt mich an. Ihre Augen sind groß, und ich sehe, wie sie die Worte verarbeitet — nicht ihren Inhalt, der einfach genug ist, sondern ihr Gewicht. Was sie bedeuten. Was sie verändern.
Lisa lächelt neben mir. Ein kleines, wissendes Lächeln, das sie hinter ihrem Glas versteckt, als sie ihren Wein nimmt.
„Du willst jetzt auch bestimmen, was ich trinke?”
„Nein.”
Ich nehme einen Schluck Wein. Lass ihn auf der Zunge liegen. Schmecke die Trockenheit, das Holz, das dumpfe Brennen, das sich im Rachen ausbreitet.
„Du entscheidest selbst, ob du bei unserem Spiel mitmachst.”
Stille.
Der Jazz spielt. Die Kerze flackert. Jemand am Nebentisch bestellt zwei Bier, und das Klirren der Gläser klingt wie ein Signal aus einer anderen Welt.
Genau das ist der Unterschied. Kathi könnte Nein sagen. Sie könnte lachen, den Kopf schütteln, sagen: Ihr seid verrückt, und sich erheben und gehen. Sie könnte zur Bar gehen und sich noch einen Gin bestellen, ohne mich anzusehen, und damit wäre alles beendet — ein Abend mit einer interessanten Begegnung, mehr nicht.
Sie könnte.
Stattdessen betrachtet sie ihr Glas. Den letzten Schluck, der darin liegt. Ihre Finger umschließen den Stiel, und ich sehe, wie ihr Daumen über das Glas streicht — eine langsame, nachdenkliche Bewegung, als würde sie sich von etwas verabschieden.
Sie trinkt ihn aus. Stellt das leere Glas auf den Tisch. Es klingt, als es das Holz berührt — ein helles, endgültiges Geräusch.
Dann sieht sie mich an.
„Wilma?”
„Ja?”
Sie zögert. Ihre Zungenspitze wandert über ihre Unterlippe, und ihre Hände, die eben noch das Glas gehalten haben, liegen jetzt auf ihrem Schoß, die Finger ineinander verschlungen, als würden sie sich selbst festhalten.
Lisa weiß bereits, was kommt. Ich sehe ihr Grinsen, das sie hinter ihrem Weinglas versteckt, und ich sehe, wie ihre Finger sich auf meinem Knie anspannen — eine , vertraute Bewegung, die sagt: Sie kommt.
Kathi dagegen muss sich überwinden, die Worte tatsächlich auszusprechen. Ihr Mund öffnet sich, schließt sich wieder. Sie atmet ein, und ich sehe, wie sich ihr Brustkorb hebt unter dem Dirndlstoff, wie die Bänder sich spannen, wie das Muster der Blumen auf ihrem Mieder sich dehnt und zusammenzieht.
„Darf ich noch einen Gin haben?”
Ich lasse sie warten.
Fünf Sekunden. Der Jazz spielt. Die Kerze brennt. Lisa atmet neben mir.
Zehn.
Ihr Blick bleibt bei mir. Nicht flehend — Kathi ist nicht der Typ zum Flehen. Aber es ist ein Blick, der nicht mehr wegsehen will. Der sich festhält an dem, was er gefunden hat, auch wenn er nicht benennen kann, was das ist.
„Nein.”
Kathi blinzelt. Ein schnelles, doppeltes Blinzeln, als hätte sie etwas im Auge.
„Nein?”
„Du hast genug.”
Lisa muss sich das Lachen verkneifen. Ihr Körper schüttelt sich neben mir, und sie dreht den Kopf weg, nimmt einen Schluck Wein, der mehr Vorwand ist als Getränk.
Kathi schaut erst Lisa an — diese Frau, die sich das Lachen verkneift und offensichtlich genau wusste, was kommen würde — und dann mich. Ihre Augen sind schmaler jetzt, und die Röte kehrt zurück, aber diesmal ist es nicht Verlegenheit. Es ist etwas anderes.
„Das war jetzt gemein.”
„Und trotzdem sitzt du noch hier.”
Sie öffnet den Mund. Schließt ihn wieder. Ihre Zähne treffen sich aufeinander, und ich sehe den Muskel in ihrem Kiefer arbeiten, als würde sie auf etwas kauen, das nicht da ist.
Dann lehnt sie sich zurück. Ihr Rücken trifft auf die Lehne des Sofas, und ihre Schultern sinken, als würde jemand die Fäden loslassen, die sie gehalten haben.
„Okay.”
Ich lächle.
„Sehr schön.”
Wir reden weiter. Über das Oktoberfest, über Kathis , die diese Woche bei ihrem Vater sind, über den Marsch, den die Blaskapelle im Festzelt gespielt hat, über den Wein, den Lisa und ich letztes Jahr in Südtirol getrunken haben. Normale Gespräche. Oberflächlich. Belanglos.
Aber etwas hat sich verändert.
Kathi schaut nicht mehr nur Lisa an. Immer häufiger schaut sie mich an. Bevor sie etwas sagt. Bevor sie lacht. Bevor sie ihren leeren Glasrand mit dem Finger berührt, als würde sie prüfen, ob es wirklich leer ist.
Als sie irgendwann zur Toilette möchte, steht sie auf. Eine flüssige Bewegung, die aus der Hüfte kommt, gewohnt und natürlich — und dann hält sie mitten in der Bewegung inne. Ein Anhalten, das durch ihren ganzen Körper geht, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Ihr Fuß, der bereits angehoben war, setzt sich wieder auf den Boden.
Sie sieht mich an.
„Muss ich dich jetzt eigentlich auch fragen, ob ich aufs Klo darf?”
Lisa prustet los. Ein echtes, ungehaltenes Prusten, das sie nicht mehr hinter dem Glas verstecken kann. Ihr Wein schwappt, und sie greift hastig nach einer Serviette.
Ich betrachte Kathi. Nur sie. Mein Blick ruht auf ihrem Gesicht, auf den Wangen, auf den Lippen, auf den Augen, die fragen und gleichzeitig fürchten, dass die Antwort etwas ist, das sie nicht hören will.
„Noch nicht.”
„Noch nicht?”
Die Worte kommen scharf, fast empört, und ich sehe, wie sich ihre Brauen zusammenziehen, wie ihr Kinn sich hebt — die Haltung einer Frau, die sich wehren will, obwohl sie genau weiß, dass sie es nicht will.
„Du wolltest doch, dass es langsam schwieriger wird.”
Kathi wird rot. Die Farbe kommt schnell, diesmal ohne Vorwarnung, und sie breitet sich über ihr Gesicht aus wie Tinte in Wasser. Ihre Lippen öffnen sich, und ein Geräusch kommt heraus, das halb Lachen, halb Erstickung ist.
„Das habe ich überhaupt nicht gesagt.”
Ich lächle. Nicht das tröstende Lächeln, das man jemandem gibt, der sich beruhigen soll. Das andere. Das, das sagt: Wir beide wissen es besser.
„Nein.”
Ich lehne mich zurück. Das Leder knarrt. Mein Arm ruht auf der Rückenlehne hinter Lisa, deren Schulter meine Hand berührt, warm und still und gegenwärtig.
Ich sehe Kathi direkt in die Augen.
„Aber du bist immer noch hier.”
Und dieses Mal hat Kathi darauf keine Antwort.
Ihr Mund öffnet sich. Nichts kommt. Kein freches Grinsen, kein schnelles Wort, kein Lachen, das die Spannung bricht. Sie sitzt auf dem Sofa gegenüber, das blaue Dirndl über ihren Knien, die Hände auf dem leeren Glas, und sie schweigt.
Der Jazz spielt. Die Kerze brennt. Lisa atmet neben mir, ruhig und gleichmäßig, eine Frau, die vor Jahren an diesem Punkt stand und sich entschieden hat.
Kathi hat sich noch nicht entschieden. Aber sie sitzt noch hier. Und während die Minuten verstreichen und das Saxophon seine langsamen Töne in die Luft hängt, sehe ich, wie ihre Finger das leere Glas loslassen. Wie ihre Hände sich auf ihrem Schoß legen. Wie ihre Schultern sich senken, nicht aus Erschöpfung, sondern aus etwas, das näher an Aufgabe liegt, als sie sich eingestehen will.
Ich nehme einen Schluck Wein. Der Rotwein schmeckt nach Holz und Nacht und nach dem, was kommt.
Nicht heute. Noch nicht.
Aber bald